HEFT 03/2011 | Editorial

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

hartnäckig hält sich bis heute die Meinung, die DDR hätte es zwar mit den Menschenrechten nicht so genau genommen, wäre andererseits aber ein fürsorglicher Sozialstaat gewesen. Als Beleg dafür werden Stichworte wie niedrige Mieten, billige Grundnahrungsmittel, sichere Arbeitsplätze und die staatliche Kinderbetreuung angeführt.
Die Erinnerungen an die vielen Wohnungen ohne Bad und mit Außentoilette, Behausungen in verfallenen, feuchten und kaum beheizbaren Häusern verblassen dagegen mehr und mehr. Ebenso die eklatanten Versorgungsmängel, die heruntergekommene Infrastruktur, in der schon ein Telefonanschluss fast ein Privileg war.

Nicht einmal die notorischen DDR-Nostalgiker bestreiten, dass die DDR im Vergleich zur Bundesrepublik eher ärmlich aussah. Diesen Umstand deuteten findige SED-Propagandisten gern in eine Tugend um. Sie zeichneten das Bild einer DDR, die unter Mühen die bessere Gesellschaft aufbaut. Auch wenn der Sozialismus nicht so bunt glitzert, so werde aber jeder erarbeitete Groschen zum Wohle des Volkes verwandt. Die Bundesrepublik hingegen blende mit vermeintlichem Wohlstand, doch es herrsche soziale Kälte, Arbeitslosigkeit und Armut, weil der Reichtum so ungleich verteilt sei. Und in diesem Gegensatz hören sich die Geschichten aus dem sozialen Märchenland so schön an, dass man sie gern glauben möchte.

In unserem Schwerpunktthema „Armut in der DDR“ gehen wir dieser Legende vom Sozialstaat DDR auf den Grund. Auch der Mangel wurde nicht gerecht verwaltet, sondern es ging der SED-Sozialpolitik vor allem um die Menschen, die als Arbeitskräfte wichtig und nützlich waren. Rentner, Kranke und Behinderte wurden hingegen oft mit geringsten Zuwendungen abgespeist.
Und noch eines fällt auf: Sozial privilegiert sind die Stützen des SED-Staates - Parteifunktionäre und Angehörige der Sicherheitsorgane. Die Angst vor dem eigenen Volk verschlingt immer mehr Ressourcen und zeigt die Prioritäten in der Sozialpolitik: Während es in der Behindertenbetreuung an allen Ecken und Enden fehlt, entblödet man sich nicht, eine Rollstuhlfahrer-WG jahrelang mit großem Aufwand von der Stasi überwachen zu lassen.

Neben dem Hauptthema gibt es wieder eine Fülle lesenswerter Beiträge. Gisela Rüdiger berichtet vom Stand der DDR-Aufarbeitung im Land Brandenburg und Christian Booß zeichnet die problematische  Einstellungspraxis bei der Brandenburger Polizei nach, in der viele belastete Altkader unterkamen.

Wir wünschen Ihnen eine interessante und hier und da auch erheiternde Lektüre.

Die Redaktion

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