Heft 02/2008 | Rezensionen | Seite 74 - 75

Martin Jander

"Eines Tages werden wir euch die Show stehlen."

Stefan Wolle legt ein Buch über die "68er" in der DDR vor.


Ein Buch über die 68er (Ost) war längst überfällig. Das Thema war schon Gegenstand von Konferenzen, Talkrunden und Essays, aber eine materialreiche Recherche fehlte bislang. Der 40. Geburtstag der 68er (West) bot sich dazu gerade an. Insbesondere auch, weil viele der 68er (West) sich für die DDR gar nicht interessierten.

Im ersten Teil des Buches ("Tauwetter und Dauerfrost") handelt Wolle die DDR-Gesellschaft in den sechziger Jahren ab. Einerseits will Ulbricht eine Reform, aber umschlagen in eine wahrhafte Demokratisierung soll sie nicht. Wolle malt ein sehr dichtes Bild der DDR-Gesellschaft. Wer hätte schon gewusst, dass nach dem Siegeszug der "Kaufhallen" 1966 bereits 13 994 Lebensmittel-Selbstbedienungs-Verkaufsstellen mit insgesamt 745 000 Quadratmetern Verkaufsfläche existierten? Entscheidender ist jedoch, dass Wolle als eine der wesentlichen Gründe für die hohe Popularität der westlichen 68er-Revolte und ihrer kulturellen Wegbereiter in der DDR den "kleinbürgerlich-proletarischen Puritanismus" ausmacht.

Im zweiten Teil ("Der Frühling braucht Zeit") blättert der Autor das große Panorama von 1968 in Osteuropa auf. In Moskau, Warschau, Prag und Ost-Berlin hatte 1968 einen ganz anderen Charakter. Aber, ob Sacharow in der Sowjetunion, die Studentenrevolte in Warschau oder der Prager Frühling in der Tschechoslowakei, die Hoffnungen auf einen Wandel gab es in verschiedenen Formen überall. Die SED war zunächst erfreut über die APO als einen neuen Bündnispartner in Westdeutschland, fürchtete jedoch bald eine Jugendrevolte in der DDR. Die SED-Dogmatiker bekamen wieder die Oberhand. Diese Dogmatiker hatten bei der Bevölkerung der DDR durchaus Sympathien. Ihre Warnungen vor Rowdytum, Drogen- und Sexexzessen kamen gut an. Viele Intellektuelle und ein Teil der Jugendlichen der DDR griffen dagegen begeistert nach den neuen Ideen, aber vor allem nach der Musik, der Kunst, den langen Haaren und den Jeans.

Im dritten Teil ("Sommernachts­träume") werden detailliert die Beziehungen der DDR zur Tschechoslowakei und zum Prager Frühling beschrieben. Vor allem werden ausführlich die von den Hoffnungen auf den Prager Frühling in der DDR beflügelten Protestaktionen geschildert. Merkwürdig nur, dass ausgerechnet in diesem Kapitel, das die DDR-68er vorstellt, dem sonst so wortgewandten Wolle die Sprache versagt. Von den 68ern der DDR erfahren wir hauptsächlich durch die Brille der Stasi. Plastische Schilderungen gelingen Wolle nur dort, wo er die Gruppe der Funktionärskinder schildert, die von den Vertrös­tungen ihrer Eltern auf den sich irgendwann verwirklichenden Sozialismus genug haben und die sich "vorläufig" mit ihrem eingemauerten und freudlosen Dasein abfinden sollen. Die Geschichten von Bettina Wegner, Thomas Brasch u.a. werden sehr einfühlsam geschildert, die große Masse der Fans des Prager Frühlings in der DDR bleibt ein wenig gesichtslos. Immerhin sind mehr als 1 000 Protestierende inhaftiert worden.

