HEFT 57/2007| Friedenswerkstatt in Ost-Berlin | SEITE 27 - 30

Christian Pulz

Lieber ein Warmer Bruder als ein Kalter Krieger  

Als die Losung »Lieber ein Warmer Bruder als ein Kalter Krieger« auf dem Stand unserer Schwulengruppe erstmalig auf der zweiten Friedenswerkstatt 1983 plakatiert wurde, wirkte das wie ein Fanal, die alltägliche Diskriminierung, die Beraubung der Menschenwürde, die damals für Lesben und Schwule schmerzhafte Wirklichkeit war, nicht mehr widerstandslos hinzunehmen. Die Berliner Friedensbewegung wurde auf uns aufmerksam und lernte von da an, dass Lesben und Schwule und ihre emanzipativ partizipatorischen Anliegen integraler Bestandteil jeder Friedensarbeit sein müssen. Zugleich läuteten die Alarmglocken bei der Kirchenleitung aber noch viel mehr beim Staat. Die Stasi eröffnete wenig später den OV »Orion«, der unter meinem Namen lief und die Aktivitäten der Gruppe »Schwule in der Kirche« akribisch festhielt. Diese Akte markiert den Beginn unserer Arbeit, die bis 1989/90 fortgeführt wurde. In der Logik der Stasi wurde unsere Gruppe verfolgt wegen PiD (politisch-ideologische Diversion) und PUT (politische Untergrundtätigkeit). Entsprechend waren die Maßnahmen die von der Installation einer Wanze in meiner Wohnung, über einen Haufen Spitzel bis zur Straßenkontrolle vor meiner Wohnung, häufigen Vorladungen und einer kurzen Verhaftung mit Verhör 1988 in der Magdalenenstraße reichten. Selbstverständlich waren einige von uns auch zur Internierung im Ernstfall vorgesehen.
Der Widerstand der Lesben- und Schwulenbewegung der DDR brachte aber die rechtliche Gleichstellung mit der heterosexuellen Mehrheit noch 1989 im Strafgesetzbuch der DDR. Diese Regelungen wurden später nach schwierigen Auseinandersetzungen auch vom wiedervereinigten Deutschland übernommen.
Zurück zur Friedenswerkstatt ‘83. Pfarrer Hykel aus Hohenschönhausen sprach uns dort an und bot uns als Domizil die etwas abgelegene Philippuskapelle in der Treffurter Straße an. Nun erst wurde eine halböffentliche Lesben- und Schwulenarbeit möglich. Wir begannen uns zu organisieren. Plenum, verschiedene Gruppen und der offene Vorbereitungskreis wurden zum Rückgrat unserer Arbeit. Die Resonanz auf unseren Auftritt während der Friedenswerkstatt war sehr groß. Wir waren wirklich wenige und standen plötzlich im Blickpunkt einer für uns neuen Öffentlichkeit. Es war ein seltsames Gefühl aus Freude, Staunen und freilich auch Angst. Wie würde die Stasi reagieren, wenn plötzlich Journalisten aus dem Westen am Stand vorsprachen und nach den Lebensbedingungen von homosexuellen Männern und Frauen in der DDR fragten? Mitarbeiter von Schwulenzeitschriften aus den Vereinigten Staaten und Frankreich (body politics und gay pied) kamen mit uns ins Gespräch. Die öffentliche Wirkung und ein fester Standort waren schließlich die Initialzündung für unsere Arbeit.


