Heft 02/2007| Themen | Seite 56 - 57

Peter Grimm

Erfolgloses Drehbuch

Die Aktion "Falle" und ihr Scheitern. Ein Zeitzeugenbericht

Der Name für diese Aktion war von der Stasi eigentlich treffend gewählt. Wie in einer Falle sollten sich die Mitarbeiter des illegalen Oppositionsblattes grenzfall und die der nicht ganz so illegalen Umweltblätter in den Kellerräumen der Umwelt-Bibliothek im Gemeindehaus der Zionskirchgemeinde befinden, wenn das Stasi-Kommando sie auf frischer Tat ertappen würde. Endlich hätte man die durch ihre kirchliche Gemeindeanbindung leidlich geschützte Umwelt-Bibliothek und ihre Publikation mit der vollkommen illegal hergestellten "Hetzschrift" grenzfall in Verbindung gebracht. Wegen der offensichtlichen Beteiligung an Straftaten müsste sich die offizielle Kirche mit Protesten zurückhalten. Und wenn es für Protest keinen Raum gibt, dann wird er kurze Zeit später auch nicht mehr wahrgenommen. Der Schlag gegen die Opposition wäre gelungen, die Aktion "Falle" ein voller Erfolg.

Über ein Jahr lang mussten die Mitarbeiter der Staatssicherheit nur zusehen, wie Monat für Monat zwei Oppositionsblätter erschienen, die sich in einem gesunden Wettbewerb beflügelten und so auch immer frecher und besser verbreitet wurden. Doch zuschlagen durften sie nicht. Die SED-Führung brauchte eine halbwegs gute Presse im Westen, denn der mehrfach verschobene Staatsbesuch des Generalsekretärs Erich Honecker in Bonn stand an. Erst jetzt im Spätherbst 1987 durften sie endlich losschlagen.

Die Voraussetzungen waren günstig. In der kleinen Gruppe der Grenzfall- Redaktion – gleichsam natürlich auch zuständig für die Herstellung – gab es mit Reiner Dietrich bzw. IM "Cindy" einen Spitzel, der über alles bestens informiert war. Natürlich auch darüber, dass die Druckmaschine aus der Wohnung, in der wir bislang gedruckt hatten, verschwinden musste. Zusätzlich gab es den Zeitdruck, dass grenzfall pünktlich erscheinen sollte. Und es gab das Angebot von Wolfgang Rüddenklau, im Notfall auch in der Umwelt-Bibliothek grenzfall zu drucken. So wurde es verabredet. Der Spitzel transportierte zuverlässig die Druckmaschine und es wurde ein Drucktermin ausgemacht: Parallel zur Herstellung der Umweltblätter in der Nacht vom 24. auf den 25. November sollte auf der einen Maschine grenzfall vervielfältigt werden. Und nach Möglichkeit sollten wir dabei sein. IM "Cindy" wollte das unbedingt und konnte das auch sehr schlüssig begründen. Die Handhabung der grenzfall-Maschine hatte ihre kleinen Eigenheiten, denn es war ausgerechnet der Spitzel, der sie einst mit viel handwerklichem Geschick zum reibungslosen Laufen gebracht hatte. Also sollten wir, wenn wir unbeobachtet seien, doch am späten Abend in der Umwelt- Bibliothek zum Drucken erscheinen. Eine klare Verabredung. Der IM berichtete alles, die geplante Aktion konnte anlaufen.

Doch noch am Nachmittag des 24. November ändern sich plötzlich die Absprachen – ohne den IM, nur zwischen Wolfgang Rüddenklau und mir. Allen Eigenheiten der Drucktechnik zum Trotz wäre es doch viel sinnvoller, wir grenzfall-Redakteure seien demonstrativ ganz woanders, wenn in der Umwelt-Bibliothek grenzfall gedruckt würde. Also verabredete ich mich extra am Telefon mit Ralf Hirsch und Peter Rölle in einer Kneipe und IM "Cindy" erfuhr von dem Treffpunkt durch einen Zettel an der Wohnungstür. Da dürfte er aber kaum misstrauisch geworden sein, sondern nahm sicher an, wir würden anschließend zum Druck aufbrechen. Zumindest wirkte er ehrlich überrascht, als wir ihm am Kneipentisch sagten, dass keiner von uns in der Umwelt-Bibliothek auftauchen sollte und wir stattdessen ganz entspannt ein Bier zusammen trinken könnten. Was hätte er nun tun sollen? Seinen Führungsoffizier benachrichtigen? Das ging nicht, ohne sich verdächtig zu machen.

Der Stasi erklärte er später, dass sein nicht angesprungener Trabant ihn daran gehindert hätte, uns pünktlich zur Verhaftung in die Umwelt-Bibliothek zu bringen. So ist es aktenkundig und wird deshalb natürlich auch in der Literatur so wiedergegeben. Es ist ja zugegebenermaßen auch die schönere Geschichte. Immerhin hätte man ja die Mitarbeiter der Umwelt-Bibliothek trotzdem in flagranti beim Drucken von grenzfall ertappen können. Schiefgehen musste die Aktion "Falle" also noch nicht, nur weil wir gemütlich am Biertisch saßen.

