Heft 02/2007| 1968 Und die DDR | Seite 34 - 37
Roland Hofwiler
Die vergessene Bewegung
Jugoslawische Studentenproteste 1968
Es war die erste und einzige jugoslawische Protestbewegung. Im Juni 1968 befand sich der Vielvölkerstaat an der Adria in Aufruhr. Überall besetzen Studenten und Schüler die Hochschulen und Berufsakademien. "Weg mit der verlogenen Parteibourgeoisie!", skandierten Jugendliche und Studierende von Maribor, am Fuß der slowenisch-österreichischen Alpen, bis hinunter ins montenegrinische Cetinje unweit der albanischen Grenze. Im kroatischen Zagreb ging die Jugend ebenso auf die Strasse wie im damals multiethnischen Sarajevo oder der dalmatinischen Hafenstadt Rijeka. In der Landesmetropole Belgrad herrschte für einige Tage der Ausnahmezustand.1
Nie mehr danach sollten sich Jugoslawen, unabhängig von Religion und Nation, für eine gemeinsame Sache stark machen. Der Protestruf von damals, "Sozialismus für alle, freie Medien, gerechte Wahlen", wurde schon wenige Jahre später im sogenannten Kroatischen Frühling von 1971 von national geprägten und separatistischen Parolen abgelöst. Mit dem Tod des kommunistischen Staatsgründers Josip Broz Tito 1980 war es mit der jugoslawische Idee endgültig vorbei, kein Hauch von ’68 bestimmte fortan die Innenpolitik, die 1990 mit vier blutigen Bruderkriegen die Vielvölkerregion in Chaos und Armut stürzen sollte.
Wer heute über die Ereignisse der jugoslawischen Protestbewegung von 1968 im Internet nachlesen will, wird bitter enttäuscht. Nicht einmal im serbischsprachigen Wikipedia wird das Ereignis erwähnt, auf einigen balkanischen Anti-Kriegs-Seiten finden sich nur kurze Hinweise, eine Chronik oder Einschätzung aus heutiger Sicht sucht man vergebens. Selbst in der Flut der nach 1990 erschienenen Bücher zum Thema Schlachthaus Jugoslawien2 und Chronik einer Katastrophe3 – so die Titel zweier US-Bestseller zum Jugoslawienkrieg – wird im geschichtlichen Teil stets nur vom "Jahrhunderte alten Hass der Völker des Balkan" geschrieben, ohne dass ein Wort verloren wird über demokratische gesamtjugoslawische Strömungen, die es seit Beginn der Arbeiterbewegung in diesem Teil Europas auch gab.4
Aufbruch kennzeichnete die Jahre 1966 bis 1969 in Jugoslawien. Auf der historischen Plenarsitzung des Bundes der Kommunisten im Oktober 1966 wurde die Partei ideologisch komplett erneuert. Der Altstalinist Alexander Ranković, einst auserkoren als Tito-Nachfolger, und zahlreiche seiner Gefolgsleute wurden aus dem Kommunisten-Bund ausgeschlossen und liberalere Parteikader rückten auf. Partei-Ideo loge Edvard Kardelj gab die Devise aus: "Die Wirtschaft muss von politischer Einmischung befreit, sie muss entpolitisiert werden." Die Medien berichteten ausführlich über den Reformprozess in der Tschechoslowakei und aufgeklärte Kommunisten forderten auch für Jugoslawien, Partei und Staat künftig auseinander zu halten. Die neu geschaffene Arbeiterselbstverwaltung bekam eine eigene Dynamik, junge Technokraten wollten nicht mehr nur Vollzugsgehilfen der Polit-Funktionäre sein. Im Parteiorgan Komunist wurde die Frage aufgeworfen: "Wäre es nicht natürlicher, zwei Parteien zu haben, die beide für den Sozialismus kämpften?" Philosophen wie Ernst Bloch, Erich Fromm, Herbert Marcuse und andere wurden von der Partei zu Diskussionen ins Land gerufen – die akademische Jugend bekam so die aktuellsten neomarxistischen Diskussionen hautnah mit. Radio und Jugendzeitschriften berichteten relativ frei über die Hippie-Bewegung in San Francisco und die Jugendrevolte in Paris.
