Heft 01/2009 | Lebensläufe | Seite 52 - 55
Edda Ahrberg
"Fliege in großer Freude, Seele, fliege"
Ein Nachruf auf Erika Drees
"Fliege in großer Freude, Seele, fliege". Diesen Wunsch nach Freiheit sang Simon Jakob Drees in dem bewegenden Trauergottesdienst am 20. Januar 2009 seiner Mutter, der Familie, aber auch den vielen Freunden und Weggefährten, die anschließend Erika Drees im bunt bemalten Sarg zu ihrem Grab auf dem Stendaler Friedhof begleiteten. Die schwere Krankheit, die sie in den letzten Jahren quälte, hatte mit ihrem Tod am Morgen des 11. Januar ein Ende gefunden. Sie, die sich Zeit ihres facettenreichen Lebens rastlos gegen die Gefährdung menschlichen Lebens, gegen Unfreiheit und Ungerechtigkeit zur Wehr gesetzt hatte, war jetzt auf dem Weg zu etwas Neuem.
Uns bleibt die Erinnerung an eine mutige Frau. Der freundliche hartnäckige Blick ihrer Augen hielt auf eine sanfte Art fest, der man sich nur schwer entziehen konnte. Er ließ beim Gegenüber ein Gefühl von Verpflichtung zurück. Eine Verpflichtung, die Handlungen erforderte: Sich gegen Atomkraft zu engagieren, für Frieden zu demonstrieren, Verfolgten zu helfen, Demokratie zu ermöglichen. Ein innerer Seismograph trieb sie an, der sensibel auf Kriegsgefahren, Armut und Unterdrückung reagierte. Zielstrebig suchte sie nach Möglichkeiten des Protestes und Mitstreitern auf diesem Weg. Dabei machte sie es den Menschen oft nicht einfach. Die Vergangenheit, an erster Stelle ihre eigene, waren zweitrangig. Zwar gab es auch dort Fragen, die sie beantwortet haben und Kapitel, die sie abschließen wollte, aber die bestimmten nicht ihr Handeln, es sei denn, es ging um andere Betroffene. Es bleibt eine Frau in Erinnerung, die sich als promovierte Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie nicht nur "engagierte", sondern die sich einsetzte und das mit ihrer ganzen Person. Dabei drängte sie sich nie in den Vordergrund. Einen Posten zu besetzen, das war nicht ihr Ziel.
Erika Drees wurde 1935 in Breslau als Tochter der Familie von Winterfeld geboren, die ein Gut in Schlesien bewirtschaftete. Bei Kriegsende musste sie mit ihrer Mutter, Großmutter und vier Geschwistern fliehen. Ein Kind starb auf dem Treck. Die entbehrungsreiche Flucht endete schließlich in Schleswig-Holstein und hat sie tief geprägt. Ihr Vater kehrte aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zurück. Gewaltfreiheit, Frieden und Menschenrechte wurden die Leitlinien ihres Lebens.
Trotz Haft in die DDR
Sie studierte in Kiel und an der Freien Universität in West-Berlin Medizin. Dort engagierte sie sich in der Evangelischen Studentengemeinde, die zu dieser Zeit einen regen innerdeutschen Austausch pflegte. Wegen dieser Kontakte geriet Erika Drees in das Visier des DDR-Staatssicherheitsdienstes, der sie im Sommer 1958 in eine Falle lockte und unter Spionageverdacht festnahm. Neun Monate war sie in der Untersuchungshaftanstalt "Roter Ochse" Halle/Saale eingesperrt und entwürdigenden Verhören ausgesetzt. Vorgeworfen wurde ihr erstens, "staatsgefährdende Hetze und Propaganda" getätigt und zweitens, "die ordnungsgemäße Tätigkeit der Staatsorgane der DDR gestört zu haben".1 Der Grund dafür war: Sie hatte bei den häufigen Besuchen in der DDR ihren Freunden, mit denen sie über einen gemeinsamen Weg Deutschlands in die Zukunft diskutierte, Zeitschriften und Bücher mitgebracht. Außerdem hatte sie sich kritisch mit den Verhältnissen in der DDR und Polen auseinandergesetzt. Die Anklage formulierte es so: "Darüber hinaus bezeichnete sie die Politik der SED als Meinungszwang, Unterdrückung der Freiheit und sagt daß in der DDR anders denkende Studenten verhaftet und exmatrikuliert werden."2 Während ihres DDR-Besuches im Mai 1958 hatte sie den, ihr laut Passgesetz genehmigten, Besuch in Kemberg auch auf andere Orte, wie z.B. Bitterfeld und Wittenberg, ausgedehnt, wo sie natürlich auch mit Einwohnern ins Gespräch kam. Die Staatsorgane empfanden das als "Störung ihrer Tätigkeit". Das Ermittlungsverfahren gegen sie wurde letztlich eingestellt. Einen Freispruch gab es erst mit der Rehabilitierung 1996.
