Heft 55/2006 | Themen | Seite 53 - 54

Klaus Körner / Manfred Werner

Die Initiative Christliche Linke. Ein Gesprächsforum über Parteigrenzen hinweg

Die "Initiative Christliche Linke" (ICL) entstand Anfang 1990 in der DDR mit einem programmatischen Aufruf. Vorausgegangen war ein Treffen im kleinen Kreis Ende Dezember 1989. Dort diskutierten evangelische und katholische Christen über die wachsende Tendenz in den Kirchen und in einigen Bürgerbewegungen, sich politisch mehr nach "rechts" zu orientieren. Aus dieser Diskussion heraus entwarfen der Theologe Karl-Heinrich Bieritz und der Schriftsteller Klaus Körner in den ersten Januartagen 1990 den Gründungsaufruf.

In ihm wurde die damals viele Menschen bewegende Befürchtung artikuliert, dass "die Chance, nach dem Zerbrechen der poststalinistischen Stagnation eine wirklich solidarische Gesellschaft zu entwickeln", vertan wird.
In dem Aufruf heißt es:

  • Wir befürchten, daß die Lasten einer tiefgreifenden gesellschaftlichen und ökonomischen Umwälzung einseitig den sozial und wirtschaftlich Schwachen aufgebürdet werden.
  • Wir befürchten, daß ein forciertes "Leistungsprinzip" zu einer Polarisierung der Gesellschaft in Starke und Schwache und damit zur Entmenschlichung des gesellschaftlichen Zusammenlebens führt.
  • Wir befürchten, daß die jetzt so euphorisch propagierten "marktwirtschaftlichen" Mechanismen zur Verschärfung der Lebensbedingungen weiter Teile der Bevölkerung beitragen, wenn es nicht gelingt, gleichlaufend ein dichtes soziales Netz zu entwickeln, das weit über die sozialen Eckdaten kapitalistischer Gesellschaften hinausgeht und wirkliche Solidarität entstehen läßt.
  • Wir befürchten, daß insbesondere Alte, Kranke, Behinderte und sonstwie leistungseingeschränkte Menschen, aber auch kinderreiche Familien und Alleinerziehende bei der genannten Entwicklung auf der Strecke bleiben werden.
  • Wir befürchten, daß über alldem die Solidarität mit den Menschen in der Zweidrittelwelt gänzlich in Vergessenheit gerät und das "europäische Haus" endgültig zu einem neokolonialen Zentrum mit einem von Zollschranken geschützten Binnenmarkt wird.
  • Wir befürchten, daß die sozialen Spannungen, wie sie aus den genannten Entwicklungen unvermeidlich erwachsen werden, eine politische Radikalisierung – als Anfälligkeit für rechtsextreme Positionen, als zunehmender Fremdenhaß vor allem unter den Benachteiligten und Deklassierten, aber auch in Gestalt einer Wiederbelebung stalinistischer Gesinnungen – zur Folge haben werden.
  • Der zweiseitige Aufruf formulierte aber auch Hoffnungen und Visionen, für die es sich lohnt, gesellschaftlich aktiv zu werden:
  • Wir hoffen auf eine menschliche Welt, in der wir alle lernen, miteinander zu teilen; in der die Schöpfung geachtet und nicht ökonomischen Zwängen geopfert wird; eine Welt, in der Vertrauen wachsen kann und die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht nur proklamiert, sondern gelebt werden; eine Welt, in der die alten und neuen Kolonialmächte den unterentwickelten Ländern ihre "Schulden" streichen und eine gerechte Weltwirtschaftsordnung herrscht.
  • Wir hoffen auf eine menschliche Gesellschaft, in der wirtschaftliche, politische und kulturelle Macht demokratischer Kontrolle unterliegt; eine Gesellschaft, in der nicht nur jene Leistungen anerkannt werden, die unmittelbar zur Produktivitätssteigerung beitragen, sondern auch diejenigen, die für den Bestand der Gesellschaft im ganzen unverzichtbar sind: die Leistungen der Mütter und Väter, die Kindern das Leben geben und sie aufziehen; die Leistungen all derer, die sich – in Haus oder Beruf – um Kranke, Alte, Behinderte und Gefährdete kümmern; die Leistungen derer, die sich Gedanken machen über den Sinn unseres Lebens und den Fortgang der Welt. Allein eine Gesellschaft von Brüdern und Schwestern, deren soziales Netz aus Teilhabe und Gemeinschaft aller an allem gewirkt ist, darf für sich in Anspruch nehmen, sie sei ein blasses Abbild und unvollkommenes Gleichnis des neuen Himmels und der neuen Erde, die uns als letzte Geborgenheit verheißen sind.
  • Wir hoffen auf ein menschliches Land, das mit seinen Nachbarn in Frieden und Freundschaft lebt, in dem sich auch die Friedfertigen und Sanftmütigen zu Hause fühlen können; ein Land, in dem Fremde jederzeit willkommen sind und rechtlosen Flüchtlingen Asyl gewährt wird; ein Land, in dem Minderheiten – welcher Art auch immer – nicht diskriminiert werden; ein Land, in dem Mann und Frau wirklich gleiche Rechte und Möglichkeiten haben und auch die Menschenwürde der Kinder geachtet wird; ein Land, in dem die Menschen auf die Formulierung absoluter Wahrheiten verzichten und dadurch zur Toleranz befreit sind.
  • Wir hoffen auf die menschliche Vernunft, die begreift, daß der bisherige Lebensstandard in den Industriegesellschaften die Ressourcen der Erde übersteigt; eine Vernunft, die Lebensqualität vor allem als Kreativität, Phantasie und Zuwendung versteht und erfährt.

