SonderHeft 2008 | WeggesprengT. Christian Halbrock | Seite 17 - 21
I. Einleitung: Die Versöhnungskirche als Symbol des geteilten Berlin
3. Pfarrer Helmut Hildebrandt
Die Pfarrfamilie Hildebrandt und die Versöhnungskirche
Eine Geschichte der Versöhnungskirche nach 1945 schreiben zu wollen, ohne auf die Pfarrfamilie Hildebrandt einzugehen, scheint nur schwer vorstellbar: Nur allzu deutlich rückte das unermüdliche Engagement des Pfarrers das Schicksal der Kirche immer wieder in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Nicht fortzudenken aus einer Geschichte der Bernauer Straße Nr. 4 sind zudem die drei Pfarrerssöhne Jörg, Johannes und Herbert.
Mit zum Teil jugendlichem Übermut versuchten sie sich über die Formen der vermeintlichen "Normalität", wie sie die SED zunächst an der Sektorengrenze, später ab 1961 entlang der Sperranlagen etablierte, hinwegzusetzen. Wie bei Pfarrerfamilien mitunter üblich, prägte nicht nur Helmut Hildebrandt als Inhaber der Pfarrstelle das Bild der Versöhnungsgemeinde in den Monaten vor dem Mauerbau 1961.
Ebenso belebend wirkte sich das Engagement seiner Söhne auf den Gemeindealltag aus. Herbert Hildebrandt, der spätere Kantor des Berliner Doms, zeichnete so ab 1959 für das Orgelspiel und die kirchenmusikalische Begleitung der Gottesdienste seines Vaters verantwortlich.77 Die drei Hildebrandtsöhne, Herbert, Johannes (ab 1969 Pfarrer an der Sophienkirche) und Jörg, sowie die mit Jörg verheiratete Regine Hildebrandt (geb. Radischewski) – zwischen 1990 und 1999 Arbeits- und Sozialministerin in Brandenburg – traten darüber hinaus als gewichtige Zeitzeugen und Chronisten der Ereignisse rund um die Versöhnungskirche in Erscheinung. Auch ihnen ist es zu verdanken, dass die Kirche nach 1961 nicht dem Vergessen preisgegeben wurde. Nachdem sie sich eindeutig gegen die Auf- und Abgabe der Kirche ausgesprochen hatten, hielten sie und Pfarrer Helmut Hildebrandt nach 1985 die Erinnerung an das verschwundene Gotteshaus wach.78
Mit Aufmerksamkeit verfolgte die Gemeinde an der Nahtstelle zwischen Ost und West den Volksaufstand rund um den 17. Juni 1953 in Ost-Berlin und in etwa 700 ostdeutschen Städten und Gemeinden.79 Der Aufstand, der ab den Mittagstunden des 17. Juni mit Hilfe sowjetischer Panzer niedergeschlagen wurde, wirkte sich auch verschärfend auf die Lage an der innerstädtischen Demarkationslinie aus. Pfarrer Hildebrandt beschrieb die Situation entlang der Sektorengrenze für die Versöhnungsgemeinde wie folgt:
"Auf dem Friedhof Ackerstraße hinter der Kirche war Volkspolizei postiert. [...] Vor der Kirche ‚Stummpolizei‘80 , wir mittendrin, von beiden Seiten bewacht und beargwöhnt, aber von niemanden am kirchlichen Leben behindert. [...] Leute mit einem östlichen Angstkomplex meiden nun erst recht unsere Kirche. Es sind dies zwar die Leute, die nie ein Risiko um des Glaubens willen auf sich nehmen würden, aber es ist trotzdem schade. [...] Zum Teil waren die Gründe auch wirklich ernst zu nehmen und mussten berücksichtigt werden. Das drängt uns immer mehr zu der Entscheidung, einen Teil unserer Arbeit in den Westsektor zu verlegen, so widerstrebend wir es auch tun, weil wir damit faktisch die Sektorenspaltung respektieren. Auch die Kirchenbehörde wird in zunehmendem Maße dem Rechnung tragen müssen, dass wir zu 93,5 % Westgemeinde sind."81 Und der Pfarrersohn Johannes Hildebrandt, der spätere Pfarrer der Ost-Berliner Sophienkirche, meinte sich erinnern zu können, dass es damals bereits die ersten Opfer an der Bernauer Straße, als diese "für einige Tage dicht gemacht wurde", gegeben hätte: "Wir beobachteten, wie Aufständische über den Friedhof [der Elisabethgemeinde, Ch.H.] zur Grenze robbten. Wir konnten sie nicht vor den Grenzposten warnen. Das waren die ersten Grenztoten."82
