HEFT 57/2007| Friedenswerkstatt in Ost-Berlin | SEITE 22 - 23

Rudi-Karl Pahnke

Burgfrieden oder Frieden? 

Die Friedenswerkstatt auf dem Weg zur Friedlichen Revolution

 
Die evangelische Kirche von Berlin-Brandenburg kam 1982 zu einem Kind, das die gesellschaftlichen Zustände und weltpolitischen Umstände gezeugt hatten. Es ist in ihr gewachsen, entwickelte sich selbstbewusst und ging dann los – gegen alle Versuche der Bremsung und Bevormundung. Und zum Glück der gesellschaftlichen und historischen Erfordernisse ging das Kind eigene Wege.
Die Kirche wollte dieses Kind nicht oder zumindest nicht so, das heißt, manche vielleicht schon. Doch nach meiner Wahrnehmung hatte die Mehrheit der Kirchenbehörde, das Konsistorium, Schwierigkeiten mit ihr. Es gab in der Leitung der Kirche Gegenwind. Dennoch gab es auch dort und selbst im Konsistorium Verbündete, z.B. Bischof Forck, Propst Furian, Gerhard Kopp. Wir mussten vor den Friedenswerkstätten in die Kirchenleitungssitzung, um Struktur und Inhalt vorzustellen und absegnen zu lassen. Dort haben wir jeweils die Differenzen zwischen den Gruppen der Kirchenleitung deutlich gespürt.
Angesichts der bedrohlichen politischen Situation 1981 durch den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung von SS-20-Raketen auf dem Boden der DDR, fanden sich im Herbst 1981 Friedens-Gruppen in den Gemeinden und im Umfeld der Kirche unter dem Dach der Kirche zusammen, um eine größere Veranstaltung durchzuführen. Dies gelang trotz unterschiedlicher Widerstände, trotz Konflikten und trotz der Aversionen zwischen Gruppen und Kirche sowie auch zwischen den Gruppen selbst. So wurde die Friedenswerkstatt zu einer wichtigen politisch emanzipatorischen Veranstaltung mit Podien, Lesungen, vitalen geistlichen Akzenten, offenen Diskussionen (speaker’s corner), Ausstellungen, Infoständen, Musik. Von heute aus ist deutlich zu erkennen, dass sie ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur friedlichen Revolution von 1989 war: bewusstseinsbildend, gruppenübergreifend-verbindend, in Ansätzen oppositionell-strukturbildend.
In der Öffentlichkeit von ca. 3000 Menschen, die von der Friedenswerkstatt hergestellt werden konnte, wurden Diskussionen geführt und fanden Veranstaltungen statt, die in der DDR eigentlich nicht möglich, ja gefährlich waren. Diese konnten durch die Interpretation von Partei und Justiz jederzeit als staatsfeindliche Hetze ausgelegt und der politischen Strafverfolgung ausgesetzt werden, samt allen daraus erwachsenden strafrechtlichen Konsequenzen. Strafrecht und Strafprozessordnung der DDR drohten hier ganz eindeutig: (feindliche) Gruppenbildung, Sammeln von Informationen (auch nichtgeheimen!), staatsfeindliche Hetze, Rädelsführerschaft. Bei Vorwürfen, Unterstellungen oder Anklagen mit solchen Inhalten konnten diese Vorwürfe mehrjährige Haftstrafen einbringen. Es gab genügend Beispiele aus der Vergangenheit der DDR dafür. Wir kannten die Paragraphen und haben trotzdem all das gemacht, was unseres Erachtens zwingend erforderlich war. Einige sehr mutig, konfliktbereit und trotzig, andere vorsichtig, wieder andere ängstlich – und eine nicht zu unterschätzende Zahl auch mit gespaltenem Bewusstsein und eindeutigem MfS-Auftrag. Nach der Veranstaltung begannen die Vorbereitungen für die nächsten Aktionen und die nächste Friedenswerkstatt. Wir waren keine Helden und keine Heiligen.

