Heft 02/2007 | 1968 und die DDR | Seite 6 - 9

Ilko-Sascha Kowalczuk

"Die Zurückhaltung ist ein Megaphon."

Der Prager Frühling in der DDR 1969-1989. Ein Essay

1980 erschien Umberto Ecos Der Name der Rose. Der Autor hat ein mit "5. Januar 1980" – Ecos 48. Geburtstag – datiertes Vorwort beigefügt. Darin schildert er, dass ihm am 16. August 1968 eine Abschrift aus dem 17. Jahrhundert in die Hände fiel, die wortgetreu ein Manuskript aus dem 14. Jahrhundert wiedergebe. In der 1982 im Carl Hanser Verlag erschienenen deutschen Übersetzung heißt es dann: "Der kostbare Fund […] heiterte meine Stimmung auf, während ich in Prag die Ankunft einer mir teuren Person erwartete. Sechs Tage später besetzten sowjetische Truppen die gebeutelte Stadt. Ich konnte glücklich die österreichische Grenze bei Linz erreichen, begab mich von dort aus weiter nach Wien."1 Einmal abgesehen davon, dass die Besetzung in der Nacht vom 20. zum 21. August, also nicht sechs Tage nach dem 16. August 1968 stattfand, zeigt diese Passage, welche Anziehungskräfte die Prager Reformideen 1968 entwickelt hatten. Es tummelten sich im Frühjahr und Sommer hunderttausende Menschen aus aller Welt in Prag, um das Experiment "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" mit eigenen Augen wahrzunehmen. Auch Eco weilte in jenen Tagen in Prag.

In der DDR bemühte sich Volk und Welt um eine Lizenzübernahme. Die zuständige Lektorin fand das Buch "scheußlich".2 Der Verlagsdirektor sah dies ganz anders und vereinbarte eine Lizenzübernahme für 1985. Auch in der DDR–Ausgabe beginnt das Buch mit dem 16. August 1968, dann folgt eine kleine kosmetische Operation: "Der kostbare Fund […] heiterte meine Stimmung auf, während ich in Prag die Ankunft einer mir teuren Person erwartete. Von dort aus begab ich mich weiter nach Wien."3 Der Übersetzer Burkhart Kroeber erinnert sich, dass dieser Zensureingriff in den meisten Ostblockstaaten "gängig" war.4 Volk und Welt wollte ursprünglich das gesamte Vorwort streichen, Eco war dagegen.5

Er hat es sich nicht nehmen lassen, den Zensureingriff zu kommentieren. Unter der Überschrift "Wer hat Angst vor Prag?" schrieb er 1986, dass er autorisierte Änderungen an "meinem Buch" abgelehnt habe. Wenn die "lokale Zensur" einschreite, sei dies nicht sein Problem. "Ein scharfsinniger Freund riet mir, einfach ‚die gebeutelte Stadt‘ durch ‚die glückliche Stadt‘ zu ersetzen, aber der Vorschlag hat meine Gesprächspartner nicht begeistert. Einmal, beim dritten Anruf des interessierten Lektors, sagte ich schließlich: ‚Also gut, ich habe Prag genommen, weil Prag eine meiner magischen Städte ist. Aber das gilt auch für Dublin, also ersetzen Sie meinetwegen Prag durch Dublin.‘ Er wandte ein: ‚Aber Dublin ist doch nie von sowjetischen Truppen besetzt worden!‘ Worauf ich erwiderte: ‚Ist das etwa meine Schuld?‘"6 Eco verballhornte die Zensur, die das Gegenteil dessen bewirkte, was sie beabsichtigte: "Mit anderen Worten, es gibt sehr lärmende Arten des Verstummens, die Zurückhaltung ist ein Megaphon. Warum  gerade jene sie praktizieren, die verhindern wollen, dass die Leute über etwas reden, ist nicht ganz klar."7

Anders als bei den kenntlich gemachte  Zensureingriffen in Christa Wolfs Kassandra fielen die bei Eco nur ganz wenigen auf, nur jenen, die die Westausgabe kannten. Aber wohl die meisten Leser und Leserinnen in der DDR nahmen mit jener von Eco vermuteten Überraschung die Einstiegspassage zum Anlass, "so" oder "so" über den Prager Frühling nachzudenken.

