HEFT 57/2007| Friedenswerkstatt in Ost-Berlin | SEITE 17 - 19
Elke Westendorff
Das war schon exklusiv
Die frühen Jahre der Friedenswerkstatt
Wir waren jung, wir hatten Mut, wir waren frech und wir hatten kriminelle Energie – das denke ich heute beim Betrachten meiner Fotos von den Friedenswerkstätten. Ich fühle noch unsere power und obwohl wir auch Angst hatten, überwogen unsere Aufmüpfigkeit und die Hoffnung, durch unser Tun etwas zu bewirken zu können.
Eines der Bilder zeigt mich mit zwei Freunden auf dem Gelände der Erlöserkirche in Berlin. Das Stadtjugendpfarramt hatte unter dem Motto »Hände für den Frieden« zur ersten Friedenswerkstatt am 27. Juni 1982 eingeladen. Und da standen wir, meine Hände sind gerade leger in den Hosentaschen auf dem Foto. Das Banner hinter uns »Wir bauen eine Stadt« war eine Einladung an die Kinder.
Auf dem Rasen lagen Pappschachteln und -kartons in allen erdenklichen Größen, da lagen Farben und Pinsel, Stifte, Hölzer, Kleber, Nägel, Scheren, Messer, Hämmer, andere Werkzeuge – ein buntes, kreatives Durcheinander - alles war bereit für unsere Aktion mit den Kindern und ihren Eltern, wenn die wollten. Wenn nicht, konnten sie ihre Kinder basteln lassen und sich an unserem Infostand über unser Wirken informieren. Wir waren die Arbeitsgruppe »Erziehung zum Frieden« des Friedenskreises der ESG Berlin. Wir hatten Anfang der 80er Jahre schon mit einigen Aktionen auf uns aufmerksam gemacht, die sich um die Thematik der wachsenden Militarisierung des Alltags in der DDR drehten. Man konnte die Kopie meiner Eingabe an den Verlag »Junge Welt« lesen, mit der ich gegen ein Manöverspiel für Kinder protestierte, das dieser auf den Markt gebracht hatte, zum Selberbasteln aus Pappe, für das Kinderzimmer. Ebenso gab es eine kleine Dokumentation über unsere Besuche in Berliner Spielzeugläden. Wir wollten dort Antworten finden auf die Fragen: »Warum steht in den Schaufenstern Kriegsspielzeug, warum verkaufen Sie Panzer, Soldaten und Pistolen?«
In vielen Gesprächen wurde über gewaltfreie Erziehung gesprochen. Und unsere Idee, mit kritischen Fragen zum Nachdenken anzuregen, ermutigte manche, es auch zu tun. Die Kinder fühlten sich wohl, stundenlang waren sie beschäftigt. Manche wollten gar nicht mehr weg. Sie waren hier gut aufgehoben, während ihre Eltern die Stände besichtigten, an Diskussionen teilnahmen, »Speakers Corner« besuchten, sich Schriftstellerlesungen anhörten, Liedermachern lauschten, Theater anschauten oder in der Kirche Ruhe und Entspannung bei Orgelmeditationen suchten. Zeit brauchte man für die vielen Infostände, die erstmalig einen Überblick boten und gleichzeitig auch die Geschichte der kirchlichen Friedensarbeit in der DDR erzählten.
Wie alles anfing
Eine republikweite Friedensbewegung war seit den 1960er Jahren entstanden, geprägt durch die Bausoldaten und Wehrdienstverweigerer, die auch die Friedensseminare aus der Taufe hoben. Der 1978 eingeführte obligatorische Wehrkundeunterricht an den Schulen war ein weiterer Anstoß für kirchliche Proteste und brachte wiederum Gruppen hervor, die sich kritisch mit der wachsenden Militarisierung im Land auseinandersetzten. 1980 wurde auf der Friedensdekade die Bewegung »Schwerter zu Pflugscharen« initiiert und breitete sich landesweit aus. Das Bild des schmiedenden Arbeiters wurde zum Symbol für die innerkirchliche Friedensarbeit und zum Jagdobjekt der Stasi, die all diese Aktivitäten lange schon als antisozialistisch, »feindlich-negativ« oder oppositionell eingestuft hatte. Wer einen »illegal« gedruckten Aufnäher mit der Abbildung »Schwerter zu Pflugscharen« trug, musste mit Repressalien rechnen. 1981 folgte die Forderung nach der Einführung eines »Sozialen Friedensdienstes« und traf genau den Nerv vieler junger Menschen, die sich gegen den Dienst an der Waffe und gegen Gewalt aussprachen. Die Zahl der Initiatoren von großen und kleinen, im Land verstreuten Bewegungen, Gruppen, Organisationen mit ihren verschiedenen Arbeitsformen stieg und stieg.
