HEFT 57/2007| Rezensionen | SEITE 73

Gerold Hildebrand

Ein Jude im Stasi-Lager X

Rezension zu:

Anatol Rosenbaum: "Die DDR feiert Geburtstag und ich werde Kartoffelschäler." Hg. von Nea Weissberg-Bob. Lichtig-Verlag, Berlin 2006, 168 Seiten, ISBN 3929905-191, 14,90€.

Die Leidensgeschichte des Kinderarztes und politischen Häftlings Dr. Anatol Held wirft ein Schlaglicht auf die antisemitische Ausrichtung des SED-Staats, die im Gewand eines aggressiven Antizionismus daherkam.
Anatol Rosenbaum hat als Anatol Held fast alles durchgemacht, was einem politischen Häftling in der DDR widerfahren konnte. Die Stationen seiner Haft-Odyssee waren ab Dezember 1968 die Stasi-Untersuchungshaft Berlin-Hohenschönhausen, ab Mai 1969 das Stasi-Psychiatriegefängnis Waldheim, im Juli 1969 ein Schauprozess, bei dem er als »zionistischer Agent« verurteilt wurde, ab August 1969 das »Kommando X« in Hohenschönhausen, ab Dezember 1969 die Haftanstalt Berlin-Rummelsburg, ab Januar 1970 das Gefängnis Cottbus und schließlich ab Juli 1970 das Zuchthaus Torgau. Im Dezember 1970 wird er vorzeitig ins »K4«, wie die Häftlinge die DDR nannten, entlassen und 1975 endgültig auch aus diesem Gefängnis – nach West-Berlin. Sein Fall hatte in der Bundesrepublik für Aufsehen gesorgt. Zuvor sollte noch ein NVA-Einberufungsbefehl die Ausreise verzögern, konnte aber abgewehrt werden.
Dennoch ist ein hintergründiger Humor der Tenor seines Erinnerungs-Buches, das von einem unbeugsamen Überlebenswillen kündet. Rosenbaum referiert nicht nur sein eigenes Schicksal sondern auch das seiner politischen und kriminellen Haftkameraden. Vor allem aber erzählt er von den persönlichkeitszerstörenden Praktiken der SED-Diktatur. Eine vergleichsweise harmlose Erfahrung noch ist der »sozialistische Wegweiser«, der allgegenwärtige Gummiknüppel. Die teils folterähnlichen, teils subtilen Umerziehungsversuche zum kommunistischen Ja-Sager und Spitzel sind von härterem Kaliber. Doch die Anwerbungsversuche scheitern an der glaubensgestützten Standhaftigkeit des 30jährigen Arztes, der nur wegen einer beabsichtigten Wohnsitzänderung inhaftiert worden war.
Als 20jähriger Medizinstudent erlebte Anatol erste antisemitische Häme. Fortan suchte er nach seinen familiären und religiös-spirituellen Wurzeln – und wollte weg aus diesem deutschen Land. In Prag lagen schon die Pässe für ihn und seine Frau bereit, doch das Fluchtvorhaben misslang wegen der Denunziation durch einen in eine bundesdeutsche Bürgermeisterei eingeschleusten Agenten der HV A. Dass Held nach Israel gelangen wollte, wirkte sich strafverschärfend aus. Gerade zur Zeit seiner Inhaftierung fand der Sechs-Tage-Krieg statt, dessen Verursachung die DDR-Propaganda demagogisch dem »imperialistischen Aggressor Israel« zuschrieb. Dabei hing Anatol Held vor seiner Verhaftung durchaus Idealen von einem menschlichen Sozialismus an; ein Traum, der im Jahr seiner Verhaftung von sowjetischen Panzern in Prag niedergewalzt wurde.
