Heft 03/2008 | Rezensionen | Seite 78 - 79

Peter Grimm

Die verdrängte Selbstverbrennung

Vor fast genau 30 Jahren, am 17. September 1978, übergoss sich Pfarrer Rolf Günther mitten im Gottesdienst mit Benzin und zündete sich an. Diese Selbstverbrennung im vogtländischen Falkenstein sollte ein Fanal sein, wenn auch kein politisches, wie die Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz zwei Jahre zuvor auf dem Marktplatz von Zeitz. Günther wollte gegen Missstände in der Kirche protestieren. Doch nach dem Fall Brüsewitz war die Selbstverbrennung eines Pfarrers trotzdem ein hochbrisantes Politikum. Unabhängig davon, was Günther zu seiner Aktion trieb – außerhalb seiner Gemeinde verstanden viele die zweite Selbstverbrennung eines Pfarrers in der DDR als politischen Protest.

Im Gegensatz zu Brüsewitz wird an Rolf Günther öffentlich kaum erinnert und in der Kirche wird offenbar immer noch gern verdrängt. Diese Erfahrung machte Edmund Käbisch – einst Dompfarrer in Zwickau – als er für sein Buch "Das Fanal von Falkenstein" recherchierte. Damit begann er bereits in den neunziger Jahren und mit der überarbeiteten Auflage von Käbischs Studie ist die bislang umfangreichste Faktensammlung zum Fall Rolf Günther erschienen.
Käbisch erklärt zunächst detailliert die Zwickmühle in der sich Kirche und SED-Staat befanden. Der Fall Brüsewitz zwei Jahre zuvor wurde weltweit wahrgenommen und hatte dem Image der DDR schwer geschadet. Und in diesem Jahr – 1978 – hatte die SED-Führung mit einer öffentlichkeitswirksam in den Medien verbreiteten Begegnung zwischen Erich Honecker und Bischof Albrecht Schönherr am 6. März einen Entspannungskurs gegenüber der Kirche demonstrieren wollen. Im gleichen Jahr aber gab es die Auseinandersetzungen um die Einführung des Wehrkunde-Unterrichts an Schulen. Die Meldung von der erneuten Selbstverbrennung eines Pfarrers konnte die SED-Führung in dieser Situation überhaupt nicht gebrauchen. Dass es in diesem Fall rein innerkirchliche Konflikte waren, die Günther zu diesem Schritt getrieben hatten, konnte die Genossen nicht beruhigen. Niemand würde ihnen diese Version glauben. Dazu brauchten sie dringend die Kirche.

Die evangelische Kirche hatte ihrerseits ebenfalls ein großes Interesse, im Fall Günther jedes öffentliche Aufsehen zu vermeiden. Ein Pfarrer, der sich vor der Gemeinde im Gottesdienst verbrennt, weil er sich von seiner Obrigkeit allein gelassen fühlt – das war natürlich auch für die Kirche kein Thema, das dem eigenen Ansehen förderlich war.

Das führte zu einer intensiven Zusammenarbeit zwischen SED-Staat und Kirche, damit es möglichst wenig öffentliche Berichterstattung gab. Die Herausgabe von Informationen und Erklärungen an die westlichen Medien wurde minutiös abgestimmt. Aus den Kirchenleitungen kam wieder und wieder die Versicherung, es handele sich um keinen "zweiten Fall Brüsewitz". Die staatlichen Stellen sagten der Kirche im Gegenzug zu, alle Ermittlungsergebnisse diskret zu behandeln.

Die Gemeinde in Falkenstein und ein alteingesessener Pfarrer waren stark geprägt von der sogenannten Volksmission, einer sehr pietistisch-frommen Strömung, die hier tonangebend sein und bleiben wollte.. Einen Pfarrer wie Günther konnten ihre Anhänger nicht tolerieren. Der war weniger auf Frömmigkeit ausgerichtet, sondern suchte seine "Schäfchen" im wirklichen Leben. Schnell zog er so viele Jugendliche an – seine Jugendarbeit galt als ungemein erfolgreich. Nur der Konflikt mit der Volksmission eskalierte immer mehr. Rolf Günther wurde – so würde man heute sagen – gemobbt. Der Gemeindekirchenrat beschloss mehrheitlich Günthers Abberufung. Die Kirchenleitung griff in den Konflikt nicht ein, obwohl Günther sie darum mehrfach in einigen Briefen gebeten hatte. Es endete in der Verzweiflungstat. Pfarrer Rolf Günther wollte seine Kirche wach­rütteln.