Die Anfänge in Leipzig
Begonnen hat alles 1980/81 in Leipzig. Mehrere Schwule hatten sich dort zu einer informellen Schwulengruppe zusammengefunden, die sich in verschiedenen Wohnungen traf, so auch in meiner. Mit Matthias Kittlitz, der damals Medizinstudent war, begannen wir mit Selbsterfahrungsübungen. Einen Tag bevor diese Gruppe sich konstituieren wollte, lernte ich den Theologiestudenten Eduard Stapel kennen und lud ihn ein mitzumachen. Das war der Beginn von Eddis Engagement in der schwulen Bewegung der DDR. Er sollte diese Arbeit prägen wie kaum ein Anderer. Mit schwuler Selbsterfahrung waren wir bald an ein gutes, unser schwules Selbstbewußtsein stabilisierendes Ende gekommen. Nun ergab der gemeinsame Ratschlag, dass es jetzt nötig sei, in Leipzig öffentlich und kenntlich zu werden. Das war der erste Schritt zur Vertretung schwuler Interessen in der Politik.
Dabei half uns die Leipziger Evangelische Studentengemeinde. Wir konnten dort 1981 mit Hilfe von Pfarrer Ziebarth und dem Vertrauensstudentenkreis den ersten »Arbeitskreis Homosexualität« gründen. Unter dem Thema »TABU Homosexualität« begannen wir unsere öffentlichen Abende. Wir hatten den Nagel auf den Kopf getroffen. Unsere Plakate an kirchlichen Gebäuden und in der Stadt hingen nur einen Tag, dann waren sie entweder abgerissen oder beschmiert. Für viele also sollte Homosexualität weiter tabu bleiben. Der Abend selbst war für uns sehr überraschend. Das Heim der Studentengemeinde war nur für 100 Besucher ausgelegt, aber es kamen doppelt so viele und wir mussten in die nahegelegene Andreaskirche ausweichen.
Eines war aber damals schon klar geworden: im Staat sollte Homosexualität ein Tabu bleiben. Wir hatten die Stasi regelrecht aufgescheucht. Sie waren in fast gleicher Anzahl wie die Besucher in ihrer speziellen grüngrauen handtaschenbewaffneten Kenntlichkeit und Aufdringlichkeit anwesend.

Emanzipatorische Schwulenarbeit in Ostberlin
Als ich dann 1982 nach Ostberlin gezogen war, entstand auch dort eine Gruppe, die eine Kirchgemeinde suchte, um eine wirksame emanzipatorische Schwulenarbeit tun zu können. Eine Kirchgemeinde zu finden, erwies sich als äußerst schwierig. Unserem emanzipatorischen Gestus haftete jetzt der »Ruch« der Militanz an. Wir wollten eben tatsächlich öffentliche Tabubrecher sein und so raunte es auch in vielen Gemeinden warnend uns voraus. Für viele Christen war schwer zu begreifen, dass die schwule Minderheit einen politischen Anspruch formulierte und das Recht auf Gleichberechtigung mit der heterosexuellen Mehrheit in allen Lebensbezügen einklagte. Und dieses in der DDR, wo Widerspruch per Staatsdoktrin kriminalisiert war! Die Gemeinden befürchteten nicht grundlos schwere Konflikte mit dem Staat. Dass sie nicht überängstlich waren, zeigte sich bei unserem ersten Treffen nach der Friedenswerkstatt 1983 in der Philippuskapelle. Dort am Lichtenberger Stadtrand musste eine Batterie Stasimitarbeiter, Damen und Herren, wiederum sehr kenntlich und handtaschenbewaffnet bummeln gehen - am Sonntagabend gegen 19 Uhr.
Um einen Arbeitsort für unsere Gruppe zu finden, hatten wir uns vorher an den Friedensarbeitskreis der Samaritergemeinde gewandt. Dort wurden wir zwar willkommen geheißen, unser Anliegen wohl auch einigermaßen verstanden, aber uns wurde kein eigener schwuler Arbeitskreis ermöglicht. Der Gemeindekirchenrat meinte, die Gemeinde habe schon schwere Verantwortung mit dem Friedensarbeitskreis und den Bluesmessen zu tragen und könne deshalb kein weiteres »heißes« Thema mehr tragen. Das war verständlich. Allerdings setzten sich Mitglieder des Friedenskreises der Samaritergemeinde erfolgreich dafür ein, dass unser erster Auftritt bei der Friedenswerkstatt möglich wurde. Wir haben auch später die Verbindung zu dieser Gemeinde gehalten. Unter anderem fand das erste Mitarbeitertreffen der Schwulen- und Lesbenarbeitskreise der DDR im Gemeindehaus statt. Dieses Treffen stand in besonderer Weise unter Stasi-Beobachtung. Die SED wollte ein DDR-weites Netzwerk der Schwulen- und Lesbenarbeitskreise unbedingt verhindern. Es sollte in der DDR keine solche Bewegung geben. Dieses Staatsanliegen wurde über die Kirchenleitungen deutlich an die Gemeinden und Arbeitskreise Homosexualität herangetragen. Die Öffentlichkeit der Friedenswerkstatt und der Kirchentage durchkreuzten dieses Verbot. Homosexuelle wurden sichtbar und auch als DDR-Lesben- und Schwulenbewegung wahrgenommen.
Vermittelt von Bärbel Bohley und Pastorin Christa Sengespeick wandten wir uns an die Bekenntnisgemeinde in Treptow. Die räumlichen Bedingungen dort waren sehr gut, die Gemeinde lag stadtnah und der Gemeindekirchenrat hatte uns als offiziellen Arbeitskreis der Gemeinde bestätigt. Wir hatten hier ideale Bedingungen. Der Gemeindepastor Werner Hilse war ein engagierter und warmherziger Begleiter unseres Kreises, der uns jede Hilfe bot. Ich denke, alle Schwulen, die hier mitgetan haben, denken in Hochachtung, Liebe und Dankbarkeit an diesen Pfarrer, der noch viele andere Gruppen, ohne Rücksicht auf persönliche Gefährdung, begleitete, zurück. Er tat diesen Dienst gerade an Menschen, die der Kirche fernstanden, mit größter Selbstverständlichkeit und seelsorgerlichem Einfühlungsvermögen. Er bleibt für mich ein Zeuge der Liebe Gottes zu den Diskriminierten und Ausgestoßenen. Bei der Laudatio auf Menschen angekommen möchte ich noch den Leipziger Studentenpfarre und späteren Berliner Generalsekretär der DDR-Studentengemeinden Dieter Ziebarth erwähnen, der uns in vielen Anliegen und Aktionen unterstützt hat. Mit ihm zusammen haben wir versucht für die Lesben und Schwulen ein Seminar »Christ sein« aufzubauen. Uns stand auch der damalige Krankenhausseelsorger von Herzberge, Pfarrer Peter Bickhardt, immer mit Rat und Tat zur Seite.
Noch einer soll hier Erwähnung finden: Bischof Dr. Gottfried Forck. Ich hatte mehrere Begegnungen mit ihm, bei denen ich durchaus seine Unsicherheit in der theologischen und ethischen Bewertung der Homosexualität spürte. Ich brachte ihm dann die Monographie von Gabriel Looser »Homosexualität – Menschlich – Christlich – Moralisch«, die eine sehr umfassende Darstellung der Problematik und aller ihrer Aspekte bot. Einige Zeit später, bei einem neuen Termin hatte ich den Eindruck, dass er das Buch wahrgenommen und den Schluss gezogen hatte, dass Homosexuellenarbeitskreise eine Berechtigung in der Evangelischen Kirche haben.