Auch die in die Familie eingeheiratete Regine Hildebrandt erinnerte sich an die besondere Situation der Versöhnungsgemeinde. Anschaulich schilderte sie das Bemühen der hier lebenden Gemeindeglieder, die Verhältnisse entlang der sich schleichend ab Ende der fünfziger Jahre immer weiter verfestigenden Demarkationslinie menschlich erträglich zu gestalten:
"Nach dem Gottesdienst am Heiligen Abend sind wir dann mit ein paar Leuten aus dem Posaunenchor, in dem mein Bruder und die Hildebrandtsöhne mitspielten, runter an die Bernauer Straße und haben uns zwischen den Ost- und Westpolizisten aufgestellt und Weihnachtslieder geblasen. In unserem Versöhnungskirchenbereich – die Kirche hieß nun mal ja auch Versöhnung – haben wir auf diese Art und Weise versucht, ein bisschen zu helfen."83
Doch wurde das Leben entlang der Bernauer Straße auch für die Kirchgemeinde zunehmend schwieriger:
"Mit der [...] Lage des Pfarramtes im Osten und des Kirchenbüros im Westen auf der anderen Straßenseite gestalteten sich die Vorgänge ziemlich kompliziert. Ein Problem war ja, das es hier inzwischen zwei unterschiedliche Währungen gab, das Ostgeld auf der einen und das Westgeld auf der anderen Seite, und weder die eine noch die andere Währung durfte man legal auf die jeweils andere Seite der Straße verbringen."84
Kurz vor der Abriegelung der Bernauer Straße am 13. August 1961 erhielt Pfarrer Hildebrandt einen Ruf an das Bibelwerk der Evangelischen Kirche in Berlin-Mitte und schied somit als Pfarrer der Versöhnungskirchengemeinde aus. Im Mai 1962 wechselte er von hier aus nach Berlin-Köpenick. Laut Schreiben des Evangelischen Konsistoriums an den Magistrat, Referat Kirchenfragen, vom 2. Juli 1962 wurde Hildebrandt "zum Pfarrer der Stadtkirchengemeinde in Berlin Köpenick, Kirchenkreis Oberspree, berufen".85 Trotzdem blieb Pfarrer Hildebrandt in den folgenden Jahren dem im östlichen Sektor Berlins verbliebenen Teil der Versöhnungskirchgemeinde aufs Engste verbunden und bemühte sich die Interessen der östlichen Gemeindeglieder zu vertreten. Hintergrund war die wenig zufriedenstellende Situation, in die der Ost-Berliner Gemeindeteil infolge des Mauerbaus geriet. Hinzu kam die Auffassung Hildebrandts, dass die Anliegen seiner ehemaligen Gemeinde in einer neuen Kirchgemeinde nicht hinreichend Berücksichtigung finden würden. Aus der Sicht des Konsistoriums galt es aus seelsorgerischen und kirchenrechtlichen Erwägungen nach der Abriegelung der beiden Stadthälften voneinander eine Lösung für die geteilte Gemeinde zu finden: Der Mauerbau hatte schließlich nicht nur die Gemeinde zerschnitten, sondern beide Gemeindehälften aus dem gemeinsamen Gotteshaus, das nun unerreichbar im Todesstreifen stand, ausgesperrt. Man entschied, den im Bezirk Mitte (Ost-Berlin) verbliebenen Teil der Gemeinde, dem – wie es in einem Vermerk des Konsistoriums vom 2. November 1961 hieß – "der Boden der kirchlichen Wirksamkeit entzogen" sei, der benachbarten Elisabethgemeinde anzugliedern.
