SonderHeft 2008 | WeggesprengT.  Christian Halbrock | Seite 47 - 49

 

III. Die Versöhnungskirche im Todesstreifen


3. Der Gegentunnel

Die Sicherungskompanie der Hauptabteilung I des MfS und der Gegentunnel

Dass das Interesse des Grenzkommandos und der Volkspolizei nicht besonders groß war, einem Unbefugten den Zugang zur Versöhnungskirche und deren Turm zu gewähren, mochte in der Konsequenz wenig verwundern. Der Kirchturm wurde ab 1962 als ständiger Beobachtungspunkt von den Grenztruppen genutzt. Dies blieb auch den normalen Passanten nicht verborgen.259 Ein Foto des West-Berliner Fotografen Klaus Lehnartz vom 13. August 1963 zeigt so unmittelbar unterhalb der Kirchturmuhr die beiden obersten Turmfenster, in den jeweils ein Grenzsoldat zu erkennen ist.260

Aber auch noch eine andere Grenzeinheit als jene, die für den normalen Postendienst verantwortlich zeichnete, nutzte den Kirchturm als militärisches Objekt: Die Sicherungskompanie der Hauptabteilung I des MfS betrachtete den Turm eine zeitlang als nach Westen vorgeschobenen Beobachtungspunkt in das für sie relevante "Feindgebiet". Nicht ohne Grund bemängelte die Aufklärungsabteilung, dass es ihr "nach dem Abriß der Häuser Bernauer Str. 1 bis 10" inzwischen "nicht mehr möglich" sei, eine "intensive Beobachtung der möglichen Ausgangspunkte von Tunnelobjekten – im West-Berliner Vorfeld – zu gewährleisten, da durch das eigene freie Vorfeld keine gedeckten Posten eingesetzt werden können."261 Den Aufklärern verblieben theoretisch lediglich zwei Möglichkeiten zur Ortung von auf einen Tunnelbau auf West-Berliner Seite hindeutenden Aktivitäten: Zum einen der Einsatz von West-Berliner Informanten, wie dem IM "Carlo Winter", der auf Anfrage aus Ost-Berlin Hinterhöfe in der Bernauer Straße nach verdächtigen Spuren absuchte. Zum zweiten die Beobachtung vom Turm der Versöhnungskirche aus. Zu diesem Zweck wurden bei Bedarf die regulären Grenzposten des hier operierenden Grenzregiments 33 zwischenzeitlich aus dem "Posten [...] ‚Kirche‘ herausgelöst und durch Posten der Sicherungskompanie" ersetzt.262 Zu den im Jahre 1967 auf dem Kirchturm eingesetzten Beobachtungsposten zählte unter anderem der Sicherungskompanieangehörige Dzikonski. Vom Turm aus sondierte er in seiner Funktion als Militäraufklärer das Geschehen auf der Westseite der Bernauer Straße.263

Die Hauptabteilung I des MfS veranlasste mit ihrer Sicherungskompanie noch ein weiteres, geradezu dubios anmutendes Unterfangen im Umfeld – konkret im Untergrund – der Versöhnungskirche: Den Bau eines Quer- bzw. "Gegentunnels" im eigenen Sperrgebiet. In der Konsequenz trieben nicht nur fluchtwillige Ost-Berliner und hilfsbereite West-Berliner unter dem Mauerstreifen ihre Stollen voran. Auch ostdeutsche Sicherheitskräfte gruben sich mit Parteiauftrag durch den Untergrund des Grenzstreifens rund um die Versöhnungskirche. Nach deren Vorstellungen sollte der Gegentunnel weitere spektakuläre Tunnelfluchten unter dem Grenzstreifen in der Bernauer Straße verhindern.264 Welche Rolle spielte in diesem Rahmen die Versöhnungskirche?

