HEFT 04/2008 | Editorial | SEITE 1

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

dass in den nächsten beiden Jahren einige runde Jahrestage begangen und medial begleitet werden, ist für uns ein geeigneter Anlass für einen ganz eigenen Blick auf die vergangene Jubiläumskultur. Denn schließlich waren Gedenktage in der kommunistischen Diktatur wichtige Daten für Machtdemonstrationen, Unterwerfungsrituale, aber auch für Proteste. Andere Jahrestage waren wiederum äußerst heikel, weil sie für Ereignisse standen, an die nicht erinnert werden sollte, auf deren Verschwinden aus dem öffentlichen Bewusstsein das Regime eigentlich hoffte. Der Umgang der Machthaber mit Jubiläen, ihre Versuche, die eigene Herrschaft sowohl durch von der Propaganda gezogene Traditionslinien zu legitimieren, als auch die Reaktionen aus der Gesellschaft bieten interessante Blicke auf die kommunistische Diktatur. Auch konnten sich die Bedeutung von Jahrestagen und die Art ihrer Verwendung ändern. Manch ein Jubiläum schaffte sogar den Weg vom Verschweigen bis zur offiziellen Würdigung und wieder zurück zum Vergessen.
Gerade bei diesem Thema ist der vergleichende Blick nach Polen und in die damalige Tschechoslowakei spannend.

In der Rubrik Lebensläufe möchten wir an dieser Stelle besonders auf den Artikel über die heimliche Verabreichung von Psychopharmaka in der Stasi-
Untersuchungshaft hinweisen. Er bezieht sich auf einen Fall, in dem ein derartiges Vorgehen durch die Akten belegt werden kann.

Ebenso lesenswert und eine Kostbarkeit ganz eigener Art ist der direkte Vergleich zwischen den jeweiligen Berichten der Stasi und der rumänischen Securitate über dieselben Ereignisse und Gespräche.

Doch wir möchten noch einmal ganz anders zum Themenbereich Jubiläen zurückkommen. HORCH UND GUCK begeht mit diesem Heft schließlich auch selbst einen kleinen Jahrestag. Vor einem Jahr erschien die erste Ausgabe im neuen Layout. Im Rückblick auf dieses Jahr freut uns vor allem, dass wir neue Leser gewinnen konnten, dass die Abonnenten- und Verkaufszahlen steigen. Dafür bedanken wir uns bei Ihnen.

Leider müssen wir an dieser Stelle für einen Fehler in der letzten Ausgabe um Entschuldigung bitten: Im Artikel "Zwei WM-Helden und die Stasi" von Hanns Leske (S. 64) haben wir einen Druckfehler nicht bemerkt. Selbstverständlich heißt der erwähnte frühere holländische Nationalspieler Johan Neeskens
und dem Autor ist der Fehler weder unterlaufen noch entgangen.

Die Feier der Jahrestage von Christi Geburt verloren selbst in der DDR trotz offizieller Umbenennung des Weihnachtsengels in Jahresendflügelpuppe nicht an Popularität. So wünschen auch wir Ihnen an dieser Stelle – neben einer interessanten Lektüre – vor allem auch frohe Weihnachten.

Die Redaktion



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