Sehnsucht und Schock: Prag 1968

Der 21. August 1968 war für viele ein Schockerlebnis. Seit Ende 1967 hatten viele Menschen in der DDR einen sehnsuchtsvollen und neidischen Blick auf die Reformen in der ČSSR gerichtet, die immer anziehender wurden und von Monat zu Monat mehr Freiheit und Freizügigkeit im ČSSR-Sozialismus zuließen. Zugleich schwappten immer mehr Einflüsse der westlichen Jugendkulturen in den Osten. Der Beat-Aufstand in Leipzig und Ulbrichts versuchte Verballhornung der "yeah-yeah-yeah"-Kultur 1965 sind dafür nur zwei markante Anzeichen. Aber nicht nur die Musik, auch das damit verknüpfte antiautoritäre und kulturell subversive Image und Verhalten vieler Jugendlicher fand im Osten zahlreiche Anhänger. Prag wurde zum Anziehungspunkt, weil neben der beginnenden Freiheit hier nun auch Hippies geduldet wurden. Die Einheitstrottpolitik von SED und FDJ kam in Bedrängnis, befand sich im ost-westlichen Zangengriff.

Vor allem Jugendliche stellten Tausende Flugblätter gegen den Einmarsch her, überall im Land wurden Protestlosungen an Häuserwände und Brücken angeschrieben, teilweise metergroß. Mehrere Protestversammlungen fanden statt. Über 1000  Menschen, vor allem junge Arbeiter, sind von DDR-Gerichten verurteilt worden, es kam zu SED-Parteiverfahren und Befehlsverweigerungen in der NVA. Hunderte haben in der ČSSR-Botschaft in Ost-Berlin ihren Protest gegen die Invasion schriftlich bezeugt, Tausende verweigerten die ihnen abverlangte Unterschrift, mit der sie die Invasion begrüßen sollten. Dieses Aufbegehren war sehr kurz. Wie schon 1956 und 1961 hatte der Staat seine Lektion von 1953 nicht vergessen und reagierte entsprechend schnell, hart, energisch und effektiv.

Hoffnung auf demokratischen Kommunismus

Die Deutung und Aneignung von "1968" ist immer heftig umstritten geblieben. Ausgangspunkt vieler war zumeist die Überzeugung, die reformkommunistischen Ideen von Prag hätten einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zutage befördert und nur die Warschauer-Pakt-Truppen hätten verhindert, dass aus dem Frühling ein dauerhafter Hochsommer werden konnte. Wolf Biermann hatte dieser Sicht vor dem 21. August exemplarisch Ausdruck gegeben: "In Prag ist Pariser Kommune, sie lebt noch! / Die Revolution macht sich wieder frei / Marx selber und Lenin und Rosa und Trotzki / stehen den Kommunisten bei. // Der Kommunismus hält wieder im Arme / die Freiheit und macht ihr ein Kind, das lacht, / das leben wird ohne Büroelephanten / von Ausbeutung frei und Despotenmacht." 8 Der Prager Frühling steht nicht nur bei Biermann für die Hoffnung, es könne eine demokratisch-kommunistische Gesellschaft geben. Dieser Traum ist für viele auch nach dem 21. August nicht zu Ende. Wiederum Biermann hat dieses Nicht-zu-Ende-träumen-wollen in seinem "Gesang für meine Genossen" versinnbildlicht.9 Die Ablehnung des Einmarsches ist hier ebenso deutlich wie die Tatsache, dass der Aufruf zum Aufruhr den "Genossen", nicht den Bürgern gilt.

Biermann steht symbolisch für eine Verarbeitung des "21. August", die nicht im rollenden Panzer, sondern im Prager Frühling das Sozialismus-/ Kommunismustypische glaubt erkennen zu können. Ihr Ziel bestand nicht in der Abschaffung  des Sozialismus/Kommunismus, sondern darin, sich von den gesellschaftlichen Verhältnissen unabhängig zu machen und die Lebensverhältnisse den individuellen Ansprüchen anzupassen.

