Heft 02/2007| 1968 Und die ddr | Seite 16 - 19
Ilona Scherm
Die Erinnerung an den Einmarsch
Biographische Interviews an der deutsch-tschechischen Grenze
Zur Methodik
Im Rahmen des von der EU geförderten Projekts "EU Border Identities" wurden in sechs Paaren exemplarisch ausgewählter mittelosteuropäischer Grenzorte biographische narrative Interviews erhoben, und zwar in Drei-Generationen-Familien (jeweils in sechs Familien auf jeder Seite), die zeigen sollen, welche Bilder von der Grenze und den Menschen diesseits und jenseits in den Köpfen zu finden sind.1
Eine methodische Besonderheit in diesen Interviews besteht darin, dass in den Fragen der Interviewer die Themen zum allergrößten Teil nicht sprachlich vorweg genommen wurden; statt dessen wurden den Interviewten als "Auslöser" Fotos von historisch brisanten Situationen vorgelegt. Damit wurde vermieden, dass den Interviewten bereits bestimmte Begriffe vorgegeben wurden, die eine eigenständige Reaktion erschwert hätten. Zudem wurde mit dem gemeinsamen Betrachten von Fotos an eine alltagsweltlich vertraute Weise des Erinnerns und Mitteilens angeknüpft: wie wenn man beim Betrachten von Fotoalben erklärt, was zu sehen ist, und Geschichten dazu erzählt.
Der Einmarsch
In der DDR gehörte der "Prager Frühling" – wie etwa auch "Flucht und Vertreibung" nach dem Krieg – zu den Tabuthemen. Das Reden über die Vorgänge im Nachbarland hatte die Grenzen privater Zirkel kaum überschritten, zumal es aufgrund der Allgegenwart der Staatssicherheit gefährlich war, sich öffentlich dazu zu äußern. Selbst nach dem Wegfall politischer Restriktionen hat sich an der Zurückhaltung wenig geändert; der Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die ČSSR im August 1968 bleibt sowohl in Ostdeutschland als auch in Tschechien vielfach tabuisiert. Daher sind die historischen Fakten oft nur andeutungsweise bekannt. Fest steht im Hinblick auf die beiden untersuchten Grenzorte Bärenstein und Vejprty/Weipert, dass während des Sommers 1968 mehrere Manöver in den Grenzgebieten zur ČSSR stattfanden.
Schließlich begann am späten Abend des 20. August 1968 die Besetzung der ČSSR, um das Auseinanderbrechen des "sozialistischen Lagers" zu verhindern. Vorgeschoben wurde ein "Hilferuf" von "Persönlichkeiten der Partei und des Staates" der ČSSR, um "dem tschechoslowakischen Brudervolk dringend Hilfe, einschließlich der Hilfe durch bewaffnete Kräfte, zu gewähren."2 In vielen Veröffentlichungen werden die frühen Morgenstunden des 21. August als Beginn der Intervention genannt,3 aber unsere Gesprächspartner haben uns bestätigt, dass bereits am Abend des 20. August Panzer durch Bärenstein rollten und den eisernen Zaun auf der Grenzbrücke niederwalzten, um nach Vejprty und von dort weiter in das Landesinnere zu fahren.
