Heft 01/2009 | Lebensläufe | Seite 49 - 51
Peter Grimm
Stempel vom Staatsfeind
Rudolf Keßner und der Umbruch in WeimarEs war ein grauer Dezembertag im Jahr 1989 als sich Rudolf Keßner mit einigen Mitstreitern auf den Weg zu einer der Machtzentralen in Weimar machte: zur SED-Kreisleitung. Die Stasi-Kreisdienststelle hatten sie schon einige Tage zuvor besetzt, nun wollten sie bei der SED die Lage sondieren und vor allem Akten vor eventueller Vernichtung bewahren. Doch auf den Empfang, der sie erwartete, waren sie nicht vorbereitet.
Überall im Land versuchte die SED zu retten, was noch zu retten schien. Es gab viele Personalwechsel und taktische Rückzüge, doch wirklich räumen mochten die Genossen die Machtpositionen und Schlüsselstellungen nicht. Oberste Priorität hatte der Erhalt der Partei und ein möglichst großer Teil ihres Eigentums und ihrer funktionierenden Strukturen. Deshalb rechnete Rudolf Keßner auch beim Besuch der Weimarer SED-Kreisleitung damit, dass die Genossen vor allem auf Zeit spielen würden.
Dirk Möller aber war ganz anders. Der junge Mann war erst kurz zuvor als stellvertetender Vorsitzender in die SED-Kreisleitung gewählt worden. Zusammen mit dem - ebenfalls recht jungen - Vorsitzenden erwartete er nun das Bürgerkomitee. Keiner der Älteren wollte unbedingt den Augenblick erleben, da die einst mächtige Partei sogar die Herrschaft über ihr eigenes Haus verliert. Genosse Möller erledigte diese Aufgabe kurz und konsequent. Keßner erinnert sich noch genau an den Moment, als er in Möllers Büro erschien. Mit der sinngemäßen Aussage: ‚Unsere Zeit ist ja jetzt wohl vorbei‘, übergab der Genosse dem langjährigen Oppositionellen die Schlüssel der SED-Kreisleitung. Seiner Ansicht nach musste die Partei ohnehin völlig neu beginnen und zumindest in seinem Kreis setzte er das auch um. Rudolf Keßner war von dieser schnellen Übergabe vollkommen überrascht. Doch ein kleines Triumphgefühl gönnte er sich, waren doch gerade etwas mehr als zwei Monate vergangen, seit man den damaligen Oppositionellen massiv bedroht hatte.
Kurz vor dem 7. Oktober folgte er einer Vorladung zur Abteilung Inneres beim Rat der Stadt . Das Gespräch blieb kurz und prägnant. "Wir wollten Ihnen nur sagen: Was auch immer in Weimar passiert, wir werden Sie dafür verantwortlich machen." Keßner fragte zurück, was damit gemeint sei. Die Antwort hat er nicht vergessen: "Haben Sie schon mal was von Standrecht gehört?" Damit war der Termin beendet.
Dass die Genossen in Rudolf Keßner eine Bedrohung sahen, lag nicht nur an seiner exponierten Rolle in den bewegten Wochen und Monaten des Jahres 1989. Seine ersten aktiven Oppositions-Erfahrungen lagen damals schon mehr als 30 Jahre zurück.
Ursprünglich stammt Keßner aus der Oberlausitz. Der Vater besaß eine kleine Druckerei. In Löbau lernte Rudolf in der Erweiterten Oberschule Tschechisch und er war gerade in Nordböhmen, als die sowjetischen Truppen 1968 die Tschechoslowakei besetzten. Die meisten vom Einmarsch überraschten Urlauber reisten damals überstürzt ab. Die Keßners nicht. Rudolf beteiligte sich aktiv am Widerstand; baute Barrikaden, druckte Flugblätter, demontierte Wegweiser und vieles mehr – immer gemeinsam mit tschechischen Freunden. Zum Schulbeginn am 1. September kehrte er in die DDR zurück, aber für dieses Regime war er endgültig verloren.
Vom Studium wurde er exmatrikuliert, als er den Waffendienst verweigerte und Bausoldat wurde. Und diesen Dienst nutzte er mit Kameraden in ganz besonderer Weise. Er gehörte zu einer kleinen Gruppe von Bausoldaten, die ihren Dienst im Heizungskeller des Kommandos der Grenztruppen der DDR bei Königs Wusterhausen ableisten. Und hier traf Keßner auf einige Gleichgesinnte, die auch während der Bausoldatenzeit etwas Sinnvolles tun wollten. Buchstäblich im Untergrund des Grenztruppenkommandos vervielfältigten die Bausoldaten staatsfeindliche Schriften und schmuggelten sie in leeren Milchkannen nach draußen. Die Stasi war ihnen auf der Spur und ihre Ermittlungen führten zu kuriosen Situationen. So installierten die Genossen Abhörtechnik im Heizungskeller des Kommandos der Grenztruppen, um die Gruppe von Bausoldaten zu überwachen.