Trotz dieser Erfahrung beschloss sie kurz nach ihrem Staatsexamen in die DDR zu gehen, um an einer "gerechteren, nicht kapitalistischen Gesellschaftsordnung mitbauen zu können."3 Es war die Zeit, als von dort viele Mediziner in den Westen flohen, u. a. weil sie für sich, ihre Familien und ihren Beruf keine Möglichkeiten mehr sahen oder von Haft bedroht waren. Sie ging den Weg in umgekehrter Richtung als sie den dadurch entstandenen Ärztemangel wahrnahm. Nach dem "Mauerbau" 1961 heiratete sie und ließ sich in die DDR einbürgern.
Mit ihrem Mann Ludwig Drees, den sie in Dresden kennen lernte und von dem sie 1988 geschieden wurde, wohnte sie einige Jahre in Bernburg, wo sie als Ärztin tätig war. Ihre Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft in der DDR erlitten 1968 mit der Niederschlagung des Prager Frühlings eine herbe Enttäuschung. Der real existierende Sozialismus brachte sie und ihren Mann schon bald in die Reihen des Widerstandes. Mitte der 1970er Jahre zog die Familie aus beruflichen Gründen nach Stendal. Wenige Jahre später begann dort der Bau eines der größten Kernkraftwerke (KKW) der DDR. Immer stärker wurden in dieser Zeit Friedens- und Umweltfragen von Menschen diskutiert, denen an einer verbesserten Lebensqualität und einem offenen Miteinander gelegen war. Dazu gehörte auch die Familie Drees. Nach einem Polizeieinsatz, der 1983 in Berlin gegen eine im Zusammenhang mit der Raketenstationierung in Ost und West organisierte Kerzenkette gerichtet war, fanden sie und Andere sich in Stendal zu Friedensgebeten zusammen.
"Energiewende-Gruppe Stendal"
Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986 wurde aus diesem Friedenskreis die "Energiewende-Gruppe Stendal", zu deren Initiatoren auch Erika Drees gehörte. Sie wollten mit zivilem Ungehorsam und gewaltfreien Aktionen auf die Gefahren der Atomkraft aufmerksam machen und nach Alternativen suchen. Das war nicht einfach in einer Stadt, die von und mit diesem Bau lebte. Ein Austausch mit anderen Kernkraftgegnern entwickelte sich. Es kam zu DDR-weiten Protestaktionen an den Jahrestagen der Katastrophe. So verteilte die Gruppe 1987 Protest-Postkarten am Stendaler Bahnhof und am 26. April 1989 frühmorgens am KKW Handzettel gegen die Nutzung der Kernenergie und für einen Baustopp an die Arbeiter der Frühschicht. Erika Drees wurde von der Polizei zugeführt, die eine Ordnungsstrafe gegen sie verhängte. Die Staatssicherheit war ihr nicht nur hier, sondern auch bei anderen Aktionen, wie denen von "Frauen für den Frieden" oder "Frieden konkret" und in ihrer Wohnung auf den Fersen, wo oft die Treffen mit Gleichgesinnten stattfanden.
Ermutigt wurde sie in ihrem Engagement ab 1988 durch die Tagungen und Arbeitskreise der Ökumenischen Versammlung für "Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung", wo öffentlich Missstände ausgesprochen und Veränderungen gefordert wurden. Inspiriert von Vaclav Havel wollte sie in Wahrheit leben.
Nachdem bekannt wurde, dass die Ergebnisse der Kommunalwahlen im Frühjahr 1989 gefälscht waren und die brutale Niederschlagung der Demokratie-Bewegung in China von DDR-Politikern lautstark gerechtfertigt wurde, regte die Gruppe um Dr. Erika Drees und Ingrid Fröhlich Friedensgebete in Stendal an, die ab Juli 1989 in der Petrikirche und später aus Platzmangel im Dom stattfanden.4 Ab August engagierte sich Erika Drees für die Gründung des Neuen Forums, gehörte mit zu den Erstunterzeichnern des Gründungsaufrufes in Berlin und setzte sich für dessen Legalisierung bei den staatlichen Stellen in Stendal und Magdeburg ein. Kurz darauf wurde sie in den Sprecherrat des republikweiten Forums gewählt. Von ihr gingen immer Impulse für Veränderungen in die verschiedensten Richtungen aus, nicht nur in dem bewegten Herbst 1989. Nur ein kleiner Ausschnitt kann in diesem Artikel beschrieben werden. Es gab einfach viel von dem zu tun, was getan werden musste.