Im Mai 1965 rückten die leerstehende Versöhnungskirche und das benachbarte Pfarrhaus unerwartet in das Blickfeld der Sicherungskompanie der Abteilung Aufklärung B, Ref. III der Hauptabteilung I. Jene war auf der Suche nach einer geeigneten Tarnung, um den "verdeckten Auftrag", das Anlegen eines "Gegentunnels", ungestört und unbeobachtet ausführen zu können. Ausgelöst wurde der Auftrag durch die Hauptabteilung I, Abteilung Aufklärung des MfS im Frühjahr 1965. Mittels vorbeugender Maßnahmen versuchte die Hauptabteilung zu jenem Zeitpunkt, die besonders "diversionsgefährdeten" Abschnitte der Mauer sicherer zu gestalten.265

In seinem "Plan zur Anlegung eines Tunnelobjektes im Abschnitt Strelitzer Str. – Ackerstr." stellte der "Leiter der Abt[eilung] Aufklärung B", Major Werner Pytul, am 20. April 1965 dementsprechend fest, dass der Bereich rund um die Versöhnungskirche als ein solcher "Schwerpunkt anzusehen" sei. So hätte es in diesem Bereich in der Vergangenheit "bereits zwei benutzte Tunnelobjekte (Strelitzer Str.)" gegeben.266 Über beide unter den Grenzanlagen gegrabene Tunnel gelang mehreren Ost-Berlinern am 8. Januar 1964 und dann am 3. und 4. Oktober 1964 tatsächlich die Flucht in den Westen.267 Hinzu kam laut Pytul ein weiteres, jedoch nicht vollendetes "Tunnelobjekt, welches vermutlich von der Bernauer Str. 110 ausgeht und ca. 30 Meter in Richtung Hinterland (Kirche – Ackerstr.) verläuft."268 Als Ursache für diese Häufung sei, so der Leiter der Abteilung Aufklärung, das besonders günstige Bodenprofil in diesem Grenzabschnitt anzunehmen. So lag der Grundwasserspiegel im von der Strelitzer Straße aus zur Kirche hin abschüssig verlaufenden Terrain relativ niedrig: Erst in einer Tiefe von 10 bis 12 Meter musste hier mit Grundwasser gerechnet werden. Der ansonsten sandige Untergrund wurde zudem an einigen Stellen von einem Lehm-Mergel-Gemisch unterbrochen. In diesen Bereichen war es nicht zwingend notwendig, die Stollen komplett zu verschalen und nach oben hin durchgängig abzustützen. Die Abteilung Aufklärung meinte daher, auch künftig nicht die Gefahr von weiteren Tunnelgrabungen ausschließen zu können. Als Gegenmaßnahme hielt man die Anlage eines Gegentunnels, der parallel zur Mauer anzulegen sei, für ratsam. Jener sollte, mit Abhörtechnik ausgestattet, sich im Idealfall den von West nach Ost oder in umgekehrter Richtung grabenden Tunnelbauern "in den Weg legen". Zugleich hoffte man so, die an den Tunnelbauten Beteiligten auf "frischer Tat" überführen zu können und ihrer habhaft zu werden. Am 20. April 1965 informierte Pytul seinen Vorgesetzten, den Leiter der MfS-Hauptabteilung I von dem Plan: "Die gegenwärtige Situation" erfordere, so der Major, "mit dem Bau des eigenen Tunnelobjektes sofort zu beginnen, um einerseits dem zu erwartenden feindlichen Tunnelobjekt zuvorzukommen und andererseits die Initiative als wesentliche Voraussetzung zur Liquidierung des Gegners zu übernehmen."269 Zuvor hatte Pytul bereits den Stadtkommandanten von Berlin (Ost) in Karlshorst und zugleich Stellvertretenden Verteidigungsminister, Generalmajor Helmut Poppe, in Kenntnis gesetzt. Generalmajor Poppe schätzte, laut Bericht vom 20. April, "die Maßnahme als zweckmäßig ein."270

