HEFT 57/2007| Friedenswerkstatt in Ost-Berlin | SEITE 34 - 36

Wolfgang Rüddenklau

Stellungswechsel 

Von der Friedenswerkstatt zum Kirchentag von Unten

Nachdem Thomas Klein bereits ausführlich die Zerschlagung aller Hoffnungen auf eine Friedenswerkstatt durch die vereinten Anstrengungen von Staat und Kirche geschildert hat, bleibt mir nur, bei den Versuchen der Basisgruppen fortzufahren, für sich und ihre Inhalte wenigstens im Programm des Berliner Kirchentages einen angemessenen Platz zu finden. Dass es dazu nicht kam, dafür war bereits vorgesorgt. Bei einem Gespräch der Berlin-Brandenburger Kirchenleitung mit dem Staatssekretär für Kirchenfragen, Klaus Gysi, hieß es: »Das Friedensthema soll in allen Gruppen eine Rolle spielen. Man wolle dadurch vermeiden, dass dieses Thema durch eine Gruppe okkupiert würde.«1

Leider lassen mich die sonst sehr ausführlichen Stasi-Akten genau an einem wichtigen Punkt im Stich, dem Termin des ersten Vorbereitungstreffens für den Kirchentag, das Gemeindemitgliedern und Basisgruppenvertretern zugänglich war. Meiner Erinnerung nach fand es im Januar 1987 in der Berliner Fennpfuhlgemeinde statt. Ich kann mich sehr deutlich an unsere Enttäuschung und Empörung erinnern, als sich zeigte, dass die Themen für die Kirchentagszentren schon fest vorgeschnürt waren. Die Gruppen sollten sich brav ordentlich themenbezogen über die ganze Stadt aufteilen. Dies seien die Bedingungen und daran sei nichts zu ändern. Höhnischerweise führte der Berliner Generalsuperintendent Krusche vor dem Plenum der erschienenen Gemeindevertreter aus, dieser Kirchentag sei von vornherein ein Kirchentag von unten, selbstbestimmt und von der Basis getragen. Das brachte mich als einen der erschienenen Gruppenvertreter auf die Idee, dass angesichts der Lage uns nicht anderes bliebe, als unseren eigenen »Kirchentag von Unten« zu machen.
Die Idee der Namensgebung wird mir von Uwe Kulisch bestritten, der behauptet, seinerzeit zuerst auf die Idee gekommen zu sein. Kulisch war ein Wortführer der Berliner Gruppe der Offenen Arbeit, die nach einem Modell des Braunsdorfer Pfarrers Walter Schilling seit den siebziger Jahren unangepasste Jugendliche in selbstverwalteten Gruppen organisierte. Die Berliner Gruppe hatte seit Jahren erfolglos versucht, ein eigenes Haus für ihre Gruppe von der Berlin-Brandenburger Kirchenleitung zu erhandeln. Wahr ist jedenfalls, dass die Offene Arbeit bei ihrem DDR-weiten Treffen in Hirschluch im Januar 1987 beschloss, sich am Kirchentag zu beteiligen und sich dann im Gefolge analoger Frustrationen den Aktivisten des Kirchentags von Unten anschloss.2
Zur ersten Zusammenkunft des »Aktionskreises Kirchentag von Unten« in der Galerie der Umwelt-Bibliothek trafen sich am 2. März 1987 Vertreter verschiedener Friedens-, Umwelt- und 2/3-Welt-Gruppen sowie Gruppen der Offenen Arbeit. In Reaktion auf die Unterdrückung der Friedenswerkstatt sollten in eigenen Veranstaltungen Inhalte der Basisgruppen präsentiert werden. Damit sollte eine deutliche Distanz zum offiziellen Kirchentag aufzeigt werden. Zugleich war es ein neuer Versuch, das Projekt einer Offenen Gemeinde für die Offene Arbeit durchzusetzen. Im Verlaufe der kontroversen Diskussion einigte man sich darauf, sowohl ein eigenes Veranstaltungszentrum zu gestalten, das besetzt werden solle, als auch darauf, sich kontrovers am offiziellen Kirchentag zu beteiligen, um Gettoisierung zu vermeiden.3
Dazu stieß dann auch die Solidarische Kirche, eine Vereinigung kritischer Kirchenmitar- beiter und Christen aller evangelischen Landeskirchen der DDR, die sich seit 1986 quer zu den Hierarchien organisierte. Weitere Treffen des Vorbereitungskreises »Kirchentag von Unten« fanden, wie wir aus zahlreichen IM-Berichten wissen, am 2., 25. und 28. März, am 14., 24. und 28. April, am 14., 16. und 18. Mai sowie am 14. Juni 1987 statt. Als am 26. April während der Tagung der Synode der Brandenburger Kirche Flugblätter mit der Ankündigung des Kirchentags von Unten von der Empore geworfen wurden, schaltete die Hauptabteilung XX des Staatssicherheitsdienstes auf höchste Alarmbereitschaft. Das Staatssekretariat für Kirchenfragen und das für die Kirchen zuständige Politbüromitglied Jarowinski reagierten zunehmend nervös und fragten bei der Berlin-Brandenburger Kirchenleitung immer dringlicher an, wie sie die Aufsässigen zu disziplinieren gedenke.
