HEFT 57/2007| Friedenswerkstatt in Ost-Berlin | SEITE 20 - 21
Wolfgang Janisch
Zwischen Selbstzensur und mutigem Bekennen
Für die Werkstatt 1985 gestaltete ich ein Plakat, das eine Kinderzeichnung einer Schwangeren und die Aufschrift »Wir wollen leben« zeigte. Es wurde gut angenommen. Schon 1984 hatte sich der Vorbereitungskreis zur Ankündigung der Friedenswerkstatt für meinen Plakatentwurf entschieden. Ich zog das Angebot jedoch wieder zurück, da es in ganz schlechter Qualität vervielfältigt worden war. Ich wollte auch in der Friedensarbeit Qualität erreichen. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine unabhängige Druckerei. Ich war auf kirchliche Hilfe angewiesen. Zur Friedensdekade im gleichen Jahr konnte ich meine Fotomontagen erstmals in der Samariterkirche ausstellen. Ein Bild zeigte einen lachenden Volksarmisten kräftig in einen Kanten Brot beißend. Hinter ihm türmten sich die Leichenhaufen von Dresden 1945 und darunter stand: »Wehrertüchtigung! Sooo gesund!« Ich hatte meine Erfahrungen als NVA-Soldat 1974/75 in diesem Bild verarbeitet und kritisierte den Militarismus in der DDR. Jedes Soldatenspiel würde im Falle eines dritten Weltkriegs unweigerlich mit einem Leichenhaufen enden. Das wollte ich damit ausdrücken. Neben vier weiteren Ausstellungsstücken wurde dieses staatlicherseits besonders attackiert. Der Staatssekretär für Kirchenfragen, Klaus Gysi, intervenierte bei der Kirchenleitung, die daraufhin der ARD untersagte, die Ausstellung zu filmen. Der Gemeindekirchenrat beschloss auf einer Sondersitzung nur zwei der fünf zensierten Bilder zu entfernen. Wer etwas bewegen wollte, musste Spielregeln beachten. Es war eine ständige Gratwanderung zwischen Selbstzensur und mutigem Bekennen. Gefängnis oder Abschiebung drohten. Für mich galt, trotz aller Willkür und Unberechenbarkeit auszuharren und auf dem Posten zu bleiben.
Es war eine aufregende und spannungsgeladene Zeit, in der wir die Friedenswerkstätten gestalteten. Wir hatten kaum materielle Mittel, aber den Willen, etwas auf die Beine zu stellen. Das ist uns gelungen. Das lebendige Treiben auf dem Gelände der Erlösergemeinde machte Mut und diente der Vernetzung. Es war UNSER eigenständiger Beitrag, obwohl uns staatlicherseits immer vorgeworfen wurde, »vom Westen gesteuert« zu sein.
Für Gäste waren wir offen, selbst für die staatsnahe CFK, die Christliche Friedenskonferenz, die immer mit Ständen präsent war.
Natürlich begleiteten solche Veranstaltungen eine Vielzahl an inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern. Ich erinnere mich an Barbara Kanafolski, die »Bunte«. Sehr mütterlich-fürsorglich kümmerte sie sich immer um Imbiss und Getränke und wollte so unser Vertrauen gewinnen. Wir wussten im Prinzip, dass uns Scharen von Spitzeln umgaben, aber nicht, wer konkret dabei war.
