Heft 02/2010 | Lebensläufe | Seite 54 - 57

Gerold Hildebrand, Doris Liebermann

Die Courage der Solidarność

Anna Walentynowicz – Dasein für Recht und Gerechtigkeit

Am 7. August 1980 wurde in Gdańsk (Danzig) die Kranführerin Anna Walentynowicz aus politischen Gründen fristlos entlassen. Es ist die folgenreichste Kündigung im ganzen Ostblock. Ohne die couragierte Anna Walentynowicz und die mutige Solidarität ihrer Kollegen wäre es ab dem 14. August 1980 nicht zum entscheidenden Streik auf der Lenin-Werft gekommen, der rasch das ganze Land erfasste. Die streikenden Polen erstritten erstmals unter kommunistischer Herrschaft Legalität für eine organisierte Opposition. Diese Periode währte vom 31. August 1980, an dem die Unabhängige Selbstverwaltete Gewerkschaft "Solidarität" (NSZZ Solidarność) durch das Danziger Abkommen von der Regierung anerkannt werden musste, bis zum 13. Dezember 1981, an dem General Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht ausrief. Fürderhin blieb Oppositionellen in Osteuropa wiederum nur die Illegalität – bis zur Liberalisierung Ende 1988 in Ungarn, dem Runden Tisch in Polen 1989 und den folgenden friedlichen Revolutionen.

Verwaist, verprügelt und vertrieben

Anna Walentynowicz wird am 15. August 1929 als Anna Lubczyk in Równe (Wol­hynien) geboren, das seit 1921 wieder zu Polen gehörte. Eigentlich möchte ihr Vater, den sie als sehr liebevoll in Erinnerung hat, mit der Familie nach Argentinien auswandern, denn sein Lohn als Gärtner ist karg. Gleich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, als gemäß Hitler-Stalin-Pakt die Rote Armee am 17. September 1939 in Ostpolen einmarschiert, kommen Annas Eltern ums Leben. Ihr erwachsener Bruder wird mit anderen jungen Männern in die Sowjetunion, vermutlich nach Sibirien, deportiert. Nachbarn nehmen die zehn­jährige Waise zwar auf, lassen sie aber hart als Magd arbeiten. Sie kommt sich vor wie eine Sklavin. Nach der vierten Klasse muss sie die Schule verlassen und dafür von frühmorgens bis in die Nacht schuften. Sie ist immer hungrig und wird oft wegen Kleinigkeiten geschlagen.1

Als Stalin 1945 Wolhynien annektiert und in die Ukrainische Sowjetrepublik eingliedert, werden die Polen, die gerade die nationalsozialistische deutsche Besatzung seit Sommer 1941 überstanden hatten, aus ihrer Heimat vertrieben. Anna kommt mit der Bauernfamilie nach Danzig. Wenige Jahre später verdient sie ihr erstes Geld als Kindermädchen und ein paar Monate lang auch als Packerin in einer Margarine­fabrik.2

Arbeitsam, alleinerziehend und anteilnehmend

1950 beginnt sie auf der Danziger Werft als Hilfsarbeiterin und arbeitet bald als Schweiße­rin. Wegen des fehlenden Arbeitsschutzes im Inneren der Schiffe erkrankt sie an einer Staublunge und wird auf ärztlichen Rat hin ab 1966 Kranführerin. Ihrem katholischen Ethos gemäß will sie Gutes tun. Deshalb arbeitet sie gewissenhaft, "damit die Schiffe nicht untergehen" – und wird prompt als Vorzeigearbeiterin ausgezeichnet. Weil sie sich aber darüber beschwert, dass Frauen bei Planübererfüllung schlechter bezahlt werden als Männer, wird sie 1953 verhaftet und acht Stunden lang verhört.

Da ist ihr Sohn Janusz schon ein Jahr alt. Den Kindesvater verlässt sie wegen dessen Untreue und zieht das Kind allein auf, bis sie 1964 Kazimierz Walentynowicz heiratet, der im Oktober 1971 an Krebs sterben wird.

