Horch und Guck | HEFT 76 | 02/2012 | Aktuell & Kontrovers | SEITE 66-69
Peter Grimm
Soziale Arbeit und Dunkelzelle. Mannschatz am Rauhen Haus
Dass an der Evangelischen Hochschule Hamburg, dem legendären „Rauhen Haus“, ausgerechnet ein Hauptverantwortlicher für das System der DDR-Jugendhilfe Mitautor eines Lehrbuchs ist, sorgte Ende April für ein wenig Aufsehen. Jahrzehntelang wurde allerdings mit diesem Buch gelehrt, ohne dass sich jemand darüber aufregte. Ist die kleine Geschichte aus dem „Rauhen Haus“ nun nur ein Ausnahmefall oder zeigt sie eher, wie normal die verharmlosende Sicht in vielen Bereichen geworden ist?
„Es ging um allgegenwärtige Betreuung mit erzieherischem Anspruch; wobei sich die Verwirklichung dieses erzieherischen Anspruches in der Widersprüchlichkeit von normativer Einflussnahme und Gestaltung der von Akzeptanz getragenen, förderlichen sozialen Beziehungen bewegte.“1 Dieser Lehrbuchsatz soll kurz die Zielvorstellung des Systems der DDR-Jugendhilfe beschreiben. Die Formulierung ist etwas hölzern, aber sie klingt letztlich wohltuend harmlos. Ebenso wie ein paar Zeilen später: „Was die allgemeine Akzeptanz der Jugendhilfeaktivitäten seitens der Bevölkerung anbelangt, wurde die vormundschaftliche Fürsorge nicht nur als bedrückend empfunden, sondern (ich behaupte: von der Mehrheit derer, die sich in einer schwierigen bis ausweglosen Situation befanden) angenommen als Recht, das ihnen zusteht. Von vielen wurde mit Selbstverständlichkeit Unterstützung von der Jugendhilfe erwartet, manche glaubten sogar in Einzelfällen, die Verantwortung für Kindererziehung an den Staat abtreten zu können.“2 Soll der Leser im Klartext verstehen: Die meisten DDR-Eltern wurden zwar bevormundet, aber sie wollten doch solch eine umfassende Fürsorge, ja sie haben sie geradezu verlangt?
Entstammten diese Zeilen einer Publikation von SED-Veteranen für SED-Veteranen müsste man sich diese Frage nicht stellen. Doch die Zielgruppe dieser Zeilen sind Studenten. Der Text steht in einem Lehrbuch, dem Grundkurs Soziale Arbeit, herausgegeben von Prof. Timm Kunstreich.
Timm Kunstreich lehrt seit 1978 am Rauhen Haus. 2001 gab er in einer hauseigenen Schriftenreihe dieses zweibändige Lehrbuch heraus. Mittlerweile ist der Professor emeritiert, doch trotzdem lehrt er immer noch an der ehrwürdigen Hochschule und hat auch sein Büro gegenüber der Hochschulbibliothek nicht aufgegeben.
So ist er u.a. auch für einen berufsbegleitenden Studiengang Soziale Arbeit verantwortlich, der Ende des letzten Jahres begann. Die angehenden Studenten bekamen Literaturlisten und einige Werke waren als obligatorische Literatur gekennzeichnet, u.a. der Grundkurs Soziale Arbeit, herausgegeben von Prof. Timm Kunstreich.
