SonderHeft 2008 | WeggesprengT.  Christian Halbrock | Seite 26 - 28

 

II. Der 13. August 1961 und seine Folgen


2. Flucht und Ausweisung aus der Bernauer Straße

Der September 1961

Auch der September brachte nur bedingt eine Beruhigung der Lage mit sich: In der Nacht vom 3. auf den 4. September ereignete sich im Bereich rund um die Versöhnungskirche ein weiterer "Grenzdurchbruch". Kurz nach Mitternacht seilte sich ein Flüchtling aus dem Haus Bernauer Straße 11 erfolgreich nach West-Berlin ab. Einen Tag später, am 5. September, schien die Lage in unmittelbarer Nähe des Pfarrhauses der Versöhnungskirche zu eskalieren: Gegen 2.45 Uhr fuhr am Grundstück Bernauer Straße 1/Ackerstraße 43 abermals ein West-Berliner "Überfallwagen der Stupo" vor, der, so der Ost-Berliner Polizeibericht, die Posten auf der Ostseite blendete. Gleichzeitig, so hält es der Bericht fest, "gingen 5-6 Stupo mit gezogener Pistole in Schützenkette bis zur Mauer vor und luden dort durch. Sie riefen laut: weg von der Mauer (Kirchhofsmauer). Es wurde dann eine Feuerwehrsteckleiter in die Fenster des Hauses Bernauerstr. 1 eingehenkt. Der Beobachtungsposten konnte sehen, wie 3 Personen und ein Kind über die Leiter nach West-Berlin gebracht wurden. Es wurde dann festgestellt, dass aus einem Fenster des II. Stockes dieses Hauses ein Strick hing. Diese Wohnung wurde dann erbrochen [sic!], da sie verschlossen und von innen verbarrikadiert war."129

Verglichen hierzu verlief der Rest des Tages mehr als ruhig. Lediglich aus einem Fenster der Häuser rund um die Versöhnungskirche wurde von einer nicht identifizierten Person ein "Brief geworfen". An das als "Tatort" eingestufte Haus beorderte die Ostpolizei "zur Aufklärung" des Vorkommnisses umgehend ihren Streifenwagen "Toni 11".130

In den Tagen vom 19. bis 25. September gelang noch 16 weiteren Flüchtlingen im Abschnitt der Bernauer Straße zwischen der Acker- und der  Strelitzer Straße der Durchbruch nach West-­Berlin.131

Die Bilder über die wagemutigen und mehr als riskanten Grenzdurchbrüche – mit Sprüngen aus den oberen, noch nicht verriegelten Etagen der Bernauer Straße in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr – gingen in jenen Tagen um die Welt. Westliche Fernsehstationen und Fotographen fingen mit den sich entlang der Bernauer Straße abspielenden Szenen geradezu plastisch den Irrsinn der Mauerziehung und die Verzweifelung vieler Anwohner ein. Nicht immer gelang dabei der Sprung in die Freiheit: Manch einer der Flüchtenden verfehlte in der Eile allerdings die von helfenden Händen ausgebreiteten Sprungtücher. Der Bericht der West-Berliner Polizei vermerkt zu den Vorgängen rund um die Bernauer Straße, dass Bernd Lünser aus Berlin-Friedrichshain sowie ein unbekannter Flüchtling sich von der Bernauer Straße 44 aus "mit einer Wäscheleine vom Dach des Hauses auf die Gehbahn (West-Berlin) vor dem genannten Grundstück" abzuseilen beabsichtigten.132 "Nach der Entdeckung des Fluchtvorhabens", so der Polizeirapport weiter, "wurden beide Personen durch ‚Vopo‘ beschossen." Um der drohenden "Festnahme zu entgehen, sprang Lünser vom Dach, verfehlte jedoch das Sprungtuch und fiel auf die Straße. Er verstarb unmittelbar darauf."133 Der andere, namentlich unbekannte Flüchtling wurde auf dem Dach des Hauses festgenommen. Die bestialischen Begleitumstände ließen unter den Beobachtern des Geschehens auf West-Berliner Seite die Vermutung aufkommen, dass der Flüchtling "nach seiner Festnahme auf dem Boden des genannten Hauses durch ‚Vopo‘ zu Tode geprügelt worden" sei.134

    