1968 sollte sie schon einmal gefeuert werden, weil sie einen Parteifunktionär kritisierte, der Hilfsfondsgelder in der Lotte­rie verspielt hatte. Doch ihre Kollegen sammeln 65 Unterschriften, so wird sie nur strafversetzt.

Weil die sozialistischen Machthaber die staatlich festgelegten Preise erhöhen, kommt es vom 14. bis zum 22. Dezember 1970 in Danzig, Gdingen, Elbing und Stettin zu Arbeitsniederlegungen und entschiedenen, teils gewaltsamen Protesten. Milizen unter dem Kommando von General Grzegorz Korczyński erschießen 49 Demonstranten, mehr als 1 100 werden verletzt. Anna Walentynowicz hatte in der Streikleitung mitgearbeitet und darf künftig nur noch begrenzte Bereiche der Werft betreten, der Kontakt zu anderen Arbeitern wird ihr verboten.

Dennoch fordert sie Hinterbliebenen­renten für die Familien der Opfer des Aufstands, wie auch für die Witwen der bei Arbeitsunfällen Verunglückten. Immer wieder führt sie Beschwerde über die Arbeitsbedingungen – wenn zum Beispiel Sandstrahlarbeiten ohne Schutzmaske ausgeführt werden müssen – oder sie setzt sich dafür ein, dass warmes Essen angeboten wird und Werkhallen beheizt werden. Die Hälfte ihres mageren Lohns spendet sie für Kollegen, die wegen ihrer Beteiligung am Streik entlassen wurden.

Zivilcourage zeigt sie ebenso, wenn sie an jedem 14. Dezember zum Jahrestag der blutigen Niederschlagung des Danziger Aufstands Blumen an der Werftmauer nieder­legt, obwohl ihr mehrfach angedroht wird, ihr das Sorgerecht zu entziehen.

Einen Tag vor dem 1. Mai 1978 – dem "Kampftag der Arbeiterklasse" – gründet sie mit Andrzej Gwiazda die illegale Freie Küstengewerkschaft (WZZW). Als Redakteurin unterstützt sie die Samisdat­zeitschrift Robotnik Wybrzeża (Der Küstenarbeiter), in der ihre Adresse für Kontakte angegeben ist. Die kritische Schrift drückt sie ganz offen auch Vorgesetzten und Parteifunktio­nären in die Hand. Der Staatssicherheitsdienst, Służba Bezpieczeństwa (SB), legt nun eine Vorgangs-Akte mit dem Decknamen "Emerytka" (Rentnerin) gegen sie an.

Strajk!

Im Sommer 1980 wird sie erneut strafversetzt und ständig zu "Aussprachen" zitiert. Immer wieder muss sie Leibesvisitationen erdulden, weil bei ihr stets Flugblätter vermutet werden. Anna Walentynowicz erinnert sich: "Beim Industriewachdienst wurde ich aufgehalten, danach schrieben sie, dass ich mich verspätet hätte. Die Repressionen waren eine Lehre für die anderen, damit sich niemand etwas Ähnliches trauen sollte."3 Zunächst wähnt sie sich allein gelassen, denn selbst die Brigade und ihr Vorarbeiter sind gegen sie. "Die ganze Organisation der Werft gegen eine Person!" Sie gewinnt zwar ihren Arbeitsprozess, aber die Werftleitung entlässt sie nach Abschluss des Gerichtsverfahrens dennoch.

Jetzt verbreiten drei Aktivisten von der Freien Küstengewerkschaft ein Flugblatt: "Anna Walentynowicz wurde unbequem, weil sie andere verteidigte und die Kollegen organisieren konnte. Die Mächtigen möchten diejenigen isolieren, die leitende Persönlichkeiten werden könnten. Wenn wir nicht imstande sind, uns dem entgegenzustellen, wird es niemanden geben, der gegen die Arbeitsnorm eintritt, oder gegen die Übertretung der arbeitsrechtlichen Vorschriften, oder dagegen, dass Überstunden erzwungen werden."4

Ein Wort macht die Runde: Strajk! (Streik!). Am 14. August treten rund 17 000 Werftarbeiter in den Ausstand. Ihre erste Bedingung für die Aufnahme von Gesprächen mit der Werftleitung überhaupt ist: Anna Walentynowicz soll bei den Verhandlungen dabei sein und wieder eingestellt werden. Sie wird mit einem Dienstwagen zur Werft gebracht. Tags darauf, es ist ihr 51. Geburtstag, annulliert Werft­direktor Klemens Gniech schriftlich die Kündigung.

