Heft 55/2006 | Die Westarbeit des MfS | Seite 1 - 5

Helmut Müller-Enbergs

Die drei Leben des Eberhard Lüttich

Wie sich Suhl in das Geschichtsbuch der Weltspionage eintrug

In den siebziger und achtziger Jahren war es ein Ziel der HV A, operativ  in die USA einzudringen, dort Quellen zu schaffen, die über die amerikanische Politik und Wirtschaft informieren. Die Übersiedlung des HV A-Hauptamtlichen Eberhard Lüttich (»Brest«) in die USA unter einer Doppelgängeridentität kam einem Pilotprojekt gleich, das aber mißlang. Nachfolgend der Versuch einer Rekonstruktion.

Drei Leben

In diesem Jahr wäre Eberhard Lüttich 67 Jahre alt geworden, würde er noch jenen Namen tragen,  den er in seinem ersten Leben in Leipzig erhalten hat. Geburtstag: 16. April 1939. Zu diesem ersten Leben gehört auch, dass er anfangs nach seinen Pflegeeltern benannt wurde, die Sch. hießen.1 Mit zehn Jahren nahm er den Namen seiner Mutter an, die Lüttich hieß und schon in seinem ersten Lebensjahr verstorben war. In den Dienst des MfS eingetreten, trug er gut vier Jahre den Arbeitsnamen Eberhard Reinhard. Geburtstag: 15. Mai 1939. Während dieses Geburtsdatum frei erfunden ist, ist das als Eberhard Sch. oder Lüttich nicht sicher, denn seinen Pflegeltern war es nicht zuverlässig mitgeteilt worden.
Mit seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik am 3. Oktober 1972 begann in Hamburg sein zweites Leben als Hans S. aus Anklam. Geburtsdatum: 9. August 1937. Hätte er diesen Namen beibehalten, wäre er heute also 69 Jahre alt. Nach einer zehnjährigen Odyssee, die ihn auftragsgemäß nach New York geführt hatte, landete er im November 1979 wieder in Hamburg und wurde dort verhaftet. Zwischenzeitlich war ermittelt worden, dass S. nicht sein wirklicher Name war, was er bei den Vernehmungen einräumte; einen Moment lang gab er sich wieder als Eberhard Reinhard aus Leipzig aus. Geburtsdatum: 15. Mai 1939. Nun wieder 67 Jahre alt.
Sein drittes Leben begann im Laufe des Jahres 1980 in den USA, wieder unter anderen Personalien, unter denen er noch heute lebt. Diese sind aus nahe liegenden Gründen zu verschweigen, wie auch sein heutiger Wohnort oder sein vorgeblicher Geburtsort. Immerhin: In seinem dritten Leben ist das Geburtsdatum Verschlusssache – bis zum Jahre 2039. Dürfte es dann genannt werden, würde Eberhard Lüttich seinen 100. Geburtstag gefeiert haben. – Variationen eines Lebens als Nachrichtendienstler.

Das erste Leben
Das erste Leben begann für Eberhard Lüttich wie für viele nach dem Krieg. Der Schulbank folgte die Arbeit in einem Großbetrieb, bei ihm im Mansfelder Walzwerk in Hettstedt. Sie brachte ihm die Delegation zum Studium an der Hochschule für Binnenhandel in Leipzig und dieses wiederum 1962 ein Diplom ein. Er landete in Römhild, im damaligen Bezirk Suhl, bei der Konsumgenossenschaft. Hier wurde er als inoffizieller Mitarbeiter entdeckt, reüssierte binnen eines Jahres und trat 1964 als Unterleutnant in die Dienste der Bezirksverwaltung in Suhl ein. Recht bald kam er zur »Aufklärung«, zur Abteilung XV, wo er sogleich auffiel.2 Teils wegen seiner operativen Kreativität, dem guten Draht zu den Akteuren seiner 23 Vorgänge,3 teils auch wegen seiner vergleichsweise ausnehmend einfühlsamen und – was sehr selten ist – lesbaren Berichte. Er war ledig, verfügte über so gut wie keine Angehörigen und war von der DDR grundsätzlich überzeugt. Durch all das empfahl er sich der Leitung der HV A in Berlin, die ihn 1968 zu sich holte und in der Abteilung III, auch zuständig für Mittel- und Südamerika, nicht uneigennützig unterbrachte.4 Er sollte, wie ihn der verantwortliche Leiter der HV A, Oberst Horst Jänicke, einwies, vertraut werden mit einem zukünftigen Einsatz in den USA, in dem er, so war erwogen worden, 15 Jahre operativ arbeiten sollte. Darauf wurde er drei Jahre vorbereitet.5 Er lernte unter falschen Identitäten zu leben, erhielt eine umfängliche Funkausbildung, übte das Anlegen von Toten Briefkästen. Das übliche Programm eben. In anfangs kleinen Dosen wurde er mit dem »Operationsgebiet« vertraut gemacht. Zunächst ein Eintagesbesuch in West-Berlin, dann einige Tage in Hamburg, einen Monat in Zürich, dann sechs Wochen – der Sprache wegen – in London. Auf diese Weise akklimatisierte er sich, gewöhnte sich an das westliche Leben und die westliche Kleidung.