Studententriumph nach dem 2. Juni
Am 2. Juni 1968 war es dann soweit. Es war das orthodoxe Pfi ngstwochenende und in Belgrad versammelten sich in einer Festhalle 400 geladene Jungbrigadisten zu einem bunten Abend. Diese künftige Parteibourgeoisie sollte man "aufmischen", sagten sich Studenten eines nahe gelegenen, armselig ausgestatteten Studentenwohnheims und zogen spontan vor die Festhalle mit der Parole, auch an "Schmaus und Trank" teilhaben zu dürfen. Das wurde wie erwartet abgelehnt und es kam zu ersten Rangeleien. Polizei wurde gerufen und griff, völlig überfordert von der unerwarteten Demonstration, zum Schlagstock. Schnell überschlugen sich die Ereignisse. Die Studenten bemächtigten sich eines heranrückenden Wasserwerfers, sprengten mit ihm einen Polizeikordon, das Chaos auf den Strassen Belgrads war perfekt. Zeitgleich besetzten Studenten ihre Fakultät und riefen über den Jugendsender zur Nachahmung auf, der Ruf nach Hochschulreformen, besserem Mensa-Essen und neuen Studentenheimen wurde laut. Die Lage spitzte sich in den kommenden Tagen mehr und mehr zu. Die Forderungen der Studenten wurden immer weitreichender, mehr und mehr Oberschüler und Jungakademiker schlossen sich in anderen Städten des Landes dem Belgrader Protest an. Mit einem Schlag wurde ausgesprochen, was unter der Oberfläche schon lange gärte: Allein mit der Entmachtung der alten dogmatischen Kader um Ranković war es nicht getan, das wirtschaftliche Nord-Süd-Gefälle blieb bestehen, die sozialen Unterschiede ebenso. Im Süden Jugoslawiens gab es 1968 noch viele Dörfer ohne Stromversorgung, ohne Krankenhäuser und weiterführende Schulen. Aus solchen Dörfern stammten gerade einmal zwei Prozent aller Studierenden, der Anteil von Arbeiterkindern lag im Süden des Balkanstaates an manchen Fakultäten unter 15 Prozent. Ganz anders war die Situation in den reichen Nordregionen, wo die Studenten ganz andere Sorgen plagten: Sie wollten einfach zur westlichen Jugendbewegung dazugehören, von der sie schon manches vernommen hatten. "Ich halte Bob Dylan für einen Revolutionär", konnte man von einem jugendlichen Autor in einem KP-Blatt lesen, "mehr als unsere Väter, die über ihr bequemes Leben sehr glücklich und stolz sind." Und weiter: "Ich klage die Generation unserer Väter an, gewiss, sie haben die Revolution auf ihren Schultern zum Sieg getragen, aber sie haben es versäumt, sie erfolgreich umzusetzen, wo sind die Revolutionäre heute? Unsere Eltern sind zu gewöhnlichsten Brotverdienern geworden und die Partei erscheint vielen wie mir nur als ein abstoßendes Sammelbecken für Karrieristen."
So wie die Eltern wollte man auf keinen Fall werden und deshalb proklamierten die Rebellen in diesen Junitagen nach Pariser Muster einen Rat revolutionärer Studenten, der für das Establishment völlig unerwartet staatsgefährdende Parolen verbreitete: Abschaffung aller Privilegien und sozialer Unterschiede, Demokratisierung der Partei, freie Gewerkschaften und freie Presse, allgemeine Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit. Aufgeschreckt aus dem Funktionärsschlaf versprachen einige Spitzenpolitiker den Rebellen alles, um diese zum Abbruch ihrer Proteste zu bewegen, andere konterten jedoch mit Verschwörungsthesen, wonach ausländische Kräfte "auf subtile Weise Jugoslawien zu destabilisieren suchen." Dogmatische Parteikreise beschuldigten Universitätsprofessoren, sie würden "mittels ihrer Positionen die Studentenschaft aufwiegeln, um innerhalb der Partei den Versuch vorzubereiten, eine Fraktion zu bilden, um ein Mehrparteiensystem einzuführen."
Die Gesellschaft war gespalten. Aus einigen Kombinaten und Kolchosen erging der Ruf an die Partei, dem "dekadenten Spuk" ein schnelles Ende zu bereiten. Solche Schreiben wurden allein an Tito und die Parteispitze gerichtet, meist vonübertreuen Genossen verfasst oder fingiert geschrieben. Doch es gab auch Arbeiterräte, die plötzlich "Grußbotschaften" an die Adresse der Studenten sandten – ein Unikum.