Interessant ist allerdings die Frage nach der Beteiligung der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR an der militärischen Intervention. Jahrelang war die Forschung davon ausgegangen, dass die NVA mit den anderen Truppen in die ČSSR einmarschiert sei. Noch Hoensch schreibt in seiner "Geschichte der Tschechoslowakei" von "an der Besetzung beteiligten 16 sowjetischen, drei polnischen, zwei deutschen, zwei ungarischen und einer bulgarischen Division".4 Erst die militärgeschichtliche Untersuchung von Wenzke aus dem Jahr 1995 relativiert diese Aussage. So standen zwar die genannten zwei Divisionen der NVA seit Juli 1968 im Süden der DDR in Gefechtsbereitschaft, doch wurden sie kurzfristig nicht aktiviert.5
Über die Gründe dafür gab und gibt es zahlreiche Vermutungen. Die Entscheidung dürfte aber kaum in Ost-Berlin gefallen sein, sondern in Moskau. Allerdings leistete die DDR aktive Hilfestellung zum Einmarsch, z.B. durch Sicherstellung der Truppentransporte, durch Schließung der Grenze durch die Grenztruppen, Errichtung eines Sperrgebietes, konkrete Kontroll-, Sicherungs-, Überwachungs- und Spitzelaufgaben durch die Volkspolizei.6 Allerdings konnte der Aufenthalt von NVA-Fernmeldesoldaten in der ČSSR nachgewiesen werden sowie vereinzelte Grenzübertritte in der Zeit nach dem Einmarsch. Letztere hatten vor allem das Ziel der "Beseitigung von Hetzlosungen" und wurden im Sprachgebrauch der Staatssicherheit "Aktion Sauberkeit" genannt:
"Die ‚Aktion Sauberkeit‘ wurde am 31. August 1968, gegen 01.30 Uhr, ausgelöst. Bis gegen 05.00 Uhr wurden durch Überstreichen oder Abreißen 28 Hetzlosungen an Gebäuden, Dächern, Zäunen, Waggons oder ähnlichen Objekten auf dem Gebiet der ČSSR, in unmittelbarer Nähe der Staatsgrenze der DDR, beseitigt. Weitere 7 Hetzplakate und ein Lautsprecher wurden am Tage des 31. August 1968 durch Verhandlungen und eine weitere konspirative Aktion beseitigt. Am 31. August 1968, gegen 15.00 Uhr, war das gesamte Grenzgebiet der ČSSR, entlang der Staatsgrenze zur DDR […] frei von Hetzlosungen."7
Auch in Bärenstein wurde von einer verstärkten Aktivität der Staatssicherheit in jenen August-Tagen berichtet (Kundgebungen, Parteiversammlungen, Spitzeltätigkeit). Die Einrichtung einer Sperrzone sowie Aufschriften auf den Dächern von Fabriken in Vejprty wurden erwähnt. Ein Foto dieser von Bärenstein aus deutlich erkennbaren Aufschriften wie "Wir stehen hinter Dubček!" oder "Last uns in Frieden arbeiten, zieht euere Okupationstruppen sofort zurück, helft uns deutsche Arbeiter!!!" konnten wir erst gegen Ende der Interviews bekommen. Es wurde voneinem ehemaligen Bewohner von Weipert gemacht, der bis zu seinem Tod in Bärenstein lebte.
Die gebrochene Erinnerung
Was sagen nun unsere Gesprächspartner in Bärenstein und Vejprty (oder was nicht) zu den Ereignissen in jenen Augusttagen des Jahres 1968? Unseren Ergebnissen liegen insgesamt 36 Interviews in den beiden Grenzorten zu Grunde. An dieser Stelle kann jedoch aus Platzgründen nur auf Ergebnisse bei der ältesten Generation in beiden Orten eingegangen werden.8
Die von uns Befragten der ältesten Generation in Bärenstein waren 1968 zwischen 33 und 50 Jahren alt. Über ihre Erlebnisse in jenem Sommer sprechen alle unsere Interviewpartner, einige sehr knapp, andere steuern Erlebnisse aus dem Familienkreis bei. Äußerungen über den Reformsozialismus finden sich in den Bärensteiner Interviews nicht, lediglich vorsichtiges Verständnis für den Freiheitswillen der tschechischen Nachbarn:
(1) des: die wolln ja ner a bissel mehr Freiheit und so weiter. (Bst, Heinrich, 78)9
Übereinstimmend sprechen alle Gesprächspartner nicht von den Truppen des Warschauer Paktes, sondern sie verweisen bei der Schilderung der Vorgänge an der Grenze auf die sowjetische Armee: immer wieder ist von de Russen die Rede, die in der ČSSR eingezogen (Bst, Heinrich, 78), nüber gefahrn (Bst, Alfred, 77) oder nach der Tschechei rein (Bst, Minna, 72) sind.
