Heft 01/2009 | Lebenswelt Revolution | Seite 22 - 25

Johannes Beleites

Aufbruch in die Tabu-Zone

In Erfurt wurde 1989 die erste Stasi-Bezirksverwaltung besetzt

"Ja, was wollen Sie hier, was machen Sie hier?" Generalmajor Josef Schwarz schien fassungslos: "Sie behindern meine, unsere Behörde an der Arbeit!" Das sei richtig, bestärkte ihn daraufhin Almuth Falcke, genau deswegen seien sie ja hier.1 Zusammen mit neun anderen Frauen war sie am 4. Dezember 1989 vormittags zum Chef der Erfurter Stasi-Bezirksverwaltung (BV) vorgelassen worden. Doch ganz freiwillig hatte der oberste Stasi-Offizier des Bezirkes die zehn Frauen nicht empfangen. Zuvor hatten zahlreiche Erfurter mit ihren Körpern, aber auch mit PKW, Lastkraftwagen und Bussen die Eingänge zur MfS-Bezirksverwaltung blockiert, PKW nur nach Kontrollen und LKW gar nicht mehr passieren lassen.2 Die Volkspolizei griff nicht ein, sondern wartete auf Befehle aus dem Innenministerium in Ost-Berlin.3

"Diese Gesetze wollen wir ändern."

"Wir tun hier nichts Unrechtes", versuchte sich Generalmajor Schwarz zu rechtfertigen und fuhr fort: "Sie haben keine Berechtigung, das hier zu machen. Wir handeln nur nach den Gesetzen der DDR." Es war zu spät. "Genau diese Gesetze wollen wir ändern. Und deshalb machen wir dies", entgegnete Almut Falcke in unvorstellbarer Deutlichkeit – und versuchte dabei ihre eigene Angst zu verbergen.4 Schließlich befand sie sich in der sprichwörtlichen Höhle des Löwen und die zehn Frauen waren hier klar in der Minderheit.

Für den Chef der Erfurter Stasi-Bezirksverwaltung kam die Besetzung offenbar überraschend. Noch fünf Jahre später äußerte er sich erbost über die Ahnungslosigkeit, in der ihn seine Berliner Führung am Montagmorgen seinen Dienst antreten ließ. Schließlich habe es, so interpretiert er Buchveröffentlichungen Hans Modrows und Markus Wolfs, handfeste Informa­tionen und Befürchtungen des Partei- und Regierungslagers im Zusammenhang mit der Leipziger Montagsdemonstration am 4. Dezember 1989 gegeben. Doch "niemand wurde über diese höchst brisante und landesweit geplante Aktion informiert," schimpft er, "kein Ratsvorsitzender, kein Polizeichef, kein Staatsanwalt, keine örtliche Parteileitung, niemand! Wir wurden von unserer Regierung, die zwar erst wenige Tage im Amt war, aber trotzdem die Verantwortung für die innere Sicherheit hatte, genauso im Stich gelassen, wie von Krenz während der überstürzten Öffnung der ‚Mauer‘."5

Auch heute noch, knapp zwanzig Jahre später und nach verschiedenen zeithistorischen Untersuchungen der Ereignisse, haftet der ersten Besetzung einer Stasi-Bezirksverwaltung etwas unerklärlich Zufälliges, ja fast etwas Geheimnisvolles an. Wie kam es dazu, warum begann ausgerechnet in Erfurt die Serie der Stasi-Besetzungen?

Rauchzeichen

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt. Der Erfurter Maler Matthias Büchner war am 3. Dezember 1989, dem ersten Adventssontag, in Grünheide bei Berlin zur Tagung des Initiativkreises des Neuen Forums. Dort hörte er in der DDR-Nachrichtensendung Aktuelle Kamera von der Flucht des DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski, von illegalen Geldtransfers sowie von Aktenvernichtungen. Die Aktivisten des Neuen Forums formulierten daraufhin ein Flugblatt, das dazu aufrief, durch Bürgerkontrolle derartige Machenschaften zu verhindern. Büchner gab den Text abends noch telefonisch nach Erfurt durch, wo das Flugblatt mit Hilfe eines EDV-Technikers per Computerdrucker sowie in einer Druckerei noch in der Nacht zum 4. Dezember vervielfältigt und bis in die Morgenstunden in Briefkästen verteilt wurde.

