HEFT 01/2009 | Editorial | SEITE 3

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

für manchen war das Jahr zwischen Oktober 1989, als sich die DDR-Bewohner massenhaft gegen die SED-Diktatur auflehnten, und der Wiedervereinigung ein Jahr später die spannendste Zeit ihres Lebens. Es vollzog sich ein bis dahin undenkbarer, rasanter Umbruch. Obwohl es zwölf Monate im Ausnahmezustand waren, hat sich auch in dieser Zeit ein ganz eigener Alltag, haben sich ganz eigene Lebenswelten entwickelt.

In diesem Heft von HORCH UND GUCK sind Lebenswelten mit ganz individuellen Perspektiven auf die friedliche Revolution dargestellt – oft jenseits der Geschichten, die bei den anstehenden Gedenktagen erzählt werden. Es können natürlich nur Schlaglichter sein, denn damals veränderte sich die Welt beinahe wöchentlich und damit immer auch der Alltag im Ausnahmezustand.

Das lässt sich sehr gut in einem Mikrokosmos beobachten, deshalb blicken wir in diesem Heft vor allem zu Handlungsorten, die nicht um kommunale Heldentitel oder nationale Denkmäler wetteifern. Da gibt es die Orte, an denen gegen Demonstranten noch brutal vorgegangen wurde, als die andernorts schon sicher waren, das Regime besiegt zu haben. Und in mancher Kleinstadt kommt die Revolution ohnehin erst mit großer Verspätung an, weil die Menschen erst gar nicht glauben können, was andernorts in diesem Staate vor sich geht.

Doch wir bleiben nicht nur in der "Provinz". Wir schauen auf jene, die Anfang Oktober 1989 auf der Straße noch prügelnden und verhaftenden Sicherheitskräften gegenüberstehen und kurz darauf schon die Untersuchung der Übergriffe auf Demonstranten erleben. Es geht um die Menschen, die als erste überhaupt den Weg in eine Stasi-Dienststelle wagen, um diese zu besetzen und die Mitarbeiter dort am Weiterarbeiten und Aktenvernichten zu hindern. Im Gegenzug blicken wir auf die Stasi-Mitarbeiter, die sich in Ost-Berlin seit Anfang Dezember 1989 darauf vorbereiten, dass die Bürger ihre Zentrale besetzen wollen und dann doch noch bis Mitte Januar warten müssen.

Wir sehen die Lebenswelt Revolution aus der Sicht von Schülern, die erleben, wie ihre Lehrer versuchen, sich der neuen Situation anzupassen und aus der Perspektive derer, die am Runden Tisch versuchen, den Übergang von der Diktatur zur Demokratie zu organisieren. Zuletzt begleiten wir West-Berliner in den Osten, die dort in den letzten Monaten vor der Wiedervereinigung die herrschaftslosen Freiräume nutzen, von denen sie immer geträumt hatten.

In diesem Heft finden Sie auch eine Fortsetzung zu der Geschichte aus Heft 61 über die von der Stasi erfundenen "Agenten mit spezieller Auftragsstruktur". Diese reale Opfer fordernde Legende ist ebenso signifikant für das System wie der interne Umgang des MfS mit einer solch eklatanten Fehlleistung.

Schließlich wünschen wir Ihnen eine interessante, spannende und ermutigende Lektüre.

Die Redaktion 



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