Aber der grenzfall-Druck begann einfach nicht. Schließlich sollten nur ganz wenige Eingeweihte überhaupt mitbekommen, dass in der Umwelt-Bibliothek grenzfall gedruckt wird. Die anderen zufällig noch Anwesenden konnte man aber auch nicht einfach hinauswerfen, ohne zumindest für Verwunderung zu sorgen. Unter ihnen war zudem noch ein vierzehnjähriger Junge, aber auch der ließ sich nicht hinauskomplimentieren. Also tat man das Naheliegende und begann schon einmal mit dem Druck der Umweltblätter. Die grenzfall- Maschine blieb unangetastet.

Doch diese Feinheiten blieben der Stasi verborgen. Die Druckmaschinen liefen, also konnte die Aktion "Falle" nach Plan ablaufen. Wie sehr die Männer, die den Zugriff ausführten, darauf bauten, sie würden jemanden auf frischer Tat erwischen, zeigen die Fehler, die ihnen bei der Durchsuchung des Kellers der Umwelt-Bibliothek unterliefen. So beschlagnahmen sie zwar die grenzfall-Druckmaschine, aber lassen die Tasche mit der Druckerschwärzepumpe achtlos liegen. Das Gerät gilt so zunächst als nicht funktionsfähig. Dabei stehen die Sachen genau dort, wo sie der Spitzel einst abgestellt hat.

Auch das Auftreten im Keller zeigt, dass die Stasi nicht alles im Blick hat. So beschreibt es beispielsweise Till Böttcher – einer der Verhafteten:

"Ja, und die hielten uns, also, die Pistole an den Kopf, und zwangen uns dann aufzustehen, uns im Vorraum in einer Ecke zu versammeln, und durchsuchten dann die Bibliothek. Minuten später kam Pfarrer Simon hinunter in den Keller und wir hatten die Geistesgegenwart ihm zuzurufen er solle Bärbel Bohley verständigen, was er umgehend tat. Er drehte sich auf dem Absatz um, ging hoch, rief Bärbel an – und eine halbe Stunde später war es in allen Nachrichten."

Und auch die Oppositionellen aus den verschiedenen Gruppen trafen sich nun am frühen Morgen des 25. November und in den nächsten Stunden wurde die Idee einer Mahnwache an der Zionskirche geboren. Die ersten potentiellen Mahnwächter wurden am Abend noch festgenommen, doch es kamen immer Neue. Trotz der Festnahmen kam die Mahnwache zustande und wurde ein Medienereignis.

Auch in der Kirche gab es nun weitaus weniger Grund zur Zurückhaltung, denn auch viele normale Kirchenmitglieder verlangten nun eine klare Position. Immerhin wurde mit Durchsuchungen und Verhaftungen in Kirchenräumen ein seit Jahrzehnten akzeptiertes Tabu verletzt.

Die SED-Führung ließ die DDR-Medien eine Meldung verbreiten, wonach man im Gemeindehaus der Zionskirchgemeinde mehrere Männer auf frischer Tat bei der Herstellung staatsfeindlicher Schriften ertappt hätte. Doch das verstanden die meisten nur als zusätzliche verbale Kampfansage des Regimes. Die Frage, ob nun in jener Nacht grenzfall in der Umwelt-Bibliothek gedruckt wurde, gedruckt werden sollte oder nicht, spielte in der Öffentlichkeit kaum noch eine Rolle. Übrig blieb nur das Bild von einer SED-Führung, die ihr Heil in einer harten Linie suchte und das Gefühl bei vielen, dagegen protestieren zu müssen. grenzfall war plötzlich eher eine Randerscheinung. Die Verhafteten – zum Schluss Till Böttcher und Wolfgang Rüddenklau – kamen ja aus der Umwelt-Bibliothek. Die grenzfall-Redaktion blieb bis auf eine eintägige Festnahme am 25. November ja vollkommen unbehelligt.

Aber die Mahnwache wurde plötzlich zu einem Zeichen einer existierenden Opposition. Auch in anderen Städten der DDR wollten Gruppen ihren Protest gegen die Verhaftungen in ähnlicher Form deutlich zeigen und fanden sich zusammen, um solches zu planen und vorzubereiten. Statt einzuschüchtern brachte die Aktion "Falle" unsere kleine DDR-Opposition einen großen Schritt voran. Sie wurde im Land selbst deutlicher wahrgenommen und gewann an Zulauf.

Mit der Entlassung der Verhafteten ebbte der Protest zunächst einmal ab. Doch es blieb ein Sieg der Protestbewegung. Diese Schlappe des Regimes verlangte nach Revanche. Die Verhaftungen im Januar 1988 und der Umgang mit den Protesten waren besser geplant und vorbereitet. Zwar blieb wiederum keiner der Verhafteten lange im Gefängnis, doch Anfang 1988 gelang es der Stasi, alle Verhafteten in den Westen abzuschieben und so der Opposition endlich eine Niederlage beizubringen. Doch ungeschehen machen konnte das Regime die Erfahrungen des November 1987 nicht mehr – vor allem nicht die, dass es möglich war, Menschen zu erreichen, die nicht aus dem Oppositionsumfeld kamen.

 

Alle Artikel können auch als PDF runtergeladen werden. Es handelt sich um Auszüge aus dem jeweiligen Heft. Die Fotos werden aus urheberrechtlichen Gründen nicht abgebildet.

Diesen Artikel als PDF runterladen          Acrobat Reader 8.1 runterladen