In der Nacht vom 23. zum 24. Mai 1965 rückte ein erstes handverlesenes Kommando der Sicherungskompanie der Abteilung Aufklärung B "in der Zeit von 23.00 Uhr bis 2.00 in die Klosterräume" ein. Mit dem Kloster war das ehemalige Burckhardthaus gemeint. Zeitgleich mit dem Kommando, dem sich namentlich Hauptmann Zirkel, Hauptmann Ramm sowie die MfS-Mitarbeiter Lorenz und Pirner zuordnen lassen, lagerte man "das erforderliche Baumaterial" in den Räumen des Burckhardthauses ein. Getarnt wurde die gesamte Aktion gegenüber den Grenztruppen, die aus Sicherheitsgründen nicht eingeweiht werden durften, unter "der Legende der Beobachtung des West-Berliner Vorfeldes."271 Aus denselben Gründen legte man fest: "Zur Absicherung dieser Handlungen werden in der gleichen Nacht von 22.00 Uhr bis 3.00 Uhr die Posten der NVA ‚Schornstein‘ und ‚Kirche‘ herausgelöst und durch Posten der Sicherungskompanie übernommen."272 Ferner ging man davon aus, dass in den "Kelleranlagen" des Burckhardthauses "für die Unterbringung des Abraumes ausreichend Platz" sei. "Um alle Bewegungen auszuschließen", sollte in zwei Gruppen gearbeitet werden, die sich "im Turnus von 24 Stunden jeweils um 22.00 Uhr" ablösten. An die Gruppen wurde zudem "zusätzlich Verpflegung entsprechend der Norm ausgegeben."273

Laut Aufrisszeichnung der Sicherungskompanie, die aus Gründen der Konspiration vom Tunnelinneren aus erfolgte und den Verlauf nach den Kompassmessergebnis unter der Erde entsprechend mit "gleich magnetisch Nord" wiedergibt, war man bis Anfang Dezember mit den Grabungen leidlich vorangekommen: Vom Keller des ehemaligen Burckhardthauses aus verlief der Stollen parallel zu (West)-Vorderlandmauer - "ca. in 8 m Tiefe" – leicht in nordwestlicher Richtung westlich am Turm der Kirche vorbei. Um nicht unter West-Berliner Gebiet zu gelangen, schwenkte der Stollen nach 35 Metern leicht nach Nordost ein und erreichte in der Verlängerung nochmals eine Länge von 8,60 Meter. Bis zur Strelitzer Straße, dem Zielpunkt des Stollenvortriebs, verblieben noch 120 Meter. 274

    

Dekonspiration des Gegentunnels

Doch unversehens war Anfang Dezember mit den konspirativen Erdarbeiten Schluss. Die Bauherren bekamen Angst, da ihr Unternehmen drohte, bekannt zu werden. In die Quere kamen dem Tunnelbauunternehmen zunächst die "Abrissarbeiten in der Bernauer Straße." In diesem Zusammenhang sollte auch das Pfarr- und Burckhardthaus für den Abriss präpariert werden. Dies schloss die Entfernung der Dachziegel, die Vermauerung der Eingänge und die Kappung von noch vorhandenen Versorgungsleitungen für die Sprengung mit ein. Allem Anschein nach hatten die beiden Einsatzgruppen der Sicherungskompanie zuvor ihr Baustofflager und ihre Bauunterkunft zwar von hier aus in die Versöhnungskirche verlegt. Am 6. Dezember traf jedoch die erste Meldung ein, die eine nicht auszuschließende Dekons­piration des Gegentunnels wahrscheinlich werden ließ.

Durch den Stabschef des 33. Regiments der Grenztruppen wurde bekannt, "dass Angehörige der Grenzsicherung im katholischen Kloster [d.h. Burckhardthaus, Ch.H.] Betten und andere Gegenstände gesehen haben, die darauf schließen lassen, dass Sicherungskräfte im Kloster einquartiert waren."275 Der in den Vorgang nicht eingeweihte Stabchef nahm seinerseits über "den Operativgruppenleiter des 33. Regimentes, Gen[osse] Oberleutnant Arnold, Kontakt zur Hauptabteilung I, Abteilung Aufklärung B, auf" und bat um eine Unterrichtung in der betreffenden Angelegenheit.

