Heft 01/2009 | Lebenswelt Revolution | Seite 12 - 15

Sebastian Stude

Und täglich grüßt die Revolution

Auf dem Weg zur Freiheit in Halle (Saale) 1989

"Alltag" ist im Brockhaus als Lebensverhältnisse und Handlungsformen von Einzelnen, Gruppen und Gesellschaften definiert, die in spezifischen religiösen, kulturellen und sozialen Traditionen und historischen Entwicklungen eingebettet sind. Oftmals prägen sich dabei bestimmte Verhaltensmuster und Mentalitäten fest aus. "Revolution" bezeichnet dagegen Umwälzungen und Brüche. Ganz allgemein gesagt, steht die "Revolution" im begrifflichen Gegensatz zur Kontinuität.1 Offensichtlich erscheinen "Alltag" und "Revolution" damit zunächst als unvereinbar.

Die friedliche Revolution in der damaligen Bezirksstadt Halle (Saale) begann im Frühjahr 1989. Bereits im Vorfeld der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 brachten Hallenser verschiedenster Couleur ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck. Einigen der wenige Mitglieder zählenden "Ökologischen Arbeitsgruppe" (ÖAG) – einer Umweltgruppe bei der evangelischen Kirche – gelang es sogar, die Fälschung der Kommunalwahlen durch die SED-Führung in der Stadt Halle nachzuweisen.2

Auch Frank Eigenfeld engagierte sich in der oppositionellen ÖAG für die geschundene Umwelt im Industriebezirk Halle. Eigenfeld ist promovierter Geologe und wurde im Jahr 1982 aus dem Hochschuldienst an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entfernt, weil er sich einer paramilitärischen Übung verweigert hatte. Über seine damalige Ehefrau Katrin3 fand er eine Anstellung als Hausmeister in der evangelischen Gesundbrunnengemeinde in Halle. Das neue berufliche Umfeld, das für Eigenfeld das vorläufige Ende seiner akademischen Laufbahn bedeutete, kam andererseits seinem gesellschaftskritischen Engagement entgegen. Bis zur friedlichen Revolution engagierte er sich unter anderem in der "Initiative Frieden und Menschenrechte" (IFM) und organisierte die gesellschaftskritischen "Nachtgebete", die vor allem Ausreise-Antragsteller in Halle und Umgebung ansprachen.

Zwei hallesche Gründungsmitglieder des Neuen Forum

Es dürfte nur ganz wenige Hallenser geben, deren Alltag so eng mit der friedlichen Revolution verflochten war, wie der von Frank Eigenfeld. Im September 1989 fuhr er mit seiner ehemaligen Ehefrau Katrin zum Gründungstreffen des Neuen Forum nach Grünheide bei Berlin.4 Unmittelbar nach der Rückkehr vervielfältigte er in der Nacht vom 10. zum 11. September den Gründungsaufruf "Aufbruch 89" auf einem geheimen – weil staatlich nicht registrierten – Wachsmatrizengerät. Der evangelische Pfarrer Steffen Mezger, bei dem das Vervielfältigungsgerät verborgen war, ist mit seiner Unterschrift in dieser Nacht das erste Mitglied des Neuen Forum in Halle geworden. Die Gefühlswelt von Frank Eigenfeld bewegte sich in diesen Tagen zwischen Unsicherheit und Euphorie. Unsicher war, ob beide Eigenfelds unversehrt mit dem Gründungsaufruf von Grünheide nach Halle gelangen würden – Euphorie setzte nach dessen Vervielfältigung ein, da die Idee des Neuen Forum nun in Halle Verbreitung finden würde.

