HEFT 02/2011 | Editorial | SEITE 1

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

kaum ein Thema emotionalisiert die politischen Debatten so sehr wie die Auseinandersetzungen um das Bildungssystem. Die Liste der kritisierten Zustände ist so groß wie die Zahl der Kritiker. Und auf der Suche nach Auswegen aus der Bildungsmisere schielen nicht wenige auf das DDR-Bildungssystem, von dem man seinerzeit im Westen zwar wenig wusste, das aber trotzdem in vielen gesellschaftlichen Gruppen einen bis heute nahezu ungebrochen guten Ruf genießt. Dass die Einheitsschule, die uns Erziehungswissenschaftler heute aufgrund von Forschungsergebnissen zusammen mit modernen Unterrichtskonzepten empfehlen, nichts mit der autoritär-hierarchisch organisierten DDR-Einheitsschule sowjetpädagogischer Prägung zu tun hat, gerät viel zu oft aus dem Blickwinkel.

In unserem Schwerpunktthema „Sozialistisch lernen“ laden wir Sie ein, einen Blick auf die gelebte Wirklichkeit des DDR-Bildungssystems zu werfen. Dabei geht es keineswegs nur um die gewalttätigen Erziehungsmethoden in Arbeitserziehungslagern und Jugendwerkhöfen. Die Zerstörung des Individuellen und die Unterordnung des Einzelnen unter das Kollektiv, selbstverständlich geführt von der SED, war Alltagsprogramm an den Bildungseinrichtungen der DDR. Persönliche Ausbildungs- und Karrierewünsche hatten sich dem in planwirtschaftlichen Entwürfen festgelegten Arbeitskräftebedarf in den jeweiligen Berufen zu unterwerfen. Zur Umsetzung entstand ein kompliziertes System der staatlichen Lenkung von Berufsausbildungen und Studienplätzen.

Gleiche Aufstiegschancen „unabhängig von sozialer oder weltanschaulicher“ Position waren ein DDR-Propagandamärchen. Der Zugang zu höherer Bildung war immer geknüpft an das politische Bekenntnis zum SED-Staat. Ohne Zugehörigkeit zur FDJ war ein Studium kaum möglich. Pfarrerskinder und Kinder aus „bürgerlichen“ Familien wurden bereits beim Zugang zum Abitur massiv benachteiligt.

Neben dem Hauptthema gibt es wieder eine Fülle lesenswerter Beiträge. So berichtet Martin Großheim über Verstimmungen zwischen der SED und der vietnamesischen KP in den sechziger Jahren. Die Vietnamesen fürchteten „um die Reinheit der vietnamesischen Lebensform“ und dass ihre in die DDR entsandten Studenten von der „verbürgerlichten“ Lebensweise in der DDR angesteckt werden könnten. Kino, Biertrinken und Küssen auf der Straße untergruben demnach die revolutionäre Moral. Es war also doch nicht alles schlecht am DDR-Sozialismus? Auf jeden Fall hätte es noch schlimmer kommen können.

Wir wünschen Ihnen eine interessante und hier und da auch erheiternde Lektüre.

Die Redaktion

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Inhaltsverzeichnis Heft 72 (mit Titelseite und Editorial als pdf)