Heft 54/2006 | zeitzeugen und historiker | Seite 57 - 58

 

Klaus Wolfram (Robert-Havemann-Gesellschaft)Autor

Drei Defizite im Fortgang der Aufarbeitung

Das Ergebnispapier der Kommission versucht und bedeutet zweifellos einen Schritt nach vorn, und sei es auch ein kleiner. Deshalb einige Bemerkungen seitens der Robert-Havemann-Gesellschaft und ihrer Archive. Sie müssen über den Rahmen unserer »Kernkompetenz« etwas hinausgehen, die bei Opposition und Widerstand liegt.

1)  Zunächst zur vielgenannten »Professionalisierung«. Diese wird doch wesentlich nur als Akademisierung verstanden und gerät damit in eine bestimmte Spannung, die nicht nur aus der deutschen Geschichte seit 1989 herrührt, sondern auch mit der seit 1933 zu tun hat. Nach dem Elitentausch im Vollzug der staatlichen Wiedervereinigung kann jene Akademisierung offenbar nur eine wesentlich westdeutsche sein. Die bundesdeutsche Zeitgeschichtsforschung ist jedoch seit 40 oder 50 Jahren als NS-Forschung groß geworden. Sie hat sich am Gegenstand einer ganz anderen Gesellschaftsstruktur, als sie in der DDR bestand, entwickelt.
Die wie auch immer motivierte – oder gar unbewußte – Übertragung der Paradigmata dieser NS-Forschung auf die Analyse und Darstellung der DDR-Geschichte ist eine innere begriffliche Grenze der bisherigen Aufarbeitung, die deren Ergebnisse im öffentlichen Raum tendenziell isoliert. Sie trifft weder die Formen des Widerstands noch die des Alltags noch die der Opposition.
Wohlverstanden, wir können nichts gegen Professionalisierung an und für sich einwenden, doch kommt die offensichtlich nicht aus den Universitäten und Instituten allein. Sie ist nach dem bisherigen Stand der Dinge nicht ohne  Rückbindung an zeitzeugenschaftliche und unabhängige Initiativen zu leisten, die dann allerdings selbst professionell für die Spannweite, Genauigkeit und Konkretheit der Begriffe und Erklärungsmuster verantwortlich sind.

2)  Völlig zu Recht wurde von der Kommission der Alltagsbegriff eingeführt, mit langfristiger Wirkungsabsicht. Doch der umstrittene und umkämpfte »Alltag« könnte für Fehlschlüsse aufgrund des NS-Paradigmas auch gleich zahlreiche Beispiele liefern.
Zum Alltag in der DDR gehörte so etwas wie ein Alltagswiderstand, Mehrheitswiderstand, Durchschnittswiderstand – strukturell erzwungen von jedermann, zu jeder Zeit, an (fast) jedem Ort. Dessen gegenseitiges Erkennen und die darausfolgende Selbstversicherung, Verständigung, Vernetzung, Selbstbestimmung der vielen Einzelnen brachten die entscheidende Gegenbewegung (von unten) in Gang. Wem zum Alltag nur »Durchherrschung« einfällt, der hat von der Struktur der DDR-Gesellschaft noch wenig verstanden; er sieht nur die Institutionen, nicht das Verhalten, das sie unterlief und aushöhlte.
 Schon gar nicht wird so die Sozialstruktur erkennbar, aus der sowohl die Herrschaftsgewalt als auch der mehrheitliche Widerstand und die durchschnittliche Selbstbestimmung hervorwuchsen. Das Kräfteverhältnis zwischen beiden bildete doch wohl die entscheidende Achse, um die sich die Gesellschaftsgeschichte der DDR drehte – und die Verschiebungen in diesem  Kräfteverhältnis bis hin zur Aufsprengung des ganzen gesellschaftlichen Gleichgewichts sind das eigentlich zu Erklärende.
A)     Nehmen wir die »doppelte Sprache« an den Schulen, dann bedeutet sie in der Tat zweierlei: Die eingeübten und abverlangten Lehrformeln ebenso wie deren sofort nach Verlassen des Klassenzimmers eintretendes Abwerfen und Verdrängen, das sich je länger desto mehr wie spontan vollzog. Spätestens seit den 70er Jahren dominierte der private, familiäre, freizeitliche Diskurs den schulischen, so daß jene Lehrformeln tatsächlich zu Leerformeln kristallisierten und mental ausgesondert werden konnten. – Der übergreifende Vorgang war also nicht jene Indoktrinierung, sondern diese Aussonderung. Der Alltag machte sich durchaus frei, sprach und lebte sich gleichsam frei von der staatlicherseits vertretenen Doktrin und Herrschaft.  
B)     Nehmen wir als zweites, knappes Beispiel die Auflösung der Arbeitsdisziplin in den Betrieben und die darin liegende Tendenz zur Selbstbehauptung der unteren Ebenen gegenüber den höheren. Ursächlich aus der Entrationalisierung der Wirtschaftskreisläufe folgend, entstand auch hier eine mehrheitliche soziale Kompetenz von grundsätzlicher und systemischer Größenordnung. Sie bewirkte eine Gleichgewichtsverschiebung zwischen den Planvorgaben bzw. den nach oben verantwortlichen Leitern und den Ausführenden auf den unmittelbaren Produktionsebenen. Innerhalb des Betriebs konnte das bis zur Umkehrung der Hierarchien gehen. Bekannt ist das schon in der DDR-Zeit von empirischen Soziologen aufgedeckte Zerriebenwerden der Meister in diesem Spannungsfeld. – Ergänzen wir also den eben genannten Fall dahin, daß auch das Mehrheitsverhalten der Erwachsenen in der Produktion ihres täglichen Lebens dahin tendierte, sich aus den staatlich vorgegebenen Herrschaftsformen gleichsam herauszuarbeiten.
Beide Verhaltensformen waren in der deutschen Gesellschaft der Nazizeit mehrheitlich oder gar durchschnittlich nicht möglich. – Beide Verhaltensweisen sind aber zugleich ebenso viele individuelle Vorbereitungen auf den Mehrheitsausstieg aus dem staatlichen Gefüge von 1989 gewesen. Hier wurde eben nicht »dem Führer entgegen« gearbeitet, geredet, gedacht, sondern dem Alltag lag der umgekehrte soziale Drehsinn zugrunde. Mindestens in den zwei Jahrzehnten vor 1989 konnte jenes Gleichgewicht zwischen Herrschaftsformen und mehrheitlicher alltäglicher Selbstbestimmung zugunsten der letzteren verschoben werden.