Die Chronik der Kirche von Unten berichtet: »Bei einem weiteren, am 14. Mai in der UB-Galerie stattgefundenen Vorbereitungstreffen war Prominenz zugegen. Superintendent Görig, Konsistorialpräsident Stolpe und Stadtjugendpfarrer Hülsemann wurden, nachdem wir sie über ihre Motivation aufgeklärt hatten, mit unserer Forderung konfrontiert, ein ausreichend großes Gemeindehaus mit Freifläche im Stadtzentrum bereitzustellen. Anderenfalls würden wir eins besetzen. Auf die Versuche der Beschwichtigung seitens der Kirchenmitarbeiter gingen wir nicht ein. Kurzerhand teilten wir ihnen mit, dass sie nun über die Sachlage informiert wären und sie die Versammlung verlassen sollten, denn jetzt wünschten wir über unsere Dinge intern weiter zu beratschlagen. Eitel Schadenfreude war in den Augen mancher OA-Leute, als sich die Herren süßsauer mit unverbindlichen Floskeln verabschiedeten. Bisher waren nämlich wir so von den Verhandlungen um ein eigenes Haus davongezogen.«4
Nach diesen deprimierenden Sondierungen trafen sich dann am 25. Mai 1987 die Herren der Berlin-Brandenburger Kirchenleitung zu einem Gespräch mit dem Staatssekretär für Kirchenfragen Klaus Gysi und Genossen der Abteilung Inneres. Generalsuperintendent Krusche veranstaltete ein Manöverspiel: Was machen wir, fragte er, wenn beispielsweise das Kirchentagszentrum Weißensee von der Kirche von Unten besetzt werden sollte. Vor allem dürfe es in der Öffentlichkeit keine Polizeiaktion geben. Man dürfe die Protestieren- den möglichst nicht auf der Straße agieren lassen, sondern müsse sie in die Kirchen hineinholen. Wenn von den Aktivisten Gewalt ausgeübt werde, solle der Kirchtag das Feld räumen und es müsse ein Auffangbecken gesucht werden. Stolpe fügte hinzu, man müsse überlegen, wie die Gruppen, die ihr Spektakel haben wollten, von den anderen getrennt werden könnten.5
Jedem von uns war klar, dass wir gegen einen zur Gewalt entschlossenen Gegner keine Chance hatten. Unsere Waffen waren Forderungen nach Fairness und Gerechtigkeit, unser Mittel gewaltloser Widerstand. Aber offenbar war das Bild hässlicher, dreckiger und brutaler Punks der Offenen Arbeit, die sich entfesselt in saubere Städte oder gar in eines der heiligen Kirchentagszentren ergießen ein höchst wirkungsvolles Druckmittel gegen die geistlichen und weltlichen Mächte. Unsere Punks wuschen sich häufig und waren, wenn man gelernt hatte, durch die dornige Schale hindurch zu sehen, meistens sogar liebens- wert. Aber warum sollten wir den hohen Herren ihre Ängste ausreden?
Generalsuperintendent Stolpe machte sich des Öfteren in Vier-Augen-Gesprächen bei Vertretern der Basisgruppen anheischig. So soll er einem Spitzelbericht zufolge beispielsweise im Zusammenhang mit dem Gespräch am 14. Mai verständnisinnig geäußert haben: »Ich weiß von nichts, bin aber mit euch. Die Gedanken und die Beweggründe für diese Aktion, finde ich, sind sehr verständlich, und ich bin auch mit euch und wünsche euch allen Erfolg.«6 Anfang 1988, während einer Mahnwache, wurde sogar der Ausspruch Stolpes kolportiert: »Ich brauche euren Druck, um etwas bewirken zu können!« Solche Äußerungen wurden nach einigen Erfahrungen kaum ernst genommen. ›Für den sind wir einfach die Bauern auf seinem großen Schachfeld‹, war die allgemeine Einschätzung.