Das Besondere war, dass er in die Haut des Bundesbürgers Hans S. schlüpfen sollte. Das bedeutete ein Leben als »Illegaler«, wie man das nannte, und brachte ihm die Beförderung zum Hauptmann ein.6 Er schied, wie es MfS-intern lapidar hieß, im März 1969 aus dem Dienst aus und war fortan OibE »Brest«.7
Die HV A hatte lange gebraucht, eine geeignete Identität für Lüttich zu finden, und sie endlich in S. gefunden. Der echte Hans S. hatte in der Bundesrepublik als Kranfahrer und Elektriker gearbeitet, sich in eine ostdeutsche Frau verliebt und sie alle zwei bis drei Wochen in Ostberlin besucht. Ihre Treffen fanden in einer konspirativen Wohnung statt, da die HV A möglichst viele Informationen über den echten S. mithilfe geeigneter Technik sammeln wollte. Er war Lüttich äußerlich ähnlich, so dass er als Doppelgängerlegende geeignet war. S. wurde überredet, konspirativ in die DDR überzusiedeln, damit er seine Freundin heiraten konnte.8 Im Mai 1972 sollte Lüttich ihn auch einmal unauffällig beobachten können. Allein die Mutter des echten S. wusste, dass ihr Sohn in die DDR übergesiedelt war, war aber von ihm zum Schweigen angehalten worden.
Lüttich machte sich ein halbes Jahr vor seiner Übersiedlung mit den Lebensstationen des S. vertraut und wartete auf den Augenblick, da der echte S., der sich nach Hamburg umgemeldet hatte, heimlich in die DDR verzog. Zuvor musste er Erfahrungen in dessen Beruf machen – als Arbeiter in einem Stahlwerk in Brandenburg.
Entwickelt worden war diese Legende von Eberhard Kopprasch, einem der Experten der legendären Arbeitsgruppe S (Sicherheit), der später 2. Sekretär der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn war. Ihr zufolge sollte Lüttich, erkundigte sich jemand nach ihm, in Moskau beim Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe tätig sein. Es werden nicht viele nach ihm gefragt haben. Tatsächlich wurde er mit einem gefälschten Ausweis, aber echter Geburtsurkunde und echtem Vertriebenenausweis, echten Schul- und Arbeitszeugnissen, sogar dem Mitgliedsausweis für die Gewerkschaft ausgestattet. Das war alles, was der vermeintliche S. mit sich führte, während das Leben des 33jährigen Lüttich endete. Ihn gab es nicht mehr – nie mehr, dafür S. zweimal: Den echten in Ostberlin, den falschen ab dem 3. Oktober 1972 in Hamburg.