Kunstreichs Lehrbuch gilt an einigen deutschen Hochschulen als "Grundlagenwerk" oder "empfehlenswerte Literatur" für angehende Sozialpädagogen. Es steht in Hochschulbibliotheken und Generationen von Studenten haben es gelesen. Nie gab es Ärger. Bis nun ausgerechnet eine ehemalige DDR-Oppositionelle in Kunstreichs Studiengang geriet. Evelyn Zupke durfte in der DDR nicht studieren. 1989, im letzten Jahr des SED-Staats, wurde sie als wichtige Organisatorin der unabhängigen Stimmenauszählung nach der Kommunalwahl im Mai bekannt, mit der die routinemäßige Wahlfälschung erstmals in größerem Ausmaß bewiesen werden konnte.3
Als sie nun den von Kunstreich herausgegebenen Grundkurs zum ersten Mal durchblättert, weckt das Kapitel mit dem Rückblick auf die soziale Arbeit in der DDR natürlich ihr besonderes Interesse. Doch alsbald ist sie schockiert, denn es fällt sofort auf, dass es hier mitnichten um Sozialarbeit geht, sondern dass der Autor offenbar das DDR-Jugendhilfesystem in ein besseres Licht rücken möchte. Insbesondere der schlechte Presse stört ihn. „Wir sahen und sehen uns konfrontiert mit einer pauschalen negativen Einschätzung, die von der Sache her nicht gerechtfertigt ist. So wird zuweilen unterstellt, daß in der DDR-Jugendhilfe ausschließlich der Kontrollgedanke Gültigkeit gehabt hätte, ohne Verquickung mit Angeboten und praktischer Hilfe. Heimerziehung wird unter dem Reizwort 'Jugendwerkhöfe' gelesen und durchgängig als Disziplinierungs-Veranstaltung apostrophiert.“4
Und falls Evelyn Zupke noch hätte glauben wollen, es handele sich um den verunglückten Versuch einer differenzierten Betrachtung, wird der Autor an anderer Stelle deutlicher: „Dann wird ins Feld geführt, daß DDR-Jugendhilfe bis ins Detail von der DDR-Unrechtsstaatlichkeit durchseucht war, somit das alles nur noch als abschreckendes Beispiel von Nutzen ist. […] Wir waren in den Schlagzeilen; mit den 'Zwangsadoptionen', dem geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau, mit den angeblich rigiden Erziehungsmethoden in den Heimen“5
Der nächste Schock kam, als sie las, wer da von „angeblich rigiden Erziehungsmethoden“ schrieb: Prof. Eberhard Mannschatz, jahrzehntelang im DDR-Volksbildungsministerium zuständig für die Jugendhilfe. Die Spezialheime und Jugendwerkhöfe gehörten zu seinem Verantwortungsbereich, an ihrem Auf- und Ausbau war er wesentlich beteiligt. Der Geschlossene Jugendwerkhof in Torgau, in dem Gewalt und Drill herrschten, in dem Jugendliche zum Arrest in Dunkelzellen oder in den Fuchsbau – einen Kellerverschlag der so niedrig war, dass man nicht darin stehen konnte – eingesperrt wurden, gehörte dazu.
Evelyn Zupke, vor einigen Jahren ins Hamburger Umland gezogen, fühlte sich plötzlich wieder von der DDR eingeholt. Es sei doch ein Skandal, wenn ein Mann wie Eberhard Mannschatz in einem Lehrbuch einer Evangelischen Hochschule als einziger Autor über die DDR schreibt. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt noch die Hoffnung, dass das vielleicht nur aus Unwissenheit geschehen sein konnte und irgendeiner der Verantwortlichen erkennt, welch ein Skandal es ist, dass einem Mann wie Mannschatz ein solches Podium geboten wird. Zumal seine direkte Verantwortung für den Bereich "Jugendhilfe" im Buch nicht benannt wird, geschweige denn sich Erklärungen finden, was sich alles hinter dem System Jugendhilfe in der DDR verbarg. Es gehörten ja nicht nur die Heime, Spezialheime und Jugendwerkhöfe dazu, sondern die Jugendhilfe-Referate bzw. die Jugendhilfe-Ausschüsse entschieden über Kindesentziehungen und Heimeinweisungen. Eine unabhängige Kontrollinstanz der Entscheidungen dieser Behörden gab es nicht. Die Vormundschaftsgerichte in der DDR waren lange abgeschafft, Verwaltungsgerichte gab es erst gar nicht. Betroffene hatten also kaum Möglichkeiten, sich zu wehren. Sie konnten die Obrigkeit allenfalls mit einer Eingabe darum bitten, zu intervenieren. Über all das verliert Eberhard Mannschatz natürlich kein Wort.