Das bedeutete nicht zwangsläufig, vom Sozialismus/Kommunismus Abschied zu nehmen. Das musste letztlich auch niemand, weil die Begriffsleere so eklatant und grandios war, dass jeder damit verbinden konnte, was ihm beliebte. Einig waren sich die Anhänger dieses Begriffs, dass sie damit – was sie nie so nannten – eine arkadische Utopie verbanden. Ihre Heilserwartung an die Zukunft entband sie von dem Problem, die selbsterfahrene Gegenwart mit der eigenen Sozialismus-/Kommunismusidee zu konterkarieren. Ganz im Gegenteil: der reale Sozialismus schien die eigenen Sozialismusvorstellungen nicht nur nicht zu beeinträchtigen, er verstärkte sie sogar noch, weil die Realität als Negativfolie diente, die bestenfalls als entwicklungsfähig angesehen wurde.

Die konspirativen Gruppen in der DDR in den siebziger Jahren haben dies zumeist so gesehen, daran änderte sich auch in den achtziger Jahren bei den meisten nicht viel. Der Prager Frühling blieb ein wichtiger Referenzrahmen für oppositionelle Hoffnungen in der DDR, auch dann noch, als in Polen mit der Solidarność dem Prager Reformkommunismus "von oben" ein gesellschaftliches Demokratisierungsmodell "von unten" machtvoll gegenübergestellt wurde. Am 20. September 1988 erklärte die Ost-Berliner Umwelt-Bibliothek etwa aus Anlass der Prager Protestdemonstrationen: "Aus den Reformversuchen der KPČ im Jahre 1968 schöpften auch viele Menschen in der DDR die Hoffnung auf eine Weiterführung der sozialistischen Revolution. Der damalige Einmarsch [...] war auch eine Verletzung des Leninschen Prinzips des Selbstbestimmungsrechts der Völker. [...] In den osteuropäischen Staaten wird die Forderung nach Demokratie immer stärker. Sozialismus und Demokratie bedingen sich gegenseitig. Die Demonstration am 21. August [1988] zeigt die Notwendigkeit der Beseitigung der bürokratischen Herrschaft und der Errichtung der Rätedemokratie."10 Das lässt sich alles decodieren, auch taktisch interpretieren, die Sklavensprache bleibt. Sie war geschult an der Realität.

Gerade weil die "bürokratische Herrschaft" die Knospen so rücksichtslos zertrat, schien die Machbarkeit eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" besonders realistisch. Bahros Alternative war von dieser Grundidee getragen: scharf in der Gegenwartsanalyse, aber zugleich marxistisch-leninistisch in der Alternative – der von ihm ersehnten Zukunft –, die mit der Gegenwart mehr gemein hatte, als dass sie sich davon unterschied.

Die herrschenden Kommunisten hatten genau erkannt, dass Prag 1968 im eigenen Untergang münden würde. Ihre scharfe Polemik gegen die damals verbreiteten Konvergenztheorien war herrschaftslogisch wohlbegründet. Bahros Antwort auf 1968, die Alternative, blieb nicht unwidersprochen. Die nur wenige Monate zuvor gebildete Charta 77 war eine solche andere Antwort. Anders als bei Bahro ging es nicht mehr um einen richtigen Gesellschaftsentwurf, sondern um die Freiheit des Einzelnen. Das "Querfurter Papier" von 1977 war eine frühe Reaktion in der DDR auf die Charta 77. Entgegen Bahro wurde hier postuliert: "Der Mensch ist wichtiger als ein ideologisches System."11 Es taucht ein Gedanke auf, der in den achtziger Jahren etwa von der Friedensgemeinschaft Jena oder der Initiative Frieden und Menschenrechte, beide an der Charta 77 orientiert, aufgegriffen werden sollte: innerer und äußerer Frieden bedingen einander.

Texte oppositioneller Gruppen verdeutlichen, dass die einen an Begriffen und Utopien einer Zukunft festhalten die andere abgelegt hatten und in der Gegenwart zwar so wie jene das Übel sahen, aber ihre Gegenwartserwartungen nicht weiter auf die Zukunft verschieben wollten. Daraus ergaben sich unterschiedliche Handlungsoptionen, die in verschiedenen Deutungen des langen Jahres 1968 wurzelten.