In dieser Situation griff Tito persönlich ein. Ohne Konsultation mit Regierung und Politbüro, was eigentlich einem Verfassungsbruch gleichgekommen sei, wie Historiker später schreiben werden, trat der Parteichef am Abend des 9. Juni mit einer "Rede an die Nation" vor die Fernsehkameras. Die Eindeutigkeit seiner Worte überraschte. Ohne Abstriche stellte sich der oberste Landesvater hinter die Studenten.
Mit diesem Machtwort war Ruhe im Lande. Tito hatte es noch einmal geschafft, mit seiner unangefochtenen Autorität alle gesellschaftlichen Widersprüche für einen Augenblick wegzuwischen und wie ein gütiger Übervater Ordnung in sein Reich zu bringen. Man wird später sagen, zu diesem Zeitpunkt war der Kommunistenführer auf dem Zenit seiner Macht und er wäre selbst bei freien Wahlen, die es aber bekanntlich nie gab, noch als Sieger hervorgegangen. In jenen Junitagen 1968 war Tito ein geschätzter Staatsmann in Ost und West. Als Begründer der Blockfreienbewegung genoss er weltweiten Respekt, sein "dritter Weg" zum Sozialismus galt als Alternative zum Sowjetsystem und konservative Kreise in Westeuropa und Übersee sahen in ihm einen Garanten, die Vielvölkerstruktur auf dem Balkan im Griff zu halten.
Eingefrorene Reform, Repression und Exodus
Doch wie kaum anders zu erwarten, dauerte es nur Monate, bis sich nach der innenpolitischen Befriedung wieder ideologische Risse zeigten – nicht zuletzt aufgrund der Niederschlagung des Prager Frühlings. Denn die Tatsache, dass bulgarische Truppenverbände an sowjetischer Seite in die ČSSR einfallen durften, veränderte mit einem Schlag die geopolitische Lage auf dem Balkan. Am gleichen Tag an dem das bulgarische KP-Blatt Rabotnischesko Delo das Sowjet-Kommunique über den Einmarsch in die Tschechoslowakei abdruckte, veröffentlichte die Delo bezeichnenderweise auch eine spaltenlange Attacke gegen Titos Reformbewegung und die unverhohlene Drohung an Belgrad, die mazedonische Frage sei noch ungelöst.
Die jugoslawischen Medien spekulierten danach lange über einen möglichen Angriff sowjetischer Truppen auf die südlichste Teilrepublik Mazedonien. Gegen eine Intervention spräche, man widersetze sich Moskau mit Erfolg schon seit über 20 Jahren und eine Intervention würde eher noch eine amerikanische Reaktion hervorrufen als der Prag-Schlag. Andererseits: Die Kreml-Führer sähen mit Recht in Tito den eigentlichen Urheber aller Unbotmäßigkeiten gegen Moskau, eine Generalabrechnung mit Abtrünnigen könnte man sich nun leisten, weil das Prestige in der westlichen Welt durch Prag ohnehin verspielt sei.
Zum Glück blieb es beim propagandistischen Säbelrasseln zwischen Sofia und Belgrad, förderlich war die außenpolitische Konfrontation aber keineswegs für die Lösung der innenpolitischen Probleme. Jugoslawische Historiker sind sich bis heute uneins, wie viel indirekten Einfluss die Ideologiediskussionen im sowjetischen Machtbereich auf Titos Gesellschaftssystem hatten, unbestritten ist jedoch, dass Belgrad seit der Annäherung an Moskau unter Nikita Chruschtschow keinen unnötigen Konflikt mit seinen östlichen Nachbarn schaffen wollte.