Der 25. September: Die Ausweisung und Zwangsräumung von Bewohnern der ­Bernauer Straße

Bereits wenige Tage nach dem Mauerbau begann man von Ost-Berliner Seite damit, die Hausflure der Wohnhäuser in der Bernauer Straße zu verbarrikadieren. Anschließend wurden diese von innen vermauert. Sofern notwendig, richtete man für die verbliebenen Bewohner provisorische Zugänge über die Höfe der angrenzenden Ost-Berliner Straßenzüge ein. Außerdem wurde verfügt, dass "alle im Keller und Parterre gelegenen Wohnungen bis zum 23.8. zu räumen [...] und die Parterre Fenster bzw. Keller [...] zu verschließen und zu vermauern" sind.135

Schon allein aufgrund der medialen Wirksamkeit, den jeder Fluchtversuch auf sich zog, sollte den Zuständen in der Bernauer Straße nach Ansicht der SED-Führung ein rasches Ende bereitet werden. Sobald wieder genügend Einsatzkräfte verfügbar waren und an den bereits gesicherten Grenzabschnitten entbehrt werden konnten, würden jene an die Bernauer Straße verlegt werden. Am 25. September war es schließlich soweit: Im Rahmen einer generalstabsmäßig angelegten Räumaktion, bei der 1.800 Mitglieder der Kampfgruppen, 250 Volkspolizisten und 99 Lastwagen zum Einsatz gelangten, wurden ab 6.35 Uhr insgesamt 137 Familien aus der Bernauer Straße ausgewiesen. Innerhalb von zwei bis drei Stunden hatten die Anwohner ihre Habe zu packen. Zusammen mit dem ihnen zugestandenen Gepäck wurden sie anschließend auf eigens hierfür bereitgestellte LKW verladen und abtransportiert. Obwohl die Räumaktion nach allen Kriterien der militärischen Einsatzführung vorbereitet worden war und unter massivem Kräfteeinsatz stattfand, drohten sich die turbulenten Szenen aus den ersten Tagen nach der Mauerschließung noch einmal zu wiederholen: An der Ecke Bernauer-/Ruppiner Straße kam es gegen 9 Uhr zu einer größeren Menschenansammlung. Zudem gelang zwei Bewohnern und einem Angehörigen der Kampfgruppen allen Sicherheitsmaßnahmen zum Trotz die Flucht in den Westen. Noch ein letztes Mal war die West-Berliner Feuerwehr mit Sprungtüchern zugegen. Aus dem Fenster des Hauses Bernauer Straße 25 gelang in jenen Stunden der 77jährigen Frieda Schulze, unterstützt durch von West-Berlin aus gegen einen möglichen Schusswaffeneinsatz geworfenen Nebelkerzen, die Flucht in den Westteil der Stadt.136

Nicht in jedem Fall war der unter dem Druck der Zwangsräumung zur Verzweifelungstat und Flucht in letzter Minute gewordene "Sprung in die Freiheit" erfolgreich. Die Flucht einer Bewohnerin aus der Bernauer Straße 54, der 1881 in Prischt in der Ukraine geborenen Olga Segler, fand ein tragisches Ende. "Wegen zwangsweiser Räumung ihrer im 2. Stockwerk gelegenen Wohnung, sprang" laut Bericht der West-Berliner Polizei vom 25. September, Olga Segler "in ein auf der Gehbahn vor ihrem Wohngrundstück bereitgehaltenes Sprungtuch der West-Berliner Feuerwehr." Aufgrund der "dabei erlittenen inneren Verletzungen trat am folgenden Tag der Tod ein." Sie wurde wenig später auf dem Städtischen Friedhof in Berlin-Reinickendorf beigesetzt.137

    

Abriss der Grenzhäuser und Umbettung von Grabstellen

Zunächst wurden die Fenster der geräumten Häuser zugemauert. Ende 1962 begann man damit, die ersten Hinterhäuser sukzessive abzutragen: An ihrer Stelle entstanden weitere Grenzanlagen. Ab 1965 ging man zum flächendeckenden Abriss der Häuser über: Stehen blieben lediglich bis Anfang der achtziger Jahre die Außenwände der Vorderhäuser, die, bis auf die Höhe des Erdgeschosses verkürzt, nun als Bestandteil der sogenannten Vorderlandmauer dienten.