Für den Herausgeber, Professor Kunstreich, war all das kein Hinderungsgrund, den Professorenkollegen Mannschatz zunächst zum Vortrag zu bitten und ihn später mit in sein Lehrbuch aufzunehmen. Wie einen ehrenwerten Kollegen im Ruhestand behandeln ihn auch andere westdeutsche Professoren. Denn Mannschatz hatte das Volksbildungsministerium 1977 nach zwanzig Jahren verlassen und wurde für seine Dienste mit dem einzigen Lehrstuhl für Sozialpädagogik in der DDR an der Berliner Humboldt-Universität belohnt. Und da er 1991 ohnehin in den Ruhestand ging, blieb ihm jede Überprüfung und Evaluierung erspart. Mit achtzig trat er vor fünf Jahren noch vor Studenten der Fachhochschule Braunschweig auf, um bei ihnen für den Sowjetpädagogen Makarenko zu werben. Der Jenaer Professorin Birgit Bütow füllte er als Interviewpartner ein Kapitel ihres Buches über Soziale Arbeit.6 Wieder war er ein Kronzeuge für Jugendhilfe und Sozialpädagogik, doch Bütow hat auch ein Kapitel über oppositionelle Milieus und Soziale Arbeit in ihr Buch aufgenommen. Ihre Leser müssen sich nicht allein aus Mannschatz' Selbstdarstellung informieren, wie im Kunstreich-Werk.
Das Rauhe Haus rechtfertigt sich mit dem Verweis auf die Freiheit der Wissenschaften und dem Umstand, dass doch Mannschatz auch eingestehe, dass die Einrichtung von Torgau ein Fehler gewesen sei. Was geflissentlich übergangen wird, ist die maßgebliche Verantwortung, die Mannschatz für Jugendwerkhöfe und die dort praktizierten Methoden trug.
Dass solche Dinge den Professor Kunstreich von der Evangelischen Hochschule nicht stören, könnte damit zusammenhängen, dass er ein bekennender Linker ist. Mit Kollegen aus dem „Rauhen Haus“ gibt er beispielsweise die Zeitschrift Widersprüche heraus. Das Blatt bezeichnet sich selbst „Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs- Gesundheits- und Sozialbereich“. Redaktionskollege Prof. Michael Lindenberg war bis zum letzten Jahr Rektor des Rauhen Hauses. Im Widersprüche – Heft „Verlust und Befreiung“ kann man lesen, wie sehr Kunstreich 1990 an der Wiedervereinigung litt: „Also: mir wird übel - wenn ich Kohl sehe, wenn ich die Wetterkarte im 1. sehe, wenn ich die Kommentare in 'Morgenpost' oder 'taz' lese; ich werde wütend, wenn ich das Wort 'soziale Marktwirtschaft' höre; ich werde zynisch, wenn das Attribut 'ökologisch' hinzukommt; ich werde depressiv, wenn ich Leute von 'drüben' reden höre - depressiv trifft wohl am ehesten meine gesammelten Sentiments zum Thema Anschluß und Kolonisierung. Also doch ein Überwiegen des 'Verlusts'? - also keine Befreiung? Ich fürchte, so ist es.“7
Vielleicht kann man in dieser Stimmungslage auch dem Auftreten eines wortgewandten Mannes wie Eberhard Mannschatz erliegen und glaubt ihm die weichgespülte Darstellung der DDR-Verhältnisse nur allzu gern.
Ein Blick in die Gedenkstätte des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau hätte in Bezug auf Mannschatz da manche Illusion nehmen können. Wenn man dort die Tür mit der Aufschrift „Die Hauptverantwortlichen“ öffnet, empfangen einen drei Porträts: Das des Torgau-Leiters Horst Kretzschmar, des Jugendhilfe-Verantwortlichen Mannschatz und ihrer Dienstherrin Margot Honecker.
Mannschatz war dabei keineswegs nur ein passiver Verwalter des Unrechts. Nach Stalins Tod am 5. März 1953 versuchte er als Abteilungsleiter im Volksbildungsministerium noch mit eher harmlosen Vorschlägen zu brillieren und den Heimen einen monatlichen Gedenktag zu verordnen: „Am 5. Tag jedes Monats sollen in allen staatlichen Heimen Vollversammlungen durchgeführt werden, in denen Rechenschaft über den Stand der Erfüllung des Kampfprogrammes abgelegt wird. An diesem Tag halten die Jungen Pioniere und Mitglieder der Freien Deutschen Jugend Ehrenwache am Bild oder der Büste des Genossen Stalin.“8
Und damit Stalins Geburtstag nicht vergessen wird, hatte sich Mannschatz auch dafür etwas ausgedacht: „Am 21. Dezember 1953 berichten wir vor der Öffentlichkeit, was wir getan haben, um auf unserem Arbeitsgebiet einen Beitrag zur Erfüllung des Vermächtnisses des großen Stalin zu leisten.“
Mannschatz kann aber auch ganz pragmatisch sein. Bei der Schaffung von Jugendwerkhofplätzen an Orten, an denen die Insassen dringend als Arbeitskräfte gebraucht werden, ist er sehr kreativ. Im März 1960 berichtet er dem Genossen Staatssekretär stolz: „Im Raum Cottbus kann bis zum Jahre 1965 eine Jugendwerkhofkapazität von insgesamt 2300 Plätzen geschaffen werden. Davon werden allein 300 Mädchen in dem neu zu errichtenden Textilkombinat Guben arbeiten.
