Heft 56/2006 | rituale in der diktatur | Seite 44 - 46
Barbara Lubich
"Die Schamanin"?
Fine Kwiatowski - Eine politische Kunstfigur der DDR der 80-er Jahre
»Die Pantomimin FINE Kwiatkowski zählt nicht nur zu den führenden Künstlerinnen unseres Landes, sondern auch nach Auskunft von Fachkritikern zu den eigenwilligsten. […].«1
So berichtete die Zeitschrift NBI im Jahr 1984. Tänzerin, Pantomimin oder Performerin - für ihre Art aufzutreten gab es keine eindeutige Definition.
Monika Kwiatkowski wurde 1956 in der Nähe von Bochum geboren und kam mit ihren Eltern Ende des Jahres in die DDR. Als Kind war sie mit der Mutter in einer Artistengruppe, später wurde sie Leistungssportlerin.
1978 trat sie in das von Eberhard Kube geleitete Pantomimentheater Prenzlauerberg ein. Aus dieser Zeit stammt ihr Künstlername FINE (ital. »Schluss, Ende«), der auf ihre Entschiedenheit und Kompromisslosigkeit anspielt. Sie war Mitglied des Pantomimen- ensembles des Deutschen Theaters in Berlin und Regieassistentin am Theater in Frankfurt/Oder.
1982 gründete sie mit drei Musikern2 die Gruppe FINE und tourte durch die DDR; außerdem arbeitete sie mit verschiedenen bildenden Künstlern3 zusammen, die sich durch ihre Figur inspirieren ließen: In ihren Bildern, Super-8-Filmen und Aktionen wurde FINE zur Ikone.
Ihre Tanzimprovisation und das »Schockpotential« ihres Auftretens machten sie bekannt. So entstanden Eindrücke wie der folgende:
»Im Spannungsfeld der feinnervigen Strukturen improvisierter Musik und der teilweise beklemmenden Bewegungen von Fine Kwiatkowski werden die festgefahrenen Genrevorstellungen von Musik und Tanz aufgehoben. Ein Eindruck, dem man sich schwer entziehen kann, entsteht. FINE beschönigt nichts, sie provoziert in ihrer Balance zwischen Abstoßen und Anziehen und ruft damit Publikumsreaktionen hervor, die entweder eine totale Ablehnung oder eine völlige Annahme des Erlebten beinhalten. Doch auch in diesem Punkt trifft das Konzert der Gruppe FINE den Zuhörer bzw. Zuschauer, und er wird zur Stellungnahme herausgefordert.«4
Ihre Performances wurden als stark emotionsgeladen erlebt. Dementsprechend kann vermutet werden: die Zuschauer wurden durch sie herausgelöst aus ihrem Alltagsleben und in einen Zustand der Unsicherheit versetzt. Dies mag völlig neue, zum Teil verstörende Erfahrungen ermöglicht haben.
Damit klingt jene Art von »Schwellenerfahrung« an, die etwa auch Übergangsrituale kennzeichnet. Die Schwellenerfahrung in einer künstlerischen Aufführung ist an jenen Moment der Ungewissheit gebunden, in dem der Zuschauer das Erlebnis deutet. Durch die Interpretation des ästhetischen Erlebnisses ordnet er seine Wahrnehmung der Wirklichkeit. Er kann der Meinung sein zu wissen, welches die Botschaft des Kunstereignisses sei, und dementsprechend Bestätigungen finden; er kann aber auch irritiert sein und denken, er wüsste nicht, was man damit anfangen soll. Die Interpretation geschieht keineswegs in einem leeren Deutungsraum, doch sie bleibt offen: somit liegt in diesem Moment der Ungewissheit auch die Möglichkeit der Politisierung des Ereignisses, d.h. der Zuschreibung einer Stellungnahme gegenüber der herrschenden Machtkonstellation.