Das zweite Leben: eine Übersicht
Der echte Hans S. hatte nicht studiert, weshalb der vermeintliche S. zunächst als Lagerarbeiter tätig war, um nebenher Betriebswirtschaft zu studieren. Die Eingewöhnung ließ sich gut an, weshalb er seinen Jahresurlaub im Sommer 1973 in den USA, vor allem in Manhattan verbringen sollte. Ostberlin begrüßte seine Erwägung, bei der Schenker-Spedition zu arbeiten, die Filialen in Deutschland und den USA unterhielt. Am 18. November 1973 war es soweit: Er arbeitete bei Schenker und meldete sich nach den USA ab, mietete sich als Untermieter in der West End Avenue in New York ein. Nachdem er die Formalitäten bis hin zur Krankenversicherung, dem Blue Cross, erledigt hatte, einen gültigen Führerschein besaß und auch die Green Card erworben hatte – Amerika steht der deutschen Bürokratie in nichts nach – hatte er sich zwar voll legalisiert, musste sich aber an seinen Arbeitsplatz und auch an die amerikanische Kultur erst gewöhnen, die so anders als die thüringische in Römhild und Suhl oder die in Hamburg ist. In Ostberlin gab man ihm dafür ein gutes Jahr Zeit, bis ihm aufgetragen wurde, sich langfristig zu legalisieren, in dem er eine geeignete Frauenbekanntschaft machte, heiratete – somit amerikanischer Staatsbürger wurde.9 Zugleich sollte er nachrichtendienstliche Duftmarken setzen, in dem er Tote Briefkästen anlegte und den Funkkontakt technisch vorbereitete.
Im fünften Jahr seines operativen Einsatzes wurde er angehalten, einen dienstlichen Überblick über die Transporte, insbesondere Militärtransporte, zwischen den USA und Europa zu gewinnen, die von Schenker organisiert wurden. Gleichfalls hatte er interessante Kontakte zu suchen, vor allem im studentischen Milieu.10 Dem kam er ebenso nach wie dem Auftrag, eine Frauenbekanntschaft anzubahnen, in deren Ergebnis auch tatsächlich die Hochzeit erfolgte. Bis zu seiner Verhaftung befand sich der Vorgang noch immer in der Entwicklungsphase und war gerade erst im Begriff, informatorisch Früchte abzuwerfen. Nachgewiesen ist allerdings keine Information.
So war es der HV A gelungen, binnen zehn Jahren – von den ersten Ausbildungsschritten bis zur echten operativen Arbeit – einen Offizier im besonderen Einsatz mit dem Decknamen »Brest«11 von Suhl ins Herz eines Schlüsselobjekts des militärisch-industriellen Komplexes in New York zu verpflanzen – und zwar anfangs als Clerk (Bürogehilfe), der aufstieg bis zum Assistent Vice President von Schenker, zuständig für den Mittleren Osten, West-Europa, Japan und auch den Fernen Osten. Jahresgehalt 32.000 Dollar. Das ist eine Einschleusungsqualität, die in nichts einer Johanna Olbricht12 nachsteht, die es zur Sekretärin des FDP-Generalsekretärs, dann Bundesministers und später Europaabgeordneten Manfred Bangemann gebracht hatte. Der Vorgang hat das Kaliber des in der Nähe des Bundeskanzlers Willy Brandt tätigen Günter Guillaume, gleicht ihm auch in der nachrichtendienstlichen Philosophie: Ein gelernter DDR-Bürger, politisch und handwerklich konditioniert, passt sich im »Operationsgebiet« gleich einem Chamäleon seiner Umwelt an – ohne die politische Grundeinstellung aufzugeben.

Das unsichtbare Band nach Ostberlin
Schon in Ostberlin, aber auch bei diversen Treffen wurde der falsche S. mit dem umfänglichen konspirativen Verbindungswesen vertraut gemacht. Die aufwändige Operation machte es erforderlich, beinahe jeden Schritt Lüttichs eingehend in Ostberlin zu beraten. Allein der Entscheidung, ob er bei Schenker die Arbeit aufnehmen sollte, dienten zwei Treffs. Fünf waren es, bis er in die USA ging – meist in konspirativen Wohnungen in Oranienburg oder Lehnitz.
Die Hamburger Periode diente allein dazu, sich sicher in der Hülle des Hans S. bewegen zu können, neue Freundschaften eingeschlossen. In den USA gab es stets am 16. eines Monats einen Lauftreff, bei dem er einen bestimmten Durchgang des New Yorker Minskoff-Theaters durchschritt und, falls erforderlich, angesprochen wurde. Wichtigste Verbindungsmethode blieb jedoch der persönliche Treff. Während seines Urlaubs 1974 machte er sich auf den Weg nach Ostberlin. Später, im September 1975, als Hinweise auf eine gegnerische nachrichtendienstliche Bearbeitung hindeuteten (Filmteam, Beschattung, intensive Paßkontrolle), häuften sich die Treffs in Drittländern. So gab es neben Treffs in Ostberlin fortan welche in Wien, Montreal, Hamburg, New York, Mexico-City oder auf den Bahamas.13 Die vermeintliche Beschattung erwies sich jedoch als nachrichtendienstlich bedingtes Streßsymptom Lüttichs.