Gegenwartglaube – Literatur im Umfeld von 1968

Im Umfeld des Jahres 1968 sind literarische Arbeiten entstanden, die als gegenwartsvergewissernde, aber nicht oppositionelle Zeitdokumente gelten. Da wäre Christa Wolfs Roman Nachdenken über Christa T., der zwar 1968 erschien, dessen Heldin aber bereits 1963 stirbt. Die Gesellschaftsdiagnose überraschte: Nach den vermeintlich hoffnungsvollen Aufbruchsjahren folgt der Schock vom Frühsommer 1953, von dem sich die Heldin nicht mehr erholt. Ihr Tod steht sinnbildlich für eine stagnierende Gesellschaft, die das "Ich" nicht benötigt, höchstens um es im "Wir" untergehen zu lassen. Reiner Kunzes Bände Sensible Wege (1969) und Die wunderbaren Jahre (1976) nehmen anders als die Bücher Christa Wolfs explizit auf das Prag von 1968 Bezug. Kunze trat 1968 wegen des Einmarsches aus der SED aus, das MfS nahm ihn aufs Korn, seine erwähnten Bücher konnte  nur in der Bundesrepublik erscheinen. Christa Wolf blieb gerade noch so im Rahmen, Kunze hatte diesen meilenweit hinter sich gelassen, die Zensur reagierte entsprechend.

Das berühmteste in der DDR erschienene Buch aus jener Zeit ist Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. (1972). Der Autor sagte später, der Urtext sei 1968 abgeschlossen gewesen, das Jahr habe er "intensiv als Niederlage erlebt".12 Dieses Büchlein traf den Lebensnerv einer Generation. Edgar Wibeau ist ein Anti-Held, der so werden möchte, "wie er mal wird".13 Er bricht mit den Konventionen seiner Gesellschaft. Edgar konnte gar nicht anders denn als Gegenentwurf zur DDRRealität verstanden werden. Er wollte gammeln, wenn er gammeln wollte, er wollte Sex, wenn er Sex wollte, er wollte schlafen, wenn er schlafen wollte. Das passte alles nicht in die durchorganisierte DDR-Lebenswelt. Dass passte aber sehr wohl zu einem Zeitgeist, der an der Mauer nicht zerbrach. Relativ früh kulminiert dies in den neuen Leiden in einem Ausspruch, der die offizielle SED-Politik ebenso konterkariert wie er das kulturelle Selbstbewusstsein der Beat-Generation grenzübergreifend auf den Punkt bringt: "Ich meine, Jeans sind eine Einstellung und keine Hosen."14 Zur Jeans gehört "echte Musik, Leute"15. Plenzdorf lässt seinen Helden noch ein Stück weitergehen: "Echte Jeans dürfen zum Beispiel keinen Reißverschluss haben vorn. Es gibt ja überhaupt nur eine echte Sorte Jeans. Wer echter Jeansträger ist, weiß, welche ich meine. Was nicht heißt, dass jeder, der echte Jeans trägt, auch echter Jeansträger ist."16

Edgar redet der "501er" das Wort, so kompromisslos in einem Land, in dem es diese zur Währung des Landes offi ziell nicht gab,17 dass dies gar nicht anders als eine Totalabsage verstanden werden konnte. Es war aber keine. Edgar steht vor einem Bücherschrank und staunt, dass darin die Bücher der Größe nach geordnet sind: "Ich sackte einfach zusammen. Weiter unten hatte er reihenweise Marx, Engels, Lenin. Ich hatte nichts gegen Lenin und die. Ich hatte auch nichts gegen den Kommunismus und das, die Abschaffung der Ausbeutung auf der ganzen Welt. "Kein einigermaßen intelligenter Mensch kann heute was gegen den Kommunismus haben. Dagegen war ich nicht."

Es ist eben ein Zeittext: Edgar hebt zwar offenkundig ("Abschaffung der Ausbeutung auf der ganzen Welt") auf ein Gesellschaftsmodell ab, das er mit dem Begriff verbindet, zugleich aber blendet er die Gegenwart und Vergangenheit seiner Gesellschaft damit so überraschend aus, dass nur der Rückschluss übrigbleibt: Weder seine Gesellschaftserfahrungen noch der Prager Frühling und erst recht nicht dessen militärische Niederschlagung haben etwas mit Edgars Kommunismusutopie zu tun. Ganz im Gegenteil, weil dies alles gar nichts damit zu tun habe, könne er, Edgar, aus dem System aussteigen, könne seine Erfahrungen von der Gegenwart entbinden und sie zugleich als gegenwartsbezogen deuten, um daran festzuhalten, was die einen unter Kommunismus verstehen und dafür Panzer provozieren und die anderen unter Kommunismus verstehen und dafür Panzer auffahren lassen.