Thomas Klein analysiert in seiner Oppositionsgeschichte die Position der drei Impresarios der Berlin-Brandenburger Kirchenleitung folgendermaßen: »Die bekanntermaßen häufig den Gruppen zugeneigte Haltung Forcks war selten von taktischen Motiven oder politischer Berechnung bestimmt, selbst wenn auch er sich zeitweilig dem Druck staatlichen Inter- ventionalismus oder der Mehrheit der KL zu beugen genötigt sah. Stolpe dagegen sah genau, dass die Existenz der Basisgruppen, deren Aktivitäten das prekäre Staat-Kirche- Verhältnis zum Nachteil der Kirche so häufig zu belasteten schienen, andererseits auch das Gewicht der Amtskirche gegenüber dem Staat zunehmen ließ: Diese Amtskirche als vom Staat bevorzugte ihm gegenüber loyale Kontroll- und Disziplinierungsinstanz der Basisgruppen wurde in dieser Rolle für den Staat mehr und mehr unentbehrlich. Außerdem konnte die Amtskirche mittels dosierter Duldung von Gruppenaktivitäten den Boden dafür bereiten, der Durchsetzung gewisser institutioneller Eigeninteressen gegenüber dem so in Verlegenheit geratenen Staat beizuhelfen.«7 »...Er konnte daher weder an einer amts- kirchlichen Abgrenzung von den Gruppen gemäß Krusches Vorstellungen, noch an einer formellen Solidarisierung mit jenen Gruppen interessiert sein. Je größer der so ent- stehende Freiraum war, desto flexibler konnte er agieren.«8
Nachdem es so mit einem geistlichen Salto Mortale gelungen war, die staatlichen Ver- treter davon zu überzeugen, dass es notwendig sei, die Kirche zu zwingen dem Kirchentag von Unten ein eigenes Kirchentagszentrum zur Verfügung zu stellen, gingen die Kirchen- funktionäre auf Suche.
»In einer Runde (des Vorbereitungskreises) nach dem 14. Juni«, heißt es in Chronik der Kirche von Unten, »verplapperte sich einer aus der Vorbereitungsgruppe und sprach konkret von der Pfingstgemeinde... Einige Teilnehmer der Runde erzählten später, dass bei den KL-Vertretern hörbar ein Aufatmen zu vernehmen war. Endlich wussten sie, auf welche Gemeinde wir aus waren und alle Ängste vor der Besetzung eines Kirchentags- zentrums fielen von ihnen ab. Am 21. Juni war der Bischof in der Pfingstgemeinde und bat die Gemeindevertretung darum, ihre Kirche für zwei Tage an den Kirchentag von Unten abzutreten. Einige Tage darauf bekamen wir das Gemeindehaus und den Hof der Pfingst- gemeinde zugesprochen. Allerdings war die Pfingstgemeinde dazu nicht freiwillig bereit. Offiziell übergab die Gemeinde ihre Räume zeitweilig der Kirchenleitung, die sie uns wiederum zur Nutzung übergab. Diese Konstellation muss der Pfingstgemeinde äußerst zuwider gewesen sein ... Es gab sogar Gerüchte, laut denen ein Paragraph der Grundordnung der Berlin-Brandenburger Kirche strapaziert wurde bzw. angedroht wurde, der einer Gemeinde in besonderen Fällen die Entscheidungsbefugnis absprechen konnte.«9
 »... Durch intensive Bemühungen der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und nach deren Übernahme der Verantwortung für alle Aktivitäten der ›Initiative Kirchentag von unten‹«, heißt es in einer Kirchentags-Information der Stasi vom 26. Juni, »wurde die Pfingstkirche in der Zeit von 26. bis 28.6.1987 der ›Initiative Kirchentag von unten‹ zur Verfügung gestellt. Daraufhin übernahm die ›Initiative Kirchentag von unten‹ die Räumlichkeiten die Pfingstgemeinde...«10
Aus unseren bis dahin eingegrabenen Stellungen waren wir zur Partisanentaktik über- gegangen. Wir hatten unsere Gegner dort gestellt, wo sie am schwächsten waren. Mit dem Kirchentag von Unten gelang es - auch mit Hilfe westlicher Medienberichterstattung - die in die DDR zurückstrahlte - ein breiteres DDR-Publikum über unsere Themen zu informieren, Lust zu eigenständigem Denken und Handeln auszulösen und nicht zuletzt das Machtmonopol der SED in Frage zu stellen. Kritiker, wie seinerzeit Thomas Klein, der den Kirchentag von Unten als Verlegen gesellschaftlicher Konflikte in die innerkirchliche Sphäre kritisierte, behielten nicht Recht. Allerdings erwies sich nicht so sehr der weitere Anschluss an die Kirchentage als Königsweg. Ein zweiter Kirchentag von Unten fand 1988 in Halle statt, hatte aber kaum die Bedeutung des Berliner. Vielmehr zwangen uns die SED und das Ministerium für Staatssicherheit die nächsten Kampforte auf, die Zionsaffäre im November 1987 und die Luxemburgaffäre im Januar 1988. Wir siegten in der einen, weil das Regime über immer weniger Mittel und Möglichkeiten verfügte und sich dies nie einzugestehen vermochte. Aus den gleichen Gründen trugen wir aus den Solidaritäts- aktionen nach den Verhaftungen bei der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration immerhin nur eine halbe Niederlage davon. Und wir konnten wieder in die Offensive gehen.