Bei der ersten angemeldeten Demonstration in Stendal am 6. November forderte sie freie Wahlen, Presse- und Meinungsfreiheit genauso wie Wahrhaftigkeit in allen Lebensbereichen, erinnerte aber gleichzeitig auch an Leid und Armut in der Dritten Welt. Für sie gehörten Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung untrennbar zusammen. Dass sie trotz ihrer Güte und Direktheit nicht naiv war, bewies sie nicht nur bei der Besetzung der MfS-Kreisdienststelle am 6. Dezember 1989, als sie nachts Wache im Gebäude hielt, weil sie dies nicht allein der Volkspolizei überlassen wollte.5
Ohne Angst vor neuen Strafen
Trotz Maueröffnung und Stasiauflösung geriet das KKW, das nie fertig gebaut wurde, nicht aus dem Blick. Am 10. Dezember 1989 machte sich die "Energiewende-Gruppe" mit einem Tisch, ein paar Stühlen und einer Zange auf den Weg. Ein Loch wurde in den Zaun geschnitten und eine Tapetenrolle mit 3000 Unterschriften gegen den Weiterbau gut sichtbar angebracht. Auf diese Aktion folgte ein Prozess wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung, an dessen Ende Erika Drees zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, die sie an fünf Tagen, nach Jahrzehnten wieder im "Roten Ochsen" von Halle, absaß. Weder in der DDR noch in der Bundesrepublik konnten sie Ordnungs- oder Gefängnisstrafen davon abhalten, das, was sie für richtig hielt, zu tun. Als sie 1991 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland für ihren Beitrag zur Wiedervereinigung Deutschlands ausgezeichnet werden sollte, wies sie ihn mit der Begründung zurück, dass diese in ihren Augen keine wirkliche Befreiung für die ostdeutsche Bevölkerung war. Mit dem Ende der DDR waren die sie bedrängenden Probleme nicht gelöst. Als Pfingsten 1993 gegen den Verkauf ehemaliger DDR-Kriegsschiffe an das Militärregime Indonesiens demonstriert wurde, war sie in Peenemünde genauso dabei wie bei den Protesten gegen das atomare Zwischenlager in Gorleben. Die Forderung nach einer friedlichen Nutzung der Colbitz-Letzlinger Heide, die dafür von der Bürgerinitiative "OFFENe HEIDe" durchgeführten monatlichen Friedenswege und die sich noch in Deutschland befindlichen Atomwaffen sind nur einige Probleme, die sie bewegten. Anderes ihr Wichtige brachte sie immer wieder als Synodale auf den Sitzungen der Ev. Kreissynode Stendal vor. Diese bot ihr nach intensiver und kontroverser Diskussion Unterstützung für die Zeit ihrer Haft an und drückte ihr "Hochachtung und Dank für ihren Einsatz gegen Massenvernichtungsmittel aus"6, nachdem sie am 5. November 2002 wiederholt verurteilt worden war, weil sie sich an gewaltfreien Protesten auf dem Gelände des Fliegerhorstes Büchel bei Koblenz beteiligt hatte. Diesmal zu sechs Wochen Haft ohne Bewährung. Ihre Erklärung bei der Festnahme hatte gelautet: "An diesem Ort hält die amerikanische Regierung Atombomben einsatzbereit. Der angekündigte Ersteinsatz von Atomwaffen im Rahmen der neuen amerikanischen Nuklearstrategie gefährdet alles Lebendige auf unserer Erde. Wir haben heute den Zaun, der dieses mörderische Geheimnis vor der Öffentlichkeit verbirgt, durchtrennt, damit alle vom Atomkrieg bedrohten Menschen es wissen und dagegen protestieren können. Ich fühle mich verpflichtet, vor dem völkerrechtswidrigen Verbrechen eines atomaren Erstschlages mit allen gewaltfreien Mitteln zu warnen, und nehme die Konsequenz meines Tuns auf mich."7
In ihrer Verteidigung berief sie sich auf ihren christlichen Glauben und ihr Gewissen. Sie führte die "Mauerschützenprozesse" an, bei denen die Frage des Gewissens ausführlich erörtert worden war. Der Vorsitzende Richter erklärte bei der Urteilsverkündung, dass es besonders schwer wiege, dass die Angeklagten sich bereits in einem fortgeschrittenen Lebensalter befänden und mit ihren Vorstrafen ein schlechtes Vorbild für Kinder und Enkelkinder seien. Genau das Gegenteil war jedoch der Fall: Sie handelte, weil ihr das Wohl der gegenwärtigen und gerade auch der nachkommenden Generationen am Herzen lag. Ihre Kinder und Enkelkinder können stolz auf sie sein.
Abschied
Eine, die sie neben der Familie besser kannte als viele andere, ist ihre langjährige Freundin und Mitstreiterin Ingrid Fröhlich-Groddeck, bei der sie im vergangenen Jahr für drei Monate wohnte als sie das Hospiz noch einmal verlassen konnte. Sie schrieb ihr kurz nach ihrem Tod einen persönlichen Abschiedsbrief: "25 Jahre Freundschaft zogen an mir vorüber, als ich vorgestern an Deinem Sterbebett saß. Eine Freundschaft, die in der Friedensbewegung der DDR begann. Die Wende, die keine Wende zu mehr Frieden und mehr Gerechtigkeit geworden ist, konnte nicht Deine Visionen von einer friedlichen gerechten Welt zerstören. Nichts konnte Deinen Mut brechen. Deine Unbeirrbarkeit und Dein furchtloses Handeln haben viele Menschen überfordert, die Dich geschätzt und geehrt haben, vielen hast Du aber auch immer wieder Mut gemacht, Ängste zu überwinden. Bewundernswert dann, wie Du mit Deiner tödlichen Krankheit umgingst. Mit dem Tod an der Seite war unser Leben in den drei Monaten, die Du bei uns wohntest, etwas ganz Besonderes. Jeden Tag, an dem es Dir gut ging, haben wir als kostbares Geschenk erlebt. Das Leben angesichts des Todes gewinnt an Tiefe – eine Erfahrung, die sich leider in unserer modernen Welt die meisten Menschen entgehen lassen. Indem wir darüber sprachen, nahmen wir Abschied. Natürlich gab es auch Angst. ich hatte Angst vor unerträglichen Schmerzen. Deine größte Angst war, umnebelt von Schmerzmitteln, geistig nicht mehr klar zu sein.
Mögest Du friedvoll über diese Schwelle gehen [...] Nur noch diesen Wunsch hatte ich für Dich. Jetzt bin ich dankbar dafür, dass sie alle da waren im Hospiz, die guten Mächte, die sichtbaren und auch die unsichtbaren, die Dich geleitet und begleitet haben."8
Wer Erika Drees begegnet ist, wird sie nicht vergessen. Sie hatte und hat die Gabe, die unterschiedlichsten Menschen zusammen zu bringen. An ihre wachen Augen sollten wir uns immer wieder erinnern und uns von ihnen ermutigen lassen.
Weitere Quellen:
S. Maslow: "Mit mächtig viel Herzklopfen". Ein Gespräch mit Dr. Erika Drees über die Geschichte des Widerstands gegen die Atomkraft und Atomwaffen, in: "General-Anzeiger" vom 10.8.2005.
Reinhard Opitz: Visionen von einer friedlichen, gerechten Welt; Mitbegründerin des Neuen Forums Erika Drees gestorben; "Bewegung war ihr Lebenselixier", in: "Volksstimme", Ausg. Stendal, vom 13. und 21.1.2009.
1 Anklageschrift vom 30.12.1958 gegen sie und zwei DDRBürger, die kurz vor ihr verhaftet wurden, in: BStU, BV Halle,
AU 134/59, Bd. 3, Bl. 6,7 (Unterlagen der Gedenkstätte "Roter Ochse" Halle).
2 Ebenda Bl. 7.
3 Rede von E. Drees in Stuttgart am 25.9.2002 vor Gericht, als sie wegen der Proteste auf dem Fliegerhorst Büchel angeklagt war.
4 Dr. R. Creutzburg: Das Stendaler Friedensgebet 1989, in: J. Hellmuth, G. Miesterfeldt (Hg.): Herbst 1989. Erinnerungen an eine bewegte Zeit, Magdeburg 2000, S. 100 ff.
5 Dr. J. Franke: Eine bewegte Zeit, in: J. Hellmuth, G. Miesterfeldt (Hg.): Herbst 1989. Erinnerungen an eine bewegte Zeit, Magdeburg 2000, S. 110 ff.
6 Beschluss der Kreissynode Stendal am 29.3.2003 auf Antrag von Pfr. P. Gümbel.
7 Knastrundbrief von Erika Drees am Ostersonntag 2003, in: Friedensforum Duisburg (Internet).
8 Abgedruckt bei Reinhard Opitz: Visionen von einer friedlichen, gerechten Welt, in: Volksstimme, Ausg. Stendal, vom 13.1.2009.