Im Teil vier des Buches ("Ein endloser Herbst") schildert Wolle dann die Nachwehen des Prager Frühlings in Osteuropa und der DDR. Die DDR zwang viele ihrer Bürger, der Niederschlagung des Prager Frühlings auch noch durch Abstimmungen und Unterschriften zuzustimmen. Der Traum auf Wandel ließ sich freilich nicht ersticken. Dies zeigte sich ganz besonders an einem Gerücht. Am 7. Oktober 1969, dem 20. Jahrestag der DDR, sollten angeblich die Rolling Stones auf dem Dach des Springer-Hochhauses ein Konzert geben. Tatsächlich strömten in der Leipziger Straße in Ost-Berlin Jugendliche aus der ganzen DDR zusammen. Ein Konzert fand aber nicht statt. Die Jugendlichen riefen "Wir wollen Stones", "Wir wollen Freiheit" und "Dubček, Dubček". 430 Jugendliche wurden festgenommen, verhört, verprügelt – und dann meist wieder freigelassen.

Als Quellen nutzt Wolle in seinem Buch Stasi-Unterlagen, Sekundärliteratur und seine eigenen Erinnerungen. Der Erzählton ist – was sehr angenehm ist – eher journalistisch gehalten. Manche Kapitel, es sind eher die, in denen Wolle sein großes Wissen als Historiker der Sozialgeschichte der DDR auspackt, sind ihm leider etwas dröge geraten. Wolle ist ein guter Geschichtenerzähler.

Den roten Faden des Buches bildet Wolles These, die 68er (West) hätten von einer Revolution geträumt, aber eine "evolutionäre Wandlung des Systems" bewirkt. Sie hätten durch ihre Biografien geradezu bewiesen, was sie hätten widerlegen wollen, "nämlich die Reformfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft" (S. 238). Die ostdeutschen 68er dagegen hätten – dem Traum vom verpassten Prager Frühling in der DDR folgend – 1989 den Sozialismus reformieren wollen und gegen ihren Willen damit "eine Revolution ausgelöst, die zur Vernichtung des sozialistischen Sys­tems führte. Die versäumte Revolte ließ sich in der DDR nicht mehr nachholen." (S. 239)

Entgegen vielen anderen Meinungen deutet Wolle die 68er im geteilten Nach-Nazi-Deutschland als wesensverwandt: "Die gemeinsame Achse der antiautoritären Revolte im Westen und der Reformdiskussion im Osten war der Versuch eines Ausbruchs aus der Logik des Kalten Krieges, die Suche nach neuen Wegen jenseits der etablierten Systeme." (S. 239) Aus zwei unterschiedlichen Perspektiven sei eine virtuelle Projektion geboren worden, die man mangels eines besseren Begriffs "demokratischer Sozialismus" genannt habe.

Diese Deutung der Wesensverwandtschaft macht Wolle auch als eigene biografische Erfahrung einsehbar. In einem Essay mit dem Titel "Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968", der bereits 2001 erschien, beschrieb er das Motiv seiner Untersuchung: "Als Ostern 1968 die Krawalle rund um das Springerhaus tobten, konnte man die Polizeisirenen und Sprechchöre hören. Viele von uns platzten damals vor Neid, nicht dabei sein zu können. Einen Steinwurf weiter tobte die Revolte, doch dazwischen lag die Mauer und niemand durfte es dort wagen, auf wen auch immer mit Steinen zu schmeißen. Doch in den Kaffeehäusern und Buchhandlungen im Stadtzentrum von Ost-Berlin traf man gleichaltrige junge Leute aus dem Westen, die mit leuchtenden Augen von ihrem Aufbegehren gegen das Establishment erzählten. Sie waren wie kleine Kinder, die aufgeregt von ihren Spielen im Buddelkasten berichteten. Wenn sie von ‚Bullenschweinen‘, gar von der ‚repressiven Toleranz des scheißliberalen Systems‘ oder vom ‚Konsumterror‘ sprachen, wirkte das damals schon wunderlich naiv. Von dem System in der DDR hielten sie genau wie wir nicht sonderlich viel. Doch erklärten sie uns: ‚Historisch gesehen seid ihr schon einen Schritt weiter. Ihr müsst nur die Demokratie einführen. Dann haben die Rechten auch bei uns verspielt.‘ Ich weiß noch, dass ich es damals versprochen habe. Im Stillen dachte ich: ‚Eines Tages werden wir euch die Show stehlen. Die eigentliche Schlacht wird im Osten geschlagen werden – in Prag, Budapest, Warschau und eben bei uns.‘ Das schien bis in die Morgenstunden des 21. August 1968 auch noch möglich."1 Diese Sätze finden sich fast wortwörtlich auch in dem neuen Buch Wolles wieder (S. 10 f.).

