HEFT 76 | 02/2012 | Editorial | SEITE 1

Liebe Leserinnen und Leser,

„Think Big“ – die kommunistische Diktatur mochte es gern groß. Das ist auch
nicht weiter verwunderlich. Weil das System alle Macht in der Parteiführung
konzentrierte und auf ein weitgehendes Durchregieren von oben nach unten
angelegt war, mussten keine „demokratischen Rücksichten“ auf Menschen und
Umwelt genommen werden. Der Weg war frei für die kommunistischen Großprojekte,
von der Schaffung des „sozialistischen Menschen“ in der „Volksbildung“
über die sozialistische Planwirtschaft bis hin zur Kollektivierung in der
Landwirtschaft.

Während man die Menschen durch schlichte Unterdrückung noch eine Zeitlang
in die Anpassung an die Verhältnisse zwingen konnte, reagierte die Natur
da unnachgiebiger. Weil die industrielle Produktion im Mittelpunkt stand und
man die Folgeschäden für die Umwelt, so lange es irgend ging, ignorierte, kam
es zu einer rekordverdächtigen Umweltverschmutzung in der DDR. Man sah
den Dreck und roch den Gestank. Anfang der achtziger Jahre hatte die DDR
europaweit die höchsten Pro-Kopf-Emissionen an Schwefeldioxid.
Die Wasserverschmutzung in den industriellen Ballungsgebieten nahm verheerende Ausmaße an. Standorte wie Bitterfeld und Espenhain hätten nach den von der UNO
empfohlenen Grenzwerten als nicht bewohnbar eingestuft werden müssen.

Nicht nur in der Industrie, auch in der Landwirtschaft führte das kommunistische
„Think Big“ zu einschneidenden Schäden an der Natur. Weil man in großem Stil die Felder durch Entfernen natürlicher Entwässerungskanäle und das Abholzen von Hecken an den Feldrainen vergrößerte, stieg die Bodenerosion und die Äcker vernässten. Die Natur verweigerte der SED den Gehorsam.

Bei so vielen hausgemachten Problemen trat alsbald auch die Stasi auf den
Plan. Die Umweltprobleme sollten, so gut es ging, vertuscht, Messergebnisse
über Schadstoffbelastungen vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden.
Und nicht zuletzt galt es, die in den achtziger Jahren entstandenen unabhängigen
Umweltgruppen zu bekämpfen.

Neben unserem Schwerpunktthema erwartet Sie wieder eine Fülle interessanter
Beiträge, so u.a. die spannungsreichen Geschichten über das Zusammentreffen
von Humor und SED-Bürokratie anhand des Loriot-Besuches in der
DDR und über eine Hamburger Hochschule, die als Mitautor für ein Lehrbuch
für Sozialpädagogen ausgerechnet den Verantwortlichen für die DDR-Jugendwerkhöfe
engagierte.

Wir wünschen Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.
Die Redaktion

Inhaltsverzeichnis Heft 76

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