HEFT 74 | 04/2011 | Editorial | SEITE 1

Liebe Leserinnen und Leser,

der Antifaschismus gehörte zu den sorgsam gepflegten Dogmen der SED-Ideologie und wurde bis zum Ende der DDR massiv propagandistisch instrumentalisiert. Kaum eine andere Partei im Nachkriegsdeutschland hat aggressiver und lauter ihre politischen Gegner des „Faschismus“ bezichtigt und für sich selbst die moralisch überlegene Position des Antifaschismus reklamiert. Die krude Logik, nach der die Kommunisten die besten Antifaschisten seien und daher jeder Antikommunist eigentlich Faschist, wurde allerdings in einem Maße strapaziert, dass es selbst für die Wohlmeinenden nicht mehr glaubhaft war. Kaum ein Zeitgenosse konnte die Umdeutung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 zum „faschistischen Putschversuch“ nachvollziehen. Geradezu abstrus mutet auch die Rechtfertigung der Mauer als „antifaschistischer Schutzwall“ an.

So viele antifaschistische Demonstrationen, Gedenkfeiern, Propagandarummel, antifaschistische Gelöbnisse und Bekenntnisse von Parteigliederungen über Betriebskollektive bis hinunter zu den Grundschülern – all das impliziert ganz selbstverständlich, die SED habe den größtmöglichen Abstand zu allen ins nationalsozialistische System verstrickten Akteuren gehalten. Umso überraschender muss da die Einsicht wirken, dass die Wirklichkeit oft ganz anders aussah.

Anfang der achtziger Jahre hatte der Soziologe Olaf Kappelt in mühevoller Kleinarbeit die nationalsozialistische Vergangenheit von 876 Funktionsträgern der DDR recherchiert. Noch im letzten Zentralkomitee der SED 1989 waren mit 14 ehemaligen NSDAP-Mitgliedern mehr ehemalige Nazis als Sozialdemokraten vertreten. Die Historikerin Sandra Meenzen untersuchte 2010 die Vergangenheit lokaler SED-Chefs und ihrer Stellvertreter in Thüringen. Ergebnis: In der Periode von 1952 bis 1961 kamen fast doppelt so viele ehemalige NSDAP-Mitglieder wie ehemalige Antifaschisten in diese Positionen. 1962 bis 1971 kamen auf einen neuernannten lokalen SED-Chef mit antifaschistischer Biografie fast 9 Kollegen mit brauner Vergangenheit.

In unserem Schwerpunktthema verfolgen wir die Spuren des Umgangs der SED mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Dabei geht es um eine breite Palette von Themen – angefangen bei historischen Betrachtungen zum Totalitarismus über die Rolle der Stasi bei der Aufklärung von NS-Verbrechen bis hin zur langjährigen Feindschaft der DDR zum Staat Israel.

Neben dem Schwerpunktthema gibt es wieder eine Reihe lesenswerter Beiträge. Hanns Leske erzählt, wie lokale Stasifunktionäre versuchten, einen Fußballklub vor dem Abstieg aus der DDR-Oberliga zu retten, und Christian Booß stellt anlässlich des 20. Jahrestages des Stasi-Unterlagen-Gesetzes die provokante Frage: „Haben wir die Falschen ‚gejagt‘?“

Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre
Die Redaktion

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