Aus der Sicht unbeteiligter Beobachter, fast wie in einem Theater, wird auch die nächtliche Szene geschildert, als eine Gruppe von Panzern die Grenzsperranlagen durchbrach:
(2) da kamen de der Panzer und der der Panzer - ja wo war denn die - damals hatten ja de Tschechen a Tor ran gemacht nä? und da is ja der erschte Panzer der is ja einfach - nan gefahrn nä? des Ding beiseite geschobm nä? wie se ein eingezogen sind [...] de Russen. - des war au - des war schon en aus so - so Eisen:stäben nä? [...] Eisenstäben. war: nä? aber des war überhaupt kein Problem. da hatten sich allerhand also Schaulustige auch eingefunden und da is de - da kam der Panzer und dann gar nich viel groß des Ding gemacht - und durch des Ding weggeschobm und rüber auf der Seite. nä? [...] und dann sind de annern weiter. (Bst, Heinrich, 78)
Persönliche Betroffenheit wird nur deutlich, wenn Familienmitglieder direkt involviert waren. So erzählt Heinrich, dass einer seiner Söhne, der zu jener Zeit seinen Armeedienst bei der Marine an der Ostsee leistete und auf Heimaturlaub nach Bärenstein gekommen war, bereits am nächsten Tag aufgrund der verhängten Urlaubssperre wieder zu seiner Einheit zurückkehren musste. Der junge Mann, der anschließend seinen Kameraden von dem in Bärenstein Gesehenen berichtete, wurde dafür von seinem Politoffizier zur Rechenschaft gezogen, weil er darüber nichts hätte sagen dürfen:
(3) und des hat er nu ooch ze - (lächelt) dor: den sein - Kameraden <erzählt> (lacht) und dann ham sen sogar - irgendwie is - Schwierigkeiten gemacht. das hätt er dürfen nicht sagen damals. (lächelt) [...] der mußt zu seim Politoffi zier und da hat er gesagt na ja ich - müsste sie - drei vier Tage - äh Bau gebm weil se - das da / dürfen se nich sagn. no ja. (Bst, Heinrich, 78)
Aus der zeitlichen Distanz kommentiert Heinrich die Begebenheit mit Lachen und schließt seinen Bericht mit einem lakonischen no ja.
Dass zu dieser Zeit der Staatssicherheitsdienst gerade im Grenzgebiet besonders aktiv war, ist in verschiedenen Dokumenten dieser Behörde nachzulesen.10 Auch einer unserer Interviewpartner äußert sich mit der entsprechenden zeitlich distanzierten Haltung:
(4) nu danach - ich meen man hat ja dann hier gesehn - schon die Tage vorher. die Kundgebungen. nich? und - na ja es warn nu ein zweie die se auch eingesperrt ham. die - die sich im Gasthaus dagegn aufgeregt ham. ja? [...] in Bärenstein. nä? und no ja da - hat nu - in de Betriebe nä? - der Parteisekretär hat da - Versammlungen gemacht also so und so. ich mein - mir - man hatte zwar - ich mein hm - das Verhältnis mit de Tschechen und so weiter - war ja - nicht besondersch g / also nicht mer ka sagn nicht gut. in dem war die so - was mer so gehört hat was sie gemacht ham. – also - aber trotzdem - hat de große Mehrheit hat gesagt Mensch es - des die wolln ja ner a bißel mehr Freiheit und so weiter. daß se etze da die Russen nei machen nä: aber - es des konntste ebm wirklich nur - möcht ich <sagn bei - deinen treusten Freunden sagn> (lächelt) [...] nä? denn es es wurde da - es es also es es - de Horch und Guck die warn damals sehr sehr aktiv. bei uns. (lacht) (Bst, Heinrich, 78)
Hier spricht Heinrich die den Tschechen gegenüber reservierte Haltung aus, die trotz der staatlich verordneten Freundschaft zum "Brudervolk" aufgrund der im Grenzland doch hautnah miterlebten Vertreibung über die Jahre hinweg latent erhalten blieb.
Es ist bezeichnenderweise auch wieder Heinrich, der erzählt, was damals in der DDR an der Tagesordnung war, aber keiner offi ziell zu sagen wagte: die verbotene Informationsgewinnung aus "Westmedien".