Anders als bei Plenzdorf spielt bei Volker Braun in der 1968 entstandenen Erzählung Die Bühne der Prager Frühling eine direkte Rolle, in ihrer Kommunismusutopie ähneln sie sich. Im Sommer proben Schauspieler ein Stück irgendwo in der Industrieprovinz. Der Bitterfelder Weg ist in der Realität längst gescheitert, aber hier ist er noch nicht an sein Ende gekommen. Nach der Probe geht der Ich-Erzähler ganz ohne Ironie in den "Russischen Hof" essen. Dort spricht ihn ein alter Mann an, eine Funktionärshonorität der Stadt. Er beklagt die Hoffnungslosigkeit im Theater: "Wo ist der Humanismus?"18 Der Ich-Erzähler verteidigt die Darstellung der Realität: "Man muss die wirklichen Verhältnisse ansehn. Eine Gesellschaft ist danach zu beurteilen, welche Möglichkeiten sie dem letzten ihrer Bürger gibt."19 "Dann kam der 21. August."20 Der Einmarsch ist hier eine "Kampagne", mit der gerechnet wurde, die aber dennoch bestürzt: "Ich lass mir nicht mehr nehmen, was ich hab!"21 Nach der Probe kommt der zu Wort, der verkündet, "Zeit, dass da Ordnung gemacht wird",22 aber auch vorsichtige Entmutigung kommt zum Ausdruck. Beklagt wird, dass der heimische Rundfunksender nicht hinreichend informiere, im Westsender aber "kam [...] eine Flut von rednerischem Schmerz und Mitleid. Die westlichen Sender vergossen Wasser und Rotz zugunsten des wahren Sozialismus. [...] Die Freundschaft über den Äther war nicht erst von gestern, das Einblasen des Nationalismus sollte das Völkchen von seinen Verbündeten losknüpfen und hatte im Land ein paar geweitete Ohren gefunden."23 Jahre später nimmt Braun dieses Motiv nochmals auf und lässt "Kunze" sinnieren: "Besser [...] der Verbündete, mit dem man nicht Freund wird, als der Freund, mit dem man nicht verbündet ist."24 "Historische Gesetze", so eine marxistisch-leninistische Gewissheit, brechen sich ihre Bahn unabhängig vom individuellen Bewusstsein. Die Avantgarde hat ihre Macht, hat sie sie erst einmal, zu verteidigen und sei es durch den Einmarsch bei "Verbündeten".

1970 schrieb Braun das Stück Lenins Tod. Darin setzt er sich mit der Frage nach dem "wahren" Sozialismus auseinander. Hier firmiert Lenin als Vater des Prager
Reformkommunismus und die Möglichkeit wird offeriert, Panzer zu rechtfertigen, auch wenn sie schmerzen, um die Hoffnung auf den "demokratischen Sozialismus/Kommunismus" nicht aufgeben zu müssen, weil der demokratische Gehalt von "1968" keine singuläre Erscheinung war, sondern der mythischen Grundidee selbst zugrunde liege.

Das setzt sich bei Braun auch noch in seiner berühmten Unvollendeten Geschichte 1977 fort. Die 18jährige Katrin, die in einen linken jugendlichen Abweichler verliebt ist, findet zufällig Plenzdorfs neue Leiden und verschlingt es.25Ihr Bruder hat unentwegt "Ja!" und "Genau!" an den Rand gekritzelt. Ihr blieb Edgar fremd, nicht nur weil er zu jung ist, "zwei Jahre wenigstens". Sein Tod schien ihr unmotiviert; er drang nicht ins Innere vor, das aber sei notwendig.

Volker Braun, Ulrich Plenzdorf und Christa Wolf litten unter der Gegenwart, jeder auf seine Weise, aber sie glaubten an diese Gegenwart, weil sie den Boden ihrer Zukunft abgab.

