Heft 01/2009 | Themen | Seite 66 - 69

Lutz Wohlrab

Frieden – Umwelt – Mauer

Mail Art made in GDR

Mail Art war in Osteuropa nicht nur künstlerische Kommunikation per Post, sondern eine oppositionelle Bewegung. Ihren Beginn markiert hier das Manifest Net der beiden polnischen Künstler Jarosław Kozłowski und Andrzej Kostołowski, das sie 1972 zusammen mit einer Adressliste von Künstlern verschickten, die an einem grenzübergreifenden, selbstorganisierten Austausch interessiert waren.1

Mail Art bedeutet, dass sich kreative Menschen auf Postkarten oder mittels gestalteter Briefumschläge ihre Einfälle zusenden. Ihren Ursprung hatte dieses prinzipiell für jedermann offene künstlerische Austauschsystem etwa 1962 in der Fluxus-Bewegung, zu der Künstler wie Ray Johnson, Ben Vautier oder Joseph Beuys zählen. Den Begriff "Mail Art" prägte 1971 Jean-Marc Poinsot. Für sein Projekt Mail Art – Communication a Distance Concept bat der französische Kunstwissenschaftler einige Avantgarde-Künstler darum, ihm einen künstlerischen Beitrag per Post zu senden. In der Folge entstanden viele thematische Projekte mit der einfachen Grundregel: No jury, no return, documentation to all participants.2

In der DDR nutzten unangepasste Grafiker wie Robert Rehfeldt (1931–1993) diese Form, bei der der Kunstkonsument zugleich zum Kunstakteur, der Sender zum Empfänger wird, um politische Kommunikation und Vernetzung zu ermöglichen. Sie montierten beziehungsreiche Collagen und kommentierten aktuelle Ereignisse. Ein heute unspektakulär wirkender Briefaufdruck wie "Jeder Mensch ist ein Künstler" (Beuys) weist die in der DDR vorherrschende Ideologisierung und Instrumentalisierung der Kunst zurück, ironisiert die DDR-offizielle Mach-mit-Bewegung und lädt zu individueller Partizipation ein.

1977 hatte der Ostberliner Offsetdrucker Joseph W. Huber (1951–2002), der damals im Zeichenzirkel von Robert Rehfeldt aktiv war und dessen Nachlass sich heute in der Sammlung des Staatlichen Museums Schwerin befindet, das Projekt Nature is life, save it gestartet. Der Beitrag von Gerd Börner thematisiert die ungeklärten Abwässer. Durch Berlin floss damals nicht nur die Spree sondern auch reichlich Chemie – wie die Detergentien des Waschmittels Spee. Die Collage konnte als Appell an den Verbraucher aber eben auch als Protest gedeutet werden, der auf eine völlig unzureichende Umweltpolitik hinweist. Börner verfremdete 1980 auch das übliche "wohnhaft in" in "Wohn-Haft", bevor er selbst 1982 von Ost- nach West-Berlin ausreiste. Mit seiner Karte thematisierte er das Tabuthema Mauer ebenso wie der Ostberliner Lutz Wierszbowski, der 1982 eine Brieftaube darüber fliegen lässt. Mit seinem Linolschnitt hatte letzterer so ein Sinnbild für die Mail Art made in GDR gefunden.

Zu Beginn der achtziger Jahre hatten immer mehr unabhängige Geister diese anti-elitäre Kunstform aufgegriffen und sie protestierten auf dem Postweg gegen die allgegenwärtige Militarisierung und Überwachung, für den Umweltschutz und gegen die Unfreiheit. So entstand eine Kunst von unten, die sich politisch einmischen wollte. Postsendungen stellten für viele DDR-Bürger zudem das einzige Tor zur Welt dar. Dies alles lief dem totalitären Machtanspruch der herrschenden Kommunisten zuwider. Sie ließen Mailartisten überwachen, bestrafen und verhaften, einschüchtern und bespitzeln. Es gab die Postkontrolle und die Selbstzensur, aber es gab auch Mut und Widerstand.

Postkunst unter Postkontrolle

Die "Abteilung M" der Staatssicherheit, der die Postkontrolle oblag, hatte 2 000 Mitarbeiter. In den 15 Briefverteilämtern der DDR, das heißt in jedem Bezirk, gab es geheime Räume der Stasi, die die Tarnbezeichnung "Stelle 12" trugen und zu denen Postmitarbeiter keinen Zugang hatten. Dort wurden zuerst alle Briefe und Karten gesichtet, bevor sie die Post überhaupt befördern durfte. Es gab Listen der zu observierenden Absender bzw. Empfänger, es wurden aber auch Stichproben durchgeführt bei denen alle auffällige Post aussortiert wurde. Diese Sendungen wurden von Stasi-Mitarbeitern, die gleichzeitig offiziell bei der Post angestellt waren, zu getarnten Umladestationen gebracht. Von dort wurde sie in zivilen Fahrzeugen in die Stasi-Bezirksverwaltungen zu den Wasserdampftischen gefahren. Alle Leiter der Briefverteilämter arbeiteten eng mit der Staatssicherheit zusammen, manche als "Offiziere im besonderen Einsatz".3

Mail Art-Karten waren in den Augen der Stasi "Werbematerialien mit politisch gefährlichem Inhalt" und "konterrevolutionärer Zynismus".4

Die DDR war ein schwierigerer Boden für Avantgardekünstler als die Volksrepublik Polen. Robert Rehfeldt zeigte deshalb sein erstes Mail Art-Projekt5 auf einer Personal-Ausstellung in Warschau, bevor er Stücke aus seiner Sammlung 1976 in den Räumen des Atelierbundes Erfurt – einer privaten Künstlerinitiative, zu der u.a. Rainer Luck6 gehörte – zeigte. Deutlich mehr Aufsehen erregten seine Berliner Mail Art-Ausstellungen in der staatlichen Galerie Arkade 1978 und in der Privatgalerie in der Wohnung von Jürgen Schweinebraden 1979.

Am 1. Mai 1975 lernte der Ingenieur Friedrich Winnes (1949–2005) Robert Rehfeldt kennen und vervielfältigte dessen Dokumentation seiner Warschauer Mail Art-Ausstellung. Die Stasi begann gegen ihn zu ermitteln und bearbeitete ihn von 1977 bis 1987 in den Operativen Vorgängen "Amateur" und "Reaktion".7 Bereits 1980 sollte er das erste Mal verhaftet werden. Die Stasi-Postkontrolle hatte in seinem Brief vom 28. September 1980 an den polnischen Mailartisten Tomasz Schulz zwei verdächtige Fotomontagen gefunden. Eine zeigte seine gerade geborene Tochter Linda, der er den DDR-Orden "Aktivist der Arbeit" auf die Brust gelegt hatte. Darin sah die Stasi die "Tatbestandsmerkmale gem. § 220 StGB erfüllt". Dieser Paragraph begründete eine Bestrafung für die Verbreitung von "Symbolen, die geeignet sind, die staatliche oder öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen, das sozialistische Zusammenleben zu stören oder die staatliche oder gesellschaftliche Ordnung verächtlich zu machen". Weil in Polen die Gewerkschaft Solidarność an Einfluss gewann, herrschte bei der SED eine große Aufregung. Friedrich Winnes blieb die Verhaftung glücklicherweise erspart: "Da das Einzugsdatum des Beweismittels zu lange zurückliegt", sah die Abt. IX der BV Berlin im Januar 1981, also nach dem Inkrafttreten des Kriegsrechts in Polen, von einer Inhaftierung ab. Sie behielt ihn aber weiter unter Beobachtung.

Der Dekorationsmaler Birger Jesch und der Siebdrucker Jürgen Gottschalk waren die einzigen Künstler aus der DDR, die sich trauten, am Projekt Solidarität mit Solidarnosc des 1980 in die Bundesrepublik übergesiedelten Ost-Berliner Galeristen Jürgen Schweinebraden teil zu nehmen. Die Staatssicherheit schätzte diese Mail Art als konterrevolutionär ein und eröffnete im Oktober 1981 den Operativen Vorgang "Feind" gegen diese beiden sowie gegen Joachim Stange sowie Steffen und Martina Giersch.8 Einen weiteren Anlass dazu stellte das pazifistische Schießscheiben-Projekt International Contact with Mail Art in the Spirit of Peaceful Coexistence von Birger Jesch dar, das er im Februar 1981 in der Dresdner Weinbergskirche ausgestellt hatte. Es war das erste Mail Art-Projekt, das in einer Kirche in der DDR gezeigt wurde und es wanderte, vermittelt von kirchlichen Friedenskreisen, weiter nach Radebeul, Meißen, Greifswald und Rostock.

Jürgen Gottschalk wurde 1984 strafrechtlich zur Verantwortung gezogen und gem. § 220 StGB zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Im Abschlussbericht zum OV "Feind" hieß es, dass es gelungen sei, auch die OV-Personen Steffen Giersch, Birger Jesch und Joachim Stange "anhaltend zu verunsichern und in ihrer Wirksamkeit weitestgehend zurückzudrängen… Durch ein gleichlaufendes Vorgehen des MfS gegen Kontaktpartner in der DDR konnte festgestellt werden, dass die Problematik Mail Art aus operativer Sicht keinen Schwerpunkt mehr darstellt und weiter an Wirksamkeit verliert. Die OV-Personen mussten erkennen, dass die Mail Art ein untaugliches Mittel ist, in irgendeiner Form die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR anzugreifen".9

Hier irrte die Stasi. Gerade in den Jahren nach 1984 wurde Mail Art zu einer DDR-weiten Bewegung mit vielen Ausstellungen und subversiven Aktionen vor allem in Zusammenarbeit mit den kirchlichen Friedens-, Umwelt- und Demokratiegruppen.10 Auch die Dresdner blieben aktiv. Joachim Stange rief 1984 zum Projekt Nie wieder Dresden und Hiroshima 1945 und 1986 zu Tolerance auf. Er wurde bis 1989 operativ bearbeitet.11 Bei ihm fanden zwei konspirative Hausdurchsuchungen statt. 1985 wurde gegen ihn eine Geldstrafe in Höhe eines Monatsgehaltes verhängt, weil er auf einer Postkarte auf die spärliche Berichterstattung vom Genfer Gipfeltreffen zwischen Gorbatschow und Reagan mit "In Genf nur Senf?" hinwies. Birger Jesch setzte sein Stempel-Projekt Please stamp for me fort, und initiierte 1984 The Darkside of Your Moonfaces und 1988 Your favourite Pornography. 1986 stellte er Mail Art zur Friedensdekade in der Leipziger Lukaskirche aus. Eine der letzten DDR Mail Art-Ausstellungen hieß Revolution by Demonstration in Eastern Europe. Sie wurde von Steffen Giersch im Oktober 1990 in der Dresdner Versöhnungskirche gezeigt.

Der Cottbuser Siebdrucker Uwe Dressler wollte vor seiner Ausreise 1986 noch einmal internationale Mail Art zu den Problemen der Zeit ausstellen. Diese konnte nur in kirchlichn Räumen gezeigt werden. Zum Titel Frieden und Umwelt sollte ursprünglich als drittes Reizwort noch Mauer auf dem Plakat stehen. Das wäre vielleicht der Schritt ins Gefängnis gewesen – und zwar nicht nur für ihn, sondern auch für die vier Leihgeber Buhrow, Jesch, Winnes und Wohlrab.

Dietrich Buhrow war erst im Jahr zuvor aus der Haft entlassen worden. Er saß wie Martin Bernhardt (1961–2000) fünf Monate wegen Verstoßes gegen den politischen Strafrechtsparagraphen 222 ("Missachtung staatlicher Symbole") im Gefängnis. In Folge dieses Verfahrens wurden Martin und der Autor dieses Artikels für drei Jahre vom Medizinstudium exmatrikuliert. Wir drei hatten in Greifswald ein Künstlerbuch in zwanzig Exemplaren hergestellt und eine Buchpremiere organisiert, beides ohne Genehmigung.12

Die innerdeutsche Grenze nicht nur postalisch zu überwinden, war ein Hauptanreiz für Mailartisten dies- und jenseits der Mauer. Speziell zu diesem deutsch-deutschen Austausch konzipierte die Universitäts- und Landesbibliothek Saarbrücken mit Unterstützung von Aloys Ohlmann im Jahre 2000 eine Mail Art-Ausstellung unter der Überschrift Mail Art Saarland – DDR: Schmuggelgut oder Kassiber?, die ein Jahr später auch in der Universitätsbibliothek Leipzig zu sehen war. 2007 dokumentierte das ACC in Weimar die 25jährige deutsch-deutsche Künstlerfreundschaft zwischen den Mailartisten Birger Jesch, der 1986 nach Thüringen umgezogen war, und Jürgen O. Olbrich aus Kassel.
Mail Art spielte im Ostblock wie auch in den Ländern Lateinamerikas eine wichtige Rolle, weil der internationale Bilder- und Gedankenaustausch half, Meinungsfreiheit einzufordern und auszuüben. Nach der großen Überblicksausstellung Mail Art Osteuropa im internationalen Netzwerk, die das Staatliche Museum Schwerin bereits 1996 zeigte, wird der Württembergische Kunstverein ab Ende Mai 2009 den Vergleich der Mail Art made in GDR mit der aus den Diktaturen Lateinamerikas in den Fokus seiner Ausstellung in Stuttgart stellen. Informationen zu weiteren Projekten finden sich unter: http://mailartists.wordpress.com/links/

1 Röder, Kornelia: Topologie und Funktionsweise des Netzwerks der Mail Art, Bremen 2008.
2 Alle eingesandten Beiträge werden gezeigt, keine Rücksendung, dafür erhält jeder Teilnehmer eine Dokumentation.
3 Labrenz-Weiß, Hanna: MfS-Handbuch: Abteilung M: Postkontrolle; Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 2003.
4 BStU MfS AOP 3043/84 bzw. MfS-Reg.-Nr. XII 2691/81, S. 149, vgl. Wohlrab, Lutz: "Bitte sauber öffnen! Danke!". Mail Art und Postkontrolle in der DDR, in: Horch und Guck, 11. Jg., Heft 38 (2/2002), S. 42-46.
5 Er hatte 1975 darum gebeten, eine vorbereitete Postkarte zu gestalten und nach Warschau zu schicken.
6 Der Mailartist Rainer Luck wurde 1984 von der Stasi verhaftet, nachdem er einen Ausreiseantrag gestellt hatte.
7 BStU MfS-Reg.-Nr. XV 1589/82.
8 BStU MfS AOP 3043/84 bzw. MfS-Reg.-Nr. XII 2691/81. Zunächst trug die Operative Personenkontrolle den Decknamen "Postkunst".
9 BStU MfS AOP 3043/84 bzw. MfS-Reg.-Nr. XII 2691/81 Abschlußbericht in: Wohlrab, Lutz/Jesch, Birger: Feinde gibt es überall. Stasi und Mail Art in Dresden, in: Horch und Guck, 5. Jg., Heft 19 (2/1996), S. 58-64, hier S. 59.
10 Dokumentation in Winnes, Friedrich/Wohlrab, Lutz (Hg.): Mail Art Szene DDR 1975 – 1990, Berlin 1994 und Berswordt- Wallrabe, Kornelia (Hg.): Mail Art Osteuropa im internationalen Netzwerk, Schwerin 1996.
11 BStU MfS AOP 3043/84 bzw. MfS-Reg.-Nr. XII 2691/81.
12 Wohlrab, Lutz: Jugend in Greifswald, in: Horch und Guck, 6. Jg., Heft 20 (1/1997), S. 22-29. siehe auch: Bernhardt, Martin: Und das ist auch der beabsichtigte Effekt: die Anstiftung zum Verrat, in: Furian, Gilbert (Hg.): Mehl aus Mielkes Mühlen. Schicksale politisch Verurteilter. Berichte, Briefe, Dokumente. Berlin 1991, S. 218-241.