Im Mittelpunkt der Berichterstattung stand die Legalisierungsphase, bis hin zu Alltäglichkeiten wie dem Besuch von Sportveranstaltungen. Solcherlei Informationen waren bei der HV A stets zur Erweiterung der »Regimekenntnisse« begehrt.
An eine Deckadresse in Extertal (Nordrhein-Westfalen) hatte er seit 1976 Nachrichten zu senden, konnte aber auch dort anrufen. Die Inhaber der Deckadresse waren eigens für solche Zwecke aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt worden.14
Ein zweiter Verbindungsweg bestand über Tote Briefkästen (TBK), von denen er  sieben angelegt, aber nur einen genutzt hat. Er befand sich in einer Holzverkleidung in einem China-Restaurant in Manhattan am Trinity-Place – Deckname »Orient«. Dort steckte er die Nachricht oder das Mikrat (ein sehr kleines Filmnegativ) in eine Marlboro-Schachtel, die als Container diente. Dass er einen TBK belegt oder entleert hatte, zeigte er durch ein gefärbtes Papierstückchen an, das er in einen Spalt neben einem Telefonapparat in der 3. Etage im World-Trade-Center steckte. Entleert wurde der TBK von einem IM, der offiziell in der DDR-Delegation bei der UN tätig war.
Der dritte Verbindungsweg war eine Funklinie mit entsprechenden Schlüsselunterlagen und einem Radio, das aber erst 1977 genutzt wurde – zunächst auf einer kubanischen Frequenz mit gesprochenen Zahlen, dann ab Oktober 1978 auf einer ostdeutschen mit Morsezeichen. Insbesondere an dieser Möglichkeit hatte die HV A jahrelang getüftelt – und sie verblüffte die westlichen Nachrichtendienste nicht wenig, als die davon erfuhren. Vierzehntäglich prüfte Lüttich, ob es Nachrichten für ihn im Äther gab. 17 Funksprüche waren an ihn herausgegangen, 12 hat er bis zur Inhaftierung tatsächlich empfangen. Die Funksprüche bestätigten in der Regel die Entleerung oder das Anlaufen von TBK wie auch Terminabsprachen für Treffs.15
Schließlich hielt er eine Mikratkamera und Geheimschreibmittel bereit. Er versandte auch einmal ein Testmikrat, das er in ein Buch eingeklebt hatte. Als Absender gab er stets jüdische Namen an, die er einem Telefonbuch entnahm.
Es gab aber, wie erwähnt, auch Treffen. Im Frühjahr 1977 machte ihn der Instrukteur in Mexico City damit vertraut, dass die HV A an einem amerikanischen Doktoranden an der Harvard-University operativ arbeite, ebenso an einem aus Boston. Auf Lüttich könne die Führung dieser Vorgänge zulaufen. Kennzeichen bei Treffs im »Operationsgebiet«: Offene Jacke hieß – es gibt Probleme. Geschlossene Jacke und eine Wegbeschreibung zum Goethe-Institut bei Verwendung des Wortes »Idol« und eine angebotene Marlboro-Zigarette (die aber in der Zigarettenpackung hätte falsch herum stecken müssen) und ein bestimmter Schlüsselanhänger hätten signalisiert, dass ein problemfreier Kontakt hergestellt sei.
Bei einem Platzen seiner nachrichtendienstlichen Verbindung hätte er sich nach Mexico City absetzen und die DDR-Botschaft aufsuchen müssen. Dort hätte er den wirklichen Hintergrund freilich nicht offen legen dürfen, vielmehr unter Vorlage seiner falschen Identität Interesse für ein Studium in der DDR anzeigen sollen. Die HV A hätte dann Bescheid gewusst, doch hat sich diese Variante erübrigt.

