Heft 01/2009 | Themen | Seite 62 - 65

Falco Werkentin

Jugendopposition in den frühen Nachkriegsjahren Berlins

Die "Sozialistische Jugend Deutschlands – die FALKEN"

Ihre Nachkriegsgeschichte ist aus dem Gedächtnis Berlins nahezu getilgt – die der Mitglieder und Freunde der "Sozialistischen Jugend Deutschlands – die FALKEN" – obwohl sie in den 1950-er Jahren in der Stadt auffällig präsent waren. Und sie legten Wert auf ihre Sichtbarkeit. Es gab keine öffentliche politische Veranstaltung im frühen West-Berlin, an der sie nicht teilnahmen. Medienbewusst achteten sie darauf, mit großen Fahnen und Transparenten immer an Orten zu stehen, auf die Kameras quasi automatisch ausgerichtet wurden. Sie präsentierten sich unterhalb von Rednerpulten und drängten mit Fahnen und Transparenten an die Spitze von Demonstrationszügen.

Doch war dies nur die äußere, mediale Präsenz. Präsent waren sie vor allem im Kampf um die politische Orientierung Jugendlicher. So wurden sie für die "Staatsjugend", für die sogenannte Freie Deutsche Jugend (FDJ), in den frühen Nachkriegsjahren die zentrale Konkurrenz – zumal sie sich zur sozialistischen Idee bekannten. Und dies nicht nur in den Westsektoren Berlins, sondern bis zum Bau der Mauer auch in Ost-Berlin. Wenn auch durch Sektorengrenzen geteilt war ihr Streit um politische Selbstbehauptung in jenen Jahren ein durch keine Ost-West-Grenzen geteilter Kampf. Sie wohnten zwar in Ost- oder West-Berlin. Doch sie begriffen sich nicht als Ost- oder West-Berliner sondern als Berliner, für die die Sektorengrenzen zwar eine alltägliche Plage, jedoch keine mentale Grenze bedeutete. Ihre Idee eines demokratischen Sozialismus strahlte auch hinein ins Gebiet der sowjetischen Besatzungsmacht – weit über die Grenzen der Viersektorenstadt Berlin hinaus. Allerdings zahlten nicht wenige Mitglieder und Freude der FALKEN dafür einen hohen Preis – sechs von ihnen mit ihrem Leben, mehr als 60 mit zum Teil langen Jahren politischer Haft. Doch wer kennt noch ihre Namen, ihre Geschichte?

Neubeginn 1946

Kaum hatten sich die Tore der Haft­anstalten und Konzentrationslager geöffnet, kaum waren die Rauchwolken über den Berliner Trümmerbergen verweht, begannen Sozialdemokraten in alter Tradition, sich um Kinder und Jugendliche aus dem sozialdemokratischen Milieu zu kümmern. Zwar hatte die sowjetische Besatzungsmacht noch vor Einzug der West-Alliierten in ihre Sektoren ab Juli 1945 deutlich gemacht, dass nur eine überparteiliche, antifaschis­tische Jugendarbeit zunächst in Form kommunaler antifaschistischer Jugendausschüsse zulässig sei. Doch ließen sich Sozial­demokraten nicht darin beirren, wieder an die Tradition der Kinderfreunde- und Falken-Bewegung der Weimarer Republik anzuknüpfen.

Nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD im Machtbereich der sowjetischen Besatzungsmacht im April 1946, die faktisch die Illegalisierung der SPD in der SBZ bedeutete, erfolgte durch ein Dekret der für Berlin zuständigen Alliierten Kommandantur im Oktober 1946 die zweite Zulassung der SPD für Gesamtberlin. Jetzt nahm der zunächst eher spontane Beginn eines Neuaufbaus sozialdemokratischer Kinder- und Jugendarbeit systematische Formen an. In allen Berliner Bezirken wurden "vorbereitende Arbeitsausschüsse" zur Neugründung der bereits in der Weimarer Republik aktiven FALKEN gebildet; im Juni 1946 stellte die Berliner SPD den 22-jährigen Heinz Westphal als hauptamtlichen Jugendsekretär ein. Wer bisher als Jugendlicher an den antifaschistischen Jugendausschüssen teilnahm, konnte sich nun zwischen der bereits am 7. März 1946 von der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) für die SBZ zugelassenen FDJ und SPD-naher Kinder- und Jugendarbeit entscheiden. Von den Vorkriegs-FALKEN hatte die FDJ übrigens das blaue Hemd übernommen.

Doch schon in dieser frühen Zeit gab es die ersten Opfer unter jungen Menschen, die im Streit um die Vereinigung von KPD und SPD gegen die Zwangsvereinigung Position bezogen. Der 18-jährige Dietrich Medenwald und der 20-jährige Hans Leuendorf, beide im Bezirk Prenzlauer Berg wohnend, wurden bereits im April 1946 vom sowjetischen Geheimdienst festgenommen – die ersten zwei FALKEN, die auf Verzeichnissen der SPD und der FALKEN über verschwundene und verurteilte Freunde und Mitglieder dieser SPD-nahen Kinder- und Jugendorganisation genannt sind. Wie erst nach der Wiedervereinigung definitiv geklärt werden konnte, starben sie 1948 im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen.

Im Oktober 1947 lizenzierte die Alliierte Kommandantur die längst gegründete FDJ und die FALKEN für Gesamtberlin. Nunmehr hatten Jugendliche die Chance, sich auch in Ostberlin zwischen FDJ und FALKEN halbwegs ungefährdet zu entscheiden. Allerdings – nur halbwegs!
Für Bewohner der sowjetischen Besatzungszone hingegen gab es keine Möglichkeit, sich bei den FALKEN zu organisieren. Vielmehr konnte bereits ein loser Kontakt zu den Berliner FALKEN dazu führen, verhaftet und verurteilt werden.

Zwischen Konkurrenz und ­Koope­ration – die Zeit bis zum Beginn der Berlin-Blockade

Zunächst kam es hier und da noch zur Zusammenarbeit zwischen FALKEN und der FDJ, zu gemeinsamen Projekten und Veranstaltungen, so z.B. am 1. Mai 1947. Auch war die FDJ im Gesamtberliner Jugendring vertreten.

Die FALKEN hatten zu diesem Zeitpunkt ca. 3 000 Mitglieder und bildeten auch in Ostberlin Kreisverbände. Sie sahen zunächst eher Anlass, über die FDJ, die offiziell noch immer ihre weltanschauliche Ungebundenheit und Unparteilichkeit bekundete und mit politisch unverfänglichen Veranstaltungen auf "Seelenfang" ging, zu spotten. Für die FALKEN, die sich programmatisch zum demokratischen Sozialismus bekannten, war die FDJ in ihrer öffentlichen Präsentation eher eine unpolitische Lachnummer. So konstatierte Berlins FALKEN-Vorsitzender, Heinz Westphal, im Februar 1948: "Die FDJ muss ernsthafte Maßnahmen ergreifen, um ihre Heim­abende von dem Tanzniveau abzubringen."

Bereits 1947, in der November-Ausgabe der Zeitschrift der Berliner FALKEN "Information" warnte indes ein damals führendes Mitglied, Ernst Richter, vor der Kooperation mit der FDJ:

"Es ist das eindeutige Ziel der FDJ, die organisatorische Selbständigkeit der FALKEN aufzuheben. Deshalb rufen sie zur Zusammenarbeit auf, um eine Überführung der FALKEN in die totalitäre Einheits­jugend hinter den Kulissen vorbereiten zu können."

Das Jahr 1948 mit den Auseinandersetzungen um die Übernahme der Währungsreform in Berlin und dem Ost-Berliner Putsch gegen die frei gewählte Stadtverordnetenversammlung, schließlich mit den für Ost-Berlin verbotenen Wahlen für die nach der vorläufigen Berliner Verfassung im Oktober 1948 anstehenden Neuwahlen der Stadtverordnetenversammlung in Gesamtberlin führten zum Ende bisheriger lockerer Kooperationen zwischen FDJ und den FALKEN. Auch war schon zuvor die Arbeit der FALKEN im Ostsektor deutlich behindert worden. Angesichts von Verschleppungen und Verhaftungen gingen die FALKEN dazu über, bei Vorladungen seitens russischer Offiziere Kameraden mitzunehmen, die von außen kontrollierten, ob ihre vorgeladenen Freunde von den Besprechungen zurückkehrten.

Offene Konfrontation mit Beginn der Berlin-Blockade

Erst die Beteiligung des Berliner FDJ-Vorsitzenden Heinz Keßler, später zeitweilig DDR-Verteidigungsminister, an Prügelaktionen gegen sozialdemokratische Mitglieder der Stadtverordnentenversammlung und schließlich der Tod des 15-jährigen FALKEN Wolfgang Scheunemann am 9. September 1948 führten zum endgültigen Bruch zwischen FALKEN und der FDJ.

Seit Sommer 1948 war es mehrfach zu von der SED organisierten Behinderungen der in Ost-Berlin tagenden Stadtverordnetenversammlung seitens kommunistischer Demonstranten gekommen, an denen auch Heinz Keßler teilgenommen hatte. Konkret wurde ihm von den FALKEN vorgeworfen, auf sozialdemokratische Stadtverordnete eingeschlagen zu haben. Nachdem am 6. September die Stadtverordnentenversammlung wiederum behindert wurde, trat sie am Abend desselben Tages zum ersten Mal in West-Berlin zusammen – ausgenommen die SED-Mitglieder. Am 9. September 1948 kamen vor der Reichstags­ruine ca. 300 000 Berliner aus allen Sektoren der Stadt zusammen, um gegen die gewaltsame Behinderung der Arbeit der Stadtverordnentenversammlung und gegen die Blockade der Zufahrtswege nach West-Berlin zu protestieren. Ernst Reuter (SPD) sprach auf dieser Kundgebung seine legendären Worte "Ihr Völker der Welt – schaut auf diese Stadt". Als am Ende der Kundgebung Teilnehmer am Brandenburger Tor nach Ost-Berlin zurückströmten, junge Leute von der Quadriga, dem "Siegeswagen" auf dem Brandenburger Tor, die sowjetische Fahne entfernten und es zum Gerangel mit Ost-Berliner Polizisten kam, eröffneten diese das Feuer. Dabei wurde der 15-jährige Falke Wolfgang Scheunemann tödlich getroffen – das dritte Todesopfer aus den Reihen der FALKEN.

Die für den Oktober anstehenden Neuwahlen zur Stadtverordnetenversammlung und zu den Bezirksverordnetenversammlungen wurden im Ostsektor verboten – die SED rief zum Boykott der Wahlen in den Westsektoren auf. Dessen ungeachtet klebten FALKEN aus dem Ost-Berliner Bezirk Lichtenberg in der Nacht zum 5. Oktober, dem Wahltag, Plakate der SPD und der FALKEN. Von der Polizei dabei festgenommen, übergab man sie der sowjetischen Besatzungsmacht.

Aus den Wahlen ging die SPD mit 64,5 % aller Stimmen als stärkste Kraft hervor, gefolgt von der CDU (19,4 %) und der LDP (16,1 %). Angesichts der kritischen Lage entschlossen sich die Parteien, eine Allparteienregierung aus SPD, CDU und LDP mit Ernst Reuter (SPD) als Oberbürgermeister zu bilden.

Monate später, im Juli 1949, verkündete ein sowjetisches Militärtribunal in einem geheimen Prozess gegen die in der Nacht zum 5. Oktober 1948 Verhafteten (Günther Schlierf und Horst Glanck) und gegen zwei weitere FALKEN aus Berlin-Lichtenberg (Lothar Otter und Gerhard Sperling) die üblichen Strafen von je 25 Jahren Arbeitslager. Otter und Sperling hatten Flugblätter mit den berühmten Luxemburg-Worten "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" hergestellt und diese in Ost-Berlin aus S-Bahnzügen geworfen, um gegen die Festnahme von Schlierf und Glanck zu protestieren.

Bereits im Juni hatte das Ost-Berliner Landgericht in einem Schauprozess u.a. Jürgen Gerull zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hatte mit anderen FALKEN in Berlin-Bohnsdorf den "Kleinen Telegraf" verteilt, eine Sonderausgabe der in Westberlin erscheinenden SPD-nahen Tageszeitung TELEGRAF. Während der Verhandlung wurde der Vorsitzende der Berliner FALKEN, Heinz Westphal, der als Beob­achter teilnahm, unter fadenscheinigen Vorwänden festgenommen und verurteilt, allerdings auf Weisung des Politbüros der SED alsbald wieder entlassen.

Zum Zeitpunkt der 2. Landesdelegiertenkonferenz der Berliner FALKEN im Februar 1949 war die Zahl der Mitglieder auf knapp 7 000 gestiegen. Doch erzwang die zunehmende Behinderung der Aktivitäten in den Ost-Berliner Bezirken im Juli 1949 den Beschluss, im sowjetischen Sektor die Arbeit einzustellen. Die Mitgliederzahl ging als Folge in den nächsten Jahren deutlich zurück. Die pädagogische Arbeit mit Kindern musste in Ost-Berlin gänzlich eingestellt werden, während Mitglieder des Sozialistischen Jugend-Ringes (SJ-Ring), in dem jugendliche FALKEN ab dem 17. Lebensjahr organisiert waren, sich fortan in den West-Berliner Bezirken trafen.

Ein Versuch von SED und FDJ im Herbst 1949, durch die Gründung sogenannter demokratischer FALKEN in Ost-Berlin den Kinder- und Jugendverband zu spalten, blieb so erfolglos, dass diese Pseudo-FALKEN ein Jahr später wieder in die FDJ eingegliedert wurden.

Auch wenn die FALKEN sich bis 1955 mit öffentlichen Aktivitäten auf West-Berlin beschränkten, blieben ihre Mitglieder aus dem Ostsektor weiter gefährdet. Es kam zu mehreren Prozessen, in denen Ost-Berliner Mitglieder zu Haftstrafen verurteilt wurden – sei es, weil sie Publikationen aus West-Berlin in den Ostsektor mitgenommen hatten, sei es, dass sie während der drei Großveranstaltungen der FDJ in Ost-Berlin (das Pfingsttreffen 1950, die Weltjugendfestspiele 1951 und das Pfingstreffen 1954) Materialien der FALKEN an der Sektorengrenze an FDJler verteilt hatten.

Weitaus härter bestraft wurden junge Leute aus der SBZ bzw. der DDR, die von sich aus Kontakt zu den West-Berliner FALKEN gesucht hatten, weil sie sich für deren Sozialismusideen als Alternative zum realen Sozialismus interessierten. Sowjetische Militärtribunale und DDR-Gerichte verurteilten Jugendliche aus Dresden und Frankfurt/Oder, aus Priort bei Berlin, aus Halberstadt und Leipzig. Einer von ihnen, der 19-jährige Karl-Heinz Sperling, wurde 1951 in Moskau unter dem Vorwurf der Spionage hingerichtet. Da das Urteil bisher nicht vorliegt, lässt sich nicht beantworten, ob auch die FALKEN-Verbindung wie in anderen Verfahren eine Rolle spielte. Sperling ist das vierte Todesopfer. Am 17. Juni 1953 wurde der 19-jährige Gerhard Santura, am Potsdamer Platz auf West-Berliner Seite stehend, von einer Kugel der Volkspolizei getroffen – der fünfte Tote aus den Reihen des Verbandes.

Das FALKEN-Referat Mitteldeutschland

Im Mai 1951 gründeten die FALKEN das Referat Mitteldeutschland mit Sitz in Berlin als Teil des Bundessekretariats. In den westdeutschen Landesverbänden gab es spezielle Ansprechpartner. Der inzwischen aus DDR-Haft entlassene Jürgen Gerull übernahm im Oktober 1952 die Leitung. Dieses Referat war Ausdruck des gesamtdeutschen Anspruchs der FALKEN. Es sollte dazu dienen, für den Tag der Wiedervereinigung in der DDR eine Basis zu schaffen, denn wie die meisten Menschen in diesen Jahren gingen auch die FALKEN davon aus, dass die Teilung Deutschlands in absehbarer Zukunft überwunden werden würde.

In den ersten Jahren bestand die Arbeit überwiegend darin, den eigenen Verband und die Öffentlichkeit mit Informationen über die jugendpolitische Situation in der DDR zu versorgen; als Anlaufstelle für Jugendliche aus der DDR zu dienen und mit Propagandaaktionen in die DDR hineinzuwirken. So wurden Flugblätter per Luftballon in die DDR versand und eine eigene unregelmäßig erscheinende Zeitung "Arbeiterjugend" publiziert.

Ab Herbst 1954 erhielt das Referat finanzielle Unterstützung vom Ministerium für gesamtdeutsche Fragen und konnte so seine Arbeit erheblich ausbauen. Dabei war es zunächst recht erfolgreich. 1957 verfügte es über ca. 10 000 Adressen von DDR-Jugendlichen, mit ca. 4 000 Jugendlichen hatte es regelmäßigen Kontakt, nicht wenige nehmen an Auslandsreisen der FALKEN und an Zeitlagern teil. Selbstverständlich blieb das MfS nicht untätig. Erfolgreich konnte es aus den Reihen der FALKEN in Ost- und West-Berlin Spitzel anwerben.

Die Jahre 1956 bis zum Mauerbau 1961

Die durch die Rede des Generalsekretärs der KPdSU, Nikita Chrustschow, über Stalins Verbrechen im Februar 1956 anlässlich des XX. Parteitag der KPdSU ausgelöste kurzzeitige Phase politischer Liberalisierung im gesamten Ostblock nutzen die Berliner FALKEN, um wieder offensiv in Ost-Berlin aufzutreten. Ihre Vertreter diskutieren offen und scharf bei den von der FDJ und der SED in diesen Monaten veranstalteten "Gesamtberliner Jugendforen", sie bean­tragen für die erste, nach sieben Jahren aufgezwungener Abstinenz geplante öffentliche Veranstaltung der FALKEN in Ost-Berlin einen großen Saal und auch unter den Studenten der Humboldt-Universität (HUB) wurden FALKEN aktiv.

Dort, wo ansons­ten die FDJ- Nadel getragen wird, trat der Medizin-Student Hans-Georg Wolters mit einem FALKEN-Abzeichen auf und übte am schwarzen Brett der Fakultät heftige Kritik an der Hochschulpolitik der SED und den Alleinvertretungsanspruch der FDJ. Doch der eingeforderte Raum wurde mit fadenscheinigen Begründungen verweigert, die Unruhen an den Universitäten der DDR brachial unterdrückt, Wolters verhaftet und zu neun Monaten Haft verurteilt. Ein anderer Student der HUB, der FALKE Holger Hansen, wurde relegiert.

Ende Oktober 1956 sprach der 1. Sekretär der Bezirksleitung Groß-Berlin der SED, Alfred Neumann von "offenen Versuchen der FALKEN in den letzten Tagen, die FDJ zu spalten" und davon, dass sie die "Mittel der psychologischen Kriegsführung der amerikanischen Imperialisten" benutzen würden. Während FDJ, SED und MfS einerseits alles unternehmen, um den Einfluss der FALKEN unter DDR-Jugendlichen zu unterbinden, versuchten sie gleichzeitig, FALKEN für ihre Kampagne gegen die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik zu gewinnen – ein unglaubwürdiges Unterfangen, unterstützte doch die FDJ bereits seit 1952 mit aller Kraft die Militarisierung der DDR.

Zwar waren die FALKEN entschiedene Gegner der Wiederaufrüstung – allerdings Gegner der Wiederaufrüstung in Ost und West. Am 1. Mai 1956 traten sie, Harry Ristock als neuer Berliner Landesvorsitzender an der Spitze, mit der Parole "Durch Ulbricht und Adenauer keine Wieder­vereinigung" an die Öffentlichkeit; auf einer Veranstaltung am 4. Mai unter dem gleichen Motto erläutern sie ihre deutschland- und gesellschaftspolitische Konzeption eines "Dritten Weges". Anlässlich der Berliner Delegiertenkonferenz wurde der Antrag gestellt, alle FALKEN auszuschließen, die freiwillig zur Bundeswehr oder zur Nationalen Volksarmee der DDR gehen. Diese Positionen vertrat Ristock sehr zum Unwillen der SED auch bei einer öffentlichen Veranstaltung in Ost-Berlin.

Aus Rücksicht auf den Viermächte-­Status der Stadt wurden zwar die Die FALKEN in Ost-Berlin als Organisation geschont und kein Verbot ausgesprochen. Vielmehr richtete die FDJ an die "ehrlichen" Mitglieder die Aufforderung, sich von den Aktivitäten der "rechten FALKEN-Funktionäre" abzuwenden. Doch umso intensiver bemühten sich SED, FDJ und MfS im Verbund, den Einfluss der FALKEN auf DDR-Jugendliche zu unterbinden, denn im Juni 1957 musste das MfS konstatieren: "Besonders an unseren Universitäten, Fachhochschulen, Betrieben etc. sind Teilnehmer der Ost-West-Begegnungen dazu übergegangen, offen oder versteckt die Politik der FALKEN zu vertreten."

So gerieten insbesondere die Mitarbeiter des FALKEN-Referats Mitteldeutschland und jene DDR-Bewohner ins Visier der Stasi, die an Ost-West-Begegnungen teilnahmen.
An der Schule des MfS in Potsdam/Eiche wurde eigens ein Sonder­lehrgang veranstaltet, um die MfS-Bezirksverwaltungen für den Kampf gegen Teilnehmer der Ost-West-Begegnungen zu schulen; gegen Teilnehmer wurden Prozesse geführt, das MfS produzierte über das Referat Mitteldeutschland mit dem Titel "Unter falschem Namen" extra eine Broschüre und die Bezirksleitung Suhl der SED "popularisierte" mit einer eigenen Publikation einen im Oktober 1957 organisierten Prozess gegen drei Studenten aus Ilmenau, die an Ost-West-Begegnungen teilgenommen hatten und zu mehrjährigen Haft­strafen verurteilt wurden.

Im Rahmen der Aktion "Abrechnung" entwickelte das MfS die Idee, Jugend­foren zu veranstalten, um Teilnehmer der Ost-West-Begegnungen zu "entlarven" und potenzielle Nachahmer abzuschrecken. Die FDJ trat als Veranstalter auf – das MfS plante im Hintergrund alles bis ins kleinste Detail. Ergänzend wurde in FDJ- und Hochschulzeitschriften vor den Absichten der "rechten FALKEN-Führung" und den Ost-West-Begegnungen gewarnt. Wer als Teilnehmer von Ost-West-Begegnungen identifiziert werden konnte musste sich bei Aktiv-Tagungen der FDJ verantworten, erhielt Besuch von MfS-Mitarbeitern und wurde unter Druck gesetzt, sich als Spitzel anwerben zu lassen.

Teilnehmer zu identifizieren fiel umso leichter, als es im Januar 1959 gelang, den West-Berliner FALKEN Otto Köppen (GM "Plato") zu verpflichten, der selbst solche Begegnungen organisierte und große Teile seines Lebensunterhalts damit verdiente. Bereits 1953 war es gelungen, ein Mitglied im Landesvorstand der Berliner FALKEN, Helga Boehm (GM "Tanne") zu werben. Mit Michael Gromnica (GM/IM "Michael", "Günter Mielau" und "Heinz Karow") gelang es 1957, ein anderes FALKEN-Mitglied für kräftige monatliche Honorare dazu zu bringen, die FALKEN und die SPD auszukundschaften.

Im Ergebnis waren diese Störmaß­nahmen recht erfolgreich. Die Zahl Jugendlicher aus der DDR, die auf Einladungen des Referats Mitteldeutschland reagierten, ging stark zurück. 1960 wurde das Referat aufgelöst.

Doch in Ost-Berlin gab es bis zum Bau der Mauer am 13. August 1961 weiterhin Kreisverbände der FALKEN. Um die Mitglieder nicht zu gefährden, beschloss im September 1961 der Berliner Landesverband, seine Ost-Berliner Kreise aufzulösen.

Der Beitrag basiert auf dem Katalog zur Ausstellung "Selbstbehauptung, Widerstand und Verfolgung: Die Sozialistische Jugend Deutschlands – die FALKEN in Berlin 1945 bis 1961", der als Bd. 28 der Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR erschienen ist.

Die Wanderausstellung kann kostenlos beim Landesbeauftragten ausgeliehen werden.