Die den Studenten gegebenen Versprechen konnte die Belgrader Parteiführung nicht einhalten, aus finanziellen Gründen und dem sozialistischen Selbstverständnis heraus. Die Reformen stockten daher bald wieder, außer kleinen wirtschaftlichen Verbesserungen, kostenlosem Mensa-Essen und einigen neuen Studentenwohnheimen blieb alles beim Alten. Das Nord-Süd-Gefälle vergrößerte sich in den kommenden Jahren und auch die Studentenbewegung zerfiel in zahlreiche Gruppen und Fraktionen – ähnlich wie in Westeuropa. Als es im Frühjahr 1971 zum sogenannten Kroatischen Frühling kam, war es mit der Einheit der demokratischen Bewegungen in Jugoslawien vorbei. Die meisten Jugoslawen sahen in den neuerlichen Protesten, die auf die Teilrepublik Kroatien beschränkt blieben, kein neues ’68, keinen demokratische Protest für weitergehende Reformen, wie die kroatischen Demonstranten behaupteten, sondern teilten die Meinung der Belgrader Parteiführung, Nationalisten und Separatisten seien am Werk. Und diesmal entschied sich Tito, selbst kroatischer Herkunft, mit eiserner Hand im Sinne seiner serbischen Genossen zu handeln: Er schickte Truppen um die Proteste niederzuwerfen.
Aber auch in den anderen Teilrepubliken wehte fortan ein eisiger Wind. Wann immer sich Menschen auf die Ideale des Sommers 1968 beriefen, reagierte die Partei in den 70er Jahren mit Härte. Als Spätfolge der Studentenrevolte gab es ähnlich wie in der Tschechoslowakei und Polen sogenannte Fliegende Universitäten, Zusammenkünfte von Studenten und Intellektuellen, die sich in Privatwohnungen trafen, um heikle gesellschaftliche Themen fern von Zensur zu diskutieren. Denn Zensur herrschte in Jugoslawien bis zum Zerfall 1990, nicht minder repressiv als bei den östlichen Nachbarn. Nur kurz nach Titos Tod 1980 gab es wieder ein Tauwetter in Jugoslawien, schaute man gespannt auf die Entwicklungen in Polen, doch nach dem Verbot der Solidarność im Dezember 1981 kam es im Vielvölkerstaat – fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit – zu einem extrem dogmatischen Kurswechsel im führerlosen Bund der Kommunisten. Erstmals machte auch der spätere Kriegstreiber Slobodan Milošević von sich reden, laut Den Haager Uno-Kriegsverbrechertribunal einer der Hauptverantwortlichen für die vier Bruderkriege nach 1990.
In den 80er Jahren war von den Ideen des Sommers ’68 in Jugoslawien nichts mehr zu spüren, in der Partei herrschten Dogmatiker, denen selbst die zarten Reformansätze in Ungarn und Polen ab 1983 viel zu weit gingen. Mitte der 80er Jahre zählte amnesty international in Jugoslawien mehr politische Gefangene pro Einwohner als in allen anderen sozialistischen Staaten Europas, ausgenommen die Sowjetunion. 1984 wurden dann im "Prozess der Sechs" mehrere Studentenführer von 1968 wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung" in Belgrad vor Gericht gestellt. Der Vorwurf: Sie hätten ein Netz illegaler "Freier Universitäten" errichtet und sich mit Dissidenten aus Osteuropa verbündet, um die "sozialistische Staatengemeinschaft in Europa zu destabilisieren." Als zudem in einigen jugoslawischen Parteizeitungen harte Attacken gegen den Reformkurs von Michail Gorbatschow erschienen, kehrten viele Alt- 68er so schnell wie möglich ihrer Heimat den Rücken. Tausende gingen in die Emigration und kehrten nie mehr zurück. Als die Mauer fiel, Ceauşescu stürzte und Prag wieder frei atmete, da gab es kein annus mirabilis in Belgrad. Vielleicht blieb ein solches Wunderjahr auch aus, weil jene nicht mehr da waren, die den Geist von 1968 in die neue gesellschaftliche Realität hätten einbringen können.
1 Standardwerke zum Thema: Praxis, philosofski dvomjesecnik, dokumenti lipanj 1968, Beograd 1969; Mirko Arsic, Dragan Markovic, Studenski bunt i drustvo, Beograd 1988.
2 David Rieff, Schlachthaus Jugoslawien, München 1995. Rieff ist Sohn der Schriftstellerin Susan Sonntag.
3 Warren Zimmermann, Origins of a Catastrophe, New York 1996. Zimmermann war 1989-1992 US-Botschafter in Jugoslawien.
4 Auch nicht von Timothy Gar ton Ash, der bekannt ist für seine detaillierten Abhandlungen zu Emanzipationsbewegungen in Ostmitteleuropa.
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