Ließ sich bis dahin der Kreis der Eingeweihten noch überschaubar halten, so führte eine weitere Meldung am 8. Dezember zur endgültigen Aufgabe des Unternehmens: Gegen 15 Uhr, so hatte man über eine "operative Quelle" erfahren, "erschien" beim Chef des Grenzregiments 33 "der Bauführer" eines der mit dem Abbruch beauftragten Betriebe und "teilte [...] mit, daß die Kollegen des Sprengkommandos [...] bei der Durchführung von Arbeiten am Portal II [des Pfarrhauses, Ch.H.] einen Raum gesehen hätten, in dem Betten" standen.276 Auf der Suche nach brauchbaren "Anschlüssen für die Stromversorgung" sei die Brigade zudem "auf ein Kabel gestoßen", das allem Anschein nach der Versorgung in den Kellerräumen der Kirche diene. Und, so teilte der Bauleiter abschließend mit: "Die Kollegen des Sprengkommandos sollen in diesem Zusammenhang auch den Keller betreten haben."277 Den mit den Räumarbeiten betrauten Bauarbeitern und – vor allem – ihrem Bauleiter schien schnell klar geworden zu sein, dass sie auf einen Vorgang gestoßen waren, der sie nicht zu interessieren hatte. Der berichterstattende Bauleiter "brachte" gegenüber dem Grenzregimentschef dementsprechend unverzüglich "zum Ausdruck, daß er das Sprengkommando belehrt" habe, "mit niemand [über] diese Angelegenheit zu sprechen." Zugleich sah er es "als seine Pflicht" an, den Grenzregimentschef umgehend von dem offensichtlichen Missgeschick seines Bautrupps "in Kenntnis zu setzen."278

Doch schien der bereits entstandene Schaden, der sich hieraus für das Gegentunnelprojekt ergab, nach Ansicht der Sicherungsgruppe kaum mehr reparabel: Diese schätze ihrerseits den Bauleiter in einem hierzu vorgelegten Bericht nicht als verschwiegen genug ein, um das Tunnelprojekt unerkannt weiterführen zu können. Der Bauleiter sei von seinem "Charakter" her, so der berichterstattende Major, "sehr kirchlich veranlagt". Hinzu kam, so seine Einschätzung, dass "West-Berliner" über den Bauleiter "oder andere Kollegen" aufgrund familiärer Kontakte "Kenntnis von den Vorgängen erhalten könnten" und möglicherweise die Presse im Westteil der Stadt informieren würden.279 Aufgrund der neuen Lage und angesichts des Umstandes, dass vermehrt mit dem Einsatz von Bautrupps an den Häusern der Bernauer Straße gerechnet werden musste, entschied man sich, das Gegentunnelprojekt einzustellen. Die Arbeiten hieran wurden auch in den folgenden Jahren nicht wieder aufgenommen.

Erst im Sommer 1979 rückte das mittlerweile fast vergessene Projekt wieder in das Bewusstsein des zuständigen Grenzkommandos. Probleme im betreffenden Abschnitt gab es nach Ansicht der Grenzsoldaten nach nunmehr vierzehn Jahren vor allem dadurch, "daß es in der Versöhnungskirche mehrere größere Erdeinbrüche gibt, deren Ursache zur Zeit noch nicht geklärt werden konnte."280     

Zwischen den einzelnen Diensteinheiten kam es am 7. August diesbezüglich zu einem Gespräch. Beteiligt war auch der damals am Stollenbau beteiligte "operative Mitarbeiter der HA I/GMN [Hauptabteilung I/Grenzmeldenetz] Gen[osse] Hptm. Zirkel", der "zu einigen Problemen des im Jahre 1965 erbauten Gegentunnel im Raum Versöhnungskirche-Bernauer Str[aße]" befragt wurde.281

    

259 Der Tagesspiegel, Berlin (West), 3.10.1962.
260 Gedenkstätte Berliner Mauer, Bildarchiv, Bild Nr. 414 (Aufnahme: Klaus Lehnartz).
261 BStU, MfS, HA I, Nr. 4312, p. 141f.
262 Ebd.
263 Ebd.
264 BStU, MfS, HA I, Nr. 4312, p. 138-150.
265 Ebd.
266 Ebd.
267 Maria Nooke: Der verratene Tunnel: Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin, Bremen 2002 sowie Dokumentation Ereignisorte: Gedenkstätte Berliner Mauer, Februar 2007.
268 BStU, MfS, HA I, Nr. 4307, p. 3-45.
269 BStU, MfS, HA I, Nr. 4312, p. 138f.
270 Ebd.
271 BStU, MfS, HA I, Nr. 4312, p. 141f.
272 Ebd., p. 141f.
273 Ebd., p. 142.
274 Ebd., p. 140-149.
275 Ebd.
276 Ebd.
277 Ebd.
278 Ebd.
279 Ebd., p. 143.
280 Ebd., p. 147f.
281 Ebd.