3)  Es ist merkwürdig, aber es scheint – von Experten wie Zeitzeugen – mitunter geradezu vergessen zu werden, daß die Ostdeutschen eine Gesellschaft sind, die sich selbst befreit hat. Ich betone: sind, nicht etwa nur waren. Eine Aufarbeitung ihrer Geschichte kann sich von diesem Ausgang nicht abspalten. Das ist ein Blickwinkel, der für die tatsächlichen Ereignisse jedenfalls zu eng ist. Diese wie jede ernsthafte Revolution konnte nur von Mehrheiten gemacht werden, die nicht nachträglich als bloße Mitläufer des status quo ante verstanden werden können. Vielmehr umgekehrt: der soziale und politische Gehalt der vorangegangenen Anpassung, Unterordnung, Mitträgerschaft, Akzeptanz  kann erst von diesem (revolutionären) Ende her erkannt, erst durch diesen Ausgang angemessen erfaßt werden. Sinn und Ziel der Aufarbeitung kann doch nur sein, daß geistig weitergeht, was 1989 schon praktisch stattgefunden hat. Die Demokratisierung in der ganzen Spannweite ihrer geschichtlichen Wege in Deutschland und anderswo zu explizieren, das könnte eine Resonanz begründen, die über die Fraktionsmeinungen der alten Gesellschaft hinausgeht und diese wirklich verändert.
   Die bloße Einfühlung in die frühere Unterdrückung und Stagnation oder die vorgreifende »Delegitimierung« des ganzen geschichtlichen Entwicklungswegs helfen hier nicht weiter. Aufarbeiten meint Begreifen. Man möchte im nachhinein mehr wissen, besser verstehen, wo man war und herkommt. Einen Abstand gewinnen, der in der Gegenwart auch die Resultate des gestrigen Tages erkennen läßt, also über diesem, nicht in ihm steht. Interpretationen, die nur in dem ostdeutschen Horizont der Zeit vor 1989 stehenbleiben oder nur das heutige westdeutsche Selbstverständnis zum Maßstab ihrer Analysen nehmen, ergeben keine klaren Bilder, in denen sich ein demokratisches Selbstbewußtsein wiedererkennen könnte.

Bearbeite Fassung der Stellungnahme, die der Autor beim Bundestags-Hearing  vom 6. Juni 2006 abgegeben hat.

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