HEFT 03/2006 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

seit dem Ende des realexistierenden Sozialismus in der DDR ist  eine kaum noch zu überschauende Fülle an Publikationen über die Aktivitäten der DDR-Spionagedienste erschienen. Die grundlegenden Fakten über  Struktur und Arbeitsweise der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit und der Verwaltung Aufklärung (VA) des Ministeriums für Nationale Verteidigung sind bekannt. Und doch ergeben sich aus den vierzig Jahren ihrer "Westarbeit" noch viele offene Fragen. Die jüngste Diskussion über Art und Umfang der Verstrickung von Abgeordneten des 6. Deutschen Bundestags mit den DDR-Geheimen zeigt deutlich, dass längst nicht alle Karten auf dem Tisch liegen. Erschwert werden die Forschungen vor allem dadurch, dass der größte Teil der Unterlagen aus den Archiven von HV A und VA vernichtet wurde oder bis heute verschwunden ist. Mit verantwortlich waren  hierfür leider auch die damaligen Kontrolleure der Stasi-Auflösung am Runden Tisch, die Arbeitsgruppe Sicherheit, die Bürgerkomitees und der damalige Minister für Abrüstung und Verteidigung. Das vorliegende Heft ist als kleiner Mosaikstein zu verstehen, der das Bild trotz dieses Verlustes vervollständigen soll.

Zu den Zielen der DDR-Spionagedienste gehörten nicht nur die Bundesrepublik und Westberlin. Drei der Beiträge zum Hauptthema beschäftigen sich mit der "Nord­westspionage" der DDR. Lesen Sie in den Beiträgen von Thomas Friis über die DDR-Militärspionage in Dänemark und Erkenntnisse zu den dortigen Aktivitäten der HV A, die sich aus den sogenannten "Rosenholz"-Dateien ergeben. Christian Halbrock zeigt in seinem umfassenden Beitrag am Beispiel Schwedens anhand vieler bisher unbekannter Details, wie aktiv die ostdeutschen Spitzel auch oder gerade in einem neutralen Staat agierten. Die teilweise skurrilen Auswüchse der DDR-Spionageaktivitäten werden  in den Texten von Helmut Müller-Enbergs und Georg Herbstritt plastisch vermittelt. Georg Herbstritt gilt auch mein besonderer Dank für seinen über die Autorenschaft weit hinausgehenden Beitrag zum Gelingen dieses Hefts.

Viele Seiten der DDR-Spionage mußten wir schon aus Platzgründen unerwähnt lassen. Daher sei an dieser Stelle daran erinnert, dass die Hände der DDR-Spione durchaus nicht immer "sauber" blieben, dass Menschen das Leben genommen wurde, dass Betrug und Selbstbetrug zum täglichen Geschäft gehörten. Erwähnt sei hier nur der HV A-Offizier Werner Teske, der 1981 in Leipzig hingerichtet wurde, weil er seinen Übertritt in den Westen vorbereitet hatte. Dass auch heute noch Geheimniskrämerei die Erforschung der damaligen Geschehnisse erschwert, lesen Sie in Thomas Mosers Text zur "Verschluss­sache Werner Stiller". Schließlich sei auf den Beitrag von Matthias Schreiber verwiesen, der in den "Schauplätzen" den Skandal um die Bespitzelung von Journalisten durch den BND aufgreift und dem zu entnehmen ist, dass mancher aus den Reihen von Mielkes Spitzelimperium bis in die jüngste Zeit vom einmal bei der Stasi Gelernten nicht lassen kann. Mein Dank gilt allen Autoren, die mit ihren zum Teil bislang unpublizierten und neuen Erkenntnissen dieses Heft, wie ich hoffe, zu einer spannenden Lektüre für sie werden lassen.

Im Namen der Redaktion
Stephan Konopatzky

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