Die Stasi steckte ihn im Haftarbeitslager X Hohenschönhausen erst einmal zu handfesten Nazis auf die Zelle. Dass die zu SED-Mitläufern konvertierten SS-Offiziere davon schwärmen, wie Rommel den Weltkrieg hätte gewinnen können, ist das Geringste der Übel. Die Einweisung in diese ansonsten »luxuriös« ausgestattete Zelle ist eine besonders perfide Rache der Kommunisten, denn Anatol Held hatte unerschrocken bei seinem Schauprozess dem Richter die scharfsinnig-provokante Kurt-Schumacher-These entgegengeschleudert: »Sie sind nichts weiter als ein rot lackierter Nazi!« Das bedeutete zunächst Nachschlag, drei Jahre »verschärfter Vollzug« statt der schon vor dem Prozess von der SED-Gesinnungsjustiz festgelegten zwei Jahre Gefängnis wegen »versuchter Republikflucht«.
Dabei stammt er aus einer KPD-Familie. Bei ihrer Hochzeit mit Heinrich Ernst Ludwig Rosenbaum hatte seine Mutter Nelly durchgesetzt, dass das Privatbankhaus der Familie Rosenbaum der KPD geschenkt wird. Sein Vater legte 1930 zudem den Namen Rosenbaum ab und bastelte sich einen neuen aus den Initialen seiner Vornamen. Doch hätte sich Nelly Held, nunmehr SED-Kulturfunktionärin, nicht für ihren Sohn eingesetzt, es hätte für diesen noch schlimmer ausgehen können. Mama Nelly kannte Staatschef Ulbricht noch aus dem gemeinsamen Exil in Moskau, wo Anatol Held 1939 zur Welt kam. Wichtiger noch, auch Herbert Wehner alias Heinz Funk war in dieser Zeit mit der Familie Held bekannt und setzt sich nun für den Freikauf von Anatols Familie ein. 250.000 DM Lösegeld erhält die DDR von der Bundesregierung, flankiert von Bemühungen des Staates Israel.
2001 wird bei Anatol Held Leukämie festgestellt. Ursache können heimliche radioaktive Bestrahlungen bei »Fototerminen« in den Gefängnissen Hohenschönhausen, Waldheim und Cottbus sein – wie sie auch bei den inhaftierten Oppositionellen Jürgen Fuchs, Gerulf Pannach, Rudolf Tschäpe und Rudolf Bahro vermutet werden. Anatol Held aber findet rechtzeitig einen geeigneten Blutspender – in Israel. Nach der Transplantation von Stammzellen manifestiert er seine Wiedergeburt mit einer Namensänderung – er nimmt den alten jüdischen Familiennamen Rosenbaum wieder an, den sein Vater aus ideologischen Gründen in der Weimarer Republik abgelegt hatte. Jetzt kann Anatol seinen Lebensbericht vollenden.
Das sehr handlich in 68 kurze Kapitel gegliederte Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Repressionsgeschichte. Anatol Held musste z. B. als Häftlingsarzt in Hohenschönhausen erleben, wie sein Patient E.W. fast an einer Kohlenmonoxidvergiftung stirbt. Autoabgase waren in die Arrestzelle eingeleitet worden. Sterben soll der Arrestant allerdings nicht gleich – er soll noch Devisen einbringen. Aber nicht nur von empörenden Torturen ist in der eingängig und flüssig geschriebenen Publikation die Rede, sondern auch vom kleinen aber überlebenswichtigen Widerstand in den Gefängnissen der kommunistischen Diktatur, von Zellenspitzelenttarnungen, kameradschaftlichem Beistand, selbstorganisierten Fortbildungsvorlesungen und diversen Überlebenspraktiken. Als Anatol Held nach seiner Haftentlassung wieder als Kinderarzt arbeiten kann, macht er eine »Erfindung«. Er ermöglicht mittels einer Tonanlage den Kindern, die auf der Quarantänestation liegen, dass sie miteinander sprechen und lachen können. An die einschneidenden Beeinträchtigungen durch totalen Kommunikationsentzug während seiner zeitweiligen Isolationshaft kann er sich gut erinnern.