Einige Mitglieder der Versöhnungsgemeinde-Ost schienen aufgrund des besonderen Schicksals ihrer Gemeinde und angesichts der Mahnung, die von der im Todesstreifen stehenden Versöhnungskirche ausging, lange nicht an ihren neuen Wohnorten heimisch werden zu wollen. Ihnen stand in jenen Jahren Pfarrer Helmut Hildebrandt, der inzwischen in Köpenick wohnte, sich aber weiterhin zur Gegend rund um die Bernauer Straße hingezogen fühlte, als Ansprechpartner zur Seite. Zugleich hielt er so die Erinnerung an die Zeiten wach, in denen die Versöhnungskirche noch frei zugänglich in der Mitte Berlins stand.
Prophetischer Mahner und Poltergeist: Ein politisch unbequemer Pfarrer an der Sektorengrenze
Pfarrer Hildebrandt zählte zu einem besonderen Typ von Pfarrern: Jene mochten sich aufgrund ihres Berufsverständnisses und nach den Erfahrungen, die sie im Laufe ihres Dienstes gemacht hatten, nicht auf eine ruhige Pfarrstelle zu setzen. Grenzerfahrungen, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen, und die hiermit einhergehenden besonderen Herausforderungen begleiteten Helmut Hildebrandt Zeit seines Dienstes. Die erste Pfarrstelle trat Pfarrer Hildebrandt im Dorf Adlig-Kessel in den ostpreußischen Masuren nahe der Grenze zu Polen an. Ohne des dort gesprochenen deutsch-polnischen Mischdialekts oder des Polnischen mächtig zu sein, sah sich Hildebrandt vor Gemeinden gestellt, in der "die kleinen Bauerchen [...] kaum deutsch sprachen."86 Im Jahrhundert zuvor hatte die Evangelische Kirche Preußens für Masuren sogar das Gesangbuch eigens in Polnisch drucken lassen.
1939 wechselte Hildebrandt an eine Pfarrstelle nach Königsberg-Ponarth, wo er nach Protesten gegen die kirchenfeindliche Schulpolitik der Nationalsozialisten zunächst von der offiziell staatlich anerkannten und inthronisierten Kirchenleitung vom Dienst suspendiert wurde. Dank der Unterstützung der den NS-Staat ablehnenden Bekennenden Kirche, die auch in Ostpreußen neben dem Pfarrernotbund ihre eigenen Unterstützer-Netzwerke etabliert hatte, vermochte Hildebrandt seinen Verkündigungsdienst in seiner regimekritisch ausgerichteten Gemeinde am Rande der ostpreußischen Großstadt fortzusetzen. Nach der Flucht 1945 gelangte Helmut Hildebrandt mit seiner Familie über eine Zwischenstation auf Rügen, wo er 1946 kommissarisch eine vakante Pfarrstelle betreute, an die Versöhnungsgemeinde im Berliner Handwerker- und Arbeiterquartier rund um die Bernauer Straße.87
Nicht selten erschien der Flüchtlingspfarrer den Magistratsstellen in seiner offenen und als poltrig diskreditierten ostpreußischen Art als unangenehmer Mahner und unbequemer Zeitgenosse. Aber auch im Konsistorium meinte man mitunter, dass Hildebrandts impulsives Vorgehen kaum mit den Umgangsformen zu vereinbaren sei, an die sich ein Pfarrer trotz eklatanter Mißstände und behördlicher Schikane weiterhin zu halten habe. Nur zu gut wussten die kirchlich Verantwortlichen, dass die Vertreter der SED zwar bereit waren, gegenüber den Kirchen verbal und herabwürdigend in der Öffentlichkeit "auszuteilen". Ebenso bekannt war aber auch, dass eben dieselben Vertreter selten imstande waren, Kritik "einzustecken" und auf diese zumeist hochsensibel mit Gesprächsverweigerung und Strafandrohung reagierten. Nachdem sich Pfarrer Hildebrandt im Juni 1960 wiederholt und in offener Form an den Magistrat gewandt hatte, um für seine Kirche die dringend benötigten Baukapazitäten gewährt zu bekommen, schien eine Eskalation unausweichlich. Der