Heft 55/2006 | Rezensionen | Seite 74 - 75

Rainer Karlsch

 

Unvergleichbar? Wendepunkte deutsch-deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Einleitend setzt sich Jörg Roesler, der zu den besten Kennern der Wirtschaftsgeschichte der DDR gehört, kritisch mit den vorherrschenden me­­thodischen Ansätzen zur Darstellung der jüngeren deutschen Zeitgeschichte auseinander. Ganz überwiegend wur­de bisher die Geschichte der Bundesrepublik und der DDR als "Zweistaatengeschichte" getrennt er­­­forscht. Das mochte bis 1989 angehen, sei nun aber nicht mehr zu vertreten.

Einen ersten Versuch, wieder stär­­kere Bezüge zwischen den bei­den deutschen "Teilgeschichten" herzustellen, hat der Historiker Heinrich August Winkler in seinem lesenswerten Buch "Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte vom Dritten Reiche bis zur Wiedervereinigung" unternommen. Freilich konzentrierte sich Wink­ler da­bei hauptsächlich auf die politische Geschichte. Demgegenüber wurde bis heute keine "deutsch-deutsche" Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Aus Sicht der meisten Wirtschaftswissenschaftler gab es dafür keinen Bedarf; zu unterschiedlich seien die Rahmenbedingungen und Systeme gewesen, unter denen in West und Ost gewirtschaftet wurde. Was hat, so fragen sie, die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, die vor allem als eine Wirtschaftsgeschichte zu lesen sei, mit der gescheiteren Planwirtschaft in der DDR gemein? Prominente Historiker halten dem entge­gen, dass trotz unterschiedlicher Wirt­schaftssysteme die gegenseitigen Bezugnahmen maß­­geb­lich vom anderen Staat beeinflusst wurden. Roesler schließt sich dem an und plädiert für eine gebührende Berücksichtigung der DDR-Geschichte in allen Gesamt­dar­stellungen zur deutschen Geschichte.

Der Autor analysiert sechs Wendepunkte in der deutsch-deutschen Wirtschaftsgeschichte und kommt da­bei zu manch überraschenden Ergebnissen. Vergleichend behandelt werden die unterschiedlichen Startbedin­gun­gen der Westzonen und der SBZ, die zunehmenden Se­paratentwicklungen bis 1961, die Wirtschaftsreformen der 60er Jahre, die unterschiedlichen Reaktionen auf den Erdölpreisschock 1973 und die Wirtschaftsentwicklung der 80er Jahre. Ein kurzer Abschnitt über Annäherung und Anschluss 1989/90 beschließt den Studienband.

Roesler konstatiert in Übereinstimmung mit dem aktuellen Forschungsstand deutlich unterschiedliche Startbedingungen der beiden deutschen Staaten infolge einer ungleichen Reparationslast. Unterschiedlich gehandhabt wurde von den Siegermächten auch die Dezentralisierung der deutschen Wirtschaft. Während es Amerikaner, Briten und Franzosen bei der Zergliederung einiger Großunternehmen und Banken beließen, wurde in der SBZ die gesamte Großindustrie sozialisiert. Demokratisch legitimiert wurde die Enteignung der "Monopolisten und Kriegs­verbrecher" per Volksentscheid lediglich in Sachsen. In den anderen Ländern und Provinzen der SBZ gab es darüber kein Votum. An dieser Stelle wäre der Hinweis angebracht gewesen, dass der Volksentscheid mit Gerechtigkeit im Sinne der Prüfung individueller Schuld nichts zu tun hatte. Es ging in der SBZ um die Beseitigung der Großunternehmen, deren Schuld von der Besatzungsmacht und der KPD/SED a priori festgeschrieben war.

Im dritten Kapitel wird die Verfestigung gegensätzlicher Wirtschaftssysteme untersucht. Eine herausragende Rolle für den Erfolg der sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik spielte der Koreakrieg. Noch bestehende alliierte Restriktionen, insbesondere für die Stahlindustrie und den Schiffbau, wurden aufgehoben. Durch den "Ko­rea­boom" erhielt die Wirtschaft der Bundesrepublik einen lang anhaltenden Wachstumsschub. Wirtschaftsaufschwung und Wohlstandszunahme verliefen jedoch nicht parallel. Roesler datiert den Beginn der Konsumgesellschaft in der Bundesrepublik auf das Ende der 50er Jahre und in der DDR noch deutlich später. Wechselseitige Bezüge gab es in diesen Jahre zahlreiche. Hervorgehoben wird vor allem die Sozialpolitik, deren konkrete Ausgestaltung ohne den jeweils anderen deutschen Staat wohl anderes verlaufen wäre.

