HEFT 04/2010 | Editorial | SEITE 2

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

gemessen an der Bedeutung des Militärischen in der DDR-Gesellschaft wie auch als Einschnitt im Leben vieler DDR-Bewohner ist die NVA recht selten Thema zeitgenössischer Rückblicke. Dabei gilt manchen Historikern der SED-Staat "als eine der am stärksten militarisierten Gesellschaft der neueren Geschichte". Dr. Matthias Rogg, ehemaliger Forscher beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Potsdam, beispielsweise hält eine solche Aussage allein schon durch einen Blick auf die nüchternen Fakten für gerechtfertigt: "Die Bedeutung des Militärs für Staat und Gesellschaft der DDR wird am deutlichsten, wenn man einen Blick auf die nackten Zahlen wirft. Seit der Aufstellung regulärer Streitkräfte leisteten etwa 2,5 Millionen Männer ihren Wehrdienst bei der Volksarmee oder den Grenztruppen. Über 430000 Männer und Frauen arbeiteten als hauptamtliche Mitarbeiter in den bewaffneten Organen der Nationalen Volksarmee (NVA), der Grenztruppen (GT), des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), des Ministeriums des Innern (MdI), der kasernierten Bereitschaftspolizei, des Zolls und der Transportpolizei. Hinzu kamen Massenorganisationen, die mit einem relativ kleinen Anteil hauptamtlicher Funktionäre einen erheblichen Teil der DDR-Bevölkerung in militärische und paramilitärische Organisationen einbanden. Dazu gehörten vor allem die Gesellschaft für Sport und Technik (GST), die Kampftruppen der Arbeiterklasse, die Reservistenkollektive (RK) und die Zivilverteidigung (ZV). Auf 42 DDR-Bewohner kam ein hauptamtlicher Angehöriger der Sicherheitskräfte."

In unserem Schwerpunktthema wollen wir auf einige Aspekte eingehen, die zeigen, dass die NVA nicht einfach nur Armee wie alle anderen war. Sie war eingebunden in einen riesigen Apparat der Machtsicherung des SED-Staates.

Wenn die Öffentlichkeit auf die Hinterlassenschaften des SED-Staats schaut, dann sind es meist die Stasi-Akten. Dabei blieb fast 20 Jahre verborgen, welchen wertvollen Aktenbestand die SED nahezu unbemerkt vernichten konnte: Die Mitglieder- und Kaderunterlagen der Partei. Es war ein Coup der damals von Gregor Gysi geführten PDS, denn die Vernichtung gelang nach den ersten freien Wahlen in der DDR, als die SED doch eigentlich schon entmachtet sein sollte. Der Taschenspielertrick: Die Öffentlichkeit glaubte, dieser Aktenbestand sei schon vernichtet, als er noch unangetastet im ehemaligen ZK-Gebäude lag.

Mit diesen und weiteren Themen wünschen wir Ihnen wie immer eine spannende und interessante Lektüre.

Die Redaktion



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