Im Berliner Appell »Frieden schaffen ohne Waffen« vom Februar 1982 wurde ausgedrückt und gefordert, was lange fällig war: über Friedensfragen in einer Atmosphäre von Toleranz zu sprechen, die in der Verfassung der DDR verankerte freie Meinungsäußerung anzuerkennen und jede spontane öffentliche Bekundungen von Friedenswillen zuzulassen und zu fördern. Dieses Papier sorgte landauf, landab für Diskussionen und machte Mut. »Wir sind viele, wir wollen uns zeigen, wir wollen voneinander erfahren, wir wollen uns vernetzen und uns gegenseitig stärken« das war der Tenor der Friedensgruppen. Der Wunsch nach einer zentralen Veranstaltung war nicht mehr zu überhören und wurde durch einige Aktive an die Kirchenleitung herangetragen. Die Durchführung einer Friedenswerkstatt wurde beschlossen.
Was für ein Tag - etwa 5000 junge, alte, bunte, außergewöhnliche Leute bevölkerten das Gelände rund um die Erlöserkirche. Und die, die an unseren Stand zurückkamen, um ihre Kinder abzuholen oder selbst kreativ zu sein, stellten uns immer wieder dieselbe eine Frage: »Wo habt ihr die vielen Kartons her, wie seid ihr an so große Kartons gekommen?«
Kinderfest mit GST-Schießstand
All diese Pappkartons hatten in der Tat eine interessante Geschichte. Sie waren eigentlich für ein staatlich organisiertes Kinderfest bestimmt, kamen aber dort nicht zum Einsatz. Warum das so war, hatte ich in einer Dokumentation festgehalten, die an unserem Stand zum lesen bereit lag, die aber irgendwann verschwunden war. Mit Sicherheit bei der Staatssicherheit, dachten wir, das bewahrheitete sich später. Also erzählten wir die Geschichte, etliche Male.
Auf einem Spaziergang im Prenzlauer Berg mit meinen Söhnen im Frühjahr 82 entdeckte ich das Plakat, das zu einem »Kinderfest auf dem Helmholtzplatz« einlud und auf dem zu lesen war, dass noch Helfer gesucht werden. Ich ging schnurstracks in den Klub der Werktätigen in der Lychener Straße, der das Fest organisierte, traf dort gleich eine zuständige Frau. Ich erzählte ihr, dass wir gern mitmachen würden. Auf die Frage, wer wir seien, antwortete ich, dass wir eine Gruppe junger Leute sind, im Kiez leben, teilweise Kinder haben und uns für die Arbeit mit Kindern interessieren. Ich erwähnte nicht, dass ein Teil dieser Leute, einschließlich mir, im Friedensarbeitskreis der ESG Berlin engagiert waren.
Die Dame freute sich, sie lud uns zum Treffen der Organisatoren ein, dort stellten wir uns und unser Konzept vor. Wir hatten die Idee, mit den Kindern eine Stadt aus Pappkartons zu bauen, sie bunt zu gestalten, ihr einen Namen zu geben, und in ihr zu feiern. Wir erwähnten nicht, dass wir versuchen würden, Aspekte aus der Friedensarbeit einzubringen z.B. in einer Malstraße zum Thema Frieden, dass wir mit den Eltern über die Sinnlosigkeit von Kriegspielzeug reden würden und Plaketten: »Spiel Frieden nicht Krieg« drucken würden. Wir wurden gelobt für unser Engagement und dafür, dass wir kein Geld haben wollten für unseren Einsatz. Wir zwinkerten uns zu.