Leiter des Magistrats für Kirchenfragen, Lahr, warf dem Pfarrer in einem Schreiben an den Stadtbezirk Mitte am 15. Juni 1960 seinen "aggressivem Ton" vor und empfahl unmissverständlich "mit Pfarrer Hildebrandt eine Aussprache zu führen."88 Hildebrandt solle dabei "auf das Ungehörige seines Verhaltens und auf die aggressive Briefschreiberei hingewiesen" werden. "Eine Erteilung der Genehmigung" so Lahr gegenüber dem Stadtbezirk weiter, "sollte nur dann in Erwägung gezogen werden, wenn H. sich in aller Form entschuldigt. In seiner [d.h. Lahrs, Ch.H.] Gegenwart sollte diese Entschuldigung aktenkundig gemacht werden."89 Auch das Konsistorium meinte nun, nachdem Lahr mit "Gesprächsverweigerung" gedroht hatte, auf die Forderung des Magistrats eingehen zu müssen. Am 8. Juli erschienen, wie Lahr voller Stolz in seiner Aktennotiz festhielt, "als Beauftragte des Evangelischen Konsistoriums die Herren Dr. Ruben und Altmann in unserer Diensteinheit." Sie erklärten, dass sie "beauftragt seien, für das Konsistorium um Entschuldigung zu bitten, dass sich Pfarrer Hildebrandt in so unverschämter Weise an uns und den Stadtbezirk Mitte gewandt hat." Zugleich sicherten sie Lahr zu, Hildebrandts Verhalten mit einer disziplinarrechtlichen Verwarnung ahnden zu wollen.90 Das Konsistorium regelte den Vorgang auf seine Weise: Ruben und Altmann luden Hildebrandt in der darauffolgenden Woche zu einer Aussprache in die Neue Grünstraße ein. Zugleich verwiesen die Konsistorialvertreter Hildebrandt unmissverständlich auf die vom Konsistorium ausgegebene Verhandlungslinie und forderten vom Pfarrer weitgehende Zurückhaltung bei zukünftigen Gesprächen und Verhandlungen mit Vertretern der SED ein.91
Von der SED angeordnete Spitzeltätigkeit zur Gottesdienstüberwachung: Kritische Äußerungen auch in der Versöhnungskirche
Wie bei anderen evangelischen Predigtstätten auch, waren die Gottesdienste in der Versöhnungskirche der verdeckten Überwachung des DDR-Innenministeriums unterworfen. Mit Hilfe von "ehrenamtlichen" Informanten bemühte sich das dem Innenministerium zugeordnete Amt für Information, kritische Predigtäußerungen, die sich gegen die innenpolitischen Verhältnisse richteten, zu dokumentieren. Zugleich meinte man auf diesem Wege der SED wichtige Informationen zum politischen Denken und Verhalten der observierten Pfarrer liefern zu können. Beauftragt, den Predigten beizuwohnen, wurden vor allem die sogenannten gesellschaftlichen Kräfte: Mitglieder der Ost-CDU, Volkspolizisten, Lehrer, Staats- und Magistratsbedienstete. Flächendeckend gelangte diese Form der Überwachung insbesondere anlässlich markanter politischer Ereignisse zur Anwendung. Auf der Grundlage langjähriger Gottesdienstüberwachung gelangte das Innenministerium am 10. März 1953 zu der Einschätzung, dass es sich bei Pfarrer Hildebrandt um einen den politischen Verhältnissen in der DDR gegenüber ablehnend eingestellten Pfarrer handeln müsse. Pfarrer Hildebrandt, so lautete die Stellungnahme des Sachgebietes 2 b, "ist bekannt als Mensch, der gegen die demokratische Ordnung" (gemeint war die SED-Diktatur; Ch.H.) eingestellt sei. Als Beweis führte man "seine Predigten in der Versöhnungskirche" an.92 Dementsprechend wurde "bei wiederholten Kirchenbesuchen [...] festgestellt, daß er aus seiner feindlichen Einstellung gegenüber der demokratischen Ordnung keinen Hehl macht."93