Im Folgenden soll gezeigt werden, wie die Offenheit von FINE’s Kunst dazu führte, dass sie seitens der DDR-Presse, der westlichen Presse und seitens des MfS in unterschiedlicher Weise politisiert wurde.
Die ostdeutsche Presse ordnete sie trotz des ihr fehlenden Berufsausweises in den Rahmen der Legitimität ein, nämlich als »eigensinnigste Tänzerin« der Avantgarde. Damit klang die Tradition des Ausdruckstanzes an, obwohl FINE’s Bewegungsart nichts mit der gängigen Vorstellung dieser Körpertechnik zu tun hatte. Die Improvisation galt aber als ein wichtiger Aspekt dieser Tradition, die mit Gret Palucca nach dem Krieg trotz ideologischer Vorbehalte – »Der sogenannte Ausdruckstanz bedeutet das Abgleiten in unbegreifbare Ausdrucksformen, Unverständlichkeit, Mystizismus und folglich Formalismus«5 – in der DDR überlebt hatte.
Ähnlich hatte der Jazz, der in den 50er Jahren als kulturelles Produkt des Westens verpönt gewesen war, in der DDR Fuß fassen können; der DDR Free-Jazz war schließlich Exportartikel geworden. Insofern gab es im Land des Sozialistischen Realismus Erfahrungen mit Kunstformen, die auf der Unberechenbarkeit von Improvisationen beruhten.
Dies mag teilweise erklären, warum FINE in der DDR öffentlich agieren und mit ihrer Gruppe in Theatern, vor allem aber in Kulturhäusern und Studentenklubs auftreten konnte; und das, obwohl ihre Auftritte als »existentielle Verkörperung des Lebens – und Freiheitswillens« deutbar waren und somit in potentieller Konkurrenz mit der »repräsentativen Verkörperung der Herrschaft« standen.6
In den Berichten der DDR-Presse wurde das gegenwartskritische Potenzial von FINE’s Auftritten nicht hervorgehoben. Dies lässt sich beispielhaft an den Kommentaren zu ihrer Mitwirkung in Lutz Dammbecks aktionskünstlerischem Projekt HERAKLES zeigen.
In diesem Projekt verschmelzen die Vorstellung des Helden Herakles und die des eigensinnigen Kindes aus dem Grimmschen Märchen und werden durch FINE verkörpert: »…Der auf der Bühne agierende Mensch (FINE)… führt vor, wie ein Teil des deutschen Volkes vom Faschismus (symbolisiert durch die Figuren des Nazi-Bildhauers Breker) verblendet wurde … und wie es ihm schließlich gelingt, sich aus den Klauen des Faschismus zu befreien (Zerstörung des Turmes). Das Gefangensein in der Pyramide deutet an, dass der Mensch mit dieser einen Befreiung nicht aller Gefahr entronnen ist. In der letzten Filmsequenz nimmt Dammbeck vorweg, dass auch diese Gefahren zu bannen sind (Befreiung aus der Pyramide); auf der Bühne – in der Realität – sieht Dammbeck die Situation klar: Wir leben in einer noch gefährdeten Zeit … Das Unbehagen wird hier körperlich ...«7.
Die westdeutsche Presse sah dagegen in FINE anlässlich einer weiteren Aufführung des gleichen Projektes eine »Schamanin des Protestes« der Jugend gegen den bornierten SED-Staat:
»Das Konzert begann mit einem Star innerhalb der Scene …, mit »FINE«, einer ekstatischen Schamanin, die als Herakles …gegen die perversen Ideale einer Führergeneration ankämpfte. … Die Ausstrahlung dieser Frau hatte etwas von einer Ikone, einer dämonischen Ikone. Man spürte körperlich die Energie, die von ihr ausging, und die sie in ihren Bewegungen vorwärts riß. Ein Mann in einem Overall schrieb rechts und links, auf den noch übrig gebliebenen Plakatwänden Wörter und Sätze; Tenor: Massenkultur berge immer die Gefahr des Faschismus in sich.«8
Das MfS verwendete selbstverständlich ebenfalls politisierende Interpretationsmuster.