Die richtige und die falsche Frau

Die HV A hatte Vorstellungen, welche Frau der falsche S. zu finden hatte. Die Amerikanerin sollte eine möglichst exponierte Stellung innehaben, intelligent und bereit sein, sich in eine nachrichtendienstlich relevante Position lancieren zu lassen. Der falsche S. sollte also entsprechend seiner beruflichen Stellung ein angemessenes Äquivalent suchen. Doch die Liebe, beinahe einer der größten Risikofaktoren operativer Arbeit, fiel in die falsche Richtung: eine Exilkubanerin, die er – kaum in die USA eingereist – in der Firma kennen gelernt hatte. Sie entsprach gar nicht den Erwartungen in Ostberlin, als er angehalten war, zur Eigenabsicherung zu heiraten, tat er es und nahm die Falsche. Ärger noch, Lüttich wollte sie nicht in den nachrichtendienstlichen Kontext hineinziehen, womit sie operativ als nicht nutzbar galt, wie man das damals nannte. Erst bei einem Treff im Februar 1977 in Mexiko City offenbarte er, wen er geheiratet hatte. Noch später erst wurde den Führungsoffizieren der HV A bekannt, dass die Gattin auch die falsche politische Einstellung hatte – sie war aktiv gegen das Kuba Castros. Lüttich wird schon gewusst haben, warum er das seinem Instrukteur verschwiegen hatte. Das Verhältnis zwischen HV A und Lüttich geriet daraufhin in eine kritische Phase; es war klar, dass die HV A diese neue Situation schlucken musste. Gleichwohl war Ostberlin daran interessiert, Lüttichs Frau vorgestellt zu bekommen, weshalb er sie unter der Legende, es gebe hier Geschäftsinteressen der Ostabteilung seiner Firma, in die DDR mitnahm: Im Juli 1978 kam es zu einem Aufenthalt in Lehnitz. Eine offene Ansprache erfolgte offenkundig nicht, zumal sie keinen Zweifel an ihrer Einstellung zum Kommunismus ließ. Und sie war auch später nicht beabsichtigt, da Lüttichs Frau schwanger wurde, wie sich der Führungsoffizier erinnert. Sie selbst kannte Lüttich nur unter seiner falschen Identität, und die Annahme liegt nahe, dass sie von seiner Vergangenheit kaum etwas, von seiner operativen Geschichte gar nichts wusste.16

Das dritte Leben
In der DDR erfuhr der echte S. dieweil einige Aufmerksamkeit. Seine Korrespondenz, etwaige Besucher und auch sein Verhalten am Arbeitsplatz wurden vom MfS kontrolliert, zugleich half es aber auch in privaten Dingen wie dem schnelleren Zugang zu einem PKW. Mit seiner Frau zog er nach Wismar, beide hatten eine gemeinsame Tochter. Post an die Mutter in die Bundesrepublik dürfte vom MfS regelmäßig abgefangen worden sein, manchmal kam sie jedoch durch. So war – trotz aller Konspiration – in seinem früheren Umfeld und auch der Mutter bekannt, dass er in Wismar lebte, verheiratet und Vater war. Die Existenz zweier S. fiel dem Bundesamt für Verfassungsschutz in seiner »Aktion Anmeldung« auf, es vermutete dahinter zu Recht eine nachrichtendienstliche Handschrift.17 Dem echten S. sagte die DDR alsbald nicht mehr zu, und er focht leidenschaftlich und hartnäckig für seine ständige Ausreise, die wohl erst mit dem Fall der Mauer möglich wurde.18 Dass er Legendenspender war, wird er vor der Enttarnung des falschen S. kaum geahnt haben.
Diese Enttarnung dürfte dem Bundesamt für Verfassungsschutz spätestens im April 1979 geglückt sein. Es muss daraufhin ein Haftbefehl erlassen worden sein, denn Lüttich wurde am 16. November 1979 auf dem Hamburger Flughafen festgenommen. Er räumte sogleich ein, erinnert sich einer der beteiligten Ermittlungsbeamten, nicht S., sondern ein Eberhard Reinhard zu sein. Ansonsten schwieg er. Wer er wirklich war, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand, doch dürfte ebenso niemand einen Zweifel gehabt haben, daß er Mitarbeiter eines DDR-Geheimdienstes war.19 Das Bundesamt für Verfassungsschutz war auf eine bis dahin gänzlich unbekannte Einschleusungsvariante in die USA gestoßen.