Der Aufruf richtete sich an alle, die in christlicher Verantwortung am Erbe progressiver sozialer Menschheitsbewegungen, also auch am Ideal eines freiheitlichen, demokratischen, menschlichen Sozialismus festhalten wollten und entschlossen waren, im Zuge der sich abzeichnenden gesellschaftlichen und ökonomischen Umwälzung die Solidarität des Evangeliums weder mit den Schwachen im eigenen Land noch mit denen in anderen Erdteilen und Ländern aufzukündigen.

Den Aufruf unterzeichneten damals mehrere hundert Menschen, darunter die Theologieprofessoren Manfred Haustein und Karl-Heinrich Bieritz sowie der Politiker Walter Romberg. In vielen Briefen der UnterzeichnerInnen an die Kontaktadresse kam die Verunsicherung der Menschen zum Ausdruck. Ängste und Hoffnungen, persönliche Isolierung und Gestaltungswille knüpften sie an die künftige Entwicklung ihres Landes, das sie damals überwiegend noch als freie, demokratische DDR sahen.

Es kam nach einem konstituierenden Treffen am 11. März 1990 in Berlin bald zur Bildung von regionalen Basisgruppen, die sich politisch engagierten und gleichzeitig den Einzelnen in dieser Umbruchszeit einen Ort des Gesprächs und der Vergewisserung bieten wollten. Die Gruppentreffen bezeichnete einmal eines der Gründungsmitglieder, die Leiterin der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg Elisabeth Adler, auch als eine "therapeutische Veranstaltung", da sich Menschen trafen, die Halt in einer politisch galoppierenden Zeit suchten. In Berlin, Leipzig, Dresden, Erfurt und Magdeburg trafen sich Parteilose, Mitglieder von Bürgerbewegungen und Parteien – von der PDS bis zur CDU –, um Zeitfragen zu diskutieren oder Wegweisungen von Referenten zu lauschen.

In den folgenden Monaten und Jahren hat sich die ICL auch überregional in verschiedene gesellschaftliche Meinungsbildungsprozesse eingemischt, hat Stellungnahmen in der Presse veröffentlicht (z.B. einen Appell, den Verfassungsentwurf des "Zentralen Runden Tisches" in der Volkskammer zu verabschieden, ein Votum gegen die Ausweitung des Militärseelsorge-Vertrages auf die neuen Bundesländer) und, als das nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik immer schwieriger wurde, auch selbst Flugblätter gedruckt (z.B. zur Änderung des Asylrechts und zum Auslandseinsatz der Bundeswehr). Neben den Regionaltreffen organisierte der Sprecherrat zentrale Jahrestagungen und Seminare zur Theologie der Befreiung, zur Geschichte des religiösen Sozialismus, zum Balkankonflikt, zum Neoliberalismus u.a.m., sowie mit anderen befreundeten Basisgruppen Gottesdienste, Veranstaltungen und Stände auf Kirchen- und Katholikentagen.

In dieser Zeit, 1994/95, entstand auch das Orientierungspapier der ICL, in dem eine Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der BRD versucht wurde. Unter der Teilüberschrift "Das Weltwirtschaftssystem ist Sünde" nahm das Papier wichtige Inhalte der späteren Veröffentlichungen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) vorweg.  