Wolfgang Rüddenklau, geb. 1953, Mitbegründer der Berliner Umweltbibliothek und einer der Aktivisten des Kirchentags von Unten, Redakteur der Oppositionszeitschriften »Umweltblätter« und »telegraph«, heute u.a. Besucherreferent in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Siehe: www.belfalas.de

1    Entwurf für eine Information aus dem Staatssekretariat für Kirchenfragen, zitiert nach: Kirche von Unten (KvU) Berlin (Hg.), Wunder gibt es immer wieder. Fragmente zur Geschichte der Offenen Arbeit Berlin und der Kirche von Unten, Berlin 1997, S. 236 f.. Leider sind in der Publikation aus drucktechnischen (und finanziellen) Gründen die ursprünglich vorhandenen Quellenangaben gestrichen worden.
2    KvU, S. 332.f.
3    Information ohne Quellenbezeichnung vom 28.6. »zum Evangelischen Kirchentag vom 24. bis 28. Juni 1987 in Berlin«, im Bestand der Robert-Havemann-Gesellschaft (RHG): Ordner KVU ZMA 2039, HA XX/4; Wunder gibt es immer wieder, S. 234.
4    HA XX, Information vom 25. Mai 1987, Nr. 376/87, RHG: Ordner KVU ZMA 2039, HA XX/4.
5    Gespräch des Staatssekretärs für Kirchenfragen und Genossen der Abteilung Inneres mit Vertretern der Kirchenleitung am 25.5.87, nach KvU, S. 237 ff.
6     HA XX, Information vom 25. Mai 1987, Nr. 376/87, RHG: Ordner KVU ZMA 2039, HA XX/4.
7    Thomas Klein, Opposition in der DDR und die Politisierung der Unabhängigen Friedensbewegung 1979-1989 im Raum Berlin, S. 184.
8    Klein, S. 350.
9    KvU, S. 240.
10    Information ohne Quellenbezeichnung vom 27.6. »zum Evangelischen Kirchentag vom 24. bis 28. Juni 1987 in Berlin«, RHG: Ordner KVU ZMA 2039, HA XX/4.