HEFT 57/2007| Friedenswerkstatt in Ost-Berlin | SEITE 24 - 25
Peter Bickhardt
Impressionen von den Friedenswerkstätten
Zwischen Vorbereitungskreis und Kirchenleitung
Die Erlöserkirche in Lichtenberg mit ihrer Außenanlage eignete sich gut für Großveranstaltungen. Der dortige Pfarrer Christian Langhammer war im Gegensatz zu seinem Kollegen Kädtler sehr offen für solche Initiativen. Die »Bluesmessen« zogen schon vor den Friedenswerkstätten tausende junger Leute aus der ganzen DDR an – sie wurden verboten bzw. abgewürgt.
Mich beeindruckte die Offenheit der Atmosphäre und vieler Teilnehmender der Friedenswerkstatt 1982. Vor allem die speakers corner faszinierte mich. Junge Leute und Ältere, offenbar aus Ost und West, stellten Texte von Eingaben vor und diskutierten. Später lernte ich einige kennen. Bärbel Bohley »von uns« und Horst Eberhard Richter aus Gießen seien stellvertretend für viele genannt.
Seitdem nahm ich teil an Vorbereitung und Durchführung der Friedenswerkstatt. Wichtig war mir, dass die Vorbereitung mit Vertretern der unterschiedlichsten Gruppen auf basisdemokratische Weise erfolgte. Das war mühsamer als autoritäre Leitung, aber so entstand in der Grundlinie ein weitgehender Konsens. Jede teilnehmende Gruppe war für ihren eigenen Inhalt verantwortlich - von staatsloyaler »Christlicher Friedenskonferenz« und Niederländisch-ökumenischer Gemeinde bis hin zu Gruppen der Offenen Arbeit, die gesellschaftskritische Themen ansprachen. Besonders beeindruckten mich die Wehrpflicht-Totalverweigerer, die Frauengruppen und die Schwulen: »Lieber ein warmer Bruder als ein Kalter Krieger«. Liedermacher und junge Dichter trugen wesentlich zur offenen Atmosphäre bei.
Die Kirchenleitung wollte über die inhaltliche Seite informiert sein. Einige wenige standen dabei auf unserer Seite – andere versuchten, das ganze Projekt in Frage zu stellen. Dieter Frielinghaus, sozusagen »geborenes Mitglied« der Kirchenleitung, meldete grundsätzliche Bedenken an, total auf staatstragender Linie. Während die Kirchenleitung intern beriet und wir draußen warteten, sagte ich zu einigen von uns: »Der hat wohl für den anderen Spitzel geredet.« Uns hat das aber nicht irritiert.
Schon im Herbst 1982 beschlossen wir in unserer Runde, im Frühjahr 1983 zu einem DDR-weiten Treffen von unabhängigen Friedensgruppen nach Berlin einzuladen. Die erste Veranstaltung: »Konkret für den Frieden« (später: »Frieden konkret«) fand in Berlin-Oberschöneweide statt. Damit war ein neuer Anstoß gegeben.
Die Friedenswerkstatt bekam Jahr für Jahr stärkeres Gewicht. Und die Stasi war sichtbar und unsichtbar immer mit dabei. Eine Episode: Aus meiner Stasi-Akte erfuhr ich, dass sich ein junger Mann in der Vorbereitungsgruppe befunden hatte, der auch am Tag der Friedenswerkstatt seine Aufgaben für die Stasi wahrnehmen sollte. Ich muss das »gerochen« haben: Er beschwerte sich schriftlich nachträglich bei seinem Führungsoffizier darüber, dass ich ihn in eine Garage eingeteilt hatte, aus der heraus er die Getränke verkaufen sollte, so dass er wenig Spielraum hatte, sich einen Überblick zu verschaffen. An den Mann erinnere ich mich nicht mehr.
Die Arbeitsgruppe »Ärzte für den Frieden«, zu der ich mich rechnete, stellte auf Schautafeln zuverlässige Daten und nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl aktuelles Material vor, das die Verharmlosung von radioaktiven Strahlenbelastungen staatlicherseits Lügen strafte, sofern überhaupt solches Material veröffentlicht wurde.
Unabhängig von der Werkstatt gab es Veranstaltungen mit Eberhard Seidel, Sebastian Pflugbeil und Hajo Möller in Kirchen und einmal sogar in einer staatlichen Einrichtung Brandenburgs über die möglichen Auswirkungen einer angenommenen Atombombenexplosion im Zentrum Berlins und über den Supergau von Tschernobyl mit seinen Folgen.
1986 fand die letzte Friedenswerkstatt im Rahmen der Erlöserkirche statt. Für Günter Krusche erregten einerseits die vom Friedenskreis der Samaritergemeinde veröffentlichten Zahlen Anstoß: Eindeutig gefälschte Wahlergebnisse aus dem Bereich Friedrichshain und »Tipps zum Wahlverhalten« bei der nächsten Wahl. Andererseits fand er die Texte des »Grenzfall« so indiskutabel, dass er im Alleingang die Blätter von den Schautafeln abriss.
Schon zuvor hatte er für eine »Denkpause« von mindestens einem Jahr plädiert. Nach dem Vorfall 1986
mit dem »Grenzfall« sah er die Möglichkeit, die Friedenswerkstatt 1987 auszusetzen, zumal es in sein Konzept eines Kirchentags in Berlin nicht passte. Zwar traten auf dem Kirchentag 1987 zur Schlussveranstaltung einige »Störenfriede« mit Plakaten der »Kirche von unten« auf, hergestellt beim »Kirchentag von unten«, den Gottfried Gartenschläger sehr zu meinem Erstaunen mit Videokamera filmte. Aber die in kleinerem Rahmen dann im Herbst in Berlin-Oberschöneweide veranstaltete Friedenswerstatt konnte an die zurückliegenden nicht mehr anknüpfen.
Ja, auch heute noch bin ich der Überzeugung, dass von der Friedenswerkstatt eine Breitenwirkung ausging, die letztlich mit beitrug zur Veränderung der Situation in der DDR und einen Teil der Wegbereitung für die Friedliche Revolution von 1989 darstellt. Ich bin dabei gewesen.
Peter Bickhardt, geb. 1933 in Dresden, Theologe, als Student in Leipzig aktive Teilnahme am 17. Juni 1953, 1977-1988 Landespfarrer für Krankenhausseelsorge in Berlin, verantwortlicher Pfarrer im Vorbereitungskreis der Friedenswerkstatt, 1984 »Ärzte für den Frieden« mit Sebastian Pflugbeil u.a., Stasi-OV »Kreuzfahrer«, 1989 Mitglied von »Demokratie jetzt«, seit 1998 Ruhestand in Berlin. Siehe: de.wikipedia.org/wiki/Peter_Bickhardt