Absage an die Utopie

Bis zum Ende der achtziger Jahre war bei vielen dieser Glaube erheblich geschliffen, die Hoffnung auf die kommunistische Utopie zerbrach immer mehr. Der X. Schriftstellerkongress Ende Juni 1987 gab dafür ein beredtes Zeugnis ab. Christa Wolf nahm demonstrativ nicht teil. Mehrere Autoren wandten sich gegen die Zensur. Am deutlichsten wies Christoph Hein darauf hin, dass Zensur nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich, strafbar und verfassungswidrig – so seine Worte – sei.

Hein selbst war vielleicht derjenige ostdeutsche Autor, der das Ende des Regimes literarisch offi ziell gedruckt am eindrücklichsten vorweggenommen hat. In seiner Komödie Die Ritter der Tafelrunde lässt er den jungen, aufmüpfigen Mordret ausrufen: "Euer Gral ist ein Fantom, dem ihr ein Leben lang hinterhergejagt seid. Ein Hirngespinst, um das ihr euch die Köpfe blutig geschlagen habt. Sieh dir deine Gralsritter an. Verstörte, unzufriedene, ratlose Greise, die das Leben verklagen."26 Mordret aber hält nicht nur den Gral für ein Hirngespinst, er geht noch weiter, selbst den Gral zu fi nden, hielte er für "eine schreckliche Idee". "Ein unaufhörliches Glück, das wär zum Kotzen."27 Lancelot begreift als erster der Tafelritter, dass ihre Stunde geschlagen hat: "Für das Volk sind die Ritter der Tafelrunde ein Haufen von Narren, Idioten und Verbrechern."28 Artus redet am Schluss mit Mordret und bedeutet ihm, "wir" verstehen nicht, was du willst. Mordret antwortet sicher: "Das weiß ich selbst nicht. Aber das alles hier, das will ich nicht."29 Artus begreift, sein Sohn Mordret will ihn und seinen Tafeltisch ins Museum schaffen. Das schaffe Platz zum Atmen. "Ich habe Angst, Mordret. Du wirst viel zerstören. Mordret: Ja, Vater. ENDE."30

Die Gegenwart hat hier keine Zukunft. Utopien verlieren hier nicht nur ihren Sinn, sondern werden als das Problem selbst markiert. Diese Utopieabsage verknüpft Hein in einem zeitgleich erschienen Buch mit einer konkreten Totalabsage an die reale Gesellschaft. Im selben Jahr publiziert Hein die Erzählung Der Tangospieler. Es geht um einen Historiker, der, weil er am falschen Ort zur falschen Zeit das falsche Lied als Pianist begleitet hat, verhaftet und zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt wird. Hein zeichnet ein Gesellschaftsbild, in dem Dallow ständig entgegenschallt, "man" stünde immer mit einem Bein im Zuchthaus.31 Die Stasi ist omnipräsent. "Müller" und "Schulze" treten als markierte MfS-Angehörige auf. Selbst Konspirative Wohnungen fehlen nicht, detailgenau und widerwärtig. Heins Held will in diese Gesellschaft nicht mehr zurück. Mit aller Gewalt stemmt er sich dagegen. Seine Geschichte will niemand hören. Immer wieder kommen die seelischen Qualen der Haftzeit zur Sprache. Die Handlung spielt im Jahre 1968. Die Panzer rollen hier unverblümt, fast alle Akteure sind geschockt. Nur Dallow nicht. Er hat nicht nur ein Bein in der Zelle, er hat "die Zelle noch immer nicht verlassen".32 Dallow wird nicht einmal nervös, als ihn eine Kneipengesellschaft für einen Spitzel hält: er ist der einzige, der nur Bier trinken und nicht über Prag sprechen will. Prag vor und nach dem Einmarsch interessiert ihn einfach nicht. Er will Musik hören, alles andere langweilt ihn, er kennt die Geschichte.