In den 60er Jahre versuchte die SED-Führung die DDR-Wirtschaft durch die Simulation von Markmecha­nismen zu modernisieren, ohne die Grundlagen der Marktwirtschaft einzuführen. Von vornherein sollten die Reformen nur auf die Wirtschaft beschränkt bleiben. Ein Para­dig­menwechsel stand Mitte der 60er Jahre auch in der Wirtschaftspolitik Bundesrepublik an. Der Staat wurde zur "Globalsteuerung" der Wirtschaft verpflichtet.

Am überzeugendsten ist Roesler immer dann, wenn er den wirtschaftlichen Wandel anhand konkreter eigener Fallstudien darstellt. So erfährt der Leser, wie es dem DDR-Werkzeugmaschinenbau bis in die 70er Jahre gelingen konnte, Anschluss an die technologisch fortgeschrittensten Firmen im Westen zu halten, und warum diese Erfolgsgeschichte keine Fortsetzung finden konnte. Spannend zu lesen sind auch die Ausführungen, über die (zu­meist erfolglosen) Versuche der Konsumsteuerung und die deutsch-deutsche Kooperation auf Unternehmensebe­ne.

In keinem anderen westeuropäischen Land ist die Reduzierung der Steinkohlenförderung so langfristig und aufwendig sozial abgefedert worden wie in der Bundesrepublik. Das war vor allem ein Verdienst der Gewerkschaften und Betriebsräte. Weniger bekannt dürfte sein, dass parallel zum "Zechensterben" an Ruhr und Saar auch im Zwickauer Revier der Steinkohlenbergbau Anfang der 70er Jahre stillgelegt wurde. Bei der sozialen Abfederung der Stilllegungen standen die Festlegungen des Ruhrbergbaus Pate.

Interessante Parallelentwicklungen konstatiert Roes­ler auch für die 1970er Jahre. In beiden deutschen Staaten begannen in dieser Zeit die Sozialprogramme, trotz aller Warnungen von Ökonomen, aus dem Ruder zu laufen. Nahezu zeitgleich wurde in der Bundesrepublik und in der DDR der Umweltschutz als ein wichtiges Staatsziel benannt. Lassen sich in der Umweltgesetzgebung eine Reihe von Gemeinsamkeiten feststellen, so trifft dies auf die Umsetzung der Gesetze nicht zu. Die Umweltschäden in der DDR waren in dieser Zeit vor allem auf Grund der geringeren Belastbarkeit des Wasserhaushaltes sowie des Einsatzes von Braunkohle als Primärenergie wesentlich größer als in der Bundesrepublik. Fehlende Öffentlichkeit, die Geheimhaltung von Umweltdaten und die Unterdrückung von Umweltaktivisten widerspiegelten das Schei­tern der Umweltpolitik der SED.

Mit heutigem Abstand betrachtet stellen sich selbst die wirtschaftlichen Problemlagen der 80er Jahre in beiden deutschen Staaten nicht komplett verschieden dar. Sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR mussten sich den Folgen des zweiten Erdölpreisschocks stellen und ihre ambitionierten Sozialprogramme überdenken. Die Kri­sen­re­aktionen fielen allerdings höchst unterschiedlich aus. Die SED-Führung erlitt mit ihrer Politik der Absenkung der Investitionen im produktiven Bereich, des Festhaltens an einem überlebten Preisgefüge und des verstärkten Einsatzes von Kohle anstelle von Öl Schiffbruch.

Leider verzichtet der Autor auf einen Vergleich der Einflussnahme des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) sowie des Bundesnachrichtendienstes (BND) auf die Wirtschaft bzw. deren Wahrnehmung der wirtschaftlichen Probleme der jeweils anderen Seite. Dabei hat er als einer der ersten Historiker den hohen Stellenwert der Überwachung der Volkswirtschaft der DDR durch das MfS und die letztlich vergeblichen Versuche einer Moder­nisierung durch illegalen Technologietransfer untersucht. Wiederholt hat sich Roesler mit der deutsch-deutschen Industriespionage auseinandergesetzt und dabei herausgearbeitet, dass die vom MfS gewonnene Informationsflut von der DDR-Wirtschaft aus strukturellen Gründen nicht verarbeitet werden konnte.1 Eine eigene Untersuchung wert wäre die Frage, welche Kenntniss der BND von der wirtschaftlichen Lage der DDR in unterschiedlichen Perioden hatte und welcher Stellenwert diesen Analysen von der Politik zugemessen wurden.