Der Anfang des dritten Lebens von Eberhard Lüttich beginnt einige Tage nach seiner Verhaftung. Die näheren Umstände sind kaum in Erfahrung zu bringen, da die entsprechenden Akten noch lange verschlossen bleiben werden. Aber es ist unwahrscheinlich, dass er Günter Guillaume gefolgt ist, der sich gebrüstet hatte, Offizier der NVA zu sein, um dann auf der Anklagebank einen nachrichtendienstlichen Stützpunkt zu spielen. Lüttichs  Handschrift entspricht eher, eingeräumt zu haben, in der DDR geboren worden zu sein. Er muss sich nach einer kurzen Zeit entschieden haben, sich vom nachrichtendienstlichen Auftrag der HV A abzusetzen, was er, das ist sicher aus den nächsten Schritten zu schließen, nur im Benehmen mit den zuständigen amerikanischen Stellen – eher FBI als CIA – getan haben wird. Es scheint so, als habe er seine Freiheit und seine Rückkehr zu seiner Familie in die USA ausgehandelt. Handeln konnte er allein mit seinem operativen Wissen, das vollständig auszubreiten erforderlich ist, um in den Genuss des Straffreiheit versprechenden Paragraphen 153e StPO zu gelangen.20
Hat er das? Man wird das so gesehen haben, denn er konnte ein knappes halbes Jahr später in die USA zu seiner Familie reisen. Was konnte er offenlegen? Zunächst das Verbindungswesen, was er auch getan hat. Insbesondere nannte er die Deckadresse in Extertal, deren Inhaber in Untersuchungshaft genommen und zu 20 Monaten auf Bewährung verurteilt worden ist. Grund: »Deckadresse für einen sehr gefährlichen Agenten«.21
Die zweite Enttarnung, die auf ihn zurückzuführen ist, betrifft eine Sekretärin »Gitta«22 in der SPD-Stadtfraktion in Bonn, zu der er noch von Suhl aus den Kontakt gesucht hatte. Auf sie wurde bereits am 23. November 1979, nur eine Woche nach Lüttichs Verhaftung, in den Medien hingewiesen. Doch vor Gericht konnte der Verdacht nicht erhärtet werden. Unklar blieb, ob sie den nachrichtendienstlichen Hintergrund bei ihren Besuchen in der DDR erkannt hatte.23 Weitere Enttarnungen kamen nicht in die Medien und wurden auch vor Gericht nicht verhandelt.
Demnach wird sich Eberhard Lüttich zu den sonstigen Vorgängen seiner Suhler Zeit – immerhin 22 – nicht zureichend eingelassen haben. Dabei wäre eine wirklich heiße Spur der Vorgang des OibE »Rat«24 gewesen, den er selbst während seiner Suhler Zeit entwickelt und den er in New York im World-Trade-Center als Mitarbeiter einer Speditionsfirma wieder getroffen hatte. Dieses Beispiel deutet an, dass Lüttich – zumindest nach seiner Verhaftung in Deutschland – nicht sein ganzes operatives Wissen offenbart hat. Er nannte zwar Vorgänge, die aber schon vor seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik erloschen – und auch strafrechtlich verjährt waren. Andere wie eine Ärztin »Kerstin« aus Münster25 oder einen Vertreter »Hermann« aus Düsseldorf26 verschwieg er hingegen.
Die HV A hingegen musste gleichwohl von seinem »Verrat« ausgehen. Dennoch führte sie bemerkenswerterweise einige Vorgänge weiter. Neben dem erwähnten zu »Rat« auch den Vorgang eines Ingenieurs »Wolfgang« aus Erkrath27, den sie erst im September 1986 zu den Akten legte. Gleichfalls hätte es einiges Aufheben um einen Professor der TH Darmstadt gegeben, wäre seine erwogene oder vollzogene Beziehung zu ihm bekannt geworden, was aber nicht der Fall ist. Der Vorgang war aber schon im November 1978 versiegt,28 was Lüttich nicht wissen musste.