Geopfert für ein gutes Staat-Kirche-Verhältnis
Es gelang der Leitung der Kirche trotz ihrer Bremser bis 1986 kaum, wichtige Dinge zu verhindern. Sie hat wohl oder übel mitgesteuert. Und auch dem MfS ist es mit seinen vielen »Beteiligten« nicht gelungen, die Veranstaltung umzufunktionieren, zu verhindern oder provokativ in eine solche Richtung zu drehen, dass sie verboten werden konnte oder von der Kirche wegen staatlichen Druckes abgesagt werden musste. Viele der Initiatoren der Friedenswerkstatt standen auf den Internierungslisten, die das MfS in dieser Zeit für den Tag X anlegte.
Die Absage der Friedenswerkstatt erfolgte erst später – durch die im Sinne des MfS tätigen Kirchenvertreter. Dabei bediente sich der SED-Staat der in der Kirche zur konspirativen Kooperation bereiten Kirchenvertreter.
Diejenigen, die in den Vorbereitungsgruppen als Vertreter der Kirchenleitung dabei waren, sollten und wollten dafür sorgen, dass im Sinne der Kirche alles offen und mutig, freundlich-oppositionell, aber auch gut erträglich opportunistisch blieb oder wurde. »Es sollte alles unterhalb der Schwelle der Konfrontation bleiben«, so äußerte sich der bis 1983 amtierende Bischof Albrecht Schönherr. Man wollte schon, dass es demokratisch zugeht, aber auch sie wollten »alles in der Hand behalten«, wie es Wolfgang Leonhardt beschrieb.
Die Kritik an der DDR bekam deshalb das Siegel: »Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch«. Das heißt, dass sich die diktatorische und restriktive Politik der DDR in der Kirche als penetrantes Genehmigungsdenken niederschlug. Die Leitung der Kirche bekam die quasi staatliche Funktion des Vormunds angetragen, übernahm sie und setzte vormundschaftliches Denken und vormundschaftliche Strukturen in die Praxis um.
Dennoch: Zunächst ging es um Ermöglichung, dass Dinge mutig und öffentlich ausgesprochen wurden. Und das geschah trotz alledem. Da wurden unmissverständliche friedensethische Aussagen gegen den Wehrunterricht gemacht, gegen die Benachteiligung der Bausoldaten, gegen die Raketenstationierung, gegen die Militarisierung der DDR, gegen die Verharmlosung von Tschernobyl, gegen Menschenrechtsverletzungen, gegen Wahlbetrug, gegen die Informationspolitik der DDR usw.
Es schien kaum noch Tabus zu geben, obwohl mir jetzt nach und nach auffällt, welche Themen und Probleme wir damals noch nicht im Blick, nicht benannt oder bearbeitet haben.
Dass auch staatskonforme Vertreter der Kirche und Theologie sich an der Friedenswerkstatt beteiligten und sie in ihrem Sinne umfunktionieren wollten, wurde uns bereits bei der ersten Veranstaltung deutlich: Die »Christliche Friedenskonferenz« CFK, Ilsegret Fink, Heiner Fink, Carl Ordnung und andere. Es gelang ihnen aber nicht, das kritische Aufbruchsklima zu bremsen oder zu beenden.
Die Friedenswerkstatt hatte eine große Anziehungskraft – Schriftsteller wie Stefan Heym, Lutz Rathenow, Freya Klier, Liedermacher wie Gerhard Schöne und Stephan Krawczyk beteiligten sich. Dazu kamen Engagierte aus dem westlichen Ausland: Journalisten, TV-Vertreter, holländische Friedensbewegte, Horst-Eberhard Richter und viele andere mehr. Wir spürten genau: wir sind am Puls der Zeit! Es beginnt etwas, was Veränderung schaffen wird!
Dass die SED im Zusammenhang aller drängenden gesellschaftlichen und politischen Fragen, angesichts dieser Koalition der Kritischen und Engagierten in Kultur und Kirche, Jugend und Ökologie, Menschenrechts- und Friedensfragen Gegenstrategien entwickeln zu müssen meinte, ist verständlich. Aber anstatt nun auch ab 1985 auf Glasnost und Perestroika zu orientieren und einen Gorbatschow-Reformprozess einzuleiten, vertraute sie darauf, dass sie »keinen Tapetenwechsel«, wie es Kurt Hager formulierte oder keinen Umbau brauchte. Man setzte auf Repression und Restriktion und fand in der Kirche bereitwillige Helfer zur Absetzung und Abwürgung der Friedenswerkstatt.
Günter Krusche, damals seit 1983 Generalsuperintendent in Ostberlin, hatte eine gute, sehr langjährige konspirative Beziehung zur Staatsicherheit. Er setzte in der Kirchenleitung eine »Denkpause« für die Friedenswerkstatt durch, das heißt, er würgte sie für 1987 ab, mit der Anführung von Argumenten, über die man hätte reden können aber auch mit allen möglichen Scheinargumenten. Am 11. Juli 1986 fasste die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg folgenden Beschluss: »Die Kirchenleitung hält nach dem Verlauf der Friedenswerkstatt in diesem Jahr eine Denkpause für notwendig und beabsichtigt daher, im Jahr 1987 keine Friedenswerkstatt durchzuführen. Sie empfiehlt den Friedensgruppen, sich im Rahmen ihrer Gemeinden für den Kirchentag zu engagieren. (Eine Gegenstimme, eine Enthaltung).«
Mein eigener Widerspruch als damaliger Sprecher der Friedenswerkstatt in einem »Offenen Brief an die Kirchenleitung« bewirkte keine Veränderung und konnte es offensichtlich auch nicht mehr. Die Absage war mit dem Staatsapparat und dem MfS abgestimmt und war vor allem die Voraussetzung für das Zustandekommen und Funktionieren des Berliner Kirchentages, der für Sommer 1987 geplant war. Auch unser Argument, die Friedenswerkstatt in den Kirchentag zu integrieren, wirkte sich nicht positiv verändernd aus. Die Kirche war der staatlichen Vorgabe gefolgt und diejenigen, die die Friedenswerkstatt in ihrer Eigenständigkeit und als emanzipative Kraft weder ertragen wollten noch mochten, hatten sich durchgesetzt.