Zur Vorbereitung des Abrisses fanden im Sommer 1962 mehrere gemeinsame Objektbegehungen von Vertretern des Magistrats, des Stadtbezirkes Mitte und der Grenzpolizei statt. Laut Auskunft des Magis­tratsvertreters, "Gen[osse] Wittenbecher", vom 27. Juni 1962 hätte es sich bereits unter den Bewohnern der angrenzenden Straßen und unter den Friedhofsarbeitern auf dem benachbarten Elisabeth- und auf dem Sophienfriedhof herumgesprochen, dass "Besichtigungen an den Häuser an der Staatsgrenze", also im allgemein nicht mehr zugängigen Grenzstreifen, "durchgeführt" würden. "Zur Zeit", so beantwortete Wittenbecher die Anfrage seines Amtskollegen Lahr vom Referat für Kirchenfragen, "besteht aber noch keine Klarheit über diese Häuser."138

Zwar wurde mit den Baumaßnahmen bereits Ende 1962 begonnen. Doch zog sich der Abriss der Gebäude bzw. die Umfunktionierung der Vorderhausfassaden zur Behelfsmauer mehrere Jahre hin. Vereinzelt kam es dabei zu Komplikationen, wie beim "Abriß der Häuser in der Bernauer Straße Nr. 5 und 6."139 Also beim Abriss jener beiden Wohnhäuser, die – von der Straße aus betrachtet – den Zugang zur Versöhnungskirche an der linken bzw. nördlichen Seite flankierten. Am 2. Oktober 1965 mussten die Abbrucharbeiten an den beiden Häusern "unterbrochen" werden, "da beim Abtransport des Schutts Grabstellen auf dem angrenzenden Elisabethfriedhof beschädigt" worden waren "und es in der Folge zu Protesten" der Friedhofsnutzer kam.140 "Die Angehörigen sind darüber sehr ungehalten", protokollierte das Referat Kirchenfragen des Stadtbezirks Mitte in diesem Zusammenhang und setzte durch, dass die Arbeiten erst nach dem 9. Oktober fortgeführt werden durften. In der Zwischenzeit bemühte man sich, die betreffenden Grabstellen auf dem Elisabethfriedhof besser zu sichern und prüfte die Möglichkeit, die Gräber umbetten zu können.141 Der Aufschub bis zum 10. Oktober kam nicht ohne Bedacht zustande: Schließlich fanden am 10. Oktober in Ostdeutschland und Ost-Berlin die "Wahlen zu den örtlichen Volksvertretungen" nach dem üblichen Prinzip der Einheitsliste statt. Der Zusammenhang zwischen dem Aufschub der Abrissarbeiten und der Einheitslistenwahl war dabei unverkennbar: "Pfarrer Sucker von der Elisabeth-Kirchengemeinde" hatte zuvor die Sorgen und den Ärger der Angehörigen der betroffenen Gräber auf einem im Vorfeld des Abstimmungsganges angesetzten "Wahlgespräch" zur Sprache gebracht.142

    

129 Ebd. 149, 154.
130 Ebd. 149, 154. Zur Stumm-Polizei, vgl. Anm. 80.
131 Ebd., p. 181/185.
132 LAB, B Rep. 004, Nr. 419, Teil 1, S. 2.
133 Ebd.
134 Ebd.
135 LAB, C Rep. 303-26-01, Nr. 226, p. 92-94 sowie "Haustüren zum Westen vermauert. In der Bernauer Straße – Zettelnachrichten: Es wird ernst", in: Der Tagesspiegel, Berlin (West), 20.8.1961, S. 3.
136 LAB, C Rep. 903-01-04, Nr. 291, o. Pag.
137 LAB, B Rep. 004, Nr. 419, Teil 1, S. 3.
138 LAB, C, Rep. 131-12, Nr. 5179, o. Pag.
139 LAB, C Rep. 131-12, Nr. 5178, o. Pag.
140 Ebd.
141 Aktenvermerk, Rat des Stadtbezirks Berlin-Mitte, Ref. Kirchenfragen, Galow, 1.10.65, LAB, C Rep. 131-12, Nr. 5181,
Referat Kirchenfragen, Arbeitspläne und Erfüllungsberichte 1961-1967, o. Pag.
142 Ebd. sowie Hermann Weber: DDR (s. Anm. 63).