HEFT 03/2008 | Jacke wie Hose | SEITE 2

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

in der DDR waren Kleidungsstil und Habitus oft ungeheuer politisch. Jede Kleidung einer neuen Jugendkultur hatte große Chancen, von der SED-Führung als zu westlich und negativ-dekadent interpretiert und damit als Protest gegen das Regime verstanden zu werden. Und weil jeder, der solche Sachen trug, als Gegner behandelt wurde, entwickelten sich Kleidung und Frisuren noch viel stärker als anderswo zu einer Form des Protests, der Demonstration einer Haltung und der individuellen Abgrenzung zum Anspruch der Herrschenden, Gefolgschaft zu erzwingen. Mit ihrer Skepsis gegenüber auffälligen Kleidungsstilen blieb sich die SED bis zum Ende der DDR treu – nur die abgelehnten Gruppen wechselten. Als man mit langen Haaren, Jeans und Parka keinen Repressalien mehr ausgesetzt war, waren es beispielsweise die Punks, die wegen ihres Aussehens Probleme in der Schule oder am Ausbildungsplatz bekamen und Ziel polizeilicher Schikanen wurden.

Und Aufnäher mit einer Aussage waren natürlich niemals einfach nur ein Accessoire. Anfang der achtziger Jahre wachten Volkspolizisten und Lehrer darüber, dass ihnen niemand mit dem "Schwerter zu Pflugscharen"-Aufnäher entging. Mancher, dem er dann zwangsweise abgetrennt wurde, machte nun wenigstens die Leerstelle deutlich kenntlich. Doch auch die zunächst unpolitisch erscheinende Mode entfaltete in der SED-Diktatur – die alle Lebensbereiche bestimmen wollte – ein sehr eigenes und spannendes Spiegelbild der Verhältnisse.

Wir hoffen, dass sich durch die Forschungsansätze unserer Autoren viele interessante und bisher eher unbekannte Blicke und Perspektiven auf den SED-Staat öffnen.

In der Rubrik Themen finden Sie eine tragisch-spannende "Spionage"-­Geschichte, die in einer der kommenden Ausgaben fortgesetzt werden soll. Durch den Realitätsverlust profilierungssüchtiger Stasi-Offiziere wurden 1971 in Bad Salzungen 12 unbescholtene Bürger als "ASA" inhaftiert. Die juristische Sühne scheiterte in den neunziger Jahren.

An dieser Stelle bitten wir um Entschuldigung für einen Fehler in der letzten Ausgabe. Versehentlich haben wir ein Foto des Zeithistorischen Forums Leipzig mit falscher Quellenangabe veröffentlicht. Das Foto auf Seite 8 von Heft 60 wurde von Punctum/Bertram Kober im Auftrag des Zeitgeschichtlichen Forums angefertigt.

Bei historischen Aufnahmen kann es trotz intensiver Recherche sein, dass wir den tatsächlichen Fotografen nicht ermitteln konnten. Bei möglichen urheberrechtlichen Ansprüchen wenden Sie sich bitte an die Redaktion.

Doch nun wünschen wir Ihnen vor allem eine interessante Lektüre.

Die Redaktion

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