(5) und es hat sich anundfürsich also - mer ham ja nu aa damals - es war nu schon so dass mer da ja doch - fast nur - äh (lächelt) Sender - mer sagten ausm Westen angehört ham. nä? [...] und - hatten auch schon de - en erschten Fernseher da ging bei uns gings auch so mit - de sechzscher Jahre nu ja de - und da wurde auch versucht bei uns hießs ja nur der Ochsenkopp. ne? [...] <der Ochsenkopf nu ja> (lächelt) [...] wurde nu -entweder - in Giebel versteckt oder oder mal sin rumgesaust und ham überall ne Stelle gesucht wo <Empfang war.> (lacht) [...] und wenn mer dann des Bild angesehn hat es war was es war kaum ze sehn <aber des wurde ebm angeguckt> (lacht) (Bst, Heinrich, 78)
Ein anderer Interviewpartner, Alfred, berichtet uns, wie auch Heinrich, von den Protestaufschriften, die auf den Dächern von Vejprty in Richtung Bärenstein zu lesen waren:
(6) drübm war schon - war schon a bißel Aufstand. - da hat man - die die Dächer angemalt mitn Dubček und so weiter [...] ich hab sogar mal erlebt da sind von hier - da war drübm - hatten se drübm über der Grenze - drübm Plakate aufgestellt. da ham se irgendwie en Ulbricht angegriffen. sind von uns Soldaten nüber [...] also: DDR Soldaten - und ham des Plakat - weggeräumt. (Bst, Alfred, 77)
(7) und mir ham anundfürsich des war anundfürsich für uns - grade wir konnten da da warn - grade an der Grenzstraße von mir ich hab ja en herrlichen Blick auf Weipert nä? [...] und da is da konnte man lesen hä? - Ulbricht verrät euch. und so weiter nä? und und hä? Deutsche Brüder seid - ihr wollt ja auch mehr Freiheit. und solche solche - nä? nä? [...] na ja nu <ich mecht sagn> (lächelt) - äh mir wollten schon alle. aber (lacht) [...] damals warn alle noch - also daß - des war wirklich so. wer wirklich da mal es - eene - Lippe riskiert hat - denn der war dann aa - gleich später mal fort. nä? [...] und - na ja de de grosse Masse is ja sagt immer die sagt immer - ruhig. ruhig. - halt lieber de Gusche. es is eh dem - (lacht) eh de se dir verbrennst. (lacht) ja. (Bst, Heinrich, 78)
Natürlich gibt es auf der Bärensteiner Seite bei der ältesten Generation auch andere Reaktionen auf die Fotos von 1968. Gesprächspartnerin Hanna, deren Familie als einzige keinerlei Beziehungen zu Weipert/ Vejprty hatte oder hat, hebt – obwohl sie zugibt geschockt gewesen zu sein - eher den "Erlebniswert" für die Kinder hervor:
(8) no die Kinner die sei nu gern amol in die Panzer rumge - konnten nei klettern in die Panzer wu se ebm dann die hatten sich nu ganz schon angefreundet wolln mer mal sagn da - is eigentlich - also die die in de Panzer saßen da is eigentlich nischt passiert. die warn alle ganz -- <na brachten de Kinner> (lächelt) hier Jackettenknöppe und alles mögliche geschleppt als Souvenir ja. (Bst, Hanna, 65)
Minna und Hans, aus Weipert stammend, ziehen als einzige einen Vergleich zur Vergangenheit, allerdings auf andere Weise als vielleicht erwartet. Auch Minna berichtet zunächst aus persönlicher Sicht, dass die unmittelbare Grenzzone Sperrgebiet war und ausgerechnet zur Schuleinschreibung Ende August keinerlei Besucher zugelassen waren.