Unsere Vorbereitungen liefen gut, wir waren euphorisch, dass es uns gelingen würde, auf einem staatlich organisierten Kinderfest unsere kirchliche Friedensarbeit einfließen zu lassen. Sogar die Beschaffung der Kisten machte keine Probleme, da wir uns hübsch anzogen, unsere süßen Kinder mit in die Läden nahmen und die Verkäufer vom guten Zweck überzeugen konnten. Normalerweise musste jegliche Verpackung im Handel zurückbleiben, wir bekamen nicht nur Schuhkartons, auch Waschmaschinen- und Kühlschrankverpackungen wurden für die Kinder herausgegeben, welch ein Luxus. Wir malten ein Banner: »Wir bauen eine Stadt«.
Auf dem nächsten Vorbereitungstreffen wurde unsere Euphorie kräftig gedämpft. Wir entdeckten auf dem Lageplan, dass an der Ecke Lychener-/Lettestraße ein Schießstand der GST geplant war. Das wollten wir sofort geklärt haben und fragten die Verantwortlichen, warum auf einem Kinderfest geschossen werden soll. Das sei so üblich und wäre ein Angebot für die Jugend, war die Antwort. Unserer Ansicht nach gehörte ein Schießstand nicht auf ein Kinderfest. Wir würden uns beängstigt und gestört fühlen.
Zwei Herren im Anzug, die uns schon beim letzten Treffen auffielen wurden deutlicher und bemerkten, dass daran nicht zu rütteln sei. Die nette Frau versuchte, einzulenken und schlug vor, den Schießstand auf einem Hinterhof aufzubauen, als Kompromiss, auch sie hatte keine Chance. »Ihr seid wohl Pazifisten, kommt wohl von »Schwerter zu Pflugscharen« mussten wir uns von den Herren anhören. Sie hatten ja Recht, wir kamen aus der Arbeitsgruppe »Erziehung zum Frieden«. Nach einem traurigen Dialog, folgte unsere Entscheidung, unter diesen Umständen unsere Teilnahme zurückzuziehen.
Das Kinderfest fand statt, die Atmosphäre soll ein wenig flau gewesen sein, ließen wir uns dann erzählen. Wir waren erst mal auf’s Land gefahren mit unseren Kindern und wollten beraten, wie es weitergeht. Die Friedenswerkstatt war in der Planung, wir wurden dort gern begrüßt mit unseren Kartons. Hier waren sie nun und brachten so vielen Kindern stundenlanges Vergnügen.
Ich kam dann etwa eine Woche später noch zu dem Vergnügen einer Vernehmung bei der Polizei. Mir wurde der Vorwurf gemacht, ich hätte eine Gruppe gegründet, um ein staatliches Kinderfest zu stören. Ich erklärte dem Mann in Uniform, das es umgekehrt war, dass wir ein staatliches Kinderfest bereichern wollten mit unserer Idee, dass die Schießerei, die dort stattfinden sollte, stören würde. Die Frage nach Namen der Beteiligten und Ziel der Gruppe stellte er umsonst. Mein einjähriger Sohn, der dabei war, hatte in die Hosen gemacht. Das war praktisch. Es stank und ich verabschiedete mich, weil ich die Windeln wechseln wollte. »Wir beobachten Sie« gab er mir mit auf den Weg. Das war mir nun gar nicht neu.
Innerkirchliche Spannungen
Wir hatten uns gut und sicher auf der Friedenswerkstatt gefühlt, wir hatten Öffentlichkeit, wurden wahrgenommen, ernst genommen, alle Informationen und Materialien konnten unzensiert gezeigt oder weitergegeben werden. Das war schon exklusiv, nicht nur für die Besucher und Westmedien, auch für die Staatssicherheit. Die hatte es leicht an diesem Tag, zentraler ging es ja nun wirklich nicht mehr. Aber auch nur dieses eine Mal. Alle Beteiligten zogen ihre Schlüsse aus dieser Veranstaltung und ein Jahr später schon wehte ein anderer Wind in der evangelischen Kirche.