Doch noch eine lokale Quelle der Ermutigung ist zu erwähnen.6 Am Abend des 3. Dezember 1989 fand in Erfurt eine Kundgebung mit 50 000 Teilnehmern statt, auf der der – nicht anwesende – 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Gerhard Müller sowie die Erfurter Oberbürgermeisterin Rosemarie Seibert heftigen Angriffen ausgesetzt waren.7 Während dieses Versuchs eines "öffentlichen Bürgerdialogs", zu dem die durch die Bürgerbewegungen gedrängte Oberbürgermeisterin selbst eingeladen hatte, hallte es minutenlang "Müller weg!" und "Rosi weg!" über den Domplatz. "Die alte Macht wurde mit ohrenbetäubenden Pfeifkonzerten zum Rücktritt aufgefordert. Noch nie war in Erfurt die Stimme des Volkes so deutlich und unmissverständlich erklungen."8

In besagtem Flugblatt der darauffolgenden Nacht war jedoch von der Stasi keine Rede. Möglicherweise kam hier der Zufall zu Hilfe – und die begrenzte Fähigkeit der Stasi-Mitarbeiter zur Außensicht auf ihre eigenen Aktivitäten. Im Heizungskeller der Stasi-Bezirksverwaltung war man nämlich tatsächlich gerade eifrig dabei, Akten, Filme, Karteien und anderes zu verbrennen. Doch niemand kam auf die Idee, dass diese Zusatzbefeuerung der ansonsten mit Gas betriebenen Heizung von außen sichtbar war: Dicke schwarze Qualmwolken zogen aus dem Stasi-Schornstein über die Erfurter Innenstadt. Die Ärztin Kerstin Schön, eine der Gründerinnen der Bürgerinneninitiative "Frauen für Veränderung", die sich im September 1989 aus Aktiven mehrerer Frauenzirkel in Erfurt zusammengefunden hatte,9  rief etliche Bekannte an. Zu Almuth Falcke, der Frau des Erfurter Propstes Heino Falcke, sagte sie: "Du, aus der Andreasstraße werden Container abgefahren, und der Schornstein raucht schwarz!" Eine Telefonkette entstand, die jedoch viele mangels privater Anschlüsse erst auf ihren Arbeitsstellen erreichte.10 Die Stasi hatte mit Rauchsig­nalen auf sich aufmerksam gemacht und damit selbst eine Zielmarkierung gesetzt.

"Eine Situation, wo man mal eben die Praxis schließt und die Stasi besetzen geht."

Fünf Jahre später schildert Kerstin Schön die Situation in einem Interview folgendermaßen: "Wir hatten aus Berlin von den weiteren Aktenvernichtungen gehört […]. Wir haben uns mit fünf Frauen, darunter Gabi Kachold [Stötzer] und ich, am Morgen des 4. Dezember getroffen und sind zum Rathaus. […] Als Stadtverwaltung, dachten wir, sind die doch genauso verantwortlich, dass da keine Akten vernichtet werden. Das war praktisch die offizielle Information, also: Wir wissen, dort werden Akten vernichtet, und wir fordern die Stadt jetzt auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und dem Einhalt zu gebieten. Das haben die natürlich nicht gemacht. […] Dann haben wir gleichzeitig noch die Presse und den Rat des Bezirkes informiert und die Staatsanwaltschaft geholt.

Währenddessen sind zwei Frauen los und haben in den Betrieben und Kaufhallen aufgerufen, in die Andreasstraße zu kommen. Der Demokratische Aufbruch und das Neue Forum wurden herbeigerufen. Diese Öffentlichkeit mussten wir herstellen, weil wir doch gar nicht wussten, wie die dort in der Bezirksverwaltung reagieren, ob sie schießen oder uns verhaften – es war für uns alles möglich. Als wir mit unserem Organisieren fertig waren und in die Andreasstraße kamen, waren an den Schwerpunkten schon Trauben von Leuten, und die ersten Verhandlungen hatten schon stattgefunden. Ich selbst bin dann erst zwei Stunden später wiedergekommen. – Das ist halt so eine Situation, wo man mal eben die Praxis schließt und die Stasi besetzen geht."11