Oberleutnant Heydel fasste im Eröffnungsbericht des Operativen Verfahrens »Pantomime« das über mehrere Jahre gesammelte Material zusammen:
»Von besonderer operativer Relevanz ist die Teilnahme der K. an der sogenannten »Intermedia I« am 1. und 2. 6. 85 im Kulturhaus Coswig … [Das Festival, in dessen Rahmen die Performance stattfand, B.L.] Der Leitgedanke Dammbecks offenbart sich in der Aussage ‚Die moderne Form der Faschisierung ist die Mobilisierung der kollektiven Unaufmerksamkeit und der Passivität.’«9
Während der Journalist aus dem Westen den Satz so wiedergegeben hatte, dass er an die Rhetorik der 68er Studentenbewegung erinnerte (»Massenkultur berge immer die Gefahr des Faschismus in sich«), lässt die Fassung im Stasi-Bericht sich noch sehr viel deutlicher als DDR-Kritik lesen.
Tatsächlich orientierte sich der Mitarbeiter des MfS in der Einordnung der vieldeutigen Performance an den Reaktionen der Westpresse.
Die West-Berliner Zeitschrift Zitty etwa hatte zum Festival Intermedia 1 geschrieben:
»Infernalische Drum-Explosionen bildeten das Gegengewicht zu den mit Wut vollführten Malattacken. Das Publikum, eine Mischung aus Punks, Künstlern und Normalverbrauchern, stand im Kreuzfeuer der Aktion. Rohe Energie powerte den volkseigenen Alltagsfrust heraus und der Saal kochte. Viele der intermedialen Künstler wagten sich vor in die bisher noch nicht von der Kulturbürokratie vermessenen Zwischenzonen, die den Übergang von einer Kunstform in eine andere ankündigen …Der intermediale Gedanke definierte sich an den beiden Abenden in erster Linie als Affront gegen die bestehenden, erstarrten Strukturen. ... Fernab der institutionalisierten Öffentlichkeit bilden sich so Enklaven, die jungen Künstlern Selbstfindung ermöglichen und sie mit einem kleinen Kreis von Anhängern verschweißen, der die neue Identität mitlebt.«10
Während der »intermediale Gedanke« spätestens in den 80er Jahren in der öffentlichen Presse der DDR als mögliche Kunstvorstellung eher hingenommen als verpönt wurde, war das MfS alarmiert, wie aus FINEs Stasi-Akten hervorgeht:
»Bedeutsam erscheint in diesem Zusammenhang, dass durch eine westliche Presseveröffentlichung darauf verwiesen wurde, dass sich mit der »Intermedia I« eine Kunstproduktion artikulierte, die sich »autoritären Prinzipien widersetzt und […] das von den DDR Künstlerverbänden immer wieder […] zementierte Nebeneinander der Künste vom Sockel stürzt…«
Damit ist der Charakter dieser Veranstaltung als Alternative zum Kunstbetrieb in der DDR festgeschrieben.«11
Laut dem Stasi-Bericht schützte das vermutete Bewusstsein westlicher Öffentlichkeit FINE vor Repression:
»Der konkrete Beitrag besteht nach bisherigen Erkenntnissen darin, dass sie mit ihren künstlerischen Ausdrucksformen alternative Kunstbestrebungen und den Missbrauch künstlerischer Ausdrucksmittel unterstützt.… Operativ bedeutsam ist, dass die K. durch ihre Auftritte zwangsläufig ins Bewusstsein einer Öffentlichkeit in der DDR und teilweise in der BRD gelangt. Diese Öffentlichkeit ist zumindest politisch indifferent und geeignet, auf mögliche Sanktionen gegenüber der K. zu reagieren.«12
Anders als die meisten ihrer Freunde, mit denen sie Anfang der 80er Jahre gearbeitet hatte, verließ FINE die DDR nicht. Sie wurde 1989 Protagonistin einer ihr gewidmeten Kollektiv-Ausstellung in der Galerie EIGEN+ART in Leipzig.