Für die Friedenswerkstatt 1983 »Frieden pflanzen« gab es schon eine Koordinierungsgruppe. Äußerlich war es noch bunter geworden. Neben den Friedensgruppen waren zum ersten Mal auch Schwule und Lesben mit ihren Infoständen dabei, weitere Umwelt- und Ökogruppen stellten sich vor, Schriftsteller, die in der DDR nicht veröffentlichen durften, lasen und Musiker mit Auftrittsverbot musizierten. Offensichtlich hatte die Kirche sich noch mehr geöffnet für Menschen, die als »Randgruppen« bezeichnet wurden oder für Künstler, die vom Staat mit Repressalien belegt worden waren.
Dennoch waren innerkirchliche Spannungen deutlich spürbar. Der Friedenskreis der ESG Berlin war inzwischen aus der Studentengemeinde ausgeschlossen worden. Unsere Aktionen waren zu politisch und spektakulär. Es kam immer wieder zu Anfeindungen von Seiten der Kirche und des Staates, bis hin zum Ausschluss aus der Gemeinde.
Die Suche einiger Mitglieder nach einer neuen Gemeinde würde noch eine Weile dauern. Aber sie ließen sich nicht davon abhalten, mitzureden beim »Frieden pflanzen«. Uneingeladen kamen sie, durften in einer Ecke ihren Stand aufbauen und wurden geduldet. Sie redeten über ihre Situation und über ihre Aktionen. Und den ganzen Tag wurde fleißig gedruckt: »Schwerter zu Pflugscharen«, »Spiel Frieden nicht Krieg«. Als der Fließstoff ausging, wurde auf die Kleidung direkt gedruckt, die konnte die Stasi nicht vom Leib reißen. Seinen Protest gegen einen erneuten Ausschluss drückte der Friedenskreis im Jahr darauf mit Mundschutzbinden (»Redeverbot«) aus und Plakaten, auf denen »Vertrauen wagen - Maulkorb tragen« stand.
Es gab mittlerweile zahlreiche unabhängige Gruppen, die das Dach der Kirche nutzten, als einzige Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit präsentieren zu können, z.B. die »Frauen für den Frieden«. Ich hatte mich dieser Gruppe angeschlossen, nachdem ich von der Protesteingabe an Erich Honecker hörte, die einige von ihnen nach dem Inkrafttreten des neuen Wehrdienstgesetzes im März 1982 formuliert hatten. Im Falle einer Mobilmachung und im Verteidigungszustand sollten fortan auch Frauen in die allgemeine Wehrpflicht einbezogen werden. Ich war eine der vielen hundert Unterzeichnerinnen, die sich gegen dieses Gesetz wehrten.
Die weibliche Sicht zu den Themen Gewaltfreiheit und Friedenserziehung, Militarisierung im Land, Verharmlosung der Atomkriegsbedrohung durch Zivilschutzmaßnahmen stieß auf großes Interesse. »Frieden pflanzen« - das nahmen wir auch wörtlich und verteilten Blumentöpfe mit Pflanzensamen an viele Besucher. Etwa 4000 wurden an diesem Tag gezählt.
Die Friedenswerkstatt schrieb wichtige Geschichte. Die Kirche gab den Ort dafür. Ich spüre heute immer noch Dankbarkeit und Stolz, das erlebt und zeitweise mitgestaltet zu haben - kirchliche Friedensbewegung, oppositionelle Friedensbewegung, innerkirchliche Opposition, unabhängige Friedensbewegung, autonome Friedensbewegung - wie auch immer es betitelt wurde.
Elke Westendorff, geb. 1956, Erzieherin und systemische Familientherapeutin, 1980 - 1983 ESG-Friedenskreis, anschließend »Frauen für den Frieden«, Frühjahr 1984 Rückzug aus den Aktivitäten wegen Ausreiseantrags, 1985 Ausreise, heute Hausleiterin eines privaten Kinderheims in Bruchsal.