Noch viel spannender als die gemeinsame Strategie von Staat und Kirche, im Fall Günther möglichst jedes Aufsehen zu vermeiden, sind die Folgekapitel des Buches, in denen Käbisch viele Fakten zusammenträgt, die seine These stützen, dass die Stasi im Bezirk Karl-Marx-Stadt eine eigene Form der Kirchenbearbeitung hatte und diese nach dem "Fanal von Falkenstein" verstärkte.

Schon zwei Monate nach Günthers Selbstverbrennung unterschrieb der Leiter der Bezirksverwaltung, Generalmajor Gehlert, einen neuen Maßnahmeplan zum neuen Umgang mit der Kirche. Nicht nur sollten nun die Konflikte mit der Volksmission gezielt ausgenutzt werden, damit sich die Kirche möglichst viel mit sich selbst beschäftigen musste. Vor allem ging es um die weitere Differenzierung und Zersetzung. Schon seit einigen Jahren sollten "progressive" Pfarrer umworben werden. Zu ihnen wurden regelmäßige Gesprächskontakte aufgebaut, damit sie Informationen liefern und vielleicht sogar inspiriert von der Stasi Einfluss auf kirchliche Entscheidungen nahmen. Im Idealfall sollte der Umworbene also wie ein Inoffizieller Mitarbeiter (IM) funktionieren und geführt werden.

Bei den Versuchen, Einfluss zu nehmen, war die Stasi offenbar nicht sparsam und spendierte gelegentlich auch manchem Pfarrer eine teure Reise in die Sowjet­union.

Zu den Besonderheiten im Bezirk Karl-Marx-Stadt zählte in diesem Zusammenhang auch, dass im Verlauf der siebziger Jahre in den Landkreisen fast alle Stellen der Sektorenleiter für Kirchenfragen mit "Offizieren im besonderen Einsatz" (OibE) der Stasi besetzt wurden. So konnte zu den "progressiven" Pfarrern ein vertraulicher Kontakt gepflegt werden, ohne dass sie das Gefühl einer Zusammenarbeit mit dem MfS haben mussten. So wollte es die Stasi zum Beispiel mit dem Chemnitzer Studentenpfarrer Hans-Jochen Vogel machen. Generalmajor Gehlert selbst gab 1978 die Anweisung, Vogel als IM zu gewinnen und sich dabei nicht an die üblichen Richtlinien der Stasi zu halten. Vogel sollte nicht verpflichtet oder zu schriftlichen Berichten gedrängt werden. Auch durfte der Sektorenleiter für Kirchenfragen in Karl-Marx-Stadt nur in seiner offiziellen Rolle und nicht als Stasi-Offizier auftreten. Zur "Vertrauensförderung" wollte die Stasi den Pfarrer gern auch finanziell unterstützen.

Doch Vogel erfüllte die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht. Zwar traf er sich ein paar Jahre regelmäßig mit dem "Offizier im besonderen Einsatz", doch in einer Bilanz erkannte die Stasi selbst, dass mit ihm keine bedeutsamen Informationen erarbeitet werden konnten. Und bald darauf wurde gegen ihn in einem "Operativen Vorgang" (OV) ermittelt, denn der eigensinnige Pfarrer unterstützte seit Beginn der achtziger Jahre die unabhängigen Friedensgruppen ganz aktiv.

Allerdings ist der Fall Vogel auch ein Zeichen dafür, dass der Karl-Marx-Städter Umgang mit der Kirche, wie ihn Käbisch beschreibt, nach Günthers Selbstverbrennung zwar verstärkt wurde und in den erwähnten Maßnahmeplan mündete – schon seit Jahren praktiziert wurde. Denn als Datum, zu dem Gehlert die Werbung Vogels unter den eigenwilligen Kondi­tionen unterschrieb, gab Käbisch den 17. April 1978 an, also genau fünf Monate vor Günthers Selbstverbrennung.

