Heft 54/2006 | zeitzeugen und historiker | Seite 44 - 46
Jörg Fügmann
Der Kampf um die Spitze:
Jugendklubarbeit in den letzten Jahren der DDR
Ein Gespräch mit Jörg Fügmann
Am 5. März 1986 wurde in Berlin-Weißensee der Jugendklub der FDJ »An der Weißenseer Spitze«, so der offizielle Name, eröffnet und am 8. Mai 1986 de facto schon wieder geschlossen, im Zusammenhang mit einer Ausstellung von Fotos Dietmar Riemanns. Ehe wir auf diese Geschehnisse zu sprechen kommen, sag‘ mal bitte etwas zur Funktion, zum Charakter der damaligen Jugendklubs.
Es gab ja in der DDR eine ganze Reihe staatlicher Kultureinrichtungen: Opernhäuser, Theater, Museen, Kinos, Kulturhäuser usw. Die Jugendklubs waren aber fast die einzigen, die das abdeckten, was man heute als Off-Kultur bezeichnet. Das umfaßte Angebote in dem Bereich Film, Theater, Lesungen, Ausstellungen, Disko, Konzert, Café. Das war hier auch das einzige spezielle Angebot für junge Leute, so bis Mitte 30.
Aber die Klubs waren doch sicherlich nicht geschaffen worden, um dieser Kultur eine Heimstatt zu bieten?
Stimmt, ursprünglich waren das Jugendfreizeitstätten, unterstanden der jeweiligen Abteilung Jugend. In den 70er Jahren hat sich das geändert, auch im Zusammenhang mit den X. Weltfestspielen 1973, da wurde mehr auf Kultur orientiert. Man wollte der Jugend etwas bieten. Die Klubs wurden dann der Abteilung Kultur unterstellt, erhielten auch eine entsprechende Ausstattung. Hier in Berlin gab es ein ziemlich dichtes Netz solcher Klubs, ansonsten waren das in der DDR mehr Betriebsjugendklubs, die hatten stärker Amüsiercharakter.
Jugendklub der FDJ – die Klubs hatten also zwei Dienstherren, die Abteilung Kultur beim jeweiligen Rat und daneben die FDJ?
Nein, die unterstanden dem Rat des Stadtbezirks, anderswo dem Rat der Stadt, die haben das finanziert, die hatten die Diensthoheit. Aber nun sollte das auch etwas mit ›unserer Jugend‹ zu tun haben. Also wurde die FDJ einbezogen: An bestimmten Zusammenkünften nahm zum Beispiel jemand von der FDJ-Kreisleitung teil. Und die konnten einem auch Schwierigkeiten machen. 1988 wurde auf Betreiben der FDJ gegen mich als Klubleiter ein Disiplinarverfahren eröffnet. Das endete aber glimpflich, weil die Leute, die die Fachaufsicht hatten, sich von politischen Funktionären nicht gern reinreden ließen. Der politische Funktionär nervt immer.
Und welche Möglichkeiten hatte man als Klubleiter? Existierten Vorgaben, wie das Klubprofil aussehen sollte?
Man muß erst einmal sagen: Es gab, grob gesagt, drei Arten von Klubleitern – Leute, die man in diesen Bereich abgeschoben hatte, daneben einige Abzocker. Aber das Gros waren Leute, die an Kultur interessiert waren und gern in dem Bereich arbeiten wollten. Und die haben sich einerseits gefragt, was das Publikum will, und andererseits, womit kann ich leben, hat das was mit meinen Interessen zu tun? Bestrebungen, die Profile abzustimmen, gab es, aber das war nicht so sehr entwickelt. Die Klubleiter waren weitgehend Einzelkämpfer, hatten vielleicht ein, zwei Mitarbeiter, daneben das Klubaktiv, und sie hatten, das glaubt man heute kaum, einen ziemlich großen Spielraum, konnten inhaltlich nach ihrem Gutdünken vorgehen.
Das ging so lange, bis man aufgelaufen ist...
