Heft 01/2009 | Lebenswelt Revolution | Seite 20 - 21

Renate de Haas

Die Revolution erreicht Perleberg

oder "Wenn wir schon einmal da sind, machen wir jetzt eine Demo!"

Es war der Abend des 23. Oktober 1989. Im Pfarrhaus gab es seit langem den ersten freien Abend, zum Hinsetze n beim Abendbrot. Da klingelt das Telefon: "Gehen Sie bloß raus, es sind so viele Menschen vor der Kirche!" Eine Art Hilferuf von nebenan, von der First Lady sozusagen, unserer Landarztfrau, der man keine Bitte abschlägt.

"Ach lassen Sie die Leute machen, die tun doch niemandem was."

Neues Klingeln, diesmal vom Rat des Kreises für Inneres: "Schließen Sie bloß die Kirche auf, daß die Leute reinkönnen!" hieß es aufgeregt.

Doch es klingelte schon wieder, mein Mann hing an der Strippe und ich ging gucken, was da draußen los war. Überall auf den Bordsteinen brannten Kerzen. Viele junge Gesichter sah ich, keines kannte ich aus der Gemeinde. An der kleinen Hauptpforte zur Kirche im breitgemauerten mittelalterlichen Wehrturm drängten sich die Leute besonders. Ich schob mich langsam dorthin. Manche hatten mich erkannt. "Macht auf endlich!"

"Das geht nicht, die Kirche ist schon besetzt. Heute sind die ‚Montagsmaler‘ drin," der Kreis der Freizeitkünstler. Das ließ sich einsehen, doch manche waren trotzdem sauer: "Ihr seid genau wie die vom Staat, drückt Euch um alles."

"Was nützt es uns denn, wenn wir nur in die Kirche gehen, wir müssen dann auch wissen, was wir drin machen."

Ein Kreis hatte sich gebildet, eine runde freie Fläche war entstanden, das uralte Straßenpflaster schimmerte darin ein bisschen auf, ein ruhiges Wort gab jetzt das andere in einer erstaunlichen Hörbereitschaft. Noch nie hatte ich so etwas erlebt, eine so gespannte Ruhe. Auf diese Art war sie wohl angekommen, die Revolution bei uns, jedenfalls nicht hereingebrochen mit voller Wucht.

"Am Donnerstag haben wir alle Programme der Gruppierungen beisammen, wir haben die Leute vom Rat des Kreises eingeladen, die sollen Rede und Antwort stehen".

"Gut, dann kommen wir am Donnerstag wieder", hörte ich eine Stimme.

"Aber wenn wir schon einmal da sind, machen wir jetzt eine Demo!" rief eine andere.

Und schon waren sie weg. Wie von einem Sog angezogen, verschwanden alle hinter der Kirche. Ich hörte sie noch rufen "Auf die Straße", "Wir sind das Volk", "Gorbi, Gorbi", "Keine Gewalt" ... und blieb allein zurück, – und all die Kerzen, die auf den Bordsteinen flackerten, ihr Wachs vertropften. Niemand löschte sie aus.

"Die kommen jetzt in Richtung staatliche Gebäude!", hatte es angstvoll am Telefon vom Rat des Kreises her geklungen, im letzten Versuch, den Stadtpfarrer vielleicht doch noch einspannen zu können. Er kam eben aus der Haustür. "Wo sind die denn?" "Weg sind sie." "Komm, jetzt ziehen wir auch los," zuerst noch mit unseren Stullen in der Hand. Wir fanden sie schnell, eine immer größer werdende Menge von übermütig wirkenden Leuten.

Dann kamen uns Busse entgegen, denen wurde zugewinkt. Doch die Insassen machten sich auf ihren Sitzen klein, als wollten sie nicht gesehen werden. Es waren die Perleberger Kampfgruppen, die vormittags nach Schwerin losgefahren waren zur Störung einer Demonstration. Hier rannten wir ihnen ungestört entgegen.