Einer der Freunde aus der Bausoldaten-Zeit, Reinhard Schult, wurde 1979 verhaftet. Für die, die mit ihm im Heizhaus der Grenztruppen waren, folgen nun Festnahmen und Verhöre. Ausgerechnet Rudolf Keßner wurde als Belastungszeuge für den Prozess eingeplant. Doch er durchkreuzte am Verhandlungstag die Prozess-Regie. Unüberhörbar bestritt er alle Angaben, mit denen er angeblich die Anklageschrift untermauert haben sollte. Und diesen Auftritt konnte das Gericht nicht völlig ignorieren. Zumal er in diesem Prozess nicht der einzige Belastungszeuge war, der sich der Prozessregie widersetzte. Ein anderer, der Schult wegen Beihilfe zur Republikflucht belasten sollte, widerrief seine Aussage. Das Urteil fiel daraufhin vergleichsweise milde aus: Wegen "öffentlicher Herabwürdigung" wurde Schult zu acht Monaten Haft verurteilt. Die hatte er zu diesem Zeitpunkt mit der Untersuchungshaft so gut wie abgesessen.
Rudolf Keßner ging wieder nach Weimar, wohin er schon 1971 gezogen war. Nachdem er keine Chance mehr zu einem Studium bekam, besann er sich darauf, was er im väterlichen Betrieb gelernt hatte. In Weimar konnte er bei der privaten Firma Stempel-Rabe anheuern, mit der Perspektive, den Familienbetrieb zu übernehmen. So wurde der Staatsfeind Keßner ausgerechnet in der DDR zum Unternehmer – eine Herausforderung, zumal er mit vielen Buchprüfungen schikaniert wurde. Und man versuchte ihm Fallen zu stellen. Einmal kamen zwei Männer in seinen Laden und boten ihm Westgeld an, wenn er ihnen ganz schnell einen DDR-Amtsstempel kopiert. Keßner lehnte empört ab. Bis heute ärgert ihn vor allem, dass man ihn für so dumm hielt, auf ein solch plumpes Angebot einzugehen.
Immerhin musste sich der Stempelmacher in der DDR keine Sorge um Aufträge machen. Auch jenseits der Behörden war an Stempeln ausreichend Bedarf. Und selbst die Besatzungsmacht ließ bei Keßner arbeiten. Die sowjetische Kommandantur kam regelmäßig mit Aufträgen für Dienstsiegel zu Keßner.
Der Unternehmer Rudolf Keßner betätigt sich natürlich auch weiterhin oppositionell, ist in einigen Gruppen aktiv und sammelt und recherchiert Meldungen, beispielsweise über die Einleitung giftiger Chemieabfälle.
Die Obrigkeit wäre den störenden Keßner gern losgeworden. Vielleicht ein Grund dafür, dass man ihn – trotz aller sonstigen Schikanen – Ende der achtziger Jahre mehrfach in den Westen reisen ließ. In Ostblockstaaten hingegen wurde ihm mittlerweile jede Reise verboten, auch wenn das manchmal teuer wurde. Denn widerspruchslos nahm Keßner solche Willkür nicht hin. Nach einem Reiseverbot 1988 ließ er sich ein polizeiliches Führungszeugnis ausstellen. Da er es nun amtlich hatte, dass offiziell nichts gegen ihn vorlag, verlangte er für das Reiseverbot Schadensersatz. Mit Erfolg. Plötzlich wurde er zum Volkspolizeikreisamt bestellt und bekam eilig 300 Mark in die Hand gedrückt.
Als im Frühjahr 1989 die SED-Propaganda im Vorfeld der Kommunalwahlen lief, hatte sich Keßner mit ein paar Gleichgesinnten etwas ganz Besonderes ausgedacht. Sie erschienen auf einer der Einwohnerversammlungen und forderten, auch zur Wahl antreten zu können. Wenn es eine demokratische Wahl sein solle, dann müsse es ja möglich sein, zu kandidieren. Die Veranstalter der Versammlung waren mit einem solchen Anliegen natürlich heillos überfordert und verwiesen auf die Zuständigkeit der "Nationalen Front". In deren Büro erschien Keßner mit Freunden kurz darauf mit einer Liste. Diese Liste seien ihre Kandidaten, die sollten nun mit auf dem Stimmzettel erscheinen. Sie standen in dem Büro zwei Angestellten gegenüber, die – wie sich Keßner immer noch genau erinnert – völlig fassungslos guckten. Der eine begriff die Situation gar nicht und versuchte sich in hilflosen Erklärungen. Der andere begann zu telefonieren. Kurze Zeit später wurden die verhinderten Kandidaten festgenommen und nach einer kurzen Befragung wieder entlassen.
Es war natürlich folgerichtig, dass Keßner zu denen gehörte, die am Abend der Kommunalwahl in Weimar die unabhängige Auszählung der Stimmen organisierten, um auch hier Wahlfälschungen nachweisen zu können. Unter anderem in seiner Wohnung wurden die Daten zusammengetragen.