Wichtig war erst einmal, daß alles finanzierbar war. Die DDR war ja kein reiches Land. Ansonsten ging es, solange du die Spielregeln kanntest, die persönliche Schere im Kopf hattest, die Vorgaben beachtet hast: Wer auftritt, braucht eine Konzession, wer liest, muß im Schriftstellerverband sein usw. Ganz gelegentlich konnte man das umgehen, daß zum Beispiel eine Band ohne Konzession auftreten konnte. Man sagte dem Verantwortliche dann: Das ist eine Förderband, mit der arbeiten wir schon eine Weile zusammen, könnten die mal ausnahmsweise... Man saß also im goldenen Käfig, genauer gesagt: im grauen Käfig. Wenn man das nicht beachtet hat, vielleicht sogar etwas Oppositionelles machen wollte, war schnell Schluß. Als Oppositioneller habe ich mich bei dieser Arbeit auch nie verstanden.
Ihr habt also monatlich eure Arbeitspläne eingereicht, und dann kam die Antwort: Das geht, das geht nicht – letzteres vermutlich selten, weil ihr das schon austariert hattet. Wenn etwas abgelehnt wurde, konnte man da noch diskutieren?
Genau, die Schere im Kopf. Den Bescheid, was geht, was nicht geht, den haben wir vom Erlaubniswesen bekommen, also von der VP. Wenn z.B. die Zulassungsnummer fehlte, ging es nicht, und da waren Diskussionen auch weitgehend zwecklos.
Wurde nicht gelegentlich gesagt: Der ist zwar im Verband, aber den möchten wir jetzt nicht protegieren, also zeigt den mal nicht?
Nein, bei Bildenden Künstlern oder Autoren ist mir das nicht in Erinnerung. Es gab nur gelegentlich Rundschreiben wegen verschiedener Bands oder DJs, die noch ihre Zulassung genutzt haben, obwohl man sie ihnen schon entzogen hatte.
Jetzt zum Klub »An der Weißenseer Spitze« – warum kam da so schnell das Aus?
Dieser Klub war neu eingerichtet worden, der sollte der Jugendklub der Kunsthochschule Weißensee werden, hatte von Anfang an ein künstlerisches Profil. Es wurden sogar gewisse experimentelle Möglichkeiten eingeräumt, was ungewöhnlich war. Der war außerdem recht gut ausgestattet, auch durch die Mitwirkung der Kunsthochschule. Die Leiterin, Gabi Großmann, kam von der Uni, hatte Kulturwissenschaften studiert. Ich selbst war schon Klubleiter in Weißensee, habe hier die drei Monate bis zur Eröffnung beratend mitgewirkt, dann März, April die Anlaufphase begleitet, habe also alles hautnah mitbekommen.
Mit dem Klub »An der Weißenseer Spitze« hatte der Staat ziemlich von Anfang an Probleme. Einmal wegen des Programms. Hier spielten junge Bands wie »Der demokratische Konsum« oder »die anderen«; von Lutz Dammbeck wurden Filme gezeigt, alles Sachen, die etwas ungewöhnlich waren. Der Klub war dadurch auch außergewöhnlich erfolgreich, zog viel Publikum an, speziell ein Prenzlauer-Berg-Publikum, das sich mental schon von der DDR verabschiedet hatte, dazu noch Punks. In einer SED-Parteiversammlung soll mal das Wort »Intellektuelles Geschmeiß« gefallen sein. Mit den Punks gab es auch Konflikte, aber sie waren wenigstens hier. Dieser Erfolg und das Publikum waren das zweite Problem. Das dritte war das Klubaktiv. Eigentlich war so ein Aktiv das ehrenamtliche Haupt des Klubs, der Klubleiter nur der hauptamtliche Unterstützer. Faktisch war es aber umgekehrt, denn der Klubleiter trug ja die Verantwortung. In dem Aktiv hier waren Leute, die in ihrer geistigen Agilität dem Staat zuwider waren: Sperrige Studenten von der Kunsthochschule, ein Punk, ein Theologiestudent usw. Die Funktionäre kriegten von denen bei Beratungen auch Keile, das war ein ständiges Konfliktpotential.