Die Zeitschrift "Dritter Weg – Journal für eine solidarische Welt" wurde 1991  ins Leben gerufen und stellte für viele über vier Jahre lang ein wichtiges Diskussionsforum dar (16 Nummern). Die Redaktion der Zeitschrift wollte sich in jedem Heft drei Themenblöcken widmen:
dem theologisch-philosophischen Diskurs der Zeit (dabei wollte sie bewußt den Autoren Raum geben, die nicht den Mainstream bedienen), Problemen der sog. Dritten Welt mit umfangreichen Aufsätzen und Länderberichten sowie dem notwendigen deutsch-deutschen Dialog in den ersten Jahren nach dem Anschluss, damit die Einheit sich künftig einmal einstellt.

Die Zeitschrift wurde zum Forum unter anderem für Petra Kelly, Dorothee Sölle, Hans-Eckehard Bahr, Frei Betto, Friedrich-Wilhelm Marquardt, Marion Seelig, Horst Goldstein, Richard Faber, Reimar Gilsenbach, Marie Veit, Regine Hildebrandt, Wolfgang Eichhorn, Wolfgang Ullmann, Jörg Zink u.v.m.
Die Redaktion bemühte sich auch, ganze Hefte wichtigen historischen oder zeitgeschichtlichen Themen zu widmen. So erschien 1992 beispielsweise ein Doppelheft zu "500 Jahre Kolonialismus – 500 Jahre Widerstand" in Lateinamerika und 1993 ein Heft zum jugoslawischen Bürgerkrieg, die beide bei einer Auflage von 600 Exemplaren vergriffen sind.

Mitte der 90er Jahre begann der Schrumpfungsprozess der ICL – ein Schicksal, das sie mit allen großen und kleinen Bürgerbewegungen der Jahre 89/90 teilte. Obwohl neue Mitglieder dazustießen, ist die Gruppe stetig kleiner geworden. Viele Unterzeichner des Gründungsaufrufes waren in anderen Organisationen oder auch beruflich und politisch so stark eingebunden, dass ihnen eine aktive Mitarbeit bei der ICL nicht mehr möglich war. Mancher hat auch einfach vor der derzeitigen Unlösbarkeit der Probleme resigniert oder sich anderen politischen Zielen zugewandt. Heute gehören zur ICL neben Einzelmitgliedern, vor allem in den neuen Bundesländern, noch zwei Basisgruppen in Leipzig und Berlin.
Mittlerweile ist die ICL also nur noch ein kleiner Kreis von Frauen und Männern, der sich weiterhin bemüht, den sozialen Anliegen  der gesellschaftlich Schwachen Gehör zu verschaffen. Der Kreis versteht sich als Teil einer politische Bewegung, die inspiriert ist von der christlichen Botschaft, den Zielen der Aufklärung (wie z.B. der Universalität der Menschenrechte) und den Idealen der Arbeiterbewegung. Er möchte den Austausch über politische Zeitfragen und über unsere Lebens- und Überlebensprobleme am Leben erhalten.

Die "Initiative Christliche Linke" (ICL) ist Mitglied des ökumenischen Netzwerkes von etwa fünfzig Basisgruppen "Initiative Kirche von unten" (IKvu) und hält den Kontakt zu den ihr besonders nahestehenden Gruppen "Bund der religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands" und den "Christinnen für den Sozialismus". Die ICL ist wie andere Gruppen auch eingebettet in den konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und ist Gruppenmitglied bei "Attac".
 
          
Klaus Körner, geb. 1946, Schriftsteller und Jurist, kam politisch aus der kirchlichen Friedens- und 3.Welt-Bewegung der DDR, 1990 Mitglied der Bürgerbewegung "Vereinigte Linke", von 1991 bis 1999 Mitglied der GRÜNEN (Austritt wegen Kosovo-Krieg,), 1994 und 1998 Bundestagskandidatur für die GRÜNEN in Brandenburg (Listenplatz 2 und 3)

Werner, Manfred, geb. 1944 in Radec (heute Tschechien), studierte Regelungstechnik in Leipzig und postgradual  Fachübersetzer an der Humboldt-Universität Berlin, engagierte sich in den 60er Jahren in der Friedensbewegung im Rahmen der Katholischen Studentengemeinde Leipzig, einjährige Exmatrikulation wegen Wehrdienstverweigerung. Langjährige Tätigkeit in der medizintechnischen Forschung. Von 1991-96 ehrenamtliches Redaktionsmitglied und Gestalter von "Dritter Weg – Journal für eine solidarische Welt". Mehrere Jahre aktive Mitarbeit in der "Initiative Kirche von unten" (IKvu).