Der frühere Eberhard Lüttich lebt heute in den USA – und auf einen Gesprächswunsch reagierte er bislang nicht. Es ist dieser Vorgang, der der Abteilung XV der Bezirksverwaltung Suhl des MfS einen Eintrag ins Geschichtsbuch der Spionage sichert. Gerade dieser Vorgang gehört außerdem zu den echten, im Ergebnis analytischer Untersuchungen vom Bundesamt für Verfassungsschutz aufgedeckten Fällen. Allenfalls Bewährungsstrafen mussten Beteiligte hinnehmen, auf die Lüttich hingewiesen hatte. Wirklichen Schaden wird wohl Hans S. genommen haben, den die Liebe in die DDR geführt hat, in der er nun gegen seinen Willen bleiben mußte. Eine Tragik, die auch dem Schicksal anderer Legendenspendern wie etwa Sonja Lüneburg eigen war, deren Doppelgängerin Johanna Olbrich wurde.

Helmut Müller-Enbergs, geb. 1961, ist wissenschaftlicher Referent der Abteilung Bildung/Forschung der BStU; sein Text steht im Zusammenhang mit seiner Dissertation, die die Tätigkeit der Abteilung XV der MfS-Bezirksverwaltung Suhl zum Gegenstand hat.

1     Soweit keine Quellenangaben verzeichnet sind, beruhen die Angaben auf Interviews mit zwei Personen, die unmittelbar mit dem Vorgang betraut waren, aber nicht genannt werden wollen.
2     Vgl. Eberhard Lüttich; BStU, ZA, Kaderkarteikartei.
3     Vgl. Eberhard Lüttich; BStU, ZA, SIRA-Teildatenbank 21.
4     Vgl. Werner Kahl: »DDR«-Agentenführer arbeitet jetzt für Bonn, in: Die Welt, 5.9.1980.
5     Vgl. Manfred Schell: Die steile Karriere eines Ostspions, in: Die Welt, 22.12.1979.
6     Vgl. Werner Kahl: Spion aus New York, in: Die Welt, 16.9.1980.
7     OibE »Brest«; Reg.-Nr. XV 317/69; vorgangsführende Diensteinheit: 28.4.1969 Abteilung III, 14.11.1977-7.6.1984 Abteilung XI/1 der HV A; Vorgangsführer: 28.4.1969 Rolf Thiemig, 17.11.1970 Eberhard Kopprasch, 14.11.1977-7.6.1984 Lothar Ziemer; AIM HV A 20420/84, gelöscht.
8     Der heutige Aufenthaltsort von Hans S. war nicht festzustellen, so daß er zu den damaligen Vorgängen, den Gründen für sein damaliges Verhalten nicht befragt werden konnte.
9     Vgl. Werner Kahl: Spion aus New York, in: Die Welt, 16.9.1980.
10     Vgl. Markus Wolf: Man without a Face. London 1997, S. 291.
11     Vgl. Frank E. Lippold: Neue Runde im Tauziehen um Spionageakten, in: Berliner Morgenpost, 5.1.1999, S. 6.
12     Vgl. Klaus Eichner (Hrsg.): Kundschafter im Westen. Spitzenquellen der Aufklärung. Berlin 2003; Gotthold Schramm (Hrsg.): Der Botschaftsflüchtling und andere Agentengeschichten. Berlin 2006; Wolfgang Hartmann: Johanna Olbrich, in: Helmut Müller-Enbergs u. a. (Hrsg): Wer war wer in der DDR. Ein Lexikon ostdeutscher Biographien. Berlin 2006 (in Druck).
13     Vgl. Werner Kahl: Spion aus New York, in: Die Welt, 16.9.1980.
14     Vgl. Werner Kahl: »DDR«-Agentenführer in den USA übergelaufen, in: Die Welt, 5.9.1980.
15     Vgl. Markus Wolf: Man without a Face. London 1997, S. 291; Werner Kahl: Spion aus New York, in: Die Welt, 16.9.1980.