Die Riemann-Ausstellung war also nur das Tüpfelchen auf dem i. Gezeigt wurden Fotos von Behinderten, die er in einer kirchlichen Anstalt gemacht hatte, der Samariter-Anstalt in Fürstenwalde. Dieser Fotozyklus war auch seine Diplomarbeit an der Hochschule für Bildende Künste in Leipzig.
Diese Ausstellung war doch zuvor genehmigt worden?
Ja, das war nichts Illegales. In dem Falle lief die Beantragung auch über das Fühmann-Buch, da konnte man nicht dagegen sein. Es gab aber von Anfang an Schwierigkeiten – mit den Bauarbeitern aus Karl-Marx-Stadt bzw. den Funktionären ihrer FDJ-Bezirksleitung. Die waren im Rahmen der FDJ-Initiative in Berlin, hatten hier im Klub Baumaßnahmen außerhalb der Bilanz realisiert, und man hat ihnen daher ein gewisses Nutzungsrecht eingeräumt. Denen paßten diese Bilder nicht. Zum Beispiel hieß es, hier könnte man bei einer Feier doch kein Büfett aufstellen. Und dann gab es Ärger wegen des Gästebuches. Die Ausstellung war zuerst dort in der Samariter-Anstalt gezeigt worden, enthielt entsprechende Eintragungen, und das wurde als kirchliche Propaganda hingestellt. Es hieß: Die Kirche macht in ihren Einrichtungen keine Propaganda für den Staat, also kann es in staatlichen Einrichtungen auch keine Propaganda für die Kirche geben.
Ergebnis: Die Ausstellung wurde abgehängt, das Klubaktiv aufgelöst, die Leiterin versetzt, das Programm war weg, der Klub faktisch geschlossen. Er existierte zwar weiter, eine neue Leiterin wurde eingesetzt, so eine Hundertfünfzigprozentige, die hat reinen Tisch gemacht. Es fanden nur noch Versammlungen einer Weißenseer EOS und der Ingenieurhochschule Wartenberg und ähnliches statt, es gab kein freies Publikum mehr. Begründet wurde das alles politisch. Allerdings gab es keine Entlassungen, keine Disziplinarmaßnahmen. Das hat man sich nicht getraut, es war ja auch alles genehmigt worden. Ich wurde noch gefragt, ob diese Vorgänge an meiner Haltung etwas geändert haben – das habe ich verneint. Ansonsten hätte ich aufhören müssen.
War bei dieser Schließung irgendwie ein Eingreifen höherer Instanzen zu spüren gewesen, SED-Bezirksleitung oder so etwas?
Die Abteilung Kultur hat sich bei der Schließung auf die SED-Kreisleitung berufen. Vorher war aber schon jemand vom MfS da – zweimal im Jahr, immer am 1. Mai und am 7. Oktober, kamen verschiedene Verantwortliche vorbei, VP, MfS usw. –, und der sagte: Das geht nicht. Also vermute ich, daß das MfS dahinter steckte. Denn Dietmar Riemann hatte einen Ausreiseantrag gestellt, was uns damals unbekannt war. Ob es da noch Querverbindungen zwischen MfS und SED-Kreisleitung gegeben hat, weiß ich allerdings nicht.
Kommen wir zum Schluß noch einmal auf die Konflikte in diesem Bereich zu sprechen. Du hattest gesagt: Der Staat wollte den Jugendlichen etwas bieten. Er mußte es ja wohl auch, wenn er sie an sich binden wollte. Aber gleichzeitig waren ihm, ich sage das mal so pauschal, die Bedürfnisse eines Teils dieser Jugend zumindest suspekt. Und dieser Konflikt, die Lösung dieses Konflikts, wurde dann in beträchtlichem Maße an die Klubleiter delegiert. Die standen allem Anschein nach zwischen Baum und Borke.