Doch die Wiedereinstellung der Ausgesperrten wie auch des vier Jahre zuvor geschassten Lech Wałęsa ist nur eine der Forderungen der Streikenden. Am 1. Juli 1980 waren die Lebensmittelpreise wieder einmal erhöht worden. Daraufhin hatten schon Mitte Juli lokale Streiks im Raum Lublin begonnen. Die Danziger fordern Lohnerhöhungen um 1 000 Zloty, eine Teuerungszulage sowie die Errichtung eines Denkmals für die während der Revolte im Dezember 1970 getöteten Werftarbeiter.

Innerhalb weniger Stunden wird auch in anderen Ostseestädten gestreikt. Die kommunistischen Machthaber in Warschau lassen die Telefonleitungen zur Küsten­region kappen und zeigen Polizeipräsenz. Im Innenministerium wird ein Stab ein­gerichtet, der mit der Operation "Sommer 80” den Aufruhr in den Griff bekommen soll. Noch lehnt die Regierung Verhandlungen strikt ab. Der Streik weitet sich aus.

Die Danziger Werftleitung verspricht am 16. August, auf einzelne Forderungen einzugehen, lehnt ein Denkmal aber ab. Lech Wałęsa erklärt am Nachmittag den Streik für beendet. Die meisten Arbeiter verlassen die Werft. Doch ein harter Kern bleibt zurück, auch Walentynowicz. Sie hält mit drei anderen Frauen abziehende Werftarbeiter auf. Delegierte kleinerer Betriebe bitten um Unterstützung, damit auch ihre Forderungen positiv beschieden werden. Jetzt geht es nicht mehr allein um die Lenin-Werft. In der Nacht zum Sonntag beschließen die Verbliebenen, die Werft zu besetzen und so lange zu streiken bis verbriefte Zugeständnisse erreicht sind. An den Werfttoren versammeln sich Sympathisanten zu einer Heiligen Messe, die Priester Henryk Jankowski hält.

Das ist die Geburt des sich bald mit anderen Regionen vernetzenden Betriebsübergreifenden Streikkomitees (MKS), dem sich innerhalb von zehn Tagen über 500 Betriebe anschließen. Nun ist die wesentlichste der 21 Forderungen die nach Streikrecht und Zulassung einer von der kommunistischen Partei unabhängigen Gewerkschaft. Dabei berufen sie sich auf die Konvention Nr. 87 der Internationalen Arbeitsorganisation, welche auch von der Volksrepublik Polen ratifiziert worden war. Zudem werden die Freilassung politischer Häftlinge, die Abschaffung der Zensur und demokratische Bürgerrechte eingefordert. So offen und deutlich hatten das im ganzen Ostblock seit 1968 nur wenige margina­lisierte Dissidenten postuliert. Als das MKS am letzten Augusttag den Durchbruch erzielt, vertritt es schon 750 Betriebe in allen Landesteilen.

Solidarność!

Solidarność wird nach längerem Tau­ziehen im November 1980 als unabhängige Gewerkschaft juristisch anerkannt. Mit Staat und Politik will Anna Walentynowicz eigentlich gar nichts zu tun haben. Außerdem traut sie Wałęsa nicht.

Weshalb war er in den Siebzigern so schnell aus der Haft freigelassen worden? Hat er Geheim­absprachen mit den Kommunisten getroffen? Schickte ihn gar der SB, um den Streik zu beenden?5 Wegen des autoritären Führungsstils Wałęsas nehmen die Konflikte innerhalb der Gewerkschaft zu. Walentynowicz wird später auch sagen: "Ich gab die Führung an Lech ab, denn in Polen war die Zeit nicht reif dafür, dass eine Frau solch einer Bewegung vorsteht."

