Heft 56/2006 | rituale in der diktatur | Seite 42 - 44

 

"Rituale" eines anderen DDR-Alltags

Ein Interview von Elena Demke mit Silke Ahrens und Jolly Zickler

 

Wie seid Ihr zur Offenen Arbeit gekommen?
Jolly: Ich komme ursprünglich aus Jena. Als ich so 15, 16 war und mich umguckte, wo könnte eine Perspektive für mich sein, bin ich auf die Langhaarigen aus der Offenen Arbeit gestoßen, ich bin dann bald zu Hause raus, Haus besetzt. Das war gerade die aktive Zeit mit den Friedensdemos. Durch eine Ausbildung als Sozialdiakon bei der Kirche bin ich schließlich in Berlin gelandet; bei der Umweltbibliothek und beim Kirchentag von Unten war ich dann auch schon dabei. Berlin war eine Perspektive für mich – wenn schon alle meine Freunde nach Kreuzberg ziehen, sagte ich mir, ziehe ich eben in den Prenzlauer Berg.
Silke: Ich bin ursprünglich aus Wismar und kam 1984 nach Berlin. Das war ein doppelter Gedanke dahinter – ganz schnell zu Hause und aus der Kleinstadt raus. Ich hab in Berlin Lehrerin studiert, stinknormal, Hilfsschullehrerin für Deutsch, Mathe, Kunsterziehung; habe da aber schon bei einem Freund gewohnt, der sehr aktiv war in der Offenen Arbeit.

Welche Bereiche der Offenen Arbeit habt Ihr mit erlebt?
Silke: Es gab Hauskreise, offene Wohnungen, in verschiedenen Gemeinden Treffs für die Punks und das Angebot von Werkstätten. Bei den Hauskreisen hat man sich zu Themen oder auch einfach zum gemeinsamen Essen getroffen. Man ist da hingegangen, ob einen nun das Thema wie z.B. Kindererziehung besonders interessiert hat oder nicht. Es ging um die Gemeinschaft, man saß zusammen, hat gekocht. Es gab da auch die unterschiedlichsten Wohnungen, die immer sehr speziell waren, wo ganz viel Leben auf einmal stattfand. Auch größere Veranstaltungen waren immer so ne Art Familientreffen, man hat sich gefreut, einander zu sehen und hat so nebenbei seinen Horizont erweitert. Die Gruppen, in denen ich drin war, waren eigentlich zwei Gruppen in einer: Das eine war so eine Spaßfraktion der jüngeren Leute, die immer sagten, Spaß ist das, was wir haben wollen, und zwar hier, auch in diesem Land; und dann waren da die Älteren, die mehr Erfahrungen hatten, die Veranstaltungen konkret vorbereitet haben. In der Offenen Arbeit ging das halt zusammen: Auseinandersetzung mit wichtigen Themen und Freunden, Spaß haben, Parties, und die Zöpfe der alten Männer ein bisschen lang ziehen. Wir haben einfach deren Rituale gehörig auf die Schippe genommen. Das war spaßig und wir haben trotzdem viel voneinander gelernt.
Jolly: In Jena war das anders. Offene Arbeit und Friedensbewegung, war mehr wie ein Kreis. Nachdem 1983 die Älteren ausgereist waren, waren wir auf einmal ca. zwanzig 16-20jährige. Wir wollten, dass es weitergeht, aber es gab keinen mehr, den man fragen konnte, so haben wir das Fahrrad neu erfunden: Hauskreise, Hausbesetzungen. Natürlich waren die wenigen Älteren, die noch da waren, ganz wichtig. Sie brachten Kontakte ein oder Literatur, ohne dass wir den Eindruck hatten, dass sie uns irgendwas aufdrücken wollten.

Wer waren die »Älteren« in Berlin? Welche Rituale habt Ihr auf die Schippe genommen?
Silke: Die kamen mehr aus dem Sozialdiakon-Umfeld, aber einige konnten in diesem Bereich nicht mehr arbeiten, weil sie ständig angeeckt sind. Die hatten häufig so den Drang ein kleiner Politiker zu sein und kamen eher aus der langhaarigen Blueser-Szene. Sie hörten Biermann und Renft und lasen Havemann. Die Haare von uns Jüngeren wurden dagegen immer kürzer und irgendwann waren sie gar nicht mehr da. Musikalisch wollten wir uns deutlich von den Hippie-Geschichten und Liedermachern abgrenzen und mit Musik auch Wut ausdrücken. Insofern war Punk der Ausdruck unseres Empfindens. Die Langhaarigen haben auf Parties mehr so verzückt hin und her getanzt mit so weichen Bewegungen. Und bei den Punks ist das genau das Gegenteil, mehr so ein Zackiges, Springen und Anrempeln, und trotzdem solidarisch.
Wir hatten auch eine andere Lebensgeschwindigkeit, wir waren ständig unterwegs – wir waren auf der Suche, nach Freunden, nach Männern, nach Frauen, nach Inhalten, nach einem Platz in diesem Land oder auch nicht, aber wir mussten das selbst erfahren, uns hat es nicht gereicht zu lesen. Bei uns sind schnell die Schotten runter gegangen bei zuviel Theorie. Wir haben Referenten unterbrochen und aufgezogen, bis sie auf uns eingingen. Wir haben alles in Frage gestellt, nach dem Motto: die können uns ja viel erzählen von irgendwelchen Traditionen oder Strukturen. Wir haben sie nicht zur Ruhe kommen lassen, haben sie immer wieder gestört oder haben uns ausgeklinkt bei bestimmten Sachen, zum Beispiel wenn die Älteren ihre Machtkämpfe und Guru-Spielchen austrugen. Wir nahmen auch die Gefährlichkeit von irgendwelchen Aktionen nicht so ernst, und dann wurde uns unterstellt, wir bringen die Gruppe in Gefahr. Aber wir wollten das gefälligst selbst ausprobieren, was gefährlich ist, und uns das nicht von den Älteren sagen lassen. Eigentlich waren das Familienrituale: Provozieren, man wollte nicht nur wissen, wie der andere denkt, sondern auch, ob man mit denen leben kann.

