HEFT 01/2011 | Editorial | SEITE 2

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

mit Grenzanlagen und Mauer mussten alle DDR-Bewohner leben lernen. Die gewaltsame Abgrenzung griff in den Alltag ein und schuf ganz eigene Lebenswelten: Dramatische, absurde aber auch kuriose. Die Mauer war für den SED-Staat eine Existenzfrage. Damit bekam alles, was mit ihr zusammenhing eine heutzutage absurd anmutende Bedeutung. In der Nähe und in Bezug zu dieser Grenze entwickelte sich ein Bereich der komprimierten Diktatur. Hier wurde sichtbar, was die Ideologen gern verschwiegen hätten: Der SED-Staat hatte nach nicht einmal 12 Jahren seines Bestehens Millionen Menschen soweit gebracht, dass sie ihre angestammte Heimat verließen und in eine ungewisse Zukunft im Westen Deutschlands aufbrachen. Und schließlich musste man das Volk umzäunen, damit es nicht gänzlich abhanden kam.

An Fluchtversuche und Mauertote wird zu Gedenktagen erinnert, doch viele Aspekte der „Lebenswelt Mauer" geraten trotzdem in Vergessenheit. Diesen Bereichen widmen wir uns im Schwerpunktthema vor allem. Es geht beispielsweise um das stille Sterben und die gezielte Zerstörung ganzer Dörfer im Sperrgebiet; die Repressionswelle, die überall im Lande dem Mauerbau folgte; die Fortsetzung der Grenze auf See und auch in den „Bruderstaaten"; die jüngsten und die letzten Mauertoten. Es mutet wiederum kurios an, dass die Mauer nicht nur Fluchtwilligen sondern zuweilen auch der Stasi selbst im Weg stand. Verschiedene Abteilungen mussten geheime Grenzschleusen ersinnen, durch die die eigenen Mitarbeiter und Agenten unerkannt die Grenze passieren konnten.

Wir ziehen eine Bilanz des Versuchs, die Mauerschützen und Befehlsgeber juristisch zur Verantwortung zu ziehen und erzählen vom "weißen Strich" mit dem Ex-DDR-Bewohner von West-Berlin aus gegen die Gewöhnung an die Mauer protestieren wollten.

Neben dem Schwerpunktthema möchten wir auf zwei aktuelle Themen im Heft hinweisen: Nach zehn Jahren im Amt des Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen zieht Michael Beleites eine streitbare Bilanz. Christian Halbrock schreibt über neue Entwicklungen bei der Rehabilition politisch Verfolgter, die seinerzeit gezielt kriminalisiert wurden.

Wir wünschen Ihnen nun eine interessante Lektüre.

Die Redaktion

 

Inhaltsverzeichnis Heft 71