Heft 02/2008 | Von asozial bis Zwangsarbeit | Seite 40 - 41

Peter Grimm

Die "asozialen" Mütter

Paragraph 249 und Zwangsadoption

Es war der frühe Morgen des 7. Februar 1972 als die dreijährige Katrin plötzlich durch lautes Klopfen an der Tür geweckt wurde. Fremde Männer kamen in die Wohnung und die Mutter versuchte ganz aufgeregt, sie und ihren Bruder zu beruhigen. Schnell zog sie die beiden Kinder an. Die kleine Katrin und der größere Bruder hatten große Angst und klammerten sich an die Mutter. Katrin Behr aus Gera kann sich an diesen Tag auch nach 36 Jahren noch genau erinnern: "Also bis zum Auto durften wir mitgehen. Es war also richtig ein Abschiedsdrama und auch mit dem Versprechen, dass die Mutti bald wiederkommt, was sie natürlich gar nicht halten konnte, aber in diesem Moment hat sie das, glaube ich, einfach nur gesagt, damit ich aufhöre mit Weinen."

Für das kleine Mädchen ändert sich plötzlich alles. Sie kommt in ein Heim und hört nichts mehr von ihrer Mutter. Doch warum das so ist, erklärt ihr niemand.
"Da bricht eine Welt zusammen. Das versteht man nicht. Man fällt in ein Loch und all diese ganzen Verwandten, mit denen man aufgewachsen ist, sind alle plötzlich weg. Man steht dann da als kleines Mädchen und alles ist weg und keiner gibt Antworten."

Die kleine Katrin will sich lange nicht mit dem Verlust der Familie abfinden. Das Mädchen kommt in Pflegefamilien, doch  da will sie nicht bleiben. Sie klammert sich an die Vorstellung, ihre kleine Familie würde wieder zusammenkommen.

"Ich wollte immer wieder zurück, weil ich gedacht habe, ich muss warten, denn wenn meine Mutti kommt, weiß die ja gar nicht, wo ich bin."

Mit sechs Jahren, kurz vor der Einschulung, kommt sie in ihre Adoptivfamilie. Damit sie da auch bleibt, erscheint die Oma im Heim und erklärt der Sechsjährigen, dass es die alte Familie nicht mehr gibt, dass die Mutter nie wieder kommen wird und deshalb die neue Familie das Beste  wäre. Nun fügt sich Katrin und ist bei ihren Adoptiveltern eine ordentliche ­Tochter.

Erst kürzlich konnte sie in den Jugendamtsakten lesen, dass dieser letzte Besuch der Großmutter vom Amt organisiert wurde. Die Übergabe in die nächste Familie sollte endlich ohne Probleme abgewickelt werden können.

Ihre neue Mutter ist Parteisekretärin an einer Schule in Gera und Katrin wächst nun auf, ohne an den Verhältnissen in der DDR grundsätzlich zu zweifeln. Nur nach ihrer Mutter fragt sie manchmal. Doch die Antworten sind immer gleich: Die  war kriminell, hatte die Kinder vernachlässigt und schließlich zur Adoption freigegeben. Das klang plausibel, schließlich hatte Katrin ja nie wieder etwas von ihrer leiblichen Mutter gehört.

Erst seit sie in den letzten Jahren selbst recherchiert hat, weiß sie, dass nichts davon stimmt. Im Februar 1972 wurde ihre Mutter verhaftet, weil sie wegen "asozialen Verhaltens" aufgefallen war. Während der knapp einjährigen Haft war es ihr untersagt, Kontakt mit ihren Kindern aufzunehmen. Nach der Haftentlassung wurde sie mit Arbeitsplatzbindung und Aufenthaltsbeschränkung in einem Vorort von Leipzig angesiedelt. Reisen nach Gera und Umgebung wurden ihr verboten, damit jede Begegnung mit den Kindern ausgeschlossen wurde.

