HEFT 04/2009 | Editorial | SEITE 1

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

selbst wenn nicht alles genau so geplant und inszeniert war: Die SED hat es doch noch geschafft, die Stasi als Sündenbock für die SED-Diktatur fest im Bewusstsein der meisten Deutschen zu verankern. Die Partei selbst konnte sich – nebst großem Vermögen – sicher in neue Zeiten retten.

Dem allgemeinen Bedürfnis, einen Schuldigen für die Verbrechen und Vergehen des Regimes benennen zu können, kam das entgegen. Und es eröffnete vielen anderen Funktionsträgern des SED-Staates die Möglichkeit, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Um eine Stasi-Mitarbeit nach relativ klaren Kriterien festzustellen, musste man sich nicht tiefergehend mit dem Machtgeflecht einer kommunis­tischen Diktatur auseinandersetzen. So lesen und hören wir seit zwei Jahrzehnten vor allem von der Stasi, wenn es um die Verantwortlichen der SED-Diktatur geht. Wenn Parlamente, Ämter und Behörden in den neunziger Jahren zeigen wollten, dass sie den Übeltätern des alten Regimes keine einflussreichen Positionen einräumen wollten, dann durch Überprüfungen auf Stasi-Mitarbeit. Über den kleinen Spitzel wurde debattiert, aber nicht über weitaus mächtigere Funktionäre. Die galten vielmehr, so sie Stasi-negativ getestet wurden, als politisch nahezu unbelastet.

Gelegentlich hört man zwar bei Gedenkreden und in Medien den mahnenden Hinweis, nicht zu vergessen, in wessen Diensten die DDR-Geheimpolizei stand. Doch konkret sind die vergessenen Verantwortlichen im SED-Staat nur selten ein Thema. Mit dem Schwerpunktthema in diesem Heft stellen wir dagegen ihre Rolle ins Zentrum.

Es geht unter anderem um die Volkspolizei, um Befehlsstrukturen für den Ausnahmezustand, das Mitwirken ziviler Verwaltungen an Mauerbau und Fluchtverhinderung, aber auch um die Organisation der Literatur-Zensur und die Politische Verwaltung der Deutschen Reichsbahn.

In aktuell & kontrovers wird der Aufstieg Oppositioneller in die politischen Eliten nach 1989 betrachtet und hierbei nach Gründen für die Unterschiede zwischen Ostmitteleuropa und der ehemaligen DDR gefragt.

In dieser Rubrik finden Sie auch einen Artikel, der ursprünglich eine Rezension hätte werden sollen. Doch das Buch, um das es geht, ist ein besonderer Fall. Zwar ist es nicht so selten, dass Menschen vor Gericht ziehen, um manche Darstellung in einem Buch zu verhindern. Aber hier steht nicht nur Aussage gegen Aussage, sondern es geht auch um die Frage, wie sehr man sich die Schilderungen eines Betroffenen ungeprüft zu eigen machen darf.

In unserer nächsten Ausgabe werden wir uns dem Schwerpunkt "Der Osten im Westen" widmen. Jetzt wünschen Ihnen aber zunächst eine aufschlussreiche und interessante Lektüre – und natürlich frohe Weihnachten sowie einen guten Start ins neue Jahr.

Die Redaktion



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