Auf der anderen Seite nutzte die Stasi den Fall Rolf Günther in den folgenden Jahren zu gezielten Zersetzungsmaßnahmen. Es gab anonyme Schmähbriefe und Schmierereien an der Falkensteiner Kirche. In den Unterlagen, die Käbisch zusammengetragen hat, wartete die Stasi u.a. darauf, dass die Gemeinde diese Taten anzeigte und man nun – quasi auf kirchlichen Wunsch – ermitteln müsse. Als die Ermittler dabei auch die kirchlichen Schreibmaschinen überprüfen wollten, bemühten sich die Kirchenvertreter darum, die Anzeige möglichst wieder zurückzuziehen und baten um Einstellung der Ermittlungen.

Als Verursacher ist die Stasi allerdings nicht in jedem Fall eindeutig auszumachen, denn das kirchliche Bestreben, möglichst wenig zur Selbstverbrennung Rolf Günthers zu sagen, sorgte auch für großen Unmut in den Gemeinden. In der Region waren vor allem Menschen, die wegen seiner Arbeit zur Jungen Gemeinde stießen, über den Umgang mit Günther empört. Die Kirche vermied es, sich mit dem "Fanal von Falkenstein" auseinanderzusetzen, doch gerade das hatten viele Mitglieder und auch manche Amtsbrüder eigentlich erwartet.

Die vielen Rechercheergebnisse, die Käbisch dem Leser darreicht, enthalten auch spannende Lebensgeschichten aus dem Umfeld von Rolf Günther. Als Beispiel sei hier die von Klaus Sagemüller herausgegriffen. Als Sagemüller 1958 kurzzeitig Theologie studierte, lernte er Günther kennen. Sie verloren sich nie völlig aus den Augen, auch wenn Sagemüller in den Westen floh, später in die DDR zurückkehrte und hier wegen angeblicher Spionage verurteilt wurde. Während der Haftzeit ließ er sich als Zelleninformant anwerben und arbeitete auch nach seiner Haftentlassung weiter für die Stasi. Als sich sein Freund Günther das Leben nahm, war er bereits IM. Dadurch wurde er für die Stasi besonders interessant, denn er ist von Günther als Testamentsvollstrecker und Alleinerbe eingesetzt worden. Eine Rolle, in der er immer im Zentrum der Ereignisse einsetzbar war. Der redegewandte und stets verschuldete Charmeur nutzte diese Chance undlieferte nach Günthers Selbstverbrennung wertvolle Informationen aus der Kirche.

Im Jahr darauf sollte er auch im Westen zu Einsatz kommen und u.a. Kontakte zum Brüsewitz-Zentrum knüpfen. Innerhalb der Stasi regten sich Bedenken, jemanden mit Sagemüllers Vergangenheit in die Bundesrepublik zu schicken. Doch er durfte fahren und die Bedenkenträger sollten Recht behalten – bei seiner zweiten Reise in die Bundesrepublik blieb der IM im Westen.

Er schrieb an seinen Führungsoffizier und rief ihn an. Was die Stasi-Offiziere zu hören bekamen, empfanden sie als Erpressung: Wenn seine Freundin wegen seiner Flucht keine Nachteile hätte, dann würde er auch nichts über seine Stasi-Aufträge verraten. Außerdem sei er bereit, sich im Westen mit einem Stasi-Mitarbeiter zu einem Gespräch darüber zu treffen. Der Auftrag für Sagemüllers einstigen Führungsoffizier lautete nun, ihn möglichst zu einem Treffen im Ausland zu überreden.

Ein Vierteljahr später wurde die Stasi stattdessen von einer neuen Niederlage überrascht: Sagemüllers Freundin war die Flucht in den Westen gelungen. Und der Ex-IM musste keine Rücksichten mehr nehmen.

Das Buch von Edmund Käbisch enthält viele solcher interessanter Geschichten, auch wenn man sie sich manchmal selbst aus einem Füllhorn an Informationen zusammensuchen muss. Doch für jeden Interessierten ist dieses Buch genau deshalb eine geeignete Fundgrube.