(9) M: das haben wir ja - unmittelbar miterlebt. ja. da hatten wir Schuleingang. unsere kleine Tochter sollt zur Schule kommen. - na ja ich überm Reinemachen. hatt viele Fenster zu putzen. keine Gardinen nischt dran zum Fertigmachen. - auf einmal hieß es es darf niemand kommen. also die Schuleingänger müssen alle auf Besucher verzichten. es durfte niemand zu uns dort unten in der kleinen Region rein. wir durften raus. - meine Eltern haben zur Zeit hier diese Wohnung gehabt. die durftn aber nicht rein zu uns. – [...] innerhalb von Bärenstein. ja. und Schuleingang / jeder hatte viele Gäste geladen. na? unsere Kleine hatte ne Patin ausm Vogtland. die durfte absolut nicht kommen. ja? - wir hatten dann noch mal Verbindung. wir kommen schwarz sagt er. es war ja auch ein Weiperter. wir kennen uns aus. wir - kommen über Cranzahl raus durch den Wald und so. da sagt ihm macht uns bloß keine Schwierigkeiten. es bringt nischt.
H: weil die Wälder waren ja alle voll Russn. (Bst, Minna, 72 und Hans, 68)
Das Zitat zeigt auch die Angst vor den Russn, denen man zutraute, dass man durch sie Schwierigkeiten bekommen könnte. - Für den Notfall wäre sogar eine Evakuierung der Bevölkerung in den Raum Gera vorgesehen gewesen, was man allerdings nur hinter vorgehaltener Hand munkelte.
(10) Ich hatte - Bekannte beim Betrieb - von der Partei her. da sagte mir dann der eine / sagt er horch auf. ich sag dir was - ihr werdet im Höchstfall evakuiert. - ich sagt ihr seid wohl nicht gescheit. sagt was soll denn das werden und so. und wohin? ja. im Raum Gera. das war alles schon perfekt. (Bst, Minna, 72)
Minna und Hans hätten dies allerdings nicht als so schlimm empfunden, hatte man doch schon mehrmals die Wohnung verlassen müssen:
(11) M: na ja. ich sag für uns ist / wär das aber nicht so schlimm. mein Vater hat zur Zeit in Gera bei der Wismut gearbeitet. - ja. [...] wir haben schon einmal die Wohnung verlassn. fünfundvierzig sechsundvierzig. - (lächelt) wir waren es langsam gewöhnt. ein bißchen.
H: nu. da waren wir schon achtunddreißig.
M: achtunddreißig warn wir ja auch schon weg. (Bst, Minna, 72 und Hans, 68)
Nicht über das Thema 1968 reden wollen dagegen die beiden Informandinnen Hermine (72) und Rosamunde (82). Hermine blättert gleich zum nächsten Foto weiter und sagt nur auf intensives Nachfragen, dass die Stimmung damals net gut gewesen sei und dass man durchaus Angst gehabt hätte. Rosamunde assoziiert die Panzer auf dem Foto mit dem Einmarsch 1938.
Bei den meisten der Interviewten aus der ältesten Generation wird das Thema Angst im Zusammenhang mit 1968 und den Panzern auch angesprochen, auch wenn versucht wird, diese Gefühle herunterzuspielen und seine Machtlosigkeit auszudrücken (Alfred), sich hinter der Beschreibung von Fakten zu verstecken bzw. ihre Unsicherheit zu diesem Thema hinter einem Lachen zu verbergen versuchen (Hanna, Minna) oder diesen Teil der Geschichte zu übergehen (Hermine, s.o.).
