Heft 02/2009 | Heruntergewirtschaftet | Seite 14 - 17

Silke Fengler

Du kannst den Farbfilm vergessen ...

Zur Dauerkrise der DDR-Fotoindustrie

Die Fotografie spielte im Alltagsleben der DDR-Bürger eine bedeutende Rolle. Seit den fünfziger Jahren nahm die Zahl der Hobby-Fotografen in der DDR stetig zu. Im Gegensatz dazu blieb die Versorgung der Bevölkerung mit qualitativ hochwertigen Filmen, Kameras und Entwicklungsdienstleistungen bis 1989 unzureichend. Welche Ursachen waren für diese Entwicklung verantwortlich, die sich in den achtziger Jahren dramatisch zuspitzte?

Am Anfang steht die Beobachtung, dass zwei komplexe Systeme – die Fotografie und die Planwirtschaft der DDR – nicht in Einklang gebracht werden konnten. Die Fotografie wird hier als technisches System verstanden, bestehend aus Film, Kamera und Labordienstleistung. Dahinter stand ein komplexes Netzwerk staatlicher Wirtschaftsplanungsbehörden, denen die Fotoindustrie weisungsgebunden war. Dabei litt diese seit 1945 an einem Konstruk­tionsfehler: Film-, Kamera- und Laborgerätehersteller unterstanden verschiedenen Industriezweigleitungen, die jeweils eigene Pläne verfolgten. Seit Mitte der sechziger Jahre gab es Initiativen, dem systemischen Charakter der Fotografie stärker Rechnung zu tragen und Anschluss an technologische Entwicklungen auf dem Weltmarkt zu finden. Im Zentrum der Reformansätze standen die beiden größten Foto-Betriebe der DDR, der VEB Filmfabrik Wolfen und der Kamerahersteller VEB Pentacon Dresden. Ihre Zusammenarbeit blieb aber nicht nur im Kleinen – bei der gemeinsamen Entwicklung eines Kamera-Film-Systems – ineffizient. Auch die Modernisierung des Gesamtsystems der Fotografie, die in den achtziger Jahren versucht wurde, scheiterte letztlich an der mangelnden Kooperation der Ministerien und Kombinate.

Die Ausgangslage

Die enge Vernetzung der mitteldeutschen Fotochemie-Industrie mit der Kamera- und Laborgeräte-Industrie ging nach 1945 verloren. Als größte Anbieterin fotografischer Produkte aller Art im Deutschen Reich hatte die IG Farben AG/Agfa dem systemischen Charakter der Fotografie noch Rechnung getragen. Sie lieferte neben Filmen, Fotopapier und Entwicklerlösungen auch Kameras und Laborgeräte. Die Filmfabrik Wolfen – eines der drei Hauptwerke der IG Farben/Agfa – ging 1946 zusammen mit anderen Fotochemiewerken in sowjetisches Eigentum über. Unter dem Dach der SAG1 Photoplenka war sie "verlängerter Arm" der sowjetischen Volkswirtschaft und damit nur indirekt in die Industrieverwaltung der SBZ/DDR eingebunden.2 Dem sowjetischen Bedarf entsprechend produzierte die Filmfabrik Wolfen hauptsächlich kinematografische Filme, von denen die Mehrzahl exportiert wurde. Auch nach ihrer Rückgabe an die DDR Ende 1953 änderte sich daran nichts: Die Menge der in Wolfen produzierten Fotofilme fiel kontinuierlich und lag bald weit unter dem Vorkriegsniveau.3 Während sich die Filmherstellung in Wolfen und Berlin konzentrierte, fand die Fotopapierproduktion an sechs verschiedenen Standorten in der DDR statt. 1958 wurden alle Fotochemiebetriebe unter dem Dach der VVB4 Chemiefaser und Fotochemie zusammengefasst, die unter der Federführung des Ministeriums für Chemie stand.

Die Kamera- und Laborgeräteindustrie war – anders als die von Wolfen dominierte Filmindustrie – durch viele Kleinbetriebe geprägt. Im April 1948 wurden fast alle Kamerawerke der DDR in volkseigene Betriebe umgewandelt und zunächst der VVB Mechanik bzw. ab 1951 der VVB Optik unterstellt.5 Als Teil der Konsumgüterindustrie kamen sie nicht in den Genuss von staatlichen Wiederaufbauhilfen. Sie produzierten auf den alten Anlagen in erster Linie Spiegelreflexkameras für den Export. Das Angebot einfacher Apparate und Projektoren blieb gering. 1958 wurde die im Raum Dresden konzentrierte Kameraindus­trie der neu gegründeten VVB Regelungstechnik, Gerätebau und Optik unterstellt. Die Hersteller von Laborgeräten, soweit sie die Fotofilmentwicklung betrafen, unterstanden der VVB Mechanik.6 Da die Fotoindustriebetriebe so unterschiedlich im Wirtschaftsplanungssystem der DDR verortet waren, konnten ihre Produktionspläne kaum effizient aufeinander abgestimmt werden. Wenn die Filmfabrik neue Fotofilme produzierte, fehlten oft die passenden Aufnahmegeräte, und umgekehrt. Zudem mangelte es an Laborkapazitäten, so dass die Verarbeitung belichteter Filme wochenlang dauerte. Die DDR-Regierung war im Nachgang des 17. Juni 1953 bemüht, die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern zu verbessern, um weitere Unruhen zu vermeiden. Die Zahl der Entwicklungslabors und Kopieranstalten sollte ebenfalls erhöht werden. Doch es fehlte an Geräten für die Filmverarbeitung im Großlabor, und auch für die dezentrale Entwicklung beim Fotografen und Fotohändler gab es nicht genügend Apparaturen. Auch in der Folgezeit blieb die Ankündigung der SED-Spitze, die DDR-Bevölkerung mit "neue[n] und moderne[n] Kon­sumgüter[n]" zu versorgen, Lippenbekenntnis.7

Modernisierungs­ansätze

Die Organisationspläne der DDR-Kulturbehörden und der SED zeigen, dass die Fotografie im Gegensatz zu Kino oder Rundfunk in den fünfziger Jahren nicht als bedeutendes Massenmedium anerkannt wurde.8 Erst als sich dies in den sechziger Jahren änderte, gewannen Fotoartikel in den Produktionsplänen stärkeres Gewicht. Allerdings blieb die Exportsteigerung das vordringliche Ziel, das die DDR-Wirtschaftsplanung durch eine stärkere Konzentration und Rationalisierung der Fotoindustrie erreichen wollte. 1970 gingen die wichtigsten Fotochemiebetriebe der DDR im Fotochemischen Kombinat Wolfen (FCK) auf. In den Kleinbetrieben der Dresdener Kameraindustrie häuften sich seit Ende der fünfziger Jahre Produktions- und Qualitätseinbrüche – eine Folge fehlender Investitionen und einer nach wie vor handwerklich geprägten Produktion. Auch hier gaben die drohenden Exportverluste den Ausschlag, die Betriebe Schritt für Schritt zu konzentrieren. 1959 wurden fünf Dresdener Kamerawerke unter dem Dach des VEB Kamera- und Kinowerke Dresden (KKWD) zusammengefasst. 1964 ging der VEB KKWD mit einigen kleineren Kamera­herstellern im VEB Pentacon Dresden auf, der auch als Leitbetrieb für eine Reihe halbstaatlicher Kamerafabriken fungierte. Vier Jahre später wurde schließlich das Kombinat Pentacon Dresden gebildet, das 1970 zunächst der VVB Elektrische Konsumgüter und 1977 dem Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik direkt unterstellt wurde. 1980 gingen die verbliebenen, kleineren Kamerawerke im Kombinat Pentacon auf.

Parallel zum Konzentrationsprozess in der Film- und Kameraindustrie gab es schon seit den frühen sechziger Jahren Diskussionen darüber, welchen Nutzen eine stärkere Verzahnung der gesamten Fotoindustrie haben könnte. Die SED-Betriebsparteiorganisation der Filmfabrik Wolfen empfahl die Bildung eines sozialistischen Konzerns nach dem Vorbild westlicher Großunternehmen, der die gesamte Fotoindustrie einschließen sollte. Doch die Unterhändler der Film- und Kameraindus­trie konnten sich zu einem solchen Schritt nicht durchringen. Obwohl offiziell Konsens darüber herrschte, dass die Fotografie als Gesamtsystem zu betrachten und "besonders hohe ökonomische Ergebnisse [...] nur bei enger Kopplung" der einzelnen Systemelemente zu erzielen seien, verfolgte jede Seite ihre eigenen Interessen.9

Das unkoordinierte Vorgehen der DDR-Fotoindustrie zeigte sich besonders deutlich bei dem Versuch, ein sogenanntes Schnellladesystem in Anlehnung an die Modelle von Eastman Kodak und Agfa-Gevaert herauszubringen.10 Das System sprach wegen der vereinfachten Handhabung die technisch weniger versierten "Knipser" an; es erschloss für die Fotoindustrie einen neuen, stark expandierenden Markt.

Angespornt durch Gewinne und Prämien, die das "Neue Ökonomische System" der DDR in Aussicht stellte, wollte die Wolfener Betriebsleitung zunächst eine Lizenz von Kodak erwerben. Anfang 1964 kontaktierte sie Pentacon, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Dort erfuhr sie von den bereits seit mehreren Monaten laufenden Lizenzverhandlungen mit dem Agfa-Camerawerk München, das bis 1945 ein IG-Schwesterwerk der Filmfabrik Wolfen gewesen war. Immerhin arbeitete die Filmfabrik Wolfen gerade mit Hochdruck daran, bestehende vertragliche Bindungen mit der westdeutschen Agfa zu lösen und anstelle des gemeinsamen Warenzeichens Agfa das neue Warenzeichen Orwo einzuführen. Es kam zu keiner Einigung, da auch Agfa Leverkusen es ablehnte, Lizenzen an die DDR-Fotoindustrie zu vergeben.

Unter dem Druck der Planauflagen wandten sich Vertreter von Pentacon und Filmfabrik Wolfen nun doch gemeinsam an Eastman Kodak, um Lizenzen für das Super-8-Schmalfilmsystem zu erwerben. Das Amt für den Rechtsschutz des Vermögens der DDR wollte jedoch "endgültige Zusicherungen zu Vertragsbedingungen vorab nicht" geben.11 Auch in der obersten Partei- und Wirtschaftsbürokratie stieß die Position Walter Ulbrichts, "[b]estimmte Rohstoffe und Lizenzen [...] dort zu holen, wo wir sie herbekommen" auf wachsende Kritik.

Anti-Kodak-System

Viele Politbüro-Mitglieder warnten vor einer Abhängigkeit von westlichen Staaten.12 Die Abteilung Grundstoffindustrie im ZK plädierte dafür, die Fotoindustrie noch stärker institutionell zu verzahnen und auf dieser Basis ein "Anti-Kodak-Sys­tem" für die Hobbyfotografie herauszubringen.13 Pentacon lieferte daraufhin geringfügig weiterentwickelte Taschenkameras der Penti-Serie und die Filmfabrik entsprechend abgestimmte Filmpatronen für das neue, DDR-eigene Schnellladesystem. Die Wolfener Patronen basierten – ähnlich wie diejenigen von Agfa-Gevaert – auf einem Modell der IG Farben/Agfa aus den dreißiger Jahren. Aus Patentgründen und wegen der Übermacht von Kodak auf dem Weltmarkt blieb der Absatz des Systems auf die DDR und den Ostblock beschränkt.

Die Fotoindustrie der DDR entwickelte sich in den siebziger Jahren weiter auseinander. Mit Blick auf die Exportbilanz richtete Pentacon seine Produktion immer stärker auf Spiegelreflexkameras aus.

Die eigentliche Achillesferse der Fotowirtschaft war (und blieb) aber die Laborgeräteindustrie. Während sich die vollautomatisierte "Bilderfabrik" in den sechziger Jahren international als Standard durchsetzte, waren die Laborprozesse in der DDR vielerorts durch manuelle Arbeit geprägt.14

Da Pentacon die Produktion von Hochleistungskopierern 1975 eingestellt hatte, mussten die Geräte importiert werden. Pentacon prägte die Laborlandschaft durch seine restriktive Importpolitik und die verzögerte Eigenentwicklung. Die vorhandenen Anlagen wurden bis an die Verschleißgrenze belastet.

Waren Bearbeitungsfristen von zwei bis drei Tagen Mitte der siebziger Jahre international üblich, so dauerte die Entwicklung von Farbfilmen in der DDR neun bis zehn Tage, diejenige von farbigen Schmalfilmen 27 Tage und die Erstellung farbiger Abzüge auf Papier rund 40 Tage.15 Auch die Versorgung der DDR-Bevölkerung mit höherwertigen Filmen verbesserte sich nicht wesentlich.

Mitte der siebziger Jahre geriet das Fotochemische Kombinat an einen absoluten Krisentiefpunkt. Wegen stark verschlissener Produktionsanlagen und fehlender Kapazitäten für neue Filmsorten konnte die Filmfabrik ihr Plansoll kaum noch erfüllen. Zudem fiel das Wolfener Filmsortiment technologisch immer weiter zurück. Problematisch war vor allem, dass Wolfener Farbfilme sich nicht in den Entwicklungsbädern von Eastman Kodak verarbeiten ließen, die sich in den internationalen Fotolabors als Standard durchgesetzt hatten. Da die Sowjetunion ebenfalls den Übergang auf Kodak-Technologien plante, sah man sich in der DDR gezwungen, diesem Weg zu folgen, um nicht das Hauptabsatzgebiet zu verlieren.

Gescheitertes Sanierungsprogramm

1977 beschloss die Regierung ein Programm zur Sanierung des Fotochemischen Kombinats, das auch den Bau einer neuen Produktionsstrecke für Farbfilme "entsprechend dem fortgeschrittenen internationalen Qualitätsniveau" vorsah.16 Fehlendes Know-how und geschlossene Produktionslinien sollten bei der internationalen Fotoindustrie eingekauft werden, um anstelle des billigen Massenartikels Kinopositivfilm möglichst bald hochwertige Fotofilme produzieren und exportieren zu können. Es blieb aber unklar, wie das Projekt zu finanzieren sei; immerhin entsprach die erforderliche Gesamtsumme von drei Milliarden Mark dem jährlichen Investitionsetat des Ministeriums für Chemische Industrie für die gesamte Branche! Der geplante, umfassende Technologietransfer scheiterte am Widerstand der ausländischen Fotounternehmen. Da diese zusätzliche Konkurrenz witterten, musste das Wolfener Kombinat die Umstellung aus eigener Kraft vorantreiben.

Unterstützung erhielt es durch den Bereich Kommerzielle Koordinierung, der einen Teil der importierten Anlagen finanzierte. Als sich die gesamtwirtschaftliche Situation der DDR in den frühen achtziger Jahren zuspitzte, überließen die Industrieministerien den Fotokombinaten immer öfter die mühsamen Verhandlungen zur Umsetzung des Sanierungsprogramms. Häufig traf das Politbüro bzw. der Minis­terrat der DDR die letzte Entscheidung, da sich die Kombinate auf keine gemeinsame Linie einigen konnten.

So bot der Minis­terratsbeschluss vom September 1983 den formalen Rahmen, um die Modernisierung des Wolfener Farbfilmsortiments bis zum Zieltermin 1990 zu realisieren.17 Der Verkauf neuer Filme aus der Versuchsproduktion sollte einen Teil der Gesamtkos­ten tragen. Doch das Ministerium für Chemische Industrie tätigte die erforderlichen Bauinvestitionen nur zögerlich und stellte kaum noch Mittel für den Maschinen- und Anlagenimport bereit. Daneben fehlten Vor- und Zwischenprodukte zur Herstellung der neuen Filme, weil die Chemie-Kombinate keinen Anreiz hatten, diese in kleinen Losgrößen herzustellen. Bis zum Sommer 1989 hatten Forscher der Filmfabrik Rezepturen und Muster für mehrere Farbfotofilme mit passendem Farbfotopapier erarbeitet, die in Kodaks Entwicklungsbädern verarbeitet werden konnten. Die Forschungsergebnisse wurden aber nicht mehr produktionswirksam, so dass das Finanzierungskonzept nicht aufging. Die Kreditaufnahme des Kombinats stieg dadurch zuletzt dramatisch an.18

Getrennte Wege – größere Ineffizienz

Der Ministerratsbeschluss vom Herbst 1983 sah auch vor, die Kapazitäten der vorhandenen Entwicklungs- und Kopieranstalten in der DDR zu erweitern und neun neue Farbfilmlabors für 100 Millionen Farbabzüge pro Jahr zu errichten. Pentacon sollte in Kooperation mit der sowjetischen Geräteindustrie die erforderlichen Hochleistungsgeräte entwickeln.

Bald darauf erfuhr das Dresdener Kombinat allerdings eine Umprofilierung, die wichtige Weichen für das weitere Schicksal der Fotoindustrie stellte. Im Herbst 1984 wurde Pentacon dem Kombinat VEB Carl Zeiss Jena angegliedert. Dies geschah in der Hoffnung, dass "mit der weiteren Entwicklung und Anwendung der Mikroelektronik im optischen Präzisionsgerätebau und in der Foto-Kino-Technik [...] die bereits jetzt schon ähnlichen Technologien beider Erzeugnisgruppen noch stärker zusammen[wachsen]."19 Das Mikroelektronikprogramm der DDR band große Teile der Dresdener Forschungskapazitäten, so dass für die Laborgeräteentwicklung bald kein Platz mehr war.

Trotz des energischen Protests der Wolfener Kombinatsleitung entfernten sich die Kamera- und Gerätehersteller nun vollends von der fotochemischen Industrie. Damit verfestigte sich aber auch die Ineffizienz der heimischen Laborinfrastruktur. Lediglich in Berlin-Marzahn wurde ein Orwo-Fotolabor aufgebaut, das mit modernen Importgeräten ausgestattet war. Es diente als Musterbau für weitere Labors in den Bezirksstätten der DDR, die Geräte aus DDR-eigener Herstellung erhalten sollten.20 Allerdings kündigte die Kombinatsdirektion in Jena die Kooperation mit der UdSSR im Sommer 1987 einseitig auf.21 Mit Verweis auf den Vorrang des Mikroelektronikprogramms stellte Pentacon im Jahr darauf alle Arbeiten zur Entwicklung von Laborausrüstungen ein.22

Epilog

Die Wolfener Kombinatsleitung war nach der politischen Wende von 1989 durchaus zuversichtlich, durch die guten Kontakte zu den osteuropäischen Märkten im Wettbewerb bestehen zu können. Große Erwartungen wurden in die neuen Farbfilmsorten gesetzt. Doch schon bald stellte sich heraus, dass das Kombinat die Filme aus eigener Anstrengung nicht produzieren konnte. Viele Mitarbeiter hofften, dass die neue Regierung der DDR die Sanierung der Filmfabrikation finanzieren würde. Andere plädierten dafür, die Kooperation mit dem VEB Pentacon Dresden wiederzubeleben. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen. Denn die am 1. Juli 1990 gegründete Pentacon GmbH wurde von der Treuhandanstalt als nicht sanierungsfähig eingestuft und bald darauf abgewickelt. Auch das Fotochemische Kombinat wurde aufgelöst. Die Filmfabrik Wolfen ging als Aktiengesellschaft in den Alleinbesitz der Treuhandanstalt über. Ihr Management versuchte mit dem neuen Farbnegativfilm QRS 100 und einem verbesserten Schwarz-Weiß-Filmsortiment auf den westlichen Fotomärkten Fuß zu fassen und dadurch die Abhängigkeit vom sowjetischen Absatzmarkt zu verringern, der sich als kaum aufnahmefähig erwies. Da die Privatisierung der Filmfabrik Wolfen als Ganzes trotz zahlreicher Interessenten scheiterte, beschloss die Treuhandanstalt eine Teilprivatisierung. Doch auch die 1995 gegründete Nachfolgegesellschaft ORWO AG überlebte nicht.23 Bereits im Sommer 1998 wurde sie aus dem Handelsregister gelöscht.

1 SAG = Sowjetischen Aktiengesellschaft
2 Rainer Karlsch, Johannes Bähr: Die Sowjetischen Aktiengesellschaften in der SBZ/DDR. Bildung, Struktur und Probleme ihrer inneren Entwicklung, in: Karl Lauschke, Thomas Welskopp (Hg.): Mikropolitik im Unternehmen. Arbeitsbeziehungen und Machtstrukturen in industriellen Großbetrieben des 20. Jahrhunderts, Essen 1994, S. 225.
3 Ministerium für Chemische Industrie: Rekonstruktionsplan 1959-1963 des Industriezweiges Film, undatiert [1959], Bundesarchiv Berlin (BArch-B) DE 4/VS1729.
4 VVB = Vereinigung Volkseigener Betriebe.
5 Schnelle Devisen, in: P. Frieß, P.M. Steiner (Hg.): Forschung und Technik in Deutschland nach 1945. Katalog des Deutschen Museums, Bonn, München 1995, S. 338.
6 VVB Chemiefaser an Werkdirektion v. 9.3.1965, Archiv des Industrie- und Filmmuseums Wolfen [ab sofort: AIFM] Sekretariat Werkdirektor Nr. 815.
7 Protokoll der Verhandlungen der 3. Parteikonferenz der SED, Berlin 1956, S. 175.
8 Ludger Dehrenthal: Bilder der Trümmer- und Aufbaujahre. Fotografie im sich teilenden Deutschland, Marburg 1999, S. 133.
9 VVB Chemiefaser: Entwurf-Studie zur Konzentration der Fotoindustrie der DDR v. 27.6.1967, AIFM Sekretariat Werkleitung Nr. 815.
10 In diesem System waren Kamera, Film und Laborentwicklung eng aufeinander abgestimmt. Das innovative Element lag in der einfach einzulegenden Filmkassette, die dem Nutzer das mühsame Einfädeln der Filmspule ersparte. Allerdings passten in die Kameras ausschließlich Filmkassetten, die Eastman Kodak bzw. Agfa-Gevaert speziell für ihr jeweiliges System entwickelt hatten.
11 Amt für den Rechtsschutz des Vermögens der DDR an Minister für Chemische Industrie v. 8.11.1967, BArch-B DG 11/649/Bü-Nr. 162.
12 Staatliche Plankommission, Niederschrift v. 18.4.1969, BArch-B DE 1/VA56079.
13 ZK der SED, Abt. Grundstoffindustrie, Aktennotiz v. 4.9.1969, BArch-B DY 30/IV/A2/603/123.
14 Thesen für die Stehbildfotografie v. 3.4.1972, AIFM Büro Vorstandsvorsitzender Nr. 2246.
15 Ministerrat der DDR, Begründung zur Vorlage Maßnahmen zur schnelleren Erhöhung des Qualitätsniveaus fotochemischer und magnetischer Aufzeichnungsmaterialien v. 16.12.1976, BArch-B DC 20/I/4/3689.
16 Ministerrat der DDR, Beschluss über Maßnahmen zur schnelleren Erhöhung des Qualitätsniveaus der Produktion im VEB Filmfabrik Wolfen FCK v. 27.1.1977, BArch-B DC 20/I/4/3711.
17 Ministerrat der DDR, Beschluss zur Information über die Überprüfung zur Senkung des Silberverbrauches bei fotochemischen Erzeugnissen v. 22.9.1983, BArch-B DC 20/I/4/5258.
18 Stellungnahme zum Standpunkt des Ministeriums für Wissenschaft und Technik v. 23.8.1988, AIFM Büro Vorstandsvorsitzender Nr. 2247.
19 Ministerrat der DDR, Beschluss über den Vorschlag zur Angliederung des Kombinates VEB Pentacon Dresden an das Kombinat CZJ v. 16.7.1984, BArch-B DC 20/I/4/5440.
20 Langfristige Konzeption zur Verbesserung der Fotodienstleistungen in der DDR v. 20.5.1986, BArch-B DG 11/6864.
21 Stand der Zusammenarbeit mit der Geräteindustrie v. 15.9.1987, AIFM Büro Generaldirektor Nr. 2241.
22 Generaldirektion Kombinat CZJ an Generaldirektion v. 24.8.1988, AIFM Büro Generaldirektor Nr. 2241.
23 Franz-Otto Gilles: Am Ende blieb nur die Verpackung. Die Restrukturierung und Privatisierung der Filmfabrik Wolfen, Berlin 1998, S. 31 ff.