Beide Eigenfelds meldeten das Neue Forum am 19. September 1989 per Einschreiben beim Rat des Bezirkes Halle an. Sie konnten dabei bereits auf etwa 500 Unterstützerunterschriften verweisen. Auf den 19. September hatten sich die Teilnehmer des Gründungstreffens in Grünheide unter anderem deshalb verständigt, weil es ein Dienstag war und damit in der DDR ein "Behördentag". Nach der Anmeldung waren beide Eigenfelds, die sich seit vielen Jahren in der halleschen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung engagierten, einer verschärften Überwachung durch das MfS ausgesetzt. Die Stasi verfolgte die halleschen Initiatoren des Neuen Forum auf der Grundlage des sogenannten Maßnahmeplans "Materialkomplex ‚FORUM‘".5 Seine Führung oblag dem Leiter der MfS-Bezirksverwaltung Halle, Generalmajor Heinz Schmidt. Dessen 1. Stellvertreter, Oberst Rolf Schöppe, wurde mit der Umsetzung des Maßnahmeplans beauftragt. Kernstück war die Schaffung einer "nichtstrukturellen Arbeitsgruppe" (NSAG) "Forum". Sie koordinierte die Verfolgung des Neuen Forum und erarbeitete Entscheidungsvorlagen. Als Leiter der fünfköpfigen Arbeitsgruppe wurde der Stellvertreter des Leiters der Abteilung XX der Bezirksverwaltung Halle, Major Ernst-Eckhard Schulze, eingesetzt.

Die NSAG "Forum" sollte die angehäuften Informationen rund um das entstehende Neue Forum in Halle aufarbeiten und als "aktuelle Informationen" unter anderem dem 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle zuleiten. Als grundsätzliche Aufgaben für alle operativen Diensteinheiten des MfS im Bezirk Halle formulierte der Maßnahmeplan, "die operativen Kräfte, Mittel und Methoden darauf zu konzentrieren, alle Pläne, Absichten und Aktivitäten feindlich-negativer Kräfte im Sinne der Bildung und Organisation oppositioneller Bewegungen/Vereinigungen rechtzeitig aufzuklären und wirksam zu unterbinden." Ziel des Geheimdienstes war es, "alle in Erscheinung tretenden Personen zu erfassen und differenziert unter operative Kontrolle zu stellen bzw. operativ zu bearbeiten."

Was das für Katrin und Frank Eigenfeld konkret bedeutete, geht aus einer Präzisierung des Maßnahmeplans wenige Tage später hervor. Die "Beobachtungsobjekte" "Inspirator" (Katrin Eigenfeld) und "Passion" (Frank Eigenfeld) sollten vom 2. bis zum 11. Oktober 1989 von 7 bis 22 Uhr von jeweils neun Hauptamtlichen Mitarbeitern der Abt. VIII des MfS ununterbrochen observiert werden.6

Die Gründungsmitglieder des Neuen Forum in Halle sind im Oktober 1989 mehrfach verhaftet worden. Am 6. Oktober 1989 fand in der evangelischen Gesundbrunnengemeinde beispielsweise ein Organisationstreffen mit etwa 12 Mitgliedern statt. Dort wurde Informationsmaterial verteilt und die Unterschriftensammlung für das Neue Forum fortgeführt. Katrin Eigenfeld erinnert sich, dass mutmaßliche Inoffizielle Mitarbeiter (IM) des MfS das Treffen durch destruktives Auftreten scheitern lassen wollten. Dessen ungeachtet bildete das Neue Forum in Halle an diesem Abend erste Arbeitsgruppen.7 Das Treffen endete etwa 22 Uhr.

Der anschließende Stasi-Einsatz liest sich aus der Perspektive der Genossen so: "Nach Beendigung der Zusammenkunft erfolgten legendierte Kontrollmaßnahmen, in deren Ergebnis Materialien des ‚Neuen Forums‘ festgestellt wurden. Es erfolgte die Zuführung von sechs namentlich bekannten Personen und deren Befragung [...] zur Aufklärung und Dokumentierung des Charakters der Zusammenkunft und der Materialien. Zur Zielstellung des Treffens wurde erarbeitet, dass beraten wurde über die notwendigen Veränderungen in der Gesellschaft, die Perspektive des ‚Neuen Forums‘ nach dessen Ablehnung sowie weitere Möglichkeiten zur Entfachung eines breiten Dialogs."8 Frank Eigenfeld konnte sich nur mit dem Hinweis, dass er der Hausmeister der Kirchengemeinde sei und das Gebäude abschließen müsse, einer Festnahme entziehen.