Sie gehört zu denen, die kompromisslos die erkämpften Rechte durchsetzen wollen – und an den Rand gedrängt werden. Zum 1. Landeskongress im September 1981 wird sie nicht delegiert.

Dies ist auch den Zersetzungs­maßnahmen des SB zuzuschreiben. Die Geheimpolizei versucht zudem, sie 1981 in Radom mit Furosemid zu vergiften, einem stark entwässernden Arzneimittel, das in hoher Dosierung zum Koma führt und nicht nachweisbar ist. Nur weil sie zufällig ihren Reiseplan ändert, entgeht sie diesem Anschlag.6

Unter Kriegsrecht

Als Jaruzelski den Kriegszustand verhängt, organisiert Anna Walentynowicz sofort einen Streik, der von ZOMO-Milizen gewaltsam beendet wird. Fünf Tage später wird sie zunächst in Bydgoszcz-Fordon (Bromberg) und vom 9. Januar bis zum 25. Juli 1982 mit 400 Frauen in Gołdap (Goldap) interniert. Nach ihrer Haftentlassung aufgrund einer Amnestie für Frauen will sie wieder auf der Werft arbeiten, verliert aber im Dezember 1982 endgültig ihre Arbeit, weil sie Protestbriefe verfasst, westlichen Journalisten Interviews gegeben und an oppositionellen Treffen in Kirchen teilgenommen hat. Da sitzt sie aber seit 30. August schon wieder in Haft.

In Grudziądz (Graudenz) wird sie Ende März 1983 für die Organisierung des Streiks nach Verhängung des Kriegsrechts zu einem Jahr und drei Monaten Haft auf Bewährung sowie 16 000 Złoty Geldstrafe verurteilt. Im Dezember wird sie schon wieder festgenommen als sie am Schacht Wujek in Kattowitz eine Gedenktafel anbringen will – für die neun Bergmänner, die am 16. Dezember 1981 von der ZOMO ermordet worden waren, weil sie aus Protest gegen das Kriegsrecht die oberschlesische Mine drei Tage lang besetzt hielten.

Annas Gesundheitszustand verschlechtert sich so sehr, dass sie vier Monate später aus dem Gefängnis Lubiniec (Lublinitz in Oberschlesien) entlassen werden muss und ins Haftkrankenhaus Warschau überstellt wird. Bis zur Amnestie 1984 waren mehr als 10 000 Solidarność-Aktivisten interniert, darunter auch ihr Sohn Janusz.

Anna Walentynowicz darf ihre Arbeit in der Lenin-Werft nicht wieder aufnehmen, sie erhält keine Rente und hat ihren ganzen Besitz verloren, denn ihre Wohnung wurde bei einer Haussuchung leergeräumt, während sie im Gefängnis saß. In der Folgezeit wird sie noch mehrfach für jeweils 48 Stunden – die gesetzlich vorgegebene Frist – festgenommen. Doch sie kämpft trotz aller Schikanen unermüdlich weiter.

Häufig hatte sie an den "Messen für das Vaterland" des beliebten Paters Jerzy Popiełuszko teilgenommen. Als dieser im Oktober 1984 von der Geheimpolizei ermordet wird, organisiert sie von Februar bis August 1985 in der Kirche Krakau-Bieżanów einen rotierenden Protest-Hunger­streik, mit dem erreicht werden soll, dass politische Gefangene freigelassen und der Kriegszustand beendet wird. 371 Personen aus 62 Orten nehmen teil. In dieser Zeit sympathisiert sie mit der im Untergrund wirkenden Solidarność Walcząca (Kämpfende Solidarität). Im April 1988 organisiert sie in Danzig den ersten Kongress "Sorge um das Vaterland". Dass Lech Wałęsa und andere Oppositionelle dann Ende 1988 einen Runden Tisch mit den Kommunisten vereinbaren, lehnt sie ab – sie will sich nicht wieder über den Tisch ziehen lassen.