16     Vgl. Werner Kahl: Spion aus New York, in: Die Welt, 16.9.1980.
17     Vgl. Manfred Schell: Die steile Karriere eines Ostspions, in: Die Welt, 22.12.1979.
18     Vgl. BStU, ASt Rostock, AKG 260, Bl. 275 und 322; BStU, ASt Rostock, AKG 271, Bl. 2 und 43.
19     Vgl. Mehrere Spione der »DDR« gingen ins Netz, in: Berliner Morgenpost, 23.11.1979; Zwei neue Spione, in: Bild, 23.11.1979; Spionage: 5 Fälle!, in: Express (Köln), 23.11.1979; Zwei Westdeutsche als DDR-Spione verhaftet, in: Die Presse (Wien), 24.11.1979.
20     Vgl. Werner Kahl: »DDR«-Agentenführer arbeitet jetzt für Bonn, in: Die Welt, 5.9.1980; Reuter: Spionageprozess, 17.9.1980; Reuter: Spionageprozess, 19.9.1980; DDR-Spion ein freier Mann, in: Aachener Nachrichten, 20.9.1980.
21     Vgl. Manfred Schell: Die steile Karriere eines Ostspions, in: Die Welt, 22.12.1979; Auf freiem Fuß, in: Berliner Morgenpost, 20.9.1980.
22     »Gitta«; Reg.-Nr. XV 2062/66; vorgangsführende Diensteinheit: 6.7.1966 Abteilung XV der BV Suhl, 1.6.1968-20.10.1972 Abteilung II der HV A; Vorgangsführer: 6.7.1966 Eberhard Lüttich, 1.6.1968-20.10.1972 Reinhold Daum; AIM HV A 10428/72 gelöscht.
23     Gefaßt: Zwei neue Spione!, in: Bild (Hamburg), 23.11.1979; Spionage: 5 Fälle!, in: Express (Köln), 23.11.1979; Der Verdacht löste sich in Luft auf. Bonner Sekretärin keine Spionin, in: Kölnische Rundschau, 24.11.1979; Heinz Vielain: »DDR«-Spion verriet andere Agenten, in: Die Welt, 27.11.1979.
24     OibE »Rat«; Reg.-Nr. XV 2834/68; vorgangsführende Diensteinheit: 9.12.1968 Abteilung XV der BV Suhl, 8.4.1969 Abteilung III der HV A, 16.1.1975-27.1.1988 Abteilung XI/6 der HV A; Vorgangsführer: 9.12.1968 Eberhard Lüttich, 17.11.1970 Eberhard Kopprasch, 16.1.1975 Herbert Thomas, 13.1.1978 Rolf Rotter, 21.9.1978 Horst Klugow, 27.5.1987 Kurt Zeichner, 11.9.1987-27.1.1988 Kurt Reiss; APN HV A 14685/88 gelöscht.
25     »Kerstin«; Reg.-Nr. XV 4454/65; vorgangsführende Diensteinheit: 30.12.1965-4.6.1968 Abteilung XV der BV Suhl; Vorgangsführer: 30.12.1965 Horst Pfeufer, 29.4.1966-4.6.1968 Eberhard Lüttich; AIM HV A 4517/68 gelöscht.
26     »Hermann«; Reg.-Nr. XI 7/61; vorgangsführende Diensteinheit: 5.5.1966-2.2.1972 Abteilung XV der BV Suhl; Vorgangsführer: 5.5.1966: Eberhard Lüttich, 9.7.1968-2.2.1972 Fritz Ruck; AIM HV A 9861/72 gelöscht.
27     »Wolfgang«; Reg.-Nr. XV 3211/67; vorgangsführende Diensteinheit: 16.11.1967 Abteilung XV der BV Suhl, 11.4.1972-9.9.1986 Abteilung VI/6, dann VI/C/4 der HV A; Vorgangsführer: 16.11.1967 Eberhard Lüttich, 3.5.1968 Fritz Ruck, 25.2.1969 Hanno Nachreiner, 11.4.1972 Hannes Sahlmann, 23.7.1974-9.9.1986 Walter Horn; AIM HV A 24375/86 gelöscht.
28     Reg.-Nr. XI 78/65; Vorgangsführende Diensteinheit: 1.3.1965-22.11.1978 Abteilung XV der BV Suhl; Vorgangsführer: 1.3.1965 Martin Fleischer, 22.4.1966 Eberhard Lüttich, 30.11.1970-22.11.1978 Martin Fleischer.