Einem Bericht der MfS-Bezirksverwaltung aus dem November 1989 ist zu entnehmen, dass zwischen dem 4. und 19. Oktober MfS-Angehörige im Bezirk Halle 32 Personen wegen ihrer Aktivitäten für das Neue Forum teils mehrfach verhörten.9 Frank Eigenfeld wurde noch am 19. Oktober festgenommen, nachdem er ein Koordinierungstreffen des Neuen Forum in Leipzig besucht hatte. Wie groß die Gefahr des gesellschaftskritischen Engagements in der DDR bis in den Oktober 1989 tatsächlich war, belegen die halleschen Oktober-Ereignisse.

Kein gewaltloser Oktober in Halle

Sowohl am 7. als auch am 9. Oktober 1989 gingen die staatlichen Sicherheitskräfte gewaltsam gegen die ersten zaghaften öffentlichen Proteste in der Saale-Stadt vor. Am 7. Oktober wurden im Stadtzentrum 48 Menschen verhaftet. Mehrere hundert Volkspolizisten, MfS-Offiziere und in Zivil die Kampfgruppenhundertschaft "Karl Meseberg" waren im Einsatz, um sogenannte "konterrevolutionäre Tätigkeiten" zu verhindern.10 Am 9. Oktober demonstrierten mehrere hundert Menschen an der halleschen Marktkirche unter der Losung: "Gewaltlos Widerstehen, Schweigen für Leipzig, Schweigen für Reformen, Schweigen fürs Hierbleiben". Blumen und Kerzen verdeutlichten das friedliche Anliegen der Demonstranten. Die staatlichen Sicherheitskräfte reagierten wiederholt mit dem Einsatz von Gewalt. Durch die Hilfe der anwesenden evangelischen Pfarrer konnten die Demonstranten in die schützende Marktkirche gelangen, während im Stadtzentrum 37 Personen verhaftet wurden. An diesem Abend war die Nationale Volksarmee (NVA) im Raum Halle in erhöhter Gefechtsbereitschaft. Dies betraf Teile der 11. motorisierten Schützen-Division und das motorisierte Schützen-Regiment 17. An sie "wurden Schusswaffen (Pistolen, Maschinenpistolen, LMG’s) ausgegeben und deren Kampfsätze (je Mann 300 Schuss scharfe Munition 7,62 mm) wurden auf LKW’s verladen."11 Am gleichen Tag, dem 9. Oktober 1989, fand in Leipzig mit über 50 000 Teilnehmern die bis dahin größte Montagsdemonstration statt. Dass wenige Kilometer von Leipzig entfernt die SED-Führung in Halle ein gewaltsames Vorgehen der staatlichen Sicherheitskräfte bei einer relativ kleinen Demonstrantenzahl umgesetzt hat, deutet auch darauf hin, dass die SED-Führung nur angesichts der unerwartet vielen Menschen in Leipzig vor einem gewaltsamen Einschreiten zurückschreckte.

Das Neue Forum in Halle reagierte auf die staatliche Gewalt mit einer Veranstaltung zum Thema "Gewaltfreiheit für unsere Stadt".12 In den Planungen hieß es: "Im ‚Neuen Forum‘, in anderen Initiativen, in den Kirchengemeinden ist ehrlicherweise die historische Entwicklung über uns hinweggegangen. Es ist jetzt eine Situation entstanden, in der viele Menschen auf die Straße drängen, [...] ohne inhaltlich bzw. emotional darauf vorbereitet zu sein bzw. ohne dass die Ereignisse des 9. 10. in größe­rem Kreise besprochen werden konnten. Das macht künftige Ereignisse auf allen Seiten, bei Protestierenden und bei den Sicherheitskräften gefährlich unkalkulierbar. Für entsprechende Konfliktgespräche (s. Leipzig, Dresden, Plauen, Berlin) stünden unsererseits nicht einmal autorisierte Partner zur Verfügung. [...] Die Entwicklung in anderen Städten und die drängenden Fragen vieler Freunde an der Basis legen die Einsicht nahe, dass das Zeichen der Demonstration auf der Straße ein inhaltliches Gespräch auf breitest möglicher Ebene nicht einfach ersetzen kann. [...] Unabhängig von der laufenden qualifizierten Arbeit der verschiedener Gruppen und Einzelner für die Reformbewegung in unserem Land brauchen wir jetzt eine inhaltliche Versammlung zur aktuellen Situation und weitere Verabredungen."13

Unter massivem staatlichem Druck mussten sich die Vertreter des Neuen Forum formal von der Veranstaltung zurückziehen, die nun als "Bürgerversammlung" firmierte. Die Botschaft der Bürgerversammlung in der Pauluskirche, an der etwa 2 000 Menschen teilnahmen, lautete:

"AUFRUF ZUR GEWALTFREIHEIT IN UNSERER STADT

Gewalt ist kein Mittel zur Lösung von gesellschaftlichen Konflikten. Angesichts der aktuellen Situation in unserer Stadt halten wir jetzt für das Wichtigste:

  • Selbstverpflichtung zur strikten Gewaltfreiheit.
  • Keine Gewalt der Sicherheitsorgane gegen die Teilnehmer friedlicher Zusammenkünfte.
  • Keine Diffamierung und Kriminalisierung von reformengagierten Personen und Gruppen.
  • Versammlungs- und Redefreiheit.
  • Offene und wahrheitsgetreue Berichterstattung in den Medien.
  • Bereitstellung von Räumen und Plätzen zur öffentlichen Diskussion [...]."14

 Am nächsten Tag, dem 16. Oktober 1989, versammelten sich ab 17 Uhr etwa 1 500 Menschen mit Blumen und Kerzen vor der Marktkirche in Halle und zogen zum Rathaus auf den nahe gelegenen Marktplatz.

Die Bedeutung dieser Demonstration liegt darin, dass sie die Spirale der Gewalt in Halle außer Kraft gesetzt hat. Symbolisch trugen die Demonstranten das Transparent der vorangegangenen Pauluskirchenversammlung "Gewaltfreiheit für unsere Stadt" auf den halleschen Marktplatz. Dabei gehörte viel Mut zu der individuellen Entscheidung, an dieser Demonstration teilzunehmen.

Denn was die Hallenser nicht wissen konnten, war, dass im Tagesverlauf des 16. Oktober 1989 die Sicherheitskräfte im Bezirk den Befehl erhalten hatten, "dass ein direkter Einsatz polizeilicher Kräfte und Mittel nur dann erfolgt, wenn Personen oder Objekte angegriffen bzw. andere schwere Gewalthandlungen inszeniert werden."15 Wenige Tage vor der Entmachtung Erich Honeckers im Politbüro der SED war ein Befehl des Nationalen Verteidigungsrates an die Sicherheitskräfte ergangen, ihre Schusswaffen nur zur Selbstverteidigung anzuwenden.

Das Neue Forum etabliert sich

Bis zum 23. Oktober 1989 hatte sich die Arbeit des Neuen Forum in Halle neben dem Ringen um Gewaltfreiheit auf die Errichtung innerer Strukturen konzentriert. Die ersten Treffen fanden in privaten Wohnungen der so genannten "Kontaktadressen" statt. Am 10. Oktober 1989 hatte das Neue Forum im Bezirk bereits über 31 Mitglieder, die für die ersten Organisationstreffen ihre privaten Wohnungen zur Verfügung stellten.16 Am 23. Oktober 1989 legte das Neue Forum beim Rat des Bezirkes Halle Einspruch gegen seine Nichtzulassung ein. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich allein in der Stadt Halle 2 000 Menschen per Unterschrift dem Neuen Forum angeschlossen. Der politische Durchbruch gelang, als der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle, Hans-Joachim Böhme, am 26. Oktober 1989 vier Vertreter des Neuen Forum – unter ihnen auch Katrin und Frank Eigenfeld – zu einem persönlichen Gespräch für den 30. Oktober einlud. In der Einladung von Böhme, der zugleich Mitglied des Politbüros des ZK der SED war, hieß es: "Im Lichte der Beschlüsse der 9. Tagung des Zentralkomitees bin ich daran interessiert, einen Meinungsaustausch mit Ihnen zu führen. [...] In der Annahme, dass Sie ebenfalls an einem solchen Gespräch Interesse haben, verbleibe ich [...]."17

Der wesentliche Inhalt dieses Treffens vom 30. Oktober war die gegenseitige Bekundung von Gesprächsbereitschaft und Gewaltfreiheit. Das Neue Forum war damit in Halle auf Bezirksebene de facto als politischer Gesprächspartner anerkannt. Frank Eigenfeld erinnert sich: "Von der Unterschrift am 10. September […] bis zum hofierten Gesprächspartner waren sieben Wochen vergangen. Ich wog noch 49 kg, hatte 10 kg abgenommen, war aber am Ziel angekommen." Das Ziel oder das Gründungsanliegen des Neuen Forum war, den Menschen in der SED-Diktatur die Botschaft zu vermitteln: "Leute, mischt euch ein. Ihr müsst selbst aktiv werden, egal, an welcher Stelle ihr seid, werdet mündig."

Für den gesellschaftlichen und politischen Zustand der DDR im Herbst 1989 ist dabei sinnbildlich gewesen, dass das staatliche Verbot die Anziehungskraft des Neuen Forum eher noch erhöht hat. Die politischen Hauptforderungen der friedlichen Revolution 1989 prägten in der Stadt Halle die Akteure des Neuen Forum: Meinungs- und Versammlungsfreiheit. In ihrer Konsequenz bedeuteten diese Forderungen dann Gewaltfreiheit und Demokratisierung. Auf diesen Zusammenhang verwies Frank Eigenfeld auch in einem Interview Anfang November 1989, als sich die gesellschaftliche Situation in Halle kurz vor der Öffnung der Berliner Mauer dramatisch zugespitzt hatte. Eigenfeld wies darauf hin: "Bleibt immer und überall gewaltfrei! Zerstört nicht durch unbedachtes Handeln unsere aufkeimende Demokratie!"

Stasi-Auflösung und lokaler Runder Tisch

Maßgeblichen Anteil hatte Frank Eigenfeld auch an der gewaltfreien Entmachtung des Staatssicherheitsdienstes im Bezirk Halle. Bei der improvisierten Begehung des mittlerweile sogenannten Bezirksamtes für Nationale Sicherheit am 5. Dezember 1989 übernahm er zunächst die Sprecherrolle für die anwesenden Bürger und formulierte gegenüber den überraschten Geheimdienstoffizieren die selbstbewussten Forderungen:

  • Versiegelung des Archivs sowie der in Auflösung befindlichen Abteilungen,
  • Stopp der Aktenvernichtung und
  • Ende der Überwachung der inneren Opposition.21

In der Folge engagierte sich Frank Eigenfeld weiter im Neuen Forum, das er ab dem 12. Dezember 1989 am Runden Tisch des Bezirkes Halle vertrat. Dort ging es – unter Moderation des evangelischen Superintendenten Günter Buchenau und des katholischen Dechanten Claus Herold – vor allem darum, die Opposition politisch zu integrieren, um das öffentliche Leben im Bezirk aufrechtzuerhalten und freie Wahlen im Frühjahr 1990 vorzubereiten.22

Die SED-Führung war zur Sicherung ihrer Herrschaft an der Konstruktion eines berechenbaren, gleichförmigen Alltags in der DDR interessiert. Diese Monotonie erfuhren die Menschen in der DDR, die eine alternative Selbstverwirklichung suchten, als Einschränkung ihrer Freiheit – als eine Art "Inneres Reiseverbot".

Die Geschichte des Alltags der friedlichen Revolution ist deshalb eine Geschichte der Überwindung des Alltags der DDR 1989/90. Das Engagement Frank Eigenfelds, bei dem Alltag und Revolution in außergewöhnlicher Weise zusammenfielen, steht beispielhaft dafür. Aus dem mit Berufsverbot belegten Akademiker, der seinen Lebensunterhalt als Hausmeister und Kellner verdienen musste, war im Ergebnis eines bewegten Oktobers 1989 ein anerkannter politischer Moderator geworden, der nun auf Augenhöhe mit denen verhandelte, die ihn jahrelang verfolgt hatten.

1 Brockhaus. Die Enzyklopädie, 20. Auflage Leipzig/Mannheim 1996, Band 1, S. 407 u. Band 18, S. 316.
2 "Offener Brief an die Abgeordneten der Stadtverordneten und Stadtbezirksverordnetenversammlung Halle", Archiv Frank Eigenfeld.
3 Katrin Eigenfeld, damals Bibliothekarin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, wurde in den frühen Morgenstunden des 31. August 1983 verhaftet. Sie wurde erst nach vielfältigen Interventionen am 1. November 1983 aus der Untersuchungshaftanstalt des MfS im "Roten Ochsen" entlassen. Vgl. Katrin Eigenfeld: Untersuchungshaftanstalt des MfS "Roter Ochse"-Kirchtor 20 Halle (Saale) – Erinnerung, in Edda Ahrberg (Hg.): "Vom Roten Ochsen geprägt" Teil 2. Berichte politisch Inhaftierter in den achtziger Jahren, Magdeburg 1997, S. 31-45.
4 Frank Eigenfeld: Verzieht euch endlich, Pack, ihr elendes! Erlebnisse im Herbst 1989 in Halle, in: Michael Kilian (Hg.): Sachsen-Anhalt. Land der Mitte – Land im Aufbau. Die Entstehung eines neuen Bundeslandes in Erlebnisberichten, Bad Honeff 2002, S. 117-131.
5 Maßnahmeplan zur Aufklärung, vorbeugenden Verhinderung und operativen Bearbeitung von Bestrebungen feindlicher, oppositioneller Kräfte zur Schaffung DDR-weiter Sammlungsbewegungen/Vereinigungen (Materialkomplex "Forum"), 25. September 1989; BStU, BV Halle, Abt. II 1128, Bl. 3-9.
6 Ebd., Bl. 1-3.
7 Frank Eigenfeld (Anm. 4), S. 122.
8 BStU, MfS, HA XX/9 2005, Bl. 2.
9 MfS, BV Halle, Abt. IX: Durch die Untersuchungsabteilung im Zusammenhang mit Aktivitäten des "Neuen Forum" und Demohandlungen befragte Personen, 15. November 1989, BStU, BV Halle, Abt. IX 7109, Bl. 14 f.
10 Zeitweilige Kommission zur Untersuchung von Willkür und Gewalt im Zusammenhang mit dem Demokratisierungsprozess in Halle 1989/1990, Abschlußbericht, Archiv Verein Zeitgeschichte(n) e.V., S. 10 u. S. 14.
11 Ebd., S. 14.
12 Frank Eigenfeld (Anm. 4), S. 125.
13 "Vorschlag für ein erstes, wenngleich außerordentliches Treffen der Initiative NEUES FORUM zu einer Versammlung für Gewaltfreiheit", o. Dat., Archiv Hans-Joachim Hanewinckel.
14 Archiv Frank Eigenfeld.
15 Telegramm Leiter der BVfS Halle, Generalmajor Schmidt, 16. Oktober 1989, BStU, BV Halle, AKG 2162, Bl. 30 f.
16 "Neues Forum, Kontaktadressen Bezirk Halle – Stand 10. Oktober 89", Archiv Frank Eigenfeld.
17 Archiv Frank Eigenfeld.
18 Frank Eigenfeld: Verzieht euch, S. 129.
19 Frank Eigenfeld zitiert nach Udo Grashoff: Halle im Herbst 1989, in Werner Freitag, Katrin Minner (Hg.): Geschichte der Stadt Halle, Band 2, Halle im 19. und 20. Jahrhundert, Halle 2006, S. 501-511, hier S. 502.
20 Freiheit, 8. November 1989.
21 Hans-Peter Löhn: "Unsere Nerven lagen allmählich blank." MfS und SED im Bezirk Halle, Berlin 1996, S. 45.
22 Detlev Lintzel: Einhundertneunzig Tage. Der Runde Tisch d s Bezirkes Halle 1989-1990, Halle 1997.