HEFT 75 | 01/2012 | Editorial | SEITE 1

Liebe Leserinnen und Leser,

die SED-Führung genoss es sehr, dass die DDR wenigstens in internationalen sportlichen Wettkämpfen unübersehbar war. Ständig standen die Sportler des kleinen deutschen Staates auf den olympischen Siegertreppchen und am Ende überflügelte sie in Nationenwertungen sogar die Vormacht Sowjetunion.

Auf diese Siege wollten die Spitzenfunktionäre nicht verzichten, koste es was es wolle. Da riskierte man durch starken und experimentierfreudigen Einsatz von Dopingmitteln die Gesundheit der Sportler oder man schloss weniger prestige- und medaillenträchtige Sportarten von der Förderung aus. Zudem mussten all die Sportler auch überwacht werden, denn bei Wettkämpfen im Westen herrschte Fluchtgefahr. Mancher Spitzensportler musste trotz seiner Bestleistungen aus politischen Gründen die Karriere beenden. Dem Ruf der DDR als erfolgreiche Sportnation tat das kaum einen Abbruch.

Auch nicht die Tatsache, dass es mancher Massensport schwer hatte und sich gegen die Funktionäre durchsetzen musste, dass einige Sportarten einfach von der internationalen Bühne abgemeldet wurden oder eine, das Drachenfliegen, sogar gänzlich verboten wurde.

Doch die Sportarten, in denen die DDR auf Medaillen hoffen durfte, erfuhren jegliche Förderung. Die SED-Führung war versessen auf den Prestigegewinn durch sportliche Siege, während ihr Staat immer tiefer in die Krise geriet. Obwohl die Wirtschaft darniederlag, die Insdustrieanlagen meist überaltert waren und die Infrastruktur immer mehr zusammenbrach, planten die Funktionäre 1989 sogar noch eine Olympiabewerbung für Leipzig im Jahr 2004. Die avisierte Olympiastadt litt derweil unter dem Verfall eines Großteils ihrer Bausubstanz.

Neben diesen und anderen Facetten der Sportnation DDR gehen wir in diesem Heft auch auf die Frage ein, wie viele neue Gedenkstätten das Land noch braucht und blicken auf den ersten Staatsbesuch eines westeuropäischen Regierungschefs in Ost-Berlin zurück. Die Visite des damaligen österreichischen Kanzlers Bruno Kreisky war für die Gastgeber schwierig. So ließ sich Kreisky nicht zu den von der SED-Propaganda gewünschten Aussagen bewegen. Seine diplomatisch freundlichen Worte ließen dagegen oft feinsinnig Raum für eher unerwünschte Interpretationen.

Wir wünschen Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.
Die Redaktion

Inhaltsverzeichnis Heft 75

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