HEFT 57/2007| Friedenswerkstatt in Ost-Berlin | SEITE 15 - 17

Vera Lengsfeld

Spuren der Friedenswerkstatt

Vom Flickenzelt des Pankower Friedenskreises

 
Im Nachhinein ist es erstaunlich, wie wenig Spuren die Friedenswerkstatt Berlin im Gedächtnis hinterlassen hat, selbst bei mir. Dabei war sie die öffentlichkeitswirksamste Veranstaltung der Berliner Friedensbewegung. Keine andere Veranstaltung erreichte solche Teilnehmerzahlen, bei keiner war die Staatssicherheit so sichtbar präsent, um wenigstens unerfahrene Interessierte von der Teilnahme abzuschrecken. Schon auf dem S-Bahnhof Rummelsburg standen die auffällig unauffälligen Zivilisten. Um zur Erlöserkirche zu gelangen, musste man durch ein regelrechtes Spalier von Stasileuten hindurch. Das kostete auch die erfahrenen Dissidenten Nerven. Trotzdem wurde die Friedenswerkstatt in ihrer Hochzeit jedes Jahr von mindestens 3000 Menschen besucht, davon viele, die eher dem Umfeld der aktiven Friedensbewegung zuzurechnen waren.
Ich war 1982 dabei, als sich der erste Vorbereitungskreis bei Rainer Eppelmann traf. Ich war vom eben gegründeten Friedenskreis Pankow geschickt worden und lernte bei dieser Gelegenheit den damals schon legendären Pfarrer kennen. Innerhalb weniger Wochen stand das Konzept und waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Man hatte sich unter dem Motto »Hände für den Frieden« darauf geeinigt, dass jede teilnehmende Gruppe selbst bestimmen könne, womit sie sich präsentiere. Der Friedenskreis Pankow wiederholte das Erfolgsrezept seiner Gründungsveranstaltung und ließ im Flickenzelt des Aktionskünstlers Reinhard Zabka mehrere Autoren auftreten. Zabka und der Maler Martin Hoffmann stellten ein paar Kunstobjekte aus.
Für alle Teilnehmer war die Friedenswerkstatt vor allem die Gelegenheit, die anderen Gruppen und ihre Aktivisten kennen zu lernen. Der Festivalcharakter der ersten Friedenswerkstätten erleichterte das Kennenlernen und miteinander ins Gespräch kommen sehr. Die anwesenden Liedermacher sorgten zusätzlich für gute Stimmung. In dieser offenen Atmosphäre war es für Neulinge leicht, Anschluss zu finden. Nach jeder Friedenswerkstatt hatten die Gruppen erhebliche Neuzugänge zu verzeichnen. All das trug zu einer großen Öffentlichkeitswirksamkeit der Friedensbewegung bei. Dass es anfangs keinerlei Vorgaben für die Präsentationen oder Aktivitäten gab, ließ Raum für die erstaunliche Vielfalt der Angebote. Außer den schon bekannteren Künstlern und Schriftstellern wie Lutz Rathenow, Bert Papenfuß und anderen, konnten auch unbekannte Autoren ihre Werke zu Gehör bringen. Ich erinnere mich an eine von Knud Wollenberger initiierte Gedichtlesung, die gut besucht war und sich über mehrere Stunden hinzog, weil sich immer mehr Vortragende anschlossen.
Der große Zulauf der ersten Friedenswerkstätten war den »Staatsorganen« von Anfang an ein Dorn im Auge. Mehr als die verabschiedeten Papiere oder Briefe störten sie die offenen, ungezwungenen Diskussionen, die sich unter den Teilnehmern entwickelten. Dabei wurde kaum ein brisantes Thema ausgespart.