Unabsehbare Folgen der Verbotspraxis
Die Friedenswerkstatt 1987 fand dennoch im Herbst in Oberschöneweide statt, mit einem wichtigen inhaltlichen Anstoß aus der Barmer Erklärung: »Die Verantwortung der Regierten«, aber sie war aus der provokativen Öffentlichkeit abgedrängt und wurde nicht mehr als wichtiger Anstoß wahrgenommen.
Die DDR begann in ihrer Abweisung des Erneuerungsprozesses von Gorbatschow zu taumeln und bewegte sich schlingernd und rasant auf ihr Ende zu. Die Ausreisewellen machten das vor aller Welt sichtbar. Veränderungsprozesse waren gefragt und erfolgten nicht. Im Mai 1989 betrog man das Volk bei der Kommunalwahl und war nicht in der Lage, die Diskussionen darüber und die Proteste dagegen zu unterbinden. Das Ende der DDR rückte immer näher. Wir fürchteten nach dem Massaker in China, dass das Politbüro mit Honecker, Mielke und Krenz ähnlich mit uns verfahren könnte. Gorbatschow hat dies durch seine Politik und Entscheidungen verhindert.
Die Friedens-, Menschenrechts- und Ökogruppen haben sich dann von 1987 bis 1989 mit Vertretern der Kirchen zur Ökumenischen Versammlung in Dresden und Magdeburg zusammengefunden, eine schonungslose Diagnose der DDR-Situation formuliert und die notwendigen Schritte zu einem Reformprozess aufgezeigt. Hier waren sehr viele Vertreter der Friedenswerkstatt aktiv und initiativ. Und von hier führte ein direkter Weg zur Gründung des Neuen Forums, des Demokratischen Aufbruchs, der Sozialdemokratischen Partei und anderer Bürgerbewegungen.
Diejenigen, die 1986 die Friedenswerkstatt für 1987 in Berlin untersagt und abgewürgt haben, haben mit ihrer Entscheidung, möglicherweise wider Willen, das Ende der DDR und das Entstehen einer selbstbewussten politischen Opposition beschleunigt. Zu danken ist ihnen dennoch nicht.


Rudi-Karl Pahnke, geb. 1943, studierte Theologie, arbeitete als Pfarrer in der Kinder- und Jugendarbeit (Blues-Messe, Friedenswerkstatt), engagierte sich in der Friedens- und Menschenrechtsbewegung der DDR. Leiter des Vereins »Neue Impulse« für eine Verständigung zwischen Deutschen, Israelis und Palästinensern. (S. Horch und Guck 52/2005, S. 41 f.)