So "machte" Pfarrer Hildebrandt laut Observationsbericht vom 27. Mai 1951 "in einer Predigt die anwesenden Gemeindeglieder aus dem Ostsektor damit bekannt, daß am kommenden Sonntag, dem 3.6.51, die Wahlen im demokratischen Sektor durchgeführt würden. Er betonte hierbei, daß die Gemeindeglieder vor diesen Wahlen Angst hätten und sagte wörtlich:
"Ich weiß, Ihr könnt nichts dafür, dass man an Euren Türen und Wänden Plakate und Propagandazettel klebt, aber in Euren Zimmern klebt die Sprüche Gottes [...] und erzieht Eure Kinder im Namen Gottes, sonst kommen sie zu Euch mit Weisheiten, die sie auf den Straßen lernen. Ich weiß, Ihr habt Angst vor einem Staat, vor einer Person und einer Behörde."94
In einer fünf Jahre später mitgeschriebenen Predigt, am 4. November 1956, nahm Hildebrandt zu den Freiheitsbestrebungen in den kommunistischen Ostblockstaaten Polen und Ungarn Stellung und unterstützte diese indirekt:95 Zuvor hatten Aufstände im polnischen Poznan und in mehreren ungarischen Städten in den betreffenden Ländern nicht nur den breiten Unwillen am kommunistischen Herrschaftssystem offenbart. Die Aufstände setzten zugleich auch ein Zeichen über die Grenzen der beiden Länder hinweg und zogen die Aufmerksamkeit von Teilen der Berliner und ostdeutschen Bevölkerung auf sich, die in dieser Frage ähnlich empfand wie die Protestierenden in Polen und Ungarn. Der massive Einsatz militärischer Gewalt und in deren Folge die zahlreichen Toten erinnerten die Berliner jedoch nicht nur an den 17. Juni 1953 und daran, dass die Sowjets nicht bereit waren, sich den Regeln einer freien demokratischen Willensbildung zu unterwerfen. Es gab auch die Angst vor militärischer Gewalt an der Sektorengrenze in Berlin, gerade bei den Bewohnern der Bernauer Straße.96
Die letzen Tage vor der Abriegelung der Sektorengrenze
Spätestens ab dem 25. Juli 1961 nahmen die seit April 1961 virulenten Planungen zur militärischen Abriegelung West-Berlins konkrete Formen an.97 Wider besseres Wissen – vor allem um keine Massenflucht nach West-Berlin auszulösen – bestritt der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, noch am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz gegenüber einer Journalistin der westdeutschen Frankfurter Rundschau entsprechende Pläne: "Niemand", so Ulbricht am Ende seiner umständlich verklausulierten Antwort, "hat die Absicht eine Mauer zu errichten."98
Dies entsprach durchaus der Logik der Ost-Berliner Rechtfertigungsstrategie. Auch noch nach dem 13. August 1961 behaupteten die Ideologen der SED, es wäre nicht die Absicht der ostdeutschen Regierung gewesen, eine Mauer quer durch die Stadt zu errichten. Vielmehr hätte die westdeutsche Seite durch ihr Verhalten die DDR zu diesem Schritt veranlasst. Um die von West-Berlin ausgehende Bedrohung im Sinne der unterstellten Zwangsläufigkeit möglichst groß erscheinen zu lassen, rekurrierte die Staats- und Parteiführung nicht etwa auf die die DDR-Verhältnisse konterkarierenden Grundwerte der westlichen Gesellschaft, wie Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, demokratische Willensbildung und Freizügigkeit. Jene waren in der DDR nicht existent und übten neben den besseren Verdienstmöglichkeiten und einem höheren Lebensstandard eine nicht unerhebliche Anziehungskraft auf die ostdeutsche Bevölkerung aus. Vielmehr drohe Ost-Berlin und Ostdeutschland von West-Berlin aus, so behauptete die SED, ein neuer deutscher Faschismus: In Analogie zu dieser willkürlichen Unterstellung sprach die DDR-Propaganda vom "antifaschistischen Schutzwall", wenn die Mauer in Berlin gemeint war.