Das Buch endet irritierend. Sein Gegenspieler am Institut wird entlassen, weil er am frühen Morgen des 21. August in einer Vorlesung Gerüchte über den Einmarsch als imperialistische Propaganda scharf verurteilt. Er hatte die ND-Ausgabe noch nicht gelesen. Er zeigt sich selbst bei der Parteileitung an, die Genossen wissen bereits Bescheid. Man trägt Dallow den Posten an. Er säuft eine Flasche Wodka, spielt Klavier und sieht dabei auf die Fernsehbilder – ohne Ton, den hat er abgedreht. Dort sind Prager Bürger im freundschaftlichen Gespräch mit Soldaten fremder Mächte zu sehen. Die Erzählung endet: "Dallow trank in kurzer Zeit die Flasche aus, stellte den Fernseher ab und ging ins Schlafzimmer. Bevor er sich auszog, prüfte er die Klingel des Weckers und stellte ihn dann. Er wollte am nächsten Morgen pünktlich im Institut sein."33

In Megaphonstärke verstummt Dallow. Nicht weil er bekehrt worden wäre, sondern weil er überleben will. Dallow weiß besser als die meisten seiner Mitbürger, dass jede Haftzeit zu Ende geht. So oder so. Überleben heißt auch, in der Gegenwart zu träumen, nicht für eine Zukunft, die andere versprechen und in der sie sich bereits eingerichtet haben. Edgar Wibeaus Gegenwartstod hebt sich in Dallows Zuversicht auf. Die Zukunftsutopie ist von der Gegenwartshoffnung verdrängt worden.

"1989" war nicht die utopische Erfüllung von "1968", sondern der auf die geschichtliche Gegenwart orientierte Tod von "1968". Wer wollte, konnte diese Botschaft hören – lautstark.

1 Umberto Eco, Der Name der Rose. München, Wien 1982, S. 7.
2 Heidi Brang, Die achtziger Jahre – Erleichterungen nach Gorbatschow. In: Simone Barck, Siegfried Lokatis (Hg.), Fenster zur Welt. Eine Geschichte des DDR-Verlages Volk und Welt. Berlin 2003, S. 170.
3 Umberto Eco, Der Name der Rose. 5. Aufl., [Ost-]Berlin 1989, S. 5.
4 E-mail von B. Kroeber an den Ver f. vom 11.08.2004.
5 E-mail des Hanser-Verlages (D. Stempel) an den Ver f. vom 20.08.2004.
6 Umberto Eco, Wer hat Angst vor Prag? In: Die Zeit vom 25.06.1986.
7 Ebd.
8 Wolf Biermann, Mit Marx- und Engelszungen. Gedicht, Balladen, Lieder. [West-]Berlin 1968, S. 70.
9 Ders., Für meine Genossen. Hetzlieder, Balladen, Gedichte. [West-]Berlin 1972, S. 7-9.
10 Rober t-Havemann-Gesellschaft/RG/B 19/03 (Dok. 994).
11 Vgl. Lothar Tautz (Hg.), Friede und Gerechtigkeit heute. Das „Querfurter Papier“ – ein politisches Manifest für die Einhaltung der Menschenrechte in der DDR. Magdeburg 2002.
12 Ulrich Plenzdorf, in: Thomas Grimm, Was von den Träumen blieb. Eine Bilanz der sozialistischen Utopie, Berlin 1993, S. 112.
13 Ders., Die neuen Leiden des Jungen W., in: Sinn und Form 24 (1972) 2, S. 258.
14 Ebd., S. 264.
15 Ebd., S. 263.
16 Ebd.
17 Die einige Jahre später verkauften Levi’s hatten übrigens einen Reißverschluss.
18 Volker Braun, Das ungezwungene Leben Kasts. 2. Aufl., Berlin 1981, S. 110.
19 Ebd.
20 Ebd., S. 113.
21 Ebd., S. 115.
22 Ebd.
23 Ebd., S. 116.
24 Volker Braun, Berichte von Hinze und Kunze. Halle, Leipzig 1983, S. 20.
25 Ders., Unvollendete Geschichte. Frankfur t/M. 1977, S. 44-46.
26 Christoph Hein, Die Ritter der Tafelrunde. Eine Komödie, in: Sinn und Form 41 (1989) 4, S. 793.
27 Ebd., S. 811.
28 Ebd., S. 826.
29 Ebd., S. 829.
30 Ebd.
31 Ders., Der Tangospieler. Berlin, Weimar 1989, z. B. S. 79, 84.
32 Ebd., S. 115.
33 Ebd., S. 206.

 

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