(12) nu ja. - Angst - nu ja es warn scho e bißel komische Gefühle. nu ja direkt Angst - wissen se wenn mer jünger ist - dann nimmt mer des gar nicht a so mit. [...] und es war ja bloß - die kleine Tschechei - und was wollten se denn machen? (Bst, Alfred, 77)
(13) na da warn mer nu scho derwegn geschockt. ich weeß - des war - a Sonntag früh - macht mei Mann zur Haustür naus und spricht -- sagt er wenn ich mich net irr ich weeß ooch net des riecht wie Panzer. (Bst, Hanna, 65)
(14) wenn die [=die tschechischen Soldaten an der Grenze] nur einen einzigen Widerstand geleistet hättn - einer die Nerven verlorn hätte und geschossn hätte - dann wär was passiert. (Bst, Minna, 72)
(15) ja. des war --- des war auch einmal so ein kritischer Punkt. - da haben sie dann - entlang der Oberwiesenthaler nauf straße auf tschechischer Seite - ach da hatten sie Parolen drauf geschrieben übern Honecker. [...] übern Honecker. so. - na ja. wir haben öfter mal gezittert was wird da draus werdn? (lacht) (Bst, Minna, 72)
Auf tschechischer Seite ist zum Thema 1968 weitaus weniger zu erfahren. Zwei der Informandinnen, Marie (72) und Wilma (66), machen dazu überhaupt keine Aussagen. Marie ist voll auf die Vertreibungsgeschichten und den Untergang des "alten, prachtvollen Weipert" konzentriert und nimmt das Foto von 1968 nicht einmal zur Hand. Ein Paar, Emilie (79) und Franz (82), bestätigt zwar seine Anwesenheit in Vejprty im August 1968, schwenkt aber sofort weiter zu einer kritischen Auseinandersetzung mit 1938. Bei den anderen Interviewten wird zunächst einmal auf Russen als Invasoren Bezug genommen, auf Nachfrage wird aber auch erwähnt, dass Truppen der NVA der DDR dabei gewesen sein sollen:
(16) A: so haben sie dies [=Tor auf der Grenzbrücke] durchbrochen und sind hier durch die Husova durchgefahren da die Panzer die russischen.
I: und waren hier nur Russen?
A: na Russen no. nur Russen. na und hier bei uns fuhr auch noch das DDR Militär kam hier auch durch nicht wahr.
I: haben sie vielleicht mit ihnen gesprochen?
A: nein. damals hatten wir furchtbare Angst. (Vej, Adam, 72)11
Auch hier spielt die Erwähnung von Angst eine Rolle; eine weitere Wertung der Ereignisse gibt Adam allerdings nicht ab.
Johanna dagegen erinnert sich, dass während des Einmarsches auf Bärensteiner Seite eine Menge Leute als Zuschauer herum standen und wertet diese Neugierde als einen Akt der Solidarität:
(17) die Deutschen standen so entlang der Grenze hier überall entlang der Straßen als uns die Russen okkupierten – die russische Armee achtundsechzig und die Deutschen solidarisierten sich mit uns dort standen Mengen von Leuten über der Grenze [...] ich meine an der deutschen Seite und gestikulierten. na das ist alles was ich dazu sagen kann (Vej, Johanna, 80)
Ganz anders dagegen äußert sich Rosemarie. Sie nimmt Bezug auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Sowjetarmee als Befreier gekommen war und auch dementsprechend gefeiert wurde. Sie ist auch die einzige, die auf die Rolle der russischen Besatzung im Rahmen des Uranbergbaus in Joachimsthal/Jachymov und auf den Einsatz von Zwangsarbeitern hinweist, wobei nach ihrer Ansicht die Russen gerechter gewesen seien gegenüber "den Deutschen" (sie meint vermutlich sudetendeutsche Zwangsarbeiter) als die Tschechen. Und aus dieser Sicht heraus kritisiert sie das Verhalten von Tschechen bei der Okkupation:
(18) das waren die Russen wie sie jetzt gekommen sind im jahr achtundsechzig. wie der Grenzübergang war etwa no:. <das ist no.