FINE verkörperte ein abstraktes Wesen, das als Projektionsfläche funktionierte. Ihr Körper – durchtrainiert und doch filigran; ihr Gesicht – kindlich und zugleich mit kahler Frisur androgyn wirkend; ihre Bewegungen – Linien zeichnend oder mit sich steigernder Intensität die Extremitäten lockernd, sorgten für Ungewissheit beim Zuschauer.
Hinzu kamen provokante Handlungen: »Ich bin … unheimlich frech gewesen, ich bin in die Leute rein, ich habe die Taschen genommen, die Taschen aufgemacht, das Buch rausgenommen, aus dem Buch vorgelesen, das Buch wieder reingepackt, ich bin auf die Leute raufgeklettert, ich habe mir nie einen Kopf gemacht, »Was tue ich denen eigentlich damit an?« … Ich glaube, in der Frechheit habe ich immer das Gefühl gehabt, bei den Leuten darf ich, aber ich glaube, ich habe manche Grenzen überschritten.«13
Während die Presse und das MfS die so entstehende Ungewissheit mit ihrem jeweiligen Feind- und Wunschbild füllten, erlebten die Zuschauer vor Ort das Ereignis am eigenen Körper. Inwieweit FINE und ihr Tanz für sie ein politisches Erlebnis wurde, muss hier ungeklärt bleiben.
Barbara Lubich, geboren 1977 in Italien; Doktorandin des Internationalen Graduiertenkollegs »Politische Kommunikation von der Antike bis zur Gegenwart« Universität Trento (Italien) – J.-W. Goethe Universität Frankfurt am Main
1 Joachim Maaß: »Körper und Raum«, NBI, April 1984, S. 22.
2 Dietmar Diesner, Lothar Fiedler, Christoph Winckel.
3 Vor allem Lutz Dammbeck, Christine Schlegel, Helge Leiberg.
4 Frank Rüdiger: »Musik in Bewegungen, Bildern und Geschichten umgesetzt – Nicht alltägliches Jazz-Konzert mit der Gruppe FINE«, Thüringer Tagesblatt, 30.10.1984.
5 Der Kampf gegen den Formalismus in der Kunst, Tagesordnungspunkt 7 der fünften Tagung des Zentralkomitees der SED, 15. –17. März 1951, SAPMO-Barch, DY 30/IV 2/1/094, Zentrales Parteiarchiv, Bestand ZK der SED, Tagungen des ZK, Bl.44-60, S. 51.
6 Vgl. Karl-Siegbert Rehberg: »Verkörperungs-Konkurrenzen. Aktionskunst in der DDR zwischen Revolte und ‚Kristallisation’ «, in Christian Janecke (Hrsg.): Performance und Bild / Performance als Bild, Philo Fine Arts/Verlag der Kunst, Berlin/Dresden 2003.
7 Peter Guth: »La Sarraz Aktionsabend von Lutz Dammbeck«, Sächsisches Tagesblatt, 4.7.1984.
8 C.Reveal: »Avantgarde-Treffen in Sachsen – Intermedia 1«, TAZ, Anfang Juni 1985.
9 Eröffnungsbericht OV »Pantomime«, 3. Juni 1986, BstU Archiv der Zentralstelle, MfS HA XX Nr. 14240, 000042.
10 Britta Lagerfeldt: »DDR multimedial und atonal »Intermedia Festival in Coswig«, zitty Nr. 13/1985, S. 38-39.
11 Eröffnungsbericht »Pantomime«, 3. Juni 1986, BStU Archiv der Zentralstelle, MfS HA XX Nr. 14240, 000047.
12 Ibidem, 000047.
13 Fine Kwiatkowski im Interview mit der Autorin in Dresden am 25. April 2005.