In den folgenden Wochen und Monaten war es in Weimar wie vielerorts in der DDR. Es herrschte eine allgemeine Unruhe. Die Botschaftsbesetzungen begannen. Ungarn schickte keine ostdeutschen Flüchtlinge mehr zurück in die DDR. Immer mehr Menschen begriffen, dass sich hier ein Loch in der Mauer auftat, und immer stärker wurde über das Gehen oder Bleiben debattiert. Und die SED-Führung versuchte Härte zu demonstrieren, indem sie lautstark die brutale Niederschlagung der Demokratiebewegung in China feierte.
Diese Drohung wurde auch in Weimar spürbar, als am 4. Oktober im Vorfeld einer Veranstaltung in der Kirche demonstrativ Sicherheitskräfte aufmarschiert waren. Es passierte nichts, aber die Zuspitzung der Situation war absehbar.
Als Keßner vom Termin bei der Abteilung Inneres, bei dem man ihm mit dem Standrecht gedroht hatte, zurückkam, wusste er nicht, was er nun tun sollte. Freunde rieten ihm zu verschwinden: "Du hast schon genug gemacht, jetzt läuft es auch ohne Dich, also mach Dich fort." Also beschloss Keßner, für ein paar Tage abzutauchen. Es gelang ihm auch, obwohl er in diesem Tagen rund um die Uhr überwacht wurde. Erst nach dem 9. Oktober kehrte er wieder nach Weimar zurück.
Nun war viel zu tun für einen langjährigen Oppositionellen wie ihn, der in Weimar zu den Gründern des Neuen Forum zählte. Und dann kam die Maueröffnung. Weimar liegt nicht direkt an der Grenze. Die meisten machten sich nicht sofort auf den Weg in den Westen, sondern stellten sich ordentlich bei der Volkspolizei an, um sich den in jenen Tagen offiziell noch nötigen Visum-Stempel zu holen. Als Keßner die endlos langen Schlangen sah, sprach er mit dem Leiter des Volkspolizei-Kreisamts. Denn es dauerte auch aus einem einfachen Grund so lange, die Weimarer mit Visa zu versorgen: Das Amt hatte nicht genug Visum-Stempel. Keßner bot Hilfe an und machte anschließend zwei Tage nichts anderes, als Visum-Stempel für die Volkspolizei herzustellen. Säckeweise holten Polizeiwagen die Stempel beim einstigen Staatsfeind ab. Ein kurioses Bild, standen hier doch wenige Wochen zuvor noch die überwachenden Stasi-Mitarbeiter vor der Tür.
Die Stasi war sein nächstes Ziel. Am 5. Dezember hörte er von der Besetzung der MfS-Bezirksverwaltung in Erfurt. Was in Erfurt geht, muss auch in Weimar möglich sein. Doch lange organisieren mochte er das nicht. Er mobilisierte die Bürger auf andere Weise zum Marsch auf die Stasi-Kreisdienststelle. Am nächsten Morgen malte er sich ein Schild: "Stasi-Mafia" und "Ich will meine Akte" steht darauf. Heute entschuldigt sich Keßner ein wenig dafür, dass er nicht nach klügeren oder politischeren Slogans gesucht hat. Aber mit dem Schild traf er den Nerv der Menschen. Er lief allein los, als er an der Stasi-Kreisdienststelle ankam, waren es ungefähr 80 Menschen, die Einlass begehrten. Und es wurden immer mehr. An diesem Tag gaben sie sich noch mit einer Führung, einer Inspektion der Stasi-Büros zufrieden. Doch lange ließen sie sich nicht mehr hinhalten. Am nächsten Tag erschien Keßner wieder zur Besetzung, die Oppositionellen gründeten hierfür auch in Weimar ein Bürgerkomitee.
Und dem wurde kurz darauf auch der Schlüssel zur SED-Kreisleitung übergeben. Gerade in den Kommunen ging es mit den Rücktritten ohnehin sehr schnell. Am Runden Tisch, so erinnert sich Keßner, musste man sich in der Übergangszeit sehr schnell um das Funktionieren der kommunalen Verwaltung kümmern. Der amtierende SED-Oberbürgermeister, Volkhardt Germer, der als bisheriger Stellvertreter Ende November 1989 in dieses Amt geriet, wurde plötzlich von den Oppositionellen gebeten, in der Übergangszeit im Amt zu bleiben. Er entwickelte sich für manche von ihnen als ein so guter Partner, dass er 1994 als parteiloser Kandidat erfolgreich als Oberbürgermeister-Kandidat unterstützt wurde.
Die Gestaltungsmöglichkeiten der Umbruchzeit faszinierten Keßner. Trotzdem ließ er sich nicht zu einem Wechsel in die hauptamtliche Politik überreden. Manchmal gab es Versuche. Doch er baute lieber sein Unternehmen aus. Trotzdem sitzt er für die Grünen im Weimarer Stadtrat und ist kommunalpolitisch nach wie vor sehr aktiv. Da trifft er auch immer wieder auf Dirk Möller, der ihm einst die Schlüssel für die SED-Kreisleitung gab und heute für die Linke im Stadtrat sitzt.


