Heft 56/2006 | Rezensionen | Seite 73 - 74
Thomas Ahbe
"Mühen des Herzens und des Verstandes"
Geschichte, die noch qualmt
Rezension zu: März, Peter, Hans-Joachim Veen (Hg): Woran erinnern? Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur. Böhlau Verlag Köln, Weimar, Wien, 269 S. ISBN: 3-412-37405-9, 24,90€.
Der Band dokumentiert Vorträge und eine Podiumsdiskussion eines internationalen Symposiums auf Schloß Ettersburg bei Weimar, welches sich dem Kommunismus als Gegenstand deutscher Erinnerungskultur widmete. Erinnerungskultur galt hier – einem Diktum Hans Günter Hockerts folgend – als "lockerer Sammelbegriff für die Gesamtheit des nicht spezifisch wissenschaftlichen Gebrauchs der Geschichte für die Öffentlichkeit." (S. 11) Dementsprechend äußerten sich Zeitgeschichtler, Leiterinnen und Leiter von Museen und Gedenkstätten, Politiker, der ehemalige Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und seine Nachfolgerin.
In seinem einleitenden Beitrag problematisierte Hans-Joachim Veen, daß die "Prädominanz der NS-Vergangenheit im Geschichtsbewußtsein der Deutschen" der "Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur bis heute nicht hinreichend Geltung verschaffen" würde. Bei der Aufarbeitung der DDR könne es "nicht um fragwürdige Gleichsetzungen beider Diktaturen gehen", statt dessen müsse sich die Erinnerung an die kommunistische Diktatur "von allen Analogieversuchen emanzipieren" und die Besonderheiten der Herrschaftsausübung in der DDR, "ihrer Widersacher und Opfer" herausstellen. Zur Zeit sei "ein Trend der Verharmlosung, wenn nicht der nostalgischen Verklärung der DDR" festzustellen. Veen diagnostiziert: "Das gewalttätige Gesicht der SED-Diktatur verflüchtigt sich mehr und mehr in fürsorgliche, friedliebende, antifaschistische und sozial gerechte Beschönigungen." Das sei nicht nur ärgerlich, sondern "tendenziell antidemokratisch", weil es "die jüngere Generation desensibilisiert statt immunisiert gegenüber ideologischen und populistischen Gefährdungen, denen die freiheitliche Demokratie ... ausgesetzt ist." ( S. 8f.)
Die Konzeption des vorliegenden Bandes, der sich eigentlich nur mit dem "Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur" beschäftigen will, illustriert dann, daß die DDR-Diktatur nur innerhalb des politischen, ideologischen und mentalen Dreiecks zu deuten ist, welches sich zwischen der nationalsozialistischen Diktatur und den beiden verfeindeten Nachkriegsstaaten auftut: Zwei wichtige Aufsätze thematisieren "das Kommunismusbild in der alten Bundesrepublik", die bundesdeutsche Vergangenheitspolitik und die westdeutsche Erinnerung an den Nationalsozialismus. Auch in Volkhard Knigges Aufsatz wird diese Verschränkung deutlich. In "Die Umgestaltung der DDR-Gedenkstätten nach 1990. Ein Erfahrungsbericht am Beispiel Buchenwalds" zeigt er zunächst, wie sich der offizielle Antifaschismus der DDR auf den Nationalsozialismus bezog, wie die Tradition des Widerstands und das Gedenken an die Opfer verengt und instrumentalisiert wurde – gegen Gegner des jeweiligen SED-Kurses und gegen die Bundesrepublik und ihr Führungspersonal. Das 1945 unzerstört befreite Lager Buchenwald ließen die DDR-Machhaber 1950, nach Auflösung des sowjetischen "Speziallagers Nr. 2", fast vollständig abreißen, um 1958 die "Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald" – weniger als "eine geschichtswissenschaftlich fundierte Gedenk- und Bildungsstätte", sondern vielmehr, wie Knigge schreibt, als "erstes Nationaldenkmal der DDR" – einzuweihen. "Den einen war sie tatsächlich legitimes Nationaldenkmal am Zentralort (deutschen) antifaschistischen Heldentums, ausgewählte Gruppen ehemaliger KZ-Häftlinge hatten hier – über die DDR hinaus – höchste Würdigung, andere tiefe Mißachtung bzw. nie wirklich Zugang zur Teilhabe erfahren. Ehemalige sowjetische Internierte hatten ihre Geschichte gleichsam verschlucken müssen und die Tilgung ihrer Spuren, einschließlich der Verwischung ihrer Gräber, erlebt." (S. 95f.) Der Autor, seit 1994 Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, informiert darüber, wie in den 90er Jahren die Aufarbeitung ihrer doppelten Geschichte zu einem Lehrstück demokratisch strukturierter Erinnerungspolitik wurde – sowohl, was das integrierende Potential dieses Ansatzes betrifft als auch die Ebene des veröffentlichten Konflikts. Integrativ vollzog sich die nun durch eine unabhängige Stiftung getragene Neukonzeption nicht nur, weil sie von einer Historikerkommission und dem ganzen Spektrum nationaler und internationaler Opferverbände orientiert wurde, sondern auch, weil sich das Personal der DDR-Buchenwald-Gedenkstätte an der Neukonzeption beteiligen konnte. "Statt pauschal vorzuverurteilen, setzte diese Empfehlung auf überprüfbare Bewährung durch Arbeit an der Sache und gegebenenfalls auf dienstrechtlich zu sanktionierende Nicht-Bewährung." (S. 98) Das sei, so Knigge "riskant" und "mutig" gewesen, habe sich aber "gelohnt". Zugleich sah sich der Aufbau der beiden Gedenkstätten mancherlei Angriffen ausgesetzt. Während die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Bild-Zeitung skandalisierten, daß in Buchenwald "Rote Socken" das DDR-Geschichtsbild konservierten, befürchtete das Neue Deutschland, daß der Antifaschismus zerschreddert würde – und der Verband der Opfer des Stalinismus zeigte Volkhard Knigge wegen "Volksverhetzung" an.