> (spricht deutsch). wie sie hier durchgefahren sind nichtwahr. no: no ja das ist achtundsechzig. na sie mussten hierher und haben niemand was getan. die haben niemand was getan. und die Tschechen haben sich – sie haben sich nicht fair verhalten [...] aber niemand hat jemand was angetan. nur die Tschechen – sie haben sie beinahe erschlagen. mit Flaschen Steinen und bespuckten sie und das taten sie in Prag und wo sie konnten. und wenn jemand einem russischen Soldaten der dürr und verhungert war etwas zustecken wollte so war man – Kollaborateur. wie man so sagt ja. also die Tschechen haben sich nicht besonders schön verhalten. ich muss die wahrheit sagen. es war traurig weil die Russen kamen hierher befreien. Da hatte man sie gefeiert und ihnen Blumen geschenkt und sowas und dann hätte man sie am liebsten. und die Russen als sie hier waren – bevor man sie hier vertrieben hatte sie hatten viel Gutes getan auch hatten sie die deutsche Bevölkerung geschützt usw. so dass wir unter ihnen geschützt waren. [...] na ja: na. überhaupt als es die Joachimsthaler gab usw. als es Gefangene in den Joachimsthaler Gruben gab. sie mussten alle arbeiten. <ach hat doch keinn Zweck.> (spricht deutsch). (Vej, Rosemarie, 60)
Auch Rosemarie geht davon aus, dass DDR-Soldaten mit bei den Invasionstruppen waren. Auf die Frage des Interviewers, ob auch Deutsche dabei waren, antwortet sie:
(19) na sowohl Deutsche als auch Russen. na sie waren ja Verbündete, nicht. (Vej, Rosemarie, 60)
Sie rechtfertigt von vornherein eine eventuelle Anwesenheit von NVA-Truppen aufgrund der Abkommen des Warschauer Paktes. Allerdings scheint ihre Haltung den Deutschen gegenüber doch nicht von Vorbehalten frei zu sein:
(20) na aber sie haben niemand etwas angetan die Russen. ob aber die Deutschen dann das weiß ich nicht (Vej, Rosemarie, 60)
Fortwirkende Tabuisierung
In der ältesten Generation fi ndet man auf beiden Seiten der Grenze immer noch eine gewisse Zurückhaltung gegenüber den Ereignissen im August 1968. Nur zögernd wird trotz der großen zeitlichen Distanz von Angst gesprochen. Von einer ausreichenden Information über die historischen Fakten oder gar einer Wertung kann keinesfalls ausgegangen werden. Die eingangs erwähnte Tabuisierung jener Zeit ist die Ursache dafür. Auch die nachfolgenden Generationen sind über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen, der sozusagen vor der eigenen Haustür stattgefunden hat, nur unzureichend oder nicht informiert, wie die Interviews in der mittleren und der jüngsten Generation zeigen. Erschreckend ist gerade das Nicht-Wissen der jüngsten Generation, die meist ihren Geschichtsunterricht bereits nach der "Wende" erhalten hat.
1 Ulrike Meinhof (ed.): Living (with) Borders. Identity discourses on East-West borders in Europe. Aldershot 2002; sowie: dies. (ed.), Bordering European Identities. Themenheft Journal of Ethnic and Migration Studies 29, H. 5, 2003. Weitere Literatur: www.borderidentities.com.
2 Rüdiger Wenzke, Die NVA und der Prager Frühling 1968, Berlin 1995, S. 245.
3 Z.B. Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen II. Deutsche Geschichte 1933-1990, Bonn 2004, S. 264; Lutz Prieß, Vaclav Kural, Manfred Wilke, Die SED und der "Prager Frühling" 1968, Berlin 1996, S. 238; Wenzke 1995 (Anm. 2).
4 Jörg K. Hoensch, Geschichte der Tschechoslowakei, 3. Aufl., Stuttgart 1992, S. 170 f.
5 Wenzke 1995 (Anm. 2), S. 143 f.
6 Ebd. S. 123.
7 Zit. nach: Monika Tantzscher, "Maßnahme Donau und Einsatz Genesung." Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968/69 im Spiegel der MfS-Akten. Berlin 1994, S. 59-60.
8 Siehe dazu ausführlicher: Werner Holly, Ilona Scherm, "Halt lieber de Gusche". Der Einmarsch in die ČSSR 1968 in der Erinnerung sächsischer Grenzbewohner. In: Zeitschrift für Angewandte Linguistik (ZfAL), Heft 45, Okt. 2006, S. 53-62.
9 Die Interviews werden nach den Orten Bärenstein (Bst.) und Vejpr ty (Vej.) zitier t, dann folgen der (erfundene) Vorname des Interviewpartners und dessen Alter zum Zeitpunkt der Befragung (Sommer 2000). Die Ausschnitte aus den Interviews sind möglichst nah an der gesprochenen Sprache transkribiert, wobei allerdings einer besseren Lesbarkeit Rechnung getragen wird. Gedankenstriche signalisieren Pausen, Doppelpunkte ein kurzes Zögern, [...] Auslassungen durch die Autorin.
10 Tantzscher (Anm. 8).
11 Die Interviews aus Vejpr ty werden hier in der deutschen Übersetzung wiedergegeben.
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