Wie sah der Alltag aus?
Jolly: Irgendwann, als die ersten ihre Jobs in der sozialistischen Produktion gekündigt hatten, führten wir sofort das Jena-weite Arbeitslosen-Frühstück ein. Außer dem gemeinsamen Essen gab es bei uns vor allem Feiern, eigentlich haben wir dauernd und alles gefeiert, mehrfach die Woche, große und kleine Parties. Die waren so halb privat, halb über bestehende Gruppen. Da kam beispielsweise eine Anfrage von der Gruppe Homosexueller, die brauchten einen Raum zum Feiern, und dann kamen da alle zusammen: Langhaarige, Punks, die Schwulen …
Silke: Wir haben uns am frühen Nachmittag nach der Uni oder Arbeit getroffen. Diejenigen, die bei der Volkssoli gearbeitet haben, brachten Reste-Essen mit. Da habe ich das das erste Mal mitbekommen, dass es auch schön sein kann, zusammen zu essen. Nebenher habe ich dann irgendwie meine Studienarbeiten gemacht in der kleinen Wohnung, die eine offene Wohnung war. Das war ein großer Kessel mit vielen Leuten. Im nachhinein weiß man, auch mit vielen Stasi-Leuten, die es bei uns einfach hatten, erst mal reinzugucken. Wobei sie meist nicht so lange geblieben sind, weil die Strukturen nicht durchschaubar waren – denn wir hatten ja keine. Es war pralles Leben, da waren Spaßaktionen, da waren thematische Sachen, irgendwelche praktischen Dinge – das ging ineinander über und insofern war auch das Freundschaftsgeflecht sehr, sehr eng. Es war für Spitzel auch schwer, weil man ja quasi mitleben musste, alle wussten, was jeder macht von früh bis spät. Kinder waren mit dabei. Die waren dann einfach mit dabei in den offenen Wohnungen. Es gab bei uns nie so einen Gruppenclinch wie bei den homogenen, thematisch arbeitenden Gruppen, die ich später kennen lernte.  

Eure Wohnungen hatten außen eine Klinke?
Silke:
Das war anstrengend …
Jolly: Aber es war schön.
Silke: Dahinter stand so der Gedanke, was wir im Großen wollen, müssen wir auch im Kleinen machen. Auch die Leute aus dem Haus kamen dazu, anfangs klopften sie noch, und dann kamen sie immer öfter einfach so rein.
Jolly: Das kam so automatisch: Wohnung aufbrechen bei der Besetzung, Gardinen ran, damit’s bewohnt aussieht, und Klinke außen dran – das geschah in einem Atemzug.
Silke: Ich bin da gleich so mit hineingeraten, das war aufregend, aber das hieß auch, wenn ich dann zum Beispiel was arbeiten wollte fürs Studium, kam eben jemand rein und saß einfach mit da, quatschte einen an und man mochte ja nicht unbedingt jeden …
Wie war das mit Begrüßungen?
Silke: Man hat Hinz und Kunz geküsst beim Begrüßen, mir wäre das nie aufgefallen, das das komisch ist.
Jolly: Ich bin nicht so ein Berührungsmensch, mir ist das manchmal richtig aufs Schwein gegangen: Du kommst zu einer Party und musst erst einmal 30 Leute umarmen und küssen.
Silke: Noch heute umarmen ich manche, bei denen ich das gar nicht will, das war eben so rituell, dass man das schon gar nicht mehr merkt und nicht drüber nachdenkt, warum. Vor einem Konzert zum Beispiel hat man erst einmal alle so durchgedrückt. Das war aber auch angenehm, wenn man neu hinzukam, und gleich umarmt und geküsst wurde: Da hatte man deutlich das Gefühl, dass man dazugehört, ohne, dass einem das nun feierlich gesagt wurde.
Jolly: Es gab aber auch ganz individuelle Anredeformen. Silke und ich zum Beispiel, also, sollen wir das mal vormachen ... [Beide lachen]?