Anders als viele andere Bücher zum 40. Geburtstag der 68er in Westdeutschland – Wolfgang Kraushaar2, Peter Schneider3, Reinhard Mohr4, Götz Aly5 – scheint Wolle kein Grund für einen "irritierten Blick zurück" (Götz Aly) vorzuliegen. Auf den ersten Blick scheint es dafür auch keinen Anlass zu geben. Schließlich haben die Anhänger des Prager Frühlings in der DDR aus ihren Reihen keine marxistisch-leninistischen Sekten hervorgebracht, keine international operierenden Terrorgruppen und sie haben auch nicht den Versuch gemacht, die parlamentarische Demokratie zu zerstören. Bis auf einen kurzen Moment in der DDR-Geschichte, ihr Ende nämlich, waren sie überhaupt kein wirklicher Faktor.

Auf den zweiten Blick jedoch scheint ein solch irritierter Blick zurück durchaus angebracht. Wieso, wäre zu fragen, störten sich die 68er in Ostdeutschland eigentlich hauptsächlich an den uneingelösten sozialistischen Werten in der DDR? Lugte nicht überall auch noch die nationalsozialistische Volksgemeinschaft in das Land hinein, ganz so wie in der Bundesrepublik? Hatten nicht die Eltern und die Großeltern der ostdeutschen 68er gemeinsam mit den Eltern und Großeltern der westdeutschen 68er zunächst den Untergang der Weimarer Republik herbeigeführt und dann halb Europa in Schutt und Asche gelegt und die europäischen Juden und andere Menschen ausgelöscht? War das eigentlich ein Thema in der DDR-Opposition? Wurde nicht ständig von der SED der Staat Israel als "faschistisch" gebrandmarkt, eine Wiedergutmachung gegenüber der großen Mehrheit der Holocaust-Überlebenden abgelehnt? Gibt es einen nennenswerten Protest der Fans des Prager Frühlings in der DDR dagegen? War nicht auch in den Augen der ostdeutschen 68er die Demokratie der Bundesrepublik lediglich durch ihre kapitalistische Grundlage charakterisiert und deshalb eigentlich zu überwinden? Gab es nicht dieselbe Ambivalenz zu den USA wie in Westdeutschland? Man mochte Jeans, Rock´n Roll, Jazz und Martin Luther King und verachtete im gleichen Atemzug die amerikanische Kultur? Die Liste der Fragen ließe sich noch verlängern. Insbesondere aber wäre zu erklären, warum eigentlich in der kleinen DDR-Opposition der romantisch sozialistische Traum so lange überlebte und nur kleine Gruppen der DDR-Opposition die neue Faszination an Menschenrechten und Demokratie nachvollzogen, die in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei nach 1968 eine große Rolle spielten.

Die romantische Faszination vom Sozialismus transportierte in der DDR ähnliche antidemokratische Ambivalenzen wie in der Bundesrepublik. Die 68er West und Ost waren durchaus wesensverwandt. Stefan Wolle möchte wohl aber zunächst den 68ern in der DDR ein Denkmal setzen. Dazu gibt es ja auch gute Gründe. Vielleicht gibt es ja dann zum 50. Geburtstag der 68er Gelegenheit einen stärker irritierten Blick zurück zu werfen? Nachdem, mit dem Ende der DDR, die 68er Ostdeutschlands den 68er Wessis mal so richtig die Show gestohlen haben und jetzt – dank Wolles Buch – sogar mitspielen im gesamtdeutschen Diskurs über die wilden Jahre, könnte doch der nächste runde Geburtstag, 2018, eine hervorragende Gelegenheit sein, mit den 68ern in Westdeutschland gleichzuziehen und nun auch irritierte Blicke zurückzuwerfen, oder?   

1 Stefan Wolle, Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (B 22-23/2001), siehe: www.bpb.de/themen/DHR7AD.html
2 Wolfgang Kraushaar, Achtundsechzig. Eine Bilanz, Berlin 2008.
3 Peter Schneider, Rebellion und Wahn – Mein 68. Eine autobiographische Erzählung, Köln 2008.
4 Reinhard Mohr, Der diskrete Charme der Rebellion – Ein Leben mit den 68ern, Berlin 2008.
5 Götz Aly, Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück, Frankfurt a. M. 2008.