Voraussetzung für die Schaffung von 2000 Plätzen wird die VVB Braunkohle schaffen.“9 Die Jugendlichen müssen also im Braunkohlen-Tagebau und in der Brikettfabrik Großräschen arbeiten. Untergebracht werden sie in Lagern, im „einstöckigen Barackenbau“.
Und weil die Jugendlichen Schwerstarbeit zu leisten haben kann Genosse Mannschatz rechnet dann auch vor, wie Kosten im Volksbildungsetat gespart werden: „Aus dem Haushalt der Volksbildung werden die pädagogischen Kräfte und wenige technische Kräfte bezahlt. Durch diese Regelung werden gegenüber der bisherigen Praxis der Jugendwerkhöfe etwa 75 % der Mittel aus dem Staatshaushalt eingespart.“ Damit, so Mannschatz zu seinem Staatssekretär, eröffneten sich „günstige Perspektiven für die Entwicklung des Systems der Jugendwerkhöfe in der DDR überhaupt“.10
Vergeblicher Aufklärungsversuch
Für Evelyn Zupke ist klar, sie kann zu diesem Autor in einem Lehrbuch nicht schweigen. Sie hofft Ende 2011 noch, dass man auch im Rauhen Haus begreift, dass man Mannschatz keine unkommentierten Lehrbuch-Kapitel überlassen kann. Doch der Studiengangsleiter wie auch der Rektor antworten ihr nur beschwichtigend, behandeln Evelyn Zupke wie eine Betroffene, mit der man nur mal über ihr Problem reden müsse, damit danach alles weitergehen könne wie bisher. Sie versucht vergeblich, den Verantwortlichen des Rauhen Hauses zu erklären, dass es ihr nicht um Befindlichkeiten und auch nicht um persönliche Betroffenheit geht, sondern um Grundsätzliches. Hinnehmen kann sie diesen Zustand nicht, ändern aber offenbar auch nicht. In solch vertrackter Lage bleibt ihr nur noch der Ausweg, ihren Studienplatz zurückgeben. Doch selbst auf die Kündigung des Studienvertrages kommt von der Evangelischen Hochschule keine inhaltliche Antwort. Ihr wird lediglich mitgeteilt, dass man die fristlose Exmatrikulation zwar akzeptiere, Evelyn Zupke aber noch 200 Euro Gebühren zu entrichten habe.
Warum sie plötzlich die Hochschule verlassen musste, versucht sie ihren Kommilitonen später in einer Rundmail zu erklären. Ein paar Studentinnen reagieren auch, fragen interessiert nach. Manche suchen auch selbst nach Informationen über Jugendwerkhöfe und die Rolle von Eberhard Mannschatz und sind erschüttert. Doch dann hört sie von einigen Studentinnen die Erklärungen dafür, warum sie sich trotzdem gegenüber Professor Kunstreich oder dem Rauhen Haus nicht allzu deutlich positionieren wollen. Sie bräuchten doch ihren Abschluss. Irgendwie kam der einstigen DDR-Oppositionellen das sehr bekannt vor.
Wer sich verständlicherweise schnell für den Fall interessierte, war die Gedenkstätte Torgau. Auf ihre Initiative hin schickten die sächsischen Aufarbeitungsinitiativen, der sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Lutz Rathenow, und der Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Siegfried Reiprich, einen Offenen Brief nach Hamburg und forderten die Hochschule auf, Mannschatz keine Plattform mehr zu bieten.