Tabuisierte Umweltthemen,  Friedenswerkstatt, Neusprech und Gehorsam
Bei der Friedenswerkstatt »Frieden pflanzen« wurde im Zelt des Friedenskreises Pankow eine von mir und der Ökogruppe entwickelte Ausstellung zu Umweltthemen gezeigt. Wenige Monate zuvor war das Sammeln und Verbreiten von Umweltdaten unter Strafe gestellt worden. In der Ausstellung wurden das Waldsterben, die Verschmutzung des Halle-Bitterfelder Industriegebietes, die Belastung der Lebensmittel mit Schwermetallen und die Luft-  und Wasserverschmutzung thematisiert. Außerdem wurden Tipps zum umweltgerechten Verhalten gegeben. Die äußerlich anspruchslose Form der inhaltlich brisanten Ausstellung war Anlass für einige Studenten der Kunsthochschule Weißensee, sich der Ökogruppe des Friedenskreises anzuschließen. Mit ihrer Hilfe wurde die Ausstellung zu einer optisch sehr wirkungsvollen Präsentation umgebaut, die in den folgenden zwei Jahren erst bei Veranstaltungen des Friedenskreises Pankow, dann in mehreren Kirchen der DDR gezeigt wurde. Zu dieser Ausstellung fanden insgesamt drei über den Tag verteilte Diskussionsrunden statt. Weil das Flickenzelt auch noch für andere Aktivitäten gebraucht wurde, wurden zwei Diskussionen auf der Wiese durchgeführt. Derlei Improvisationen klappten immer, weil das Publikum hoch motiviert und willens war, an kleinen Widrigkeiten keinen Anstoß zu nehmen.
Bei der dritten Friedenswerkstatt 1984 »Leben, nicht überleben« spielte das Buch von George Orwell »1984« in vielen Diskussionen und Präsentationen eine Rolle. Der Friedenskreis Pankow stellte diesmal die Überlegungen seiner Gruppe »Friedenserziehung« in den Mittelpunkt. Daneben spielte das Umweltthema wieder eine große Rolle. Orwells Neusprech wurde in den Debatten mit den Verlautbarungen der Staatsführung zur Friedenspolitik verglichen und es wurde auf bedenkliche sprachliche Tendenzen in den Lehrmaterialien hingewiesen. Auch Autoren kamen bei den Pankowern wieder zu Wort. Neben Freya Klier und Stefan Krawczyk vor allem Lyriker aus dem Umfeld von Uwe Kolbe, der selbst nicht auftrat, dessen verbotene Gedichte aber von anderen zu Gehör gebracht wurden.
Dies war das letzte kirchenleitungsunabhängige Auftreten des Pankower Friedenskreises. Kurz darauf begann die Phase der Entpolitisierung des Friedenskreises, der in der Folge immer kirchenleitungsnähere Positionen einnahm. Bei der nächsten Friedenswerkstatt 1985 diskutierten im Zelt der Pankower vor allem Vertreter der Kirchenleitung, denen in den anderen Foren harte Vorwürfe wegen ihrer Informationspolitik gemacht wurden. Es hatte diesmal im Vorfeld Versuche massiver Einflussnahme auf die Präsentationen gegeben. Die Ökogruppe des Friedenskreises kam nur noch am Rande vor. Mit der Begründung, das Ökothema hätte in den vergangenen Jahren zu sehr dominiert, wurden diesmal Selbsterfahrungsangebote in den Mittelpunkt gerückt. Teilnehmer dieser Runden konnten das Fallenlassen üben und Vertrauen darin entwickeln, dass der Nächststehende ihn auffangen würde. Auffällig war, dass die Friedenskreismitglieder bei diesen Übungen weitgehend unter sich blieben, weil das Publikum andere Probleme hatte. Bei dieser Friedenswerkstatt gehörte die Leichtigkeit und Fröhlichkeit der früheren Jahre bereits der Vergangenheit an. Die heftigen und kontroversen Debatten dieser Friedenswerkstatt und die massive Kritik, die an Teilen der Kirchenleitung geübt wurde, hatten Folgen. Für die Friedenswerkstatt 1986 gab es massive Auflagen. Es sollten innenpolitische Themen ausgespart werden. Gehorsam präsentierte der Friedenskreis Pankow getreu dem von der Kirchenleitung vorgegebenen Motto »Frieden und Gerechtigkeit?« sein Projekt für ein Krankenhaus in Benin, bei dem die Kirchenleitung Pate gestanden hatte und das sie massiv unterstützte. Wer besonders eifrig war, wie die heutige attac-Oma Barbara Hähnchen, durfte sich Hoffnungen auf einen Besuch in Benin machen.
Für die Mehrheit der Besucher waren ganz andere Themen brisant. In Tschernobyl war wenige Wochen vorher der Atomreaktor hochgegangen. Aber ein von mir mitinitiierter und verbreiteter Appell »Tschernobyl wirkt überall« sollte auf der Friedenswerkstatt nicht zur Unterschrift ausliegen dürfen. Reinhard Schult, mein Mitinitiator, und ich schlugen trotzdem unseren Stand auf und begannen mit der Unterschriftensammlung. Bald fanden sich Mitglieder des Friedenskreises Pankow ein, die uns Vorwürfe wegen unserer »illegalen Aktivitäten« machten, die das ganze Unternehmen Friedenswerkstatt gefährden würden.
Schließlich erschien Generalsuperintendent Günter Krusche persönlich an unserem Stand um uns das weitere Sammeln von Unterschriften zu verbieten und die Listen einzuziehen. Wir stellten die Unterschriftenaktion nach meiner Erinnerung aber nur kurzzeitig ein. Wir verzichteten lediglich auf eine weitere Verteilung des Aufrufes. Wir mussten für unsere Aktion ohnehin keine Werbung mehr machen. Meine Renitenz trug mir übrigens das erste von zwei Friedenskreisverfahren ein. Ich musste mich im großen Kreis für mein Vorgehen im Fall Tschernobyl verantworten und rügen lassen. Nach dem zweiten Verfahren, diesmal wegen der Vorbereitung eines Menschenrechtsseminars, verzichtete ich freiwillig darauf, diesem Kreis weiter anzugehören.
Bemerkenswert an der Friedenswerkstatt 1986 waren die Präsentationen einer Initiative gegen die Giftmülldeponie Schönberg und der »Arbeitslosengruppe«. Damit wurde zum ersten Mal öffentlichkeitswirksam auf den Import von Giftmüll und die politische Arbeitslosigkeit in der DDR hingewiesen. Solche Themen waren der Kirchenleitung endgültig zu brisant. Im Jahre 1987 sollte keine Friedenswerkstatt mehr stattfinden. Im Jahr des Kirchentages sollte Ruhe herrschen. Ich war wieder dabei, als auf dem Sofa der Umweltbibliothek mit Wolfgang Rüddenklau die Idee zu einem »Kirchentag von unten« entwickelt wurde. Aber das ist bereits ein anders Kapitel.

Vera Lengsfeld, geb. 1952, Publizistin, 1970-1975Studium der Geschichte und der Philosophie in Leipzig und Ostberlin, Lektorin, 1981 Mitbegründerin des Pankower Friedenskreises, 1983 Ausschluss aus der SED, Berufsverbot, 1988 Verhaftung und Abschiebung aus der DDR, 1990-2005 MdB, lebt als freie Autorin in Berlin. Weitere Infos: www.vera-lengsfeld.de sowie www.achgut.com