War sie zunächst das Herz der keimen­den Freiheitsbewegung, weil sie sich unerschrocken für die Nöte der Entrechteten einsetzte, so wurde sie zur Seele der Solidarność, die andere inspirierte. Nach der Entmachtung der Kommunisten wird sie zum Gewissen der Solidarność, die längst nicht mehr die alte Basisbewegung ist.

Nach dem Machtwechsel

Die nun aus der Solidarność entstandene Wahlpartei unter Wałęsa lehnt sie rigoros ab und kandidiert, wenn auch erfolglos, bei den Sejm-Wahlen 1993 für die Offene Unabhängige Kampagne Poza układem (Ohne Connections). Die Liste, die weniger als ein Promille der Stimmen erreicht, tritt für einen klaren Antikommunismus und eine bessere Sozialpolitik ein. Joanna und Andrzej Gwiazda geben eine gleichnamige Zeitschrift heraus, an der Anna Walentynowicz von 1989 bis 1997 ebenfalls mitwirkt. Bis 1991 hat sie noch auf der Werft gearbeitet und bewohnt weiterhin ihre kleine Zweizimmer-Wohnung im fünften Stock der ulica Grunwaldska 49/9, während ehemalige Gefährten Karriere machen und in Villen ziehen. Ihr Engagement gegen die Macht des Geldes und Abtreibungen führt sie in die Brigitten-Kirche, in der Henryk Jankowski predigt. Der "Kaplan der Solidarność" ist seit 1990 Prälat und Ehren-Kaplan des Papstes in Danzig. Nach umstrittenen Äußerungen soll er 2004 sein Amt verlieren. Trotz seiner antisemitischen Predigten stellt sich Walentynowicz auf seine Seite.7

Die Stadt Danzig ernennt Anna Walentynowicz im Jahr 2000 zur Ehrenbürgerin. Doch sie will nicht mit Adolf Hitler, Sowjet-Marschall Konstantin Rokossowski, der 1944 den Warschauer Aufstand nicht unterstützt hatte und ab 1949 als Verteidigungsminister in Polen die Armee stalinistisch säuberte, dem kommunistischen Staatspräsidenten Bolesław Bierut und "dem SB-Mann Florian Wiśniewski" in einem Atemzug genannt werden.8 Weil sie mit der Regierungspolitik auch nach dem Systemwechsel nicht einverstanden ist, lehnt Walentynowicz Ehrungen immer wieder ab und verzichtet auf eine Ehrenpension, die ihr der polnische Ministerpräsident Marek Belka 2003 anbietet. Bedingt durch ihre schwierige finanzielle Situation fordert sie jedoch 120 000 Złoty Entschädigung für die Verfolgung in den achtziger Jahren. Am 22. Februar 2005 werden ihr 70 000 Złoty zuerkannt.9

Am 25. Jubiläum der Gründung der Solidarność nimmt sie ebenfalls nicht teil und kritisiert, dass Wałęsa ausgerechnet den damaligen postkommunistischen Präsi­denten Aleksander Kwaśniewski, dem sie Korruption vorwirft, auch noch zur privaten Feier eingeladen hat. "Sie repräsentiert nach dem Ende des Kommunismus gewissermaßen den Gegen-Wałęsa. Sie verstand sich als Repräsentantin des antikommunistischen Widerstands von unten, eines Widerstands, der nicht auf Privilegien aus war und bei nichts und niemandem anzudocken gedachte", so charakterisiert Richard Wagner treffend ihre letzten beiden Lebensjahrzehnte.10

Für Recht und Gerechtigkeit

Der Präsident der Stftung zum Gedenken an die Opfer des Kommunismus George W. Bush verleiht Anna Walentynowicz– am denkwürdigen 14. Dezember – 2005 die Truman-Reagan-Freiheitsmedaille. Und ein halbes Jahr später lässt sie sich von Staatspräsident Lech Kaczyński gemeinsam mit dem Ehepaar Gwiazda mit dem Orden vom Weißen Adler auszeichnen, der höchsten Ehrung der Republik Polen. Die Kaczyńskis hat sie im Wahlkampf unterstützt, weil sie versprachen, entschieden gegen korrupte kommunistische Seilschaften vorzu­gehen. Deren katholisch-patriotische Partei trägt im Namen den Lebensinhalt von Anna Walentynowicz vor sich her: Prawo i Sprawiedliwość (Recht und Gerechtigkeit).