Spätestens am 19. Juli 1961 wurde deutlich, dass in Kürze mit einer Verschärfung der Situation an der innerstädtischen Sektorengrenze und – höchstwahrscheinlich – mit deren Abriegelung zu rechnen sei. In einer außerordentlichen Volkskammersitzung, die eigens zur Erörterung der Frage der "Grenzgänger"99 und "Republikflüchtlinge" einberufen worden war, verkündete der amtierende Ministerpräsident Willi Stoph neue "Schutzmaßnahmen", die "für die Bürger gewisse Unbequemlichkeiten" mit sich bringen würden. Zugleich deutete er einschneidende Schritte im "Reiseverkehr" nach Berlin-West an.100 Doch mochten viele Berliner nicht so recht an solch gravierende Veränderungen, wie sie der 13. August dann mit sich brachte, glauben. Entsprechend war auch die Stimmung in der Bernauer Straße: "Wie die Hildebrandts haben viele Bewohner der Straße geglaubt, dass das Leben ewig so weitergeht."101
77 Gerdi Nützel: "Grenzgängerin" zwischen den Sektoren: Die Versöhnungsgemeinde 1945-1961, in: Von der richtigen Seite betrachtet konnte man sie regelrecht schön finden. 100 Jahre Versöhnungskirche (= Schriftenreihe Wedding, Bd. 7), Berlin 1994, S. 81-102, hier S. 94. Fälschlicherweise benennt Gerdi Nützel hier Jörg Hildebrandt als Kantor, hingegen handelte es sich um Herbert: Telephonat mit Jörg Hildebrandt am 14.10.2007.
78 Aulich, Uwe: "Wenn wir rausgingen, waren wir im Westen". Regine und Jörg Hildebrandt erinnern sich an das Leben in der Bernauer Straße vor dem Mauerbau, in: Berliner Zeitung, Nr. 69, 22.3.2001, S. 27. Beide führten zudem mit der Gedenkstätte Mauer Zeitzeugengespräche durch und engagierten sich für das Dokumentationszentrum, wo Jörg Hildebrandt für Zeitzeugengespräche mit Schülergruppen zur Verfügung steht.
79 Ilko-Sascha Kowalczuk: 17.6.1953: Volksaufstand in der DDR. Ursachen. Abläufe. Folgen, Berlin 2003, S. 284-293. Vgl. auch: Bernd Eisenfeld/Ilko-Sascha Kowalczuk/Ehrhart Neubert: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte (= Analysen und Dokumente, Wissenschaftliche Reihe der Bundesbeauftragten, Bd. 25), Bremen 2004.
80 Damals weitverbreitete umgangssprachliche Bezeichnung für die West-Berliner Polizeikräfte, benannt nach ihrem Polizeipräsidenten (1948-1963) Johannes Stumm.