Katrin Behr fand in den Jugendamtsakten auch Hinweise, dass ihre Mutter um sie und den Bruder gekämpft hatte. Als man von ihr die Freigabe zur Adoption forderte, hat sie diese schlicht verweigert. Das nutzte aber nichts, denn die zwangsweise Freigabe zur Adoption war in der DDR ein relativ einfacher Verwaltungsakt. In Katrins Fall offenbar nur eine Formalität. Denn schon vor der offiziellen Adoption wurde die Kleine unter dem Familiennamen ihrer Adoptiveltern eingeschult.

An ihr früheres Leben erinnerte fortan nichts mehr. Das Passbild im Pionierausweis, den sie in der ersten Klasse bekommen hat, ist das älteste Foto, das sie von sich besitzt. Viele Jahre hat sie ihrer Mutter insgeheim Vorwürfe gemacht, denn sie konnte nicht glauben, dass Eltern ohne guten Grund die Kinder weggenommen werden.

Wenn eine Mutter mit einer angestrebten Adoptionsfreigabe nicht einverstanden war, ließ sich eine Zwangsadoption rechtlich relativ einfach vollziehen: Paragraph 42 des Familiengesetzbuchs der DDR verlangte beispielsweise von den Eltern, ihre Kinder "zur sozialistischen Einstellung zum Leben und zur Arbeit", "zur Einhaltung der Regeln des sozialistischen Zusammenlebens" und zum "sozialistischen Patriotismus und Internationalismus" zu erziehen. Und wer gegen elterliche Pflichten verstieß, dem konnte nach Paragraph 51 das Erziehungsrecht entzogen und die Kinder nach Paragraph 70 gegen den Willen der Eltern zur Adoption freigegeben werden. Jugendamt und Familiengericht erledigten solche Formalitäten quasi im Schnellverfahren. Rechtsmittel dagegen hatten die leiblichen Mütter nicht. Dafür verloren sie jedes Umgangsrecht. Sie sollten möglichst nichts mehr über ihre verlorenen Kinder erfahren.

Zwangsadoptionen sind bislang vor allem im Zusammenhang mit gescheiterten Fluchtversuchen ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Aber auch "asoziale" Mütter konnten ihr Kind schnell verlieren. Für sie gab es noch ein extra Druckmittel: Das DDR-Strafgesetzbuch (StGB) stellte in Paragraph 145 die "Verleitung zu asozialer Lebensweise" unter Strafe. Wer dadurch die "geistige oder sittliche Entwicklung eines Kindes oder Jugendlichen" gefährdete, dem drohten immerhin bis zu zwei Jahre Haft.

Doch ebenso vielfältig wie die Gründe, die zu einer Verurteilung nach Paragraph 249 StGB führten sind auch die Lebensgeschichten, in denen als "asozial" eingestufte Mütter durch Zwangsadoption ihre Kinder verloren. Auch hier konnte es sowohl die unangepasste, junge Frau treffen, wie auch Mütter, die tatsächlich ernstere Probleme hatten und die Kinder möglicherweise wirklich vernachlässigten. Deshalb reden viele Betroffene nicht gern darüber. Auch die Mutter von Katrin Behr möchte nicht namentlich genannt werden. Das Stigma "asozial" und der Verdacht, die Kinder wären vielleicht ja doch nicht ganz ohne Grund zwangsadoptiert worden, wirken weiter.

Das Problem für alle zwangsadoptierten Kinder, die ihre Geschichte aufklären möchten, ist, dass sich in solchen Fällen die Wahrheit oft nur schwer aus den vorhandenen Akten erschließen lässt.

Katrin Behr hatte nach der Wiedervereinigung begonnen, nach ihrer Mutter zu suchen. Anfang der neunziger Jahre hat sie sie gefunden. Es war ein rührendes Wiedersehen und die Mutter erzählte von ihrer Verzweiflung, ihre Kinder nicht sehen zu dürfen, von ihrer späteren Resignation. Doch die Tochter wollte es wirklich genau wissen und sich nicht auf die Erzählungen der wiedergefundenen Mutter verlassen.