Auch als viele Menschen längst schon in der Andreasstraße, dem Sitz der Stasi-Bezirksverwaltung Erfurt, angelangt waren, gingen die Benachrichtigungen weiter. Ulrich Scheidt erhielt morgens gegen neun Uhr an seinem Arbeitsplatz im Erfurter Naturkundemuseum einen Anruf, der ihn aufforderte zur Erfurter Stasi-Kreisdienststelle zu kommen. Angesichts der wenigen Menschen, die er dort vorfand, rief er von einem Nachbarhaus gleich frühere Kollegen aus einem Erfurter Betrieb an; neben ihm standen andere, die ebenfalls telefonisch Verstärkung herbeiholen wollten: Die Nachricht ging "wirklich wie ein Lauffeuer durch die Stadt." Auf dem Weg zur Andreas­straße kam dann auch kurz Kers­tin Schön zur Kreisdienststelle. Scheidt schloss sich ihr an und kam mit ihr dann zur Stasi-Bezirksverwaltung. Hier waren zwischenzeitlich schon Militärstaatsanwälte eingetroffen. Kurz darauf hatte der stellvertretende BV-Chef verkündet, dass man bereit sei, mit einer Gruppe von zehn Menschen zu sprechen.12

Erste Verhandlungen

Eine Gruppe von Frauen aus der Bürgerinneninitiative wählte Almuth Falcke zu ihrer Sprecherin und ging dann zusammen mit ihr in die Stasi-Bezirksverwaltung. Noch während sie ihre Forderungen nach Begehung aller Räume, der Vorlage eines Gebäudeplanes sowie Zugang zum Computer vorbrachten, hatten draußen etwa 200 Menschen das Gelände gestürmt. Möglich war das durch die Dreiergruppe aus Kerstin Schön, Tely Büchner und Ulrich Scheidt. Sie hatten sich an einem Hintereingang erfolgreich Zugang zur schon im Gebäude befindlichen Frauengruppe erhandelt. Als sie von den bewaffneten Wachposten durchgelassen worden waren, strömten etliche Menschen nach. Hier stand das Eisentor offen und es war lediglich eine Schranke herabgelassen worden. Gleichzeitig hatten neue Rauchschwaden aus dem Schornstein die Stimmung unter den Wartenden aufgeheizt.

Die nunmehr angewachsene Gruppe strömte zum Heizungskeller, fand dort auch Reste verbrannter Akten und ging von dort zum Haupteingang in der Andreas­straße. Hier schoben sie die Wachposten von hinten zur Seite und öffneten das Haupttor. "Das war dann ‚Tag der offenen Tür‘."13 Die Eindringlinge bildeten danach Gruppen von jeweils knapp zehn Menschen und nahmen – immer gemeinsam mit einem Stasi-Mitarbeiter – eine Hausbegehung vor. Dabei fand man auch die sogenannte Datenendstelle, also den Zugang zum Berliner Zentralcomputer der Stasi. Ulrich Scheidt, der bei dieser Begehung dabei war, hatte die Idee, diesen Raum zu bewachen. Das war praktisch die Geburtsstunde der Erfurter Bürgerwache14 – und letztlich auch das Ende der unbeschränkten Handlungsfreiheit der Stasi.

Ob die spontane Erfurter Stasi-Besetzung nun tatsächlich als Initialzündung für die Besetzungen der anderen Bezirksverwaltungen betrachtet werden kann, ist jedoch zweifelhaft. Möglicherweise waren die vorangegangenen Nachrichten – noch am Vormittag hatte im [Ost-]Berliner Rundfunk ein Stasi-Mitarbeiter in einem Interview Aktenvernichtungen eingeräumt15 – sowie die sich steigernde Aggressivität der Leipziger Montagsdemons­tranten gegenüber der Stasi ausschlaggebender. Der Prozess vollzog sich zumindest parallel: In Rathenow blockierten nahezu zeitgleich Demonstranten die dortige Stasi-Kreisdienststelle – aber auch die SED-Kreisleitung und das Volkspolizeikreisamt.16 In Berlin gab es am 4. Dezember 1989 mittags ein Treffen zwischen Mielke-Nachfolger Wolfgang Schwanitz und einigen Bürgerrechtlern, das befürchteten Eskalationen am Abend in Leipzig entgegenwirken sollte.17 Während dieses Treffens war die Erfurter Besetzungsaktion noch nicht bekannt.18 Auch die Besetzer der Leipziger Stasi-Bezirksverwaltung am Abend desselben Tages wussten nicht alle etwas von den vorherigen Ereignissen in Erfurt.19