81 Gemeindearchiv Versöhnung: Bericht über das gemeindliche Leben 1953, zit. nach: Gerdi Nützel: ‚Grenzgängerin‘ zwischen den Sektoren: Die Versöhnungsgemeinde 1945-1961, in: Von der richtigen Seite betrachtet konnte man sie regelrecht schön finden. 100 Jahre Versöhnungskirche, hrsg. von der Evangelischen Versöhnungsgemeinde (= Schriftenreihe Wedding, Bd. 7), Berlin 1994, S. 81-102, hier S. 83.
82 Uwe Aulich: "Wenn wir rausgingen, waren wir im Westen". Regine und Jörg Hildebrandt erinnern sich an das Leben in der Bernauer Straße vor dem Mauerbau, in: Berliner Zeitung, Nr. 69, 22.3.2001, S. 27.
83 Zeitzeugeninterview/Gedenkstätte Berliner Mauer von Maria Nooke mit Regine Hildebrandt am 22.4.1999.
84 Aulich: “Wenn wir rausgingen, wie Anm. 82.
85 EAZ, LKA B-BRB, Generalia, K IIa, Nr. 946/62, LAB, C Rep. 104, Nr. 610, o. Pag.
86 Zeitzeugeninterview des Autors mit Pfr. i.R. Helmut Hildebrandt in Woltersdorf bei Erkner, 23.2.1999, S. 4.
87 Ebd. sowie Auskunft Jörg Hildebrandt, der in diesem Zusammenhang von Flucht und nicht von Vertreibung spricht und darauf verweist, dass die Familie aus Angst vor den anrückenden Truppen der Roten Armee Richtung Westen aufbrach und ihren Wohnort verließ. Recherche der Wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Gedenkstätte Berliner Mauer, Dipl. Pol. Katrin Passens
88 Vermerk Magistrat, Lahn, 5.6. und 8.7.1960 betr. Pfr. Hildebrandt– Bauvorhaben Versöhnungskirche, LAB, C Rep. Nr.451, o. Pag.
89 Ebd.
90 Ebd.
91 Zeitzeugeninterview des Autors mit Pfr. i.R. Helmut Hildebrandtin Woltersdorf bei Erkner, 23.2.1999, S. 4.
92 LAB, C Rep. 902, Nr. 1322, o. Pag.
93 Ebd.
94 Ebd
95 LAB, C Rep. 104, Nr. 282, o. Pag.
96 Zeitzeugeninterview des Autors mit Pfr. i.R. Helmut Hildebrandt in Woltersdorf bei Erkner, 23.2.1999, S. 8.
97 Vgl. hierzu: Matthias Uhl/Armin Wagner (Hg.): Ulbricht, Chruschtschow und die Mauer: eine Dokumentation, München/Oldenburg 2003.
98 "Die Interessen der friedliebenden West-Berliner werden respektiert", in: Neues Deutschland, Nr. 164, 16. 6.1961.
99 Gemeint waren hiermit Personen, die in Ost-Berlin oder in den angrenzenden DDR-Gebieten wohnten und in West-Berlin arbeiteten bzw. umgekehrt in West-Berlin wohnten und in Ost-Berlin oder im DDR-Gebiet arbeiteten: Art. Grenzgänger, in: SBZ von A bis Z. Ein Taschen- und Nachschlagebuch über die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands, hrsg. vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, 4. überarbeitete Auflage, Bonn 1958, S. 119.
100 Die Flucht aus der Sowjetzone und die Sperrmaßnahmen des kommunistischen Regimes vom 13. August 1961 in Berlin, hrsg. vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, Bonn/Berlin 1961, S. 33.
101 Uwe Aulich: "Wenn wir rausgingen, waren wir im Westen". Regine und Jörg Hildebrandt erinnern sich an das Leben in der Bernauer Straße vor dem Mauerbau, in: Berliner Zeitung, Nr. 69, 22.3.2001, S. 27.