Auf dem Marktplatz angekommen, blieben alle etwas unschlüssig beieinander stehen, strahlten wie Kinder, die endlich einmal sturmfreie Bude hatten und richtig was draus zu machen wussten. Was nun weiter? Jetzt muss es doch richtig losgehn!

Das wurde eine Schwerarbeit für alle Beteiligten in den Friedensgebeten bis in den März 1990. Jetzt kam der volle Schwung der Revolution bei uns an.

Sie rollte mit Wucht auf unser erstes kleines Team zu.

Geplant als Diskussionsabend wurde der 26. Oktober Perlebergs Großereignis im Herbst 1989. Die Polizei rief an: "Besorgen Sie Ordner von der Kirche, wir rechnen mit Tausenden von Teilnehmern, auch aus dem Landkreis. Autos dürfen nicht auf den Marktplatz, Parkmöglichkeiten müssen angewiesen werden. Auf uns hört niemand mehr."

Die Jugendlichen und Kirchenältesten waren, mit Armbinden "KIRCHE" gekennzeichnet, erfolgreich im friedlichen Einsatz.

Frauen kamen, um uns zu warnen: Die SED habe die Betriebe aufgefordert, je 10 Genossen in die Kirche zu schicken. (um dann festzustellen, dass die meisten Betriebe gar nicht so viele hatten). Auch die Besatzung der Hagenstraße (Stasi) werde kommen, um Plätze wegzunehmen.

Für uns hieß das: die Mikros nicht aus der Hand zu geben, bzw. sofort herunter zu fahren, wenn sie in falsche Hände kämen, die Orgel Tutti spielen lassen, wenn‘s nötig wird, die übertönt keiner. Jeder von uns musste die Freiheit haben, direkt zu reagieren und einzugreifen, wenn es brenzlig wurde. Das stärkte uns spürbar.

Auf einem Podium im Hohen Chor würden Sprecher der Gruppen und Parteien sitzen und ihre neuen Programme selbst vortragen. Direkt ihnen gegenüber waren die Plätze für die staatlichen Vertreter.

Den ganzen Tag kreisten Autos um die Stadtkirche, suchten den Aushang Friedensgebet 19.00 Uhr "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben"...

Fast gespenstisch baute sich die Spannung auf. Eine halbe Stunde vor Beginn waren die 900 Plätze der Kirche besetzt, viele Menschen standen in den Gängen und oben auf den breiten, das Kirchenschiff umgebenden Emporen. Und es kamen immer mehr. Wer drin war, konnte nicht mehr hinaus. In den Gängen konnte sich niemand mehr bewegen, "nicht einmal klatschen", wie sie später erzählten. Die roten Fliesen im großen Chorraum wurden feucht, später klitschnaß vom Atem der vielen Menschen. Die großen Portale wurden geöffnet, nur aufgetan, es konnte niemand mehr herein, auch draußen standen hunderte von Menschen.

Dort irgendwo mussten auch die Leute vom Rat des Kreises und der Bürgermeister feststecken. Durch die winzige Sakristeitür, die sonst nie geöffnet wurde, aber wirklich knarrend aufging, holte der Pfarrer sie durch den Chorraum herein und sie traten in die Kirche wie aus einem Wetterhäuschen. Das war ein Schauspiel.

Die Massen, die mühsam still gehalten hatten, kannten sie alle, begrüßten manchen mit ein bißchen Beifall, die meisten mit lauten Buh-Rufen. Sie verkrochen sich sogleich auf ihren Stühlen und traten den ganzen Abend nicht in Erscheinung, auch nicht auf direkte Anfragen hin, z. B. wer denn die Kampfgruppen für Schwerin womit ausgestattet hatte und auf wessen Kosten.

Die Stasi-Mitarbeiter hatten einen ganzen Block im Kirchenraum besetzt. Sie starrten vor sich hin beim Gesang und Eingangsgebet. In der Begrüßung wurden sie extra bedacht. Das gab sofort ein wildes Buh-Rufen. Der Redner hob nur ein wenig die Hand, sagte "Moment!" – und alles war still, wirklich still, ich konnte das kaum fassen, dann sagte er ihnen: "Hören Sie heute genau zu, was wir zu sagen haben, dieses Land gehört auch uns Christen" – jetzt brauste voller Beifall auf.