2009 bekommt sie noch den Wlodkowicz-Preis, mit dem der Ombudsmann für Bürgerrechte Janusz Kochanowski ihren "Mut bei der Verteidigung der Menschenrechte gegen die Meinung der Mehrheit" würdigt.

In Deutschland wird Anna Walentynowicz erst durch den Dokumentarfilm Die kleinste Kranführerin der Welt (WDR/2003) von Sylke René Meyer bekannt. Zuvor ist ihr Name nur den wenigen Solidarność-Unterstützern hierzulande vertraut. Dabei hat sie auch als Schauspielerin an vier Spielfilmen mitgewirkt. In ­Andrzej Wajdas Der Mann aus Eisen spielt sie 1981 sich selbst. Der Spielfilm Strajk – Die Heldin von Danzig von Volker Schlöndorff bedient sich ihrer Lebensgeschichte. Als er 2006 gedreht wird, droht sie gewohnt kämpferisch mit einer Klage, weil das Drehbuch biografische Details verfälscht. Im Juli 2006 enthüllt Walentynowicz auf einer Pressekonferenz der Gdańsker Außenstelle des Instituts für Nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej)11, dass auf sie mehr als einhundert offizielle und inoffizielle Mitarbeiter der Geheimpolizei angesetzt waren und geplant war, sie zu vergiften. Etwa fünfzig Aktenordner konnte sie lesen. Diese offenbaren, dass der SB gezielt Lügen verbreitete, um die Solidarność-Aktivisten gegeneinander auszuspielen.12

Am 10. April 2010 kommt Anna Walentynowicz bei der Flugzeugkatastrophe in Smolensk ums Leben. Bei dieser Tragödie starben 96 Menschen, die zur Elite Polens gehörten – darunter Präsident Lech Kaczyński, einst Solidarność-Berater und während des Kriegsrechts ebenfalls interniert, sowie weitere Persönlichkeiten und Vertreter von Opferverbänden, auch Janusz Kochanowski. Anna Walentynowicz wollte in Katyń ihres verschleppten Bruders und der 22 000 polnischen Offiziere und Intellektuellen gedenken, die im April 1940 von Spezialkommandos des russischen NKWD ermordet13 worden sind.

Unzweifelhaft hätten ohne die Solidarność-Aktivitäten vor 30 Jahren die kommunistischen Machthaber in Osteuropa nicht so bald gewaltfrei zur Machtaufgabe gezwungen werden können. Anna Walentynowicz und "ihre" Solidarność kämpften "Für eure und unsere Freiheit".

1 Vgl. die Erinnerungen von Anna Walentynowicz auf www.annawalentynowicz.pl (30.4.2010).
2 Almut Nitzsche: Anna Walentynowicz. Biografie, auf www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/anna-walentynowicz/(30.4.2010).
3 Quelle: www.solidarnosc.gov.pl/index.php (30.4.2010).
4 Ebd. (Anm. 3).
5 Zu IM "Bolek" vgl. Karol Sauerland: Schleppende Lustration in Polen. www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2008-2009/heft-62/06216/ (30.4.2010).
6 Nitzsche: Anna Walentynowicz (Anm. 3).
7 Paul Flückiger: Danziger Trilogie, in: Der Tagesspiegel, 12.9.2006 auf www.tagesspiegel.de/zeitung/danzigertrilogie/750444.html (30.4.2010).
8 Vgl. Anm. 1.
9 Nitzsche: Anna Walentynowicz (Anm. 3).
10 Richard Wagner: Leben und Tod der Anna Walentynowicz, auf www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/leben_und_tod_der_anna_walentynowicz/ (30.4.2010).
11 Das IPN ist der deutschen Stasi-Unterlagenbehörde (BStU) vergleichbar.
12 Nitzsche: Anna Walentynowicz (Anm. 3).
13 Vgl. Victor Zaslavsky: Klassensäuberung. Das Massaker von Katyn. Berlin 2008.