Daß Erinnerung nicht nur Erlebtes abbildet, sondern mit Blick auf aktuelle Bedürfnisse – nämlich nach Integration und Kommunikationsfähigkeit – konstruiert, diskutiert Ehrhart Neubert. Er beschreibt vier ostdeutsche und drei westdeutsche Erinnerungstypen. Den ersten ostdeutschen nennt er die "Lebenslänglichen". Sie haben, wie etwa Peter Sodann, Daniela Dahn oder auch bestimmte ehemalige Oppositionelle, den Untergang der DDR begrüßt, könnten sich aber "innerlich" nicht "von der Erfahrung in und mit diesem Staatsgebilde lösen" und verfaßten nun eine Art postsozialistische "Trotzgeschichte". Der zweite Typ, "die Gezeichneten", gerate wegen "unfruchtbaren Erinnern[s]" in eine "lähmende Unfähigkeit, die neuen Freiheit als Chance wahrzunehmen". Der dritte Typ die "Wendigen", erklärte sich selbst, und der vierte, der der "Wächter", wache "über die richtige Lesart der kommunistischen Geschichte." Die "Wächter" fände man sowohl im Lager der engagierten DDR-Feinde wie -Verteidiger. "So lästig sie manchen auch erscheinen mögen, werden sie dringend gebraucht, da es ihnen nicht an dem eher selten gewordene Mut zum eigenen Urteil fehlt." (S. 170ff.) Warum in dieser anregenden Typologie zu den "Lebenslänglichen", die sich nicht lösen könnten, nur linksorientierte Akteure zählen und nicht auch andere, beispielsweise die lebenslänglich engagierte Freya Klier, Vera Wollenberger oder vielleicht Günter Nooke, bleibt vorerst Neuberts Geheimnis. Zu den westdeutschen Erinnerungs-Typen zählt er die "Belästigten", die "Mythologen" und die "Neidischen". Letztere sprechen den Ostdeutschen "die Kompetenz zur Selbstbefreiung ab." Genau diese Selbstbefreiung will Günter Nooke als "Aktivposten" in der Zeitgeschichte verankert sehen. In seinem Aufsatz vollzieht er die Diskussion um "ein Denkmal für die Einheit in Freiheit" nach. Durch eine solche "Gründungslegende", die der Berliner Republik immer noch fehle, würde ein Mythos entstehen, der die Ostdeutschen nicht in der Rolle von Einverleibten sähe, sondern als die "Eroberer ihrer eigenen Freiheit." (S. 122) Allerdings müßte Nooke noch erklären, warum man für einen solchen Feiertag nicht den 9. Oktober 1989 – als in Leipzig tatsächlich ein Durchbruch bei der Eroberung der Freiheit erzielt wurde –, oder den 9. November 1989, als die Grenzen geöffnet wurden –, sondern den bürokratisch ausgehandelten 3. Oktober 1990 präferieren sollte.
Der Band diskutiert noch andere Aspekte der Erinnerung, so auch die Geschichte der KZ und sowjetischen Speziallager in Sachsenhausen, des Stasi-Gefängnisses in Hohenschönhausen sowie die Geschichte der in nationalsozialistischer, sowjetischer und DDR-Regie geführten Haftanstalten in Bautzen. Die Konkurrenz der Erinnerung zeitigte in Bautzen einen zu Buchenwald spiegelverkehrten Effekt: "Die NS-Vergangenheit des Haftortes hat sich ... nicht im Gedächtnis der Deutschen verfestigt", konstatiert Silke Klewin.
"Erinnerungsarbeit", so resümiert Knigge am Ende seines Aufsatzes, "ist schmerzhaft und kostet Mühen des Verstandes und des Herzens. Aber sie ist möglich und kann befördert werden durch eine Gedenkstättenarbeit, die ernst nimmt, daß Erinnerung ohne begründetes konkretes historisches Wissen schnell zur Manipulation wird; die bedenkt, daß Gelände- und Ausstellungsgestaltungen die Nutzung und Entfaltung der eigenen historischen Vorstellungskraft befördern müssen, anstatt Menschen vordergründig affektiv zu übermächtigen, damit aus Berührung und Empathie, aus Kenntnissen und Erkenntnissen eigenständige historische Urteilskraft werden kann." (S. 107) Das Engagement und die Identifikationen mancher Autoren dieses Bandes schlagen sich auch in ihren Bewertungen und Problemsichten nieder. Insofern präsentiert auch dieser Band "Geschichte, die noch qualmt".