Es gab immer unerfüllte Wünsche des Staates. Für die waren wir so etwas wie Halboppositionelle. Denen schwebte so eine Mischung aus Oktoberklub und Urania vor. Und wir haben da auch die absurdesten Sachen gemacht: Ralf Schröder über Tschingis Aitmatow als Urania-Vortrag. Diese Dienstberatungen und auch die Gespräche mit meinem Führungsoffizier /siehe dazu: Jörg Fügmann: Wege übers Land; Horch und Guck Nr. 52, S. 9-10 – E.W./, das waren für mich Pflichtübungen, so etwas wie Zahnarzt – mußte man möglichst schnell hinter sich kriegen.
Andererseits gab es Teile der Jugend, die wir nicht erreicht haben. Für die waren wir Staatsangestellte. Andere dagegen wußten, daß wir mental auf ihrer Seite standen, daß aber bestimmte Sachen nicht gingen. Ich denke, letztlich haben wir mehr für unser Publikum gearbeitet als für den Staat.
Das Gespräch führte Erhard Weinholz.
Der demokratische Konsum: Punkband.
die anderen: Teil einer neuen Generation von jungen Bands in der DDR, entstand Mitte der achtziger Jahre aus einer Underground-Szene und wurde später vom Staat sogar gefördert (Amiga-Sampler »die anderen Bands«).
Lutz Dammbeck: Filmemacher (Dokumentar- und Animationsfilme, u.a. »Das Netz« [2003]), reiste 1987 in die Bundesrepublik aus, lebt heute in Hamburg.
Fühmann-Buch: Franz Fühmann/Dietmar Riemann »Was für eine Insel in was für einem Meer – Leben mit geistig Behinderten«, Hinstorff-Verlag, Rostock 1985.
Oktoberklub: Berliner Singeklub der FDJ, in der DDR der bekannteste Klub dieser Art (»Sag‘ mir, wo du stehst...«).
Urania: Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse; die Jugendklubs waren verpflichtet, zwei Urania-Vorträge im Monate zu veranstalten.
Ralf Schröder: Slawist – siehe zu ihm den Beitrag Fritz Mieraus in »Horch und Guck« Nr. 53.
Jörg Fügmann, geb. 1963, Uhrmacher, zunächst ehrenamtliche Kulturarbeit in Berliner Klubs und bei der Denkmalpflege, seit 1984 Jugendklubleiter, seit 1987 im Jugendklub »An der Weißenseer Spitze«, 1995 wegen Tätigkeit als IM (1987-89) aus dem Öffentlichen Dienst entlassen, seitdem u.a. freischaffend als Kulturmanager, seit 1990 für das Kulturzentrum »Brotfabrik« tätig, u.a. im Vorstand. – Fachschulstudium Kultur (1987-1991), Kulturmanagement (1992, Kunsthochschule Utrecht).
Dietmar Riemann, geboren 1950 in Sachsen, Fotografenlehre, Werksfotograf im Kraftwerk Boxberg, dort massive Anwerbeversuche durch den Stasi, Selbstenttarnung, Meisterbrief, Architekturfotograf bei der Bauakademie in Berlin, externes Kunsthochschulstudium in Leipzig, 1981 Diplom, Mitglied im Verband Bildender Künstler, als Freiberufler zahlreiche Ausstellungen, Ankauf von Bildern durch die Berliner Nationalgalerie, Buchveröffentlichungen: zusammen mit Franz Fühmann »Was für eine Insel in was für einem Meer – Leben mit geistig Behinderten« (Hinstorff, 1985), 1987 zusammen mit Jürgen Rennert »Der Gute Ort in Weissensee«, ein Bildband über den dortigen jüdischen Friedhof. Januar 1986 Antrag auf Ausreise und Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR, Beginn der Arbeit am Tagebuch »Laufzettel«, 1989, kurz vor der »Wende«, Genehmigung der Übersiedlung nach Westberlin. Seit 1992 Mitarbeit im Fotostudio der Ehefrau in Mosbach, 1996 »Spaziergänge um Mosbach«, Panoramabildband, Edition Braus Heidelberg; 2005 »Laufzettel – Tagebuch einer Ausreise« (siehe »Horch und Guck« Nr. 53).
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