Dennoch stellte das Erfurter Vorgehen einen absoluten Tabu-Bruch dar. Dass es hier nicht zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam, war für alle an den anderen Besetzungsaktionen Beteiligten – sofern sie davon wussten – durchaus ein beruhigendes Zeichen. Mit Sicherheit war die Erfurter Besetzung die einzige, die für die Stasi völlig unvorbereitet kam. Möglicherweise deshalb ging es hier auch etwas rauer zu, als in anderen Bezirken. Manfred Otto Ruge, Stasi-Besetzer und von 1990 bis 2006 Oberbürgermeister Erfurts, erinnert sich an eine Drohung eines Stasi-Offiziers: "Glaubt nicht, dass das unsere letzte Aktion ist. In 14 Tagen hängt Ihr alle an den Bäumen!"20

Andererseits gab es aber auch große Resignation seitens der Stasi-Mitarbeiter. Sie war sicher auch in der Demonstration vom Vortag auf dem Erfurter Domplatz begründet und wird jedenfalls in einer Anekdote deutlich, die an verschiedenen Stellen – wenn auch leicht variiert –, wiedergegeben wird. Der von den Demonstranten gerufene Militärstaatsanwalt habe, als er offenbar keine andere Möglichkeit mehr sah, den Erfurter Stasi-General Schwarz aufgefordert: "Josef, nimm Deinen Leuten die Waffen ab – diese Runde haben wir verloren."21 Fünf Jahre später hat sich die Resignation für Ex-Generalmajor Schwarz aber in bewusste Besonnenheit gewandelt und er heftet sich selbst einen Revolutionsorden an: "Man überließ uns ganz allein die Verantwortung und gegebenenfalls den ‚Schwarzen Peter‘. Wenn später soviel von einer ‚sanften, gewaltfreien Revolution‘ gesprochen wurde, dann möchte ich daran erinnern, dass diese nur möglich war wegen unseres besonnenen Handelns. […] Trotz intakter Strukturen und vollständiger Bewaffnung ließen wir die Besetzung über uns ergehen, ohne dass auch nur ein Schuss fiel."22 

1 Andreas Dornheim, Politischer Umbruch in Erfurt 1989/90, Weimar u.a. 1995, S. 146.
2 Ebd., S. 72.
3 Walter Süß, Staatssicherheit am Ende. Warum es den Mächtigen
nicht gelang, 1989 eine Revolution zu verhindern, Berlin 1999, S. 613.
4 Dornheim, Erfurt (Anm. 1), S. 146.
5 Josef Schwarz, Bis zum bitteren Ende. 35 Jahre im Dienste des Ministeriums für Staatssicherheit. Eine DDR-Biographie, Schkeuditz 1994, S. 8.
6 Vgl. Süß (Anm. 3), S. 613 ff.
7 Dornheim, Erfurt (Anm. 1), S. 15 f.
8 Stephan Hloucal, Demonstrationen, in: Geheimdienste, nein danke. Bericht des Bürgerkomitees Erfurt über die Auflösung des MfS/AfNS, Erfurt 1990, o. S.
9 Andreas Dornheim, Stephan Schnitzler (Hg.) Thüringen 1989/90. Akteure des Umbruchs berichten, Erfurt 1995, S. 100.
10 Dornheim, Erfurt (Anm. 1), S. 72.
11 Dornheim/Schnitzler, Thüringen (Anm. 9), S. 102.
12 Dornheim, Erfurt (Anm. 1), S. 73.
13 Ebd., S. 73 f.
14 Geschichte des Bürgerkomitees in Erfurt. Zeitzeugenberichte. Hg. von der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und der Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V., Erfurt 2004, S. 27.
15 Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009, S. 507.
16 Ebd., S. 506.
17 Süß (Anm. 3), S. 614 f.
18 Auskunft von Reinhard Schult, einem der Teilnehmer des Gesprächs, vom 1.2.2009.
19 Bürgerkomitee Leipzig (Hg.), Stasi intern. Macht und Banalität, 3. Aufl., Leipzig 1998, S. 22-48.
20 Dornheim, Erfurt (Anm. 1), S. 13.
21 Zit. nach: Eberhard Stein, "Sorgt dafür, dass sie die Mehrheit nicht hinter sich kriegen!" MfS und SED im Bezirk Erfurt. Hg. v. Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Reihe: BF informiert, Heft 22, Berlin 1999, S. 40.
22 Schwarz (Anm. 5), S. 8 f.