Stigmatisierung und totalitäre Diktatur
Lieber ein Warmer Bruder als ein Kalter Krieger, dieser Slogan war auch die inhaltliche Grundlage unserer Arbeit, denn er weist klar hin auf die Ursache der Homosexuellenverfolgung: das antihomosexuelle Vorurteil.
Dies war unser eigentliches Thema, nicht: »Was ist Homosexualität?« – sondern: »Wie entsteht Antihomosexualität in der Gesellschaft?« Inwiefern verhindert Antihomosexualität den inneren Frieden, den sozialen Zusammenhalt? Welcher Sündenbockmechanismus, welche Verdrängungen müssen zusammenwirken, um die Stabilität des antihomosexuellen Stigmas aufrechtzuerhalten? Dies sind Fragen, die über die damalige Zeit hinausweisen.
Die Frage nach der kollektiven Unterdrückung menschlicher Sexualität ist schlechthin die Frage nach totalitärem Terror. Widerstand, der dort ansetzt, trifft daher ins Zentrum diktatorischer Ideologien. Deshalb sollte jede Betrachtung von Repression und Widerstand in der DDR gerade diese scheinbar nur marginale Widerstandsbewegung einbeziehen.
Welche Verdrängungsleistung allerdings nötig war, dass wir bis heute nicht über eine wirklich sachgerechte und umfängliche Monographie zur Geschichte dieser so wichtigen sozialen Bewegung in der DDR verfügen, ist eine Frage an die einschlägige Gilde der Historiker in unserem Land, aber auch an die Stasi-Unterlagen-Behörde, die ja auf vielen Themenfeldern hervorragende Publikationen verantwortet hat.
Der große Mut, den gerade die verfolgten und unterdrückten Lesben und Schwulen in der DDR aufbrachten, um ihre Diskriminierung zu beenden, wird weiterhin verschwiegen und damit im wirklichen Sinne des Wortes vernichtet. Für eine neue Generation muss es so scheinen, als hätte es dieses menschliche Aufbegehren nie gegeben. Ich selbst habe in Folge meiner Lebensumstände nicht die Möglichkeit ein solches Buch zu schreiben. Aber dem wohlwollenden und sachgemäßen Historiker stehen meine Erinnerungen und Akten und die vieler anderer Menschen unserer Bewegung zur Verfügung.

Christian Pulz, geb. 1944, 1984 - 1990 Sozialfürsorger, 1990 - 1995 Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin, seit 1996 Buchhändler in Berlin.