Seit einigen Jahren sucht sie sich nun Mosaiksteinchen aus den Akten des Geraer Jugendamts zusammen. Im Gegensatz zu manch anderen Betroffenen wird sie immerhin fündig. Und die Unterlagen bestätigen die Erzählungen von Katrins Mutter.

Die muss eine etwas rebellische junge Frau gewesen sein, was in einer DDR-Kleinstadt bei der Obrigkeit unangenehm auffällt. Die Arbeit als Wäscherin in einem Großbetrieb ist in ihrem Leben nur ein notwendiges Übel. Als Katrin drei Jahre alt ist, verweigert man der aufsässigen Frau einen Kindergartenplatz. Grund genug für sie, wütend die Arbeit zu verweigern. Für die DDR-Behörden ist das ein klarer Fall von "Asozialität".

Vor der Verhaftung wurde das Jugendamt schon zu unangemeldeten Kontrollen geschickt, doch die Mitarbeiter können nur berichten, dass es den Kindern gut geht und auch die Wohnung sauber und gepflegt ist. Doch das spielt bei der Entscheidung über die Adoptionsfreigabe keine Rolle. Als verurteilte "Asoziale" hat die Mutter keine Chance.

Katrin Behr hat im letzten Jahr begonnen, mit einer Suchseite im Internet
(www.zwangsadoptierte-kinder.de) Eltern und Kindern zu helfen, sich wiederzufinden. Unter denen, die sich bei ihr melden, sind einige, die vor der Zwangsadoption nach Paragraph 249 verurteilt wurden. Beispielsweise Evelin F., die ihre zwei Kinder Heike und Michael sucht. Sie lebte mit den Kindern in Berlin. Als sie das erste Mal als "Asoziale" verurteilt wurde, nahm man ihr die Kinder weg. Nach der zweiten Haftstrafe – ebenfalls wegen Paragraph 249 – bekam sie zudem für drei Jahre Berlin-Verbot; Kontakt zu den Kindern aufzunehmen war unmöglich.

Katrin Behr sammelt aber nicht nur Suchanfragen, sie hat mittlerweile schon in zehn Fällen Mütter und Kinder wieder zusammen bringen können. Das ist nicht allein der Erfolg ihrer Suchseite. Sie bietet auch ganz konkrete Hilfe bei Recherchen an, denn wer eine Zwangsadoption aufklären möchte, stößt auf viele Widerstände. Zum einen ist die Aktenlage oft lückenhaft, nicht alle Jugendämter sind kooperativ und vor allem für die Mütter ist es schwer, Angaben über ihre Kinder zu bekommen. Denn wie bei jeder anderen Adoption gilt: Die Kinder haben zwar das Recht, ihre Herkunft zu erfahren, doch leibliche Eltern bekommen in der Regel keine Auskunft über ihre Kinder mehr, wenn diese adoptiert wurden.

Wer nun über sein verlorenes Kind aber kaum etwas weiß, hat deshalb auch wenig Aussicht, es zu finden.

Marita Pach beispielsweise. (siehe auch "Die Zwickauer Amnestie-Gruppe, S. 24-27) Sie hatte das Erziehungsrecht eigentlich schon verloren, als ihr Kind noch gar nicht geboren war. Auch sie war u.a. wegen "asozialen Verhaltens" vorbestraft. Das Jugendamt ließ sie schon während der Schwangerschaft wissen, dass sie ihr Kind nicht behalten werde.

Marita reagiert darauf impulsiv. Sie überlegt, ob sie das Kind heimlich zur Welt bringt: "Naja, dann hab ich gedacht, gehst Du gar nicht ins Krankenhaus, da bringst du es irgendwoanders zur Welt. Ich glaube 14 Tage vorher haben sie mich zwangseingewiesen mit Wache vor der Tür, ich hab das Kind mit Kaiserschnitt zur Welt gebracht und noch während ich in der Narkose lag, war das Mädchen weg, ich hab sie also nie ­gesehen."

Dass es ein Mädchen ist, hat sie auch nur von einer Schwester erfahren, aber sie kennt keinen Namen. Ihr Kind, das sie nie gesehen hat, wurde nur wenige Monate später zur Adoption freigegeben.