Zwischen den Fronten
Es hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht den Anschein, dass mit diesem Brief ein Umdenken begonnen hätte, doch immerhin fühlt sich sich der Rektor Andreas Theurich nun bemüßigt, endlich einmal inhaltlich Stellung zu nehmen. Zuvor hatte beispielsweise auch das Kuratorium des Rauhen Hauses eine entsprechende Anfrage von Evelyn Zupke nur mit der lapidaren Auskunft, ihr sei doch von der Hochschule das persönliche Gespräch angeboten worden, inhaltlich unbeantwortet gelassen.
Theurichs Antwort zeigt zwischen den Zeilen sein Dilemma: „Wie Sie vielleicht wissen, hat sich die Evangelische Hochschule immer schon kritisch mit dem Thema 'geschlossene Unterbringung' oder auch der Gewalt- und Missbrauchsthematik in Einrichtungen der Sozialen Arbeit und Diakonie vor allem des Westens befasst und dazu pointiert Stellung bezogen. Analog gehört die Aufarbeitung der Geschichte fragwürdiger Erziehungsmethoden innerhalb des politischen Systems der DDR sicher dazu. Sie ist allerdings m.W. an unserer Hochschule als auch möglicherweise an anderen Hochschulen der Sozialen Arbeit nicht im engsten Forschungsfokus gewesen, was sicher einen 'blinden Fleck' darstellt, den es zu beseitigen gilt.
Den impliziten Vorwurf Ihres Briefes, die Hochschule hätte in diesen Fragen eine unkritische und darin unverantwortliche Haltung weise ich allerdings deutlich zurück.“
„Gewalt“ und „Missbrauch“ im Westen, „fragwürdige Erziehungsmethoden“ im Osten. Der Rektor möchte offenbar die Linken im eigenen Haus nicht vor den Kopf stoßen. Die Verfasser des Offenen Briefes aber auch nicht. Er will weder Mannschatz verteidigen noch Kunstreich verärgern. Theurich ist erst im Oktober 2011 ins Amt gewählt worden. Geplant war das nicht, aber sein Vorgänger Michael Lindenberg trat überraschend als Rektor zurück, weil sich das Rauhe Haus an einem Forschungsprojekt mit dem Titel „Zugänge der Jugendhilfe zu links-autonomen Jugendszenen in Hamburg – eine Bestandsaufnahme“ des Bundesfamilienministeriums beteiligt hatte. Dass ein Institut des Rauhen Hauses zu Linksextremismus forschte, sorgte an der Hochschule für Aufruhr und Protest. Linke zu verärgern ist am Rauhen Haus für einen Rektor durchaus riskant.
In einem Fernsehinterview für den MDR versuchte sich Theurich deshalb auch im Fall Mannschatz möglichst diffus zu rechtfertigen: „Es ist nicht so, dass dies die Deutung der Hochschule ist über diese Vergangenheit. Und ich finde auch nicht, dass, indem man diesen Text nimmt, man selbst diesem Text noch nicht einmal vorwerfen kann, dass er wirklich verharmlost. Dieser Text und andere eiern ein bisschen hin und her zwischen Rechtfertigung und Erklärung aber immerhin steht auch drin, dass Herr Mannschatz eingesteht, dass Torgau ein schwerer Fehler war.“11
Im Übrigen werde man sich im Herbst mit dem Thema hochschulöffentlich auseinandersetzen, beschied der Rektor entsprechende Anfragen. Außerdem könne man ja inhaltlich in der Zeitschrift Widersprüche diskutieren, das hätten die Kollegen, die auch in der Redaktion der „sozialistischen Zeitschrift“ sitzen, angeboten.
Doch offenbar ist seit Ende April doch etwas in Bewegung geraten am Rauhen Haus. Denn jetzt kommen sechs Mitarbeiter der Evangelischen Hochschule bereits am 22. Juni zu einem Treffen mit den Autoren des Offenen Briefs und Betroffenen nach Torgau. Während diese Zeilen geschrieben werden, meldet die Gedenkstätte, dass sich sogar Professor Timm Kunstreich auf den Weg nach Torgau macht. Das ist insofern überraschend, weil er Ende April ein Interview zum Thema abgelehnt hatte. Er wolle sich nicht am „Mannschatz-Bashing“ beteiligen. Ob er nun versuchen wird, all das, was er in Torgau zu sehen und zu hören bekommt, zu relativieren oder ob er noch einmal neu über das frühere Wirken seines Koautors Mannschatz nachdenkt?
Mannschatz selbst scheint völlig mit sich im Reinen. Er ist auch mit 85 Jahