Heft 02/2009 | Rezensionen | Seite 74 - 75

Jacqueline Boysen

Der Ständige Vertreter

Hans Otto Bräutigams Rückblick auf seine Zeit in Ost-Berlin

Nachrichten aus einer versunkenen Welt: Die Erinnerungen von Hans Otto Bräutigam, einst Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, lassen ein fast vergessenes Szenario wieder aufleben: Die offiziellen deutsch-deutschen Kontakte – verkrampft, steif und auf beiden Seiten aufgeladen mit politischen Erwartungen, divergierenden Interessen, geprägt von Misstrauen und ideologischer Fremdheit. Daran änderte auch die um Annäherung bemühte Ostpolitik Willy Brandts wenig: "Früher hatten wir gar keine, nun haben wir wenigstens schlechte Beziehungen", soll Egon Bahr gesagt haben.

Wie mühsam es für gutwillige Akteure der deutsch-deutschen Annäherung war, nach dem Grundlagenvertrag und der Eröffnung der quasi-diplomatischen Vertretungen an Spree und Rhein einen Gesprächsfaden zu spinnen, zeigen Bräutigams Memoiren. Denn nicht nur, dass sich die beiden Staaten in ihren staats- und völkerrechtlichen Grundpositionen antagonistisch gegenüberstanden, auch in ihren eigenen Reihen waren Deutschlandpolitiker vielfach isoliert: Die Weltpolitik in Zeiten des Kalten Krieges hantierte mit Pershings und SS 20-Raketen, versuchte den KSZE-Prozess in Gang zu bringen – aber auf die Ständige Vertretung in der Hannoverschen Straße in Ost-Berlin schaute die Welt insbesondere dann, wenn sie von Flüchtlingen besetzt war und ihre Türen schließen musste, wenn sich die westdeutschen Beamten nicht mehr um grenzüberschreitende Erbschaftsangelegenheiten oder die berühmten Kulturempfänge kümmerten, sondern um ihre ungebetenen "Hausgäste" bemühten, wie Bräutigam höflich ­formuliert.

Kaum mehr vorstellbar: Wenige Minuten von den Grenzübergängen Invalidenstraße und dem Bahnhof Friedrichstraße entfernt campierten Ausreisewillige in dem Bürogebäude, organisierten der Not gehorchend ihren Tagesablauf, um sich zu beschäftigen und hingen beschriftete Bettlaken aus den Fenstern, um den daheimgebliebenen Verwandten Nachricht von ihrem Schicksal zu geben. Mitarbeiter der "StäV" kauften derweil im Westen ein, um eine provisorische Versorgung der Flüchtlinge sicherzustellen. Die Ständige Vertretung schaltete den DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel ein, sie sollte schließlich nichts direkt mit den deutsch-deutschen Freikäufen und Familienzusammenführungen zu tun haben, um ihre Existenz nicht zu gefährden. Andere, diskrete Wege waren eingespielt. Vogel genoss das Vertrauen Bräutigams und war Mittelsmann zu Erich Honecker wie auch zur Staatssicherheit, wenn es um heikle Ausreisefragen ging.

Ansonsten jedoch ist Bräutigam um höchste Akkuratesse in den historischen Details, die er ausführlich schildert, bemüht. Vor allem aber möchte er bis heute keinem seiner ostdeutschen Gesprächspartner zu nahe treten.

Sehr versöhnlich lesen sich Bräutigams Erlebnisse ab 1974, als er an der Spitze des sogenannten Vorauskommandos mit dem Aufbau der Vertretung der Bundesrepublik in der Hauptstadt der DDR begann. Der aus dem Auswärtigen Amt in die Abteilung Deutschlandpolitik des Kanzleramts gewechselte Jurist amtierte zunächst als Stellvertreter, als zweiter Mann hinter Günter Gaus. Dieser prägte als erster Leiter das Bild der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik "bei der DDR". So musste es auf Bundesrepublikanisch korrekt heißen, um keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen: die Bundesregierung würde den zweiten deutschen Staat völkerrechtlich nie und nimmer anerkennen. So eröffnete sie auch keine Botschaft, sondern eine ­Vertretung.

Gaus setzte sich selbst zum Generalerben von Bahrs und Brandts Ost-Politik ein. Als Gaus von Klaus Bölling abgelöst wurde, wachte Bräutigam im Kanzleramt über die Deutschlandpolitik. Böllings Amtszeit an der Spree war kurz und glücklos, Kanzler Schmidt holte seinen Vertrauten 1982 zurück nach Bonn und ernannte Hans Otto Bräutigam zum Staatssekretär, der nun als Leiter der Vertretung nach Ost-Berlin zurückkehrte. Dass er auch nach dem Regierungswechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl an exponierter Stelle in Ost-Berlin verweilen sollte, ist Ausweis von Bräutigams unumstrittener Ost-Expertise und seines diplomatischen Geschicks. Nicht ahnend, dass sich die Verhältnisse in der DDR so rasch würden wenden lassen, verließ Bräutigam 1988 die DDR, kehrte ins Auswärtige Amt zurück und übernahm den Posten des Botschafters bei der UNO.

Leider erzählt Bräutigam zu wenig Persönliches. Das aber entspricht seinem Naturell. Der 1931 im Saarland geborene parteilose Jurist ist höflich und zurückhaltend, abgewogen bis wohlwollend im Urteil, und er versteht sich als Staatsdiener alter Schule. "Öffentliche Auftritte im Scheinwerferlicht waren meine Sache nicht", gesteht er – und das glaubt jeder Leser sofort.

Die Eindrücke, die Bräutigam als Begleiter beim Besuch Helmut Schmidts am Werbellinsee sammeln konnte, gehören zu den eindrucksvollsten Passagen des umfangreichen Bands. Übertroffen werden sie von seinen Beobachtungen als "Ehrenbegleiter" des Staats- und Parteichefs Erich Honecker bei dessen West-Reise 1987. Zu kurz kommt dagegen Bräutigams Ringen um ein deutsch-deutsches Kulturabkommen, zu neutral scheinen die Beschreibungen der oft festgefahrenen Bemühungen um humanitäre Erleichterungen, die spannungsgeladenen Auseinandersetzungen mit einer unbeweglichen SED-Führungselite und – nicht zuletzt – das distanzierte Verhältnis der Ständigen Vertretung zu Bürger- und Menschenrechtsgruppen oder der Umwelt- und Friedensbewegung. Man habe die Opposition nicht gefährden wollen, heißt es zur Rechtfertigung der Zurückhaltung gegenüber dem Widerstand. Die "StäV" verstand sich vielmehr als Ort der Begegnung: Legendär sind die Empfänge, auf denen pflichtgemäß hochrangige Funktionäre erschienen – pünktlich und nicht einen Atemzug länger als protokollarisch  unbedingt notwendig –, und bei denen sich auch Schriftsteller, Schauspieler, Vertreter der Kirchen oder Rechtsanwälte mit anderen DDR-Bürgern und westdeutschen Korrespondenten in der Hannoverschen Straße ein Stelldichein gaben.

Hans Otto Bräutigam ist Diplomat – durch und durch. Und er ist ein Westdeutscher, dessen innigstes Ziel bis heute die deutsch-deutsche Verständigung ist. Zeit seines Berufslebens brachte er auf dem glatten Ost-Berliner Parkett, aber auch im Kontakt mit Bürgern der DDR viel Empathie auf. Das gilt auch für den Ausklang seines Berufslebens als Justizminister in Brandenburg, der im Buch keine Erwähnung findet. Bis heute ist es ihm ein Herzensanliegen, dem Westen der Republik die Augen zu öffnen für die Belange des Ostens.