Natürlich hatten wir Angst, natürlich misstrauten wir. Angstmache war ein Mittel der Einschüchterung und Teil ihrer teuflischen Psychoterror-Methoden. Aber wir ließen uns davon nicht in die Enge treiben und machten einfach weiter. Hätte die Angst uns blockiert, wäre am Ende nichts mehr gelaufen. Ein Zurück gab es für mich nicht mehr. Ich steckte schon viel zu tief im Gesamtgeschehen. Die Dinge entwickelten eine Eigendynamik, der man sich nicht mehr entziehen konnte und wollte. Kontakte zur blockübergreifenden Friedensbewegung und solche zu West-Journalisten boten dabei einen gewissen Schutz. Im Falle einer Verhaftung wäre Öffentlichkeit mobilisiert worden – und die DDR wollte ja nach außen hin einen guten Eindruck machen. »Wir sind mündig und wollen selbst entscheiden«. Schwierigkeiten machten uns nicht nur SED und Staat, sondern auch einige Kirchenleitungsvertreter. Besonders Generalsuperintendent Günter Krusche tat sich dabei hervor. Allein seine Predigten zur Eröffnung der Friedenswerkstatt waren immer brav und angepasst. Auch ihn führte die Stasi als IM. 1986 verordnete er eine »Denkpause« – die Friedenswerkstatt sollte »ausgesetzt« werden. Daraufhin formulierte ich als Mitglied des Friedenskreises Samaritergemeinde »Gedanken zur Friedenswerkstatt 1986«, die Rainer Eppelmann vervielfältigen und als Rundbrief verteilen ließ: »Die diesjährige Friedenswerkstatt wird trotz all ihrer Schwierigkeiten als ein buntes Stück Leben und ein Stück Hoffnung in einer von nuclearer Vernichtung bedrohten Welt empfunden. Es geht von ihr eine Botschaft der Gewaltlosigkeit aus, die verstärkt nicht nur junge Menschen sondern auch die ältere Generation anzog. [...]
Gedanken zur Verbesserung der Qualität wurden immer in Erwägung gezogen. Sie wird jedenfalls nicht durch eine Denkpause verbessert, sondern nur in den Phasen ständigen Ausprobierens und Tätigseins. Pausen führen nicht zu Ergebnissen, sondern zum Erlahmen der Kräfte. Vollkommenheit und Perfektion würden dem Werkstattcharakter nicht entsprechen. Ein »die Dinge in den Griff bekommen« wäre tödlich vor allen Dingen für die Spontaneität.
In einer Zeit und einer Welt, in der Unmenschlichkeit, Naturzerstörung und Vernichtung allen Lebens zur Selbstverständlichkeit gehören, ist es wohl auch eine Form von Verkündigung, wenn die Wahrheit ausgesprochen wird. [...] Wir schließen uns dem Brief von Rudi Pahnke vom 20.11.1986 voll an. […] Wir stellen der Kirchenleitung die Frage, ob sie mit den Schwachen sein will, ob sie mitten unter uns sein will - wie es Christus stets getan hat. Sind die vielen Worte in der Art »Es darf sich nicht wiederholen«, bezogen auf die Grausamkeit des 2. Weltkriegs, noch ernst zu nehmen? Möchte man die Geister, die man rief, lieber wieder loswerden. Wir sind mündig und wollen selbst entscheiden können. Das Abwägen dessen, was möglich ist und was nicht, bewirkt nichts, sondern nur ein ehrliches Bekennen zu dem, was nötig ist in unserer Zeit.«1
Jeder hatte bei der Friedenswerkstatt die Möglichkeit, sich einzubringen. Heute frage ich mich: Wie haben wir das alles geschafft? Wir haben es! Damit wuchs Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. So viel Hoffnung war nie!
Wolfgang Janisch, geb. 1940 in Berlin, verlebte seine Kindheit im Krieg. In den 80er Jahren gehörte der Gebrauchsgrafiker und Buchgestalter als Mitarbeiter des Friedenskreises der Samaritergemeinde Berlin-Friedrichshain zur unabhängigen Friedensbewegung und gestaltete u.a. Ankündigungsplakate für die Friedenswerkstatt. Bereits seit 1977 hatte er friedens- und umweltpolitische Poster und Karten im Stile Klaus Staecks und John Heartfields entworfen, die er erst in den 80er Jahren drucken lassen konnte. Nach 1990 Mitarbeit im Netzwerk Friedenssteuer, 1990-91 Erwerbslosigkeit, danach Aufsicht im Museum, seit 2005 Rentner in Berlin.
1 Der Text befindet sich im Bestand Janisch im Berliner Matthias-Domaschk-Archiv. Hier sind auch die politischen Grafiken Wolfgang Janischs archiviert und stehen nach Absprache mit dem Grafiker für Ausstellungsprojekte zur Verfügung.