Wie seid Ihr mit staatlichen und kirchlichen Ritualen umgegangen?
Jolly: Wir haben versucht, diese Realsatire mit zu leben, z.B. hatte ich lange überm Bett den Spruch hängen: »Freiheit für Nicaruga«. Das hatte wirklich jemand geschrieben, der nicht so gut war in Rechtschreibung.
Silke: Wie war das noch mit »no parmesan« (statt »no paseran«)? Die Slogans haben wir überhaupt gerne verdreht. Von der Sowjetunion lernen, heißt siechen lernen – und ähnliche. Die Theaterleute aus der Offenen Arbeit haben mal ein Stück über »MUP« gemacht, also die kyrillische Schreibweise des russischen »MIR« für Frieden deutsch gelesen, und damit die Sinnleere der Phrase als Ausgangspunkt eines ganzen Theaterstücks genommen.
Jolly: Ich hatte mal auf Arbeit einen Orden bekommen, Kollektiv der sozialistischen Arbeit. Ich bin dann so wahnsinnig gern mit diesem Orden durch Jena gelaufen, und bekam bald immer mehr Orden geschenkt. Irgendwann wurden mir die dann zu schwer, da habe ich eine »sozialistische Ecke« in unserer offenen Wohnung eingerichtet.
Silke: Wenn irgendwelche Demonstrationen angesagt waren, so wie die Luxemburg- Liebknecht-Demonstration im Januar, wurden wir Studenten ja alle dort hinbestellt. Ich bin natürlich nicht gegangen. Da wurde ich dann angezählt, und habe immer einen kleinen Vortrag gehalten über Rosa Luxemburg, da konnten die Dozenten dann wenig sagen, weil ich mich als einzige inhaltlich wirklich damit befasst hatte.
Jolly: Wir haben auch versucht, Rituale neu zu füllen, zum Beispiel bei den Friedensdemos. 1983 machten wir zum gleichen Termin wie die staatliche Demonstration zum Jahrestag der Bombardierung Jenas eine Demo, ein anderes Mal meldeten wir eine an, da hat dann der Staat zum gleichen Termin eine organisiert und verbot unsere mit der Begründung, dass er doch selber eine macht.
Silke: Sehr oft haben wir kirchliche Rituale genutzt, zuerst in der Offenen Arbeit und später in der Kirche von Unten: Da haben wir dann eine thematische Veranstaltung in einen Gottesdienst gepackt. Manche bei uns hatten einen Bezug zur Kirche, für mich aber war das ganz fremd und ich fand das immer komisch. Ich dachte immer: Klar, einen Gottesdienst kann jeder machen, das steht nicht nur der organisierten Kirche zu. Aber es war natürlich seltsam, denn es war nicht mein Ritual. Wir machten etliche solche Veranstaltungen mit allen Riten eines Gottesdienstes. Mein erster Auftritt in einer Kirche war bei einer Synode, da haben wir Blätter von der Empore geworfen. Da gab es dann auch etliche Gespräche hinterher. Wenn wir uns zu Verhandlungen über Räume für unsere Arbeit zur Kirche eingeladen hatten, gab es zu Beginn immer eine Andacht mit denen zusammen. Ich habe dabei aber nie mitgebetet. Wenn man in den Verhandlungen saß, hat man auch seine Sprache verändert, weil ich halt meinte, die denken anders. Ich wusste zum Beispiel, dass Herr Stolpe mir als Frau sowieso schon kaum zuhört, und um ihm irgendetwas klar zu machen, muß ich halt seine Sprache übernehmen. Insofern habe ich mich da schon verdreht, um der Sache willen. Es wurde aber auch von Kirchenseite unterstellt, dass wir deren Rituale missbrauchen.
Jolly: Das Schlangestehen im Osten war ja eher ein gesellschaftliches Ritual. Da haben wir uns dann in der Mittagspause – wir als Arbeitslose hatten ja Zeit dazu – einfach mit zehn Leuten an dem Schallplattenladen angestellt. Kurz vor Ladenöffnung um drei sind wir dann lachend weggegangen. Inzwischen hatte sich natürlich schon eine lange Schlange gebildet, weil alle dachten, es gäbe eine »Lizenzplatte«. Da kamen wir uns schrecklich revolutionär vor.
Silke: Dieses Ritual, nur, weil da jemand steht, stellt man sich dahinter, egal, was es gibt und ob man das braucht – das machte meine Mutter immer. Ich konnte das später nie, mich anstellen, auch dann nicht, wenn ich etwas wirklich brauchte.
Jolly: Dann gab es in Jena in den 70er Jahren ein besetztes Haus mit Spruchband draußen, »Wie jedes Jahr am Ersten Mai, sind wir für Losung Nummer zwei« – die landeten dann alle bei den Bullen. Das wurde natürlich kolportiert und wir sind in guter »Kunden-Tradition« zur 1.-Mai-Demo gegangen und haben diesen als Sprechchor skandiert.

Silke Ahrens, geb. 1964: ist glücklich und arbeitet in einer Druckerei;
Jolly Zickler, geb. 1965: ist glücklicher Arbeitsloser

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