HEFT 02/2008 | Von Asozial bis Zwangsarbeit | SEITE 1

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

bis zu zwei Jahre Haft sah das DDR-Strafgesetzbuch für "asoziales Verhalten" vor. Genau definiert war der Tatbestand nicht, denn er sollte vielfältig einsetzbar sein. Unangepasste sollten diszipliniert werden, aber auch sozial Auffällige und eigentlich eher therapiebedürftige Menschen einfach weggesperrt werden können. Auch Ausreiseantragsteller konnten so kriminalisiert und manch Kleinkrimineller zusätzlich nach § 249 StGB zu einer "richtigen" Haftstrafe verurteilt werden.

Die Zuschreibung der Asozialität hat eine lange Tradition in Deutschland. Auch noch nach 1945 gab es, wie Sven Korzilius in seinem Beitrag über die Entwicklung des § 249 StGB in der DDR schreibt, hier eine gesamtdeutsche Kontinuität. Erst Ende der sechziger Jahre begann eine gegenläufige Entwicklung: Entkriminalisierung im Westen und Ausweitung der Verfolgung in der DDR.

Doch offenbar wirkt das Stigma nicht nur bei Betroffenen nach, sondern "Asozialität" ist auch heute noch ein Thema, dem Wissenschaftler und Publizisten eher ausweichen, wie wir bei unseren Recherchen feststellen mussten. Umso mehr hat es uns gefreut, dass sich mit Ingeborg Blaschke auch jemand unseren Fragen stellte, die sich seit 1969 in der Akademie für Staat und Recht in Potsdam-Babelsberg mit der sogenannten "kriminellen Asozialität" befasste.

In der Bevölkerung herrschte das Vorurteil, die "Assis" müssten doch erstmal"arbeiten lernen". Insofern basierte die Verurteilung zu Arbeitserziehung auf einem gewissen Konsens. Wie Häftlingsarbeit tatsächlich aussah berichtet Gabriele Stötzer aus ihrer Erfahrung in Hoheneck und Justus Vesting auf der Grundlage seiner Forschungen über die Häftlingsarbeit in Bitterfeld. Die besondere Dimension im Umgang mit Jugendlichen thematisiert Caroline Fricke.

Aber natürlich gibt es auch noch andere Themen in dieser Ausgabe. Am stärksten beschäftigten uns in letzter Zeit die Auseinandersetzungen um die konkrete Aufarbeitung der SED-Diktatur. Es sind Versuche ehemaliger inoffizieller und hauptamtlicher MfS-Mitarbeiter, Geschichte nur noch anonym oder – wie in Halle außerdem begehrt – mit anderen Inhalten oder gar nicht aufzuarbeiten. Steffen Reichert schildert in seinem Beitrag Hintergründe und Breite der Konflikte. Und Peter Grimm besuchte Sabine Popp, die nach der Denunziation eines IM, der gegenwärtig vor Gericht für seine Anonymität streitet, zweieinhalb Jahre im Gefängnis war.

Schließlich sei auf den Beitrag von Christian Halbrock hingewiesen, der die Hintergründe der Sprengung der Berliner Versöhnungskirche beleuchtet. Obschon sie im Mauerstreifen stand, konnte sie, da sie Eigentum einer Kirchengemeinde in West-Berlin war, nicht kurzerhand beschlagnahmt werden. Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre – empfehlen Sie uns doch weiter,

Die Redaktion

Inhaltsverzeichnis Heft 60