Die wechselseitigen Bezugnahmen hatten sich, so Roes­­ler, in den 80er Jahren entscheidend verändert. Für die Bundesrepublik wurde die DDR als Handelspartner zunehmend uninteressanter. Die berühmten Milliarden-Kredite von 1983 waren denn auch mehr politisch als ökonomisch motiviert. Gedanken an eine Wiedervereinigung spielten in dieser Zeit keine Rolle mehr. Die DDR ihrerseits gab den Versuch auf, das Wirtschafts- und Wohlstandsniveau der Bundesrepublik erreichen zu wollen. Es ging nicht mehr um ein "Einholen" oder gar "Überholen", wie Ulbricht es noch postuliert hatte, sondern nur noch um das ökonomische Überleben. Para­doxerweise wurde die Bundesrepublik vom einstigen Hauptfeind nunmehr zum heimlichen Hoffnungsträger der SED-Führung. Als stabilisierende Elemente erwiesen sich der innerdeutsche Handel, die Gestattungsproduktion und der inoffizieller Ost-West-Handel über den Bereich "Kommerzielle Koordinierung". Die DDR betrieb eine Politik der politischen Zugeständnisse zugunsten ökonomischer Vorteile.

Roesler fasst die Ergebnisse seiner Untersuchung the­sen­artig zusammen: Beide deutsche Saaten verfügten über das gleiche industrielle Erbe, am Beginn ihrer Staat­lichkeit standen fast gleichartige wirtschaftliche und soziale Ziele, sie verzichteten auf eine vollständige gegenseitige Abkap­selung und formulierten ihre eigene Politik bewusst oder unbewusst mit Bezug auf den jeweils anderen. Als entscheidenden Wendepunkt sieht Roesler die erste Hälfte der 70er Jahre an. Erst in dieser Zeit habe die DDR im Gegensatz zur Bundesrepublik die Fähigkeit verloren, adäquat auf neue ökonomische Herausforderungen zu reagieren. Diese Sichtweise steht im Gegensatz zu der Einschätzung anderer Wirtschaftshistoriker, die den ordnungspoliti­schen Weichenstellungen der Nachkriegsjahre entscheidendes Gewicht beimessen. Das ist ein interessanter Standpunkt, der nicht nur im Hinblick auf die deutsch-deutsche Geschichte weiter diskutiert werden sollte. Inwieweit vermögen politische Entscheidungen die Wirtschaftsentwick­lung eines Landes überhaupt nachhaltig zu beeinflussen? War alles nur systembedingt? Seit Mitte der 1990er Jahre wächst zum Beispiel die Wirtschaft in der Tschechischen Republik nahezu im gleichen Tempo wie die Wirtschaft der Slowakischen Republik, obwohl die Regierung beider Länder einen geradezu entgegen gesetzten ordnungspoli­tischen Kurs betrieben haben (auf der einen Seite eine soziale Marktwirtschaft mit hohem Staatsanteil, auf der anderen ein marktradikaler Kurs). Es gibt demnach äußere Faktoren, die zumindest für eine gewisse Zeit in ihren Wirkungen auf das Wachstumstempo von Volkswirtschaften wichtiger sein können als die innere Verfasstheit.

Der Autor lehnt den Strukturdeterminismus ab, begeht aber nicht den Fehler, das Scheitern der DDR einzelnen Personen anzulasten, wie dies Memoirenschreiber nur zu gerne tun, um damit eine Ehrenrettung des gescheiterten sozialistischen Experiment zu betreiben. Roesler lässt solche entschuldigenden Sichtweisen nicht gelten. Er sieht sowohl äußere als auch innere Momente als ausschlaggebend an und plädiert für eine Geschichtsbetrachtung nicht vom Ende her. Eine ausschließliche Fixierung auf den Diktaturenvergleich lehnt er ab.

Bleibt zu wünschen, dass Roeslers streitbares Buch zur weiteren Diskussion über die Methodik deutsch-deutscher Geschichtsdarstel­lung anregt und den Anstoß für weitere Forschungen gibt.

1     Vgl. Jörg Roesler, Industrieinnovation und Industriespionage in der DDR: der Staatssicherheitsdienst in der Innovationsgeschichte der DDR, in: Deutschland Archiv 27 (1994)/10, S. 1026-1040; derselbe, Unkonzentriert beim "Beschaffen" und Bequemwerden beim "Abkupfern"? Das DDR-Mikroelektronikprogramm und die begrenzten Möglichkeiten von Industriespionage und illegalem Technologietransfer, in:  Georg Herbstritt/ Helmut Müller-En­-bergs (Hg.) Das Gesicht dem Westen zu ... DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland, Bremen 2003.

Jörg Roesler, Momente deutsch-deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte 1945 bis 1990. Eine Analyse auf gleicher Augenhöhe, Leipziger Universitätsverlag 2006, 240 S., 3-86583-096-X, 19,- €.