Und so ging das an diesem Abend weiter. Als das Programm von Demokratie Jetzt verlesen wurde, lautete der erste Satz: "Der Staatssozialismus ist zu Ende". Erst eine kurze Schrecksekunde: dass sich das jemand zu sagen traut! Doch dann war der Bann gebrochen und die Zuhörer gaben alles, was sie an Zustimmung artikulieren konnten. Danach wirkte der Auftritt des Neuen Forums, das kein Programm verlas, sondern klagte: "Wir sind wir die ganze Zeit belogen und betrogen worden!" nur noch blass und überholt.

Immerhin eine gute Vorlage für die Moderation: "Dazu gehören immer zwei, und wir werden uns fragen müssen, wieviel Anteil wir selber an den gegenwärtigen Zuständen haben."Wir hatten ein Mikro in die Kirche gestellt, ohne Mitschnitt, so war es versprochen. Leider sind uns dadurch Dokumente, die heute wichtig wären, entgangen. Aberdie Menschen sollten sich frei fühlen und reden. Das glückte.

Auch das war einer der Dreh- und Angelpunkte in diesen bewegten Herbstwochen, eine Situation, die wie von selbst funktionierte, von niemandem inszeniert, aber leicht zerstörbar. Auch das war einer der Höhepunkte in unserer Arbeit in der Kirche.

Es gab reichlich Aktionismus. Wir schrieben Resolutionen und trugen sie in den Demos zum Rat des Kreises, zum Schulrat, zur Stasi-Zentrale, verlangten Antworten für das nächste Friedensgebet, falls denen das noch möglich war und sie nicht ohnehin zurücktraten. Die Kirchenemporen waren voll gehängt mit Tapetenrollen, beschrieben mit neuesten Nachrichten, Aufrufen, ermutigenden Texten. Wir entwaffneten die Kampfgruppen; nachts gingen wir in die Wälder z. B. zum "Scharfen Berg", der Abhörzentrale zwischen Hamburg und Berlin. "Wenn die abgeschaltet wird, droht ein Dritter Weltkrieg!" jammerten die Stasi-Mitarbeiter erfolglos.

Es genügte auch nicht, in den Friedensgebeten nur neue Einstellungen auszuprobieren, Gewesenes zu verdammen. Menschen, die dominant gewesen waren, verloren jetzt ihr Ansehen. Sollten wir nachtreten? In Perleberg wohnten 15 000 Einwohner, dazu 15 000 Angehörige der NVA mit der Unteroffiziersschule und ca. 15 000 sowjetische Armeeangehörige. Letztere blieben auf Abstand. Aber was war mit den Offiziersfamilien der NVA?

Ein Oberleutnant war ans Mikrofon gegangen, etwas blass und angestrengt. "Ich habe mein Leben völlig falsch aufgebaut. Ich werde ganz von vorn anfangen müssen." Das war das einzige Mal, dass ein paar Stimmen unter den Zuhörenden schadenfroh gegluckst hatten. Deshalb stand ich auf, dankte ihm mit dem Hinweis: "Wenn wir als Pastoren in die Lage kämen, dass alles, was wir gemacht haben, falsch gewesen sein könnte, dann weiß ich nicht, ob jemand von uns den Mut hätte, das in solch einer Öffentlichkeit zu sagen. Behalten Sie diesen Mut zum Aufbau einer neuen ­Existenz."

Die Fülle der Ereignisse, der Tag- und Nachtarbeiten durch die Bürgergruppen, alles, was wir mit dem Abgleich in der Kirche zu lokalpolitischen und zeitbestimmenden Problemen uns geleistet haben, lässt sich leider nicht in der Kürze darstellen. Die friedliche Revolution war das pralle Leben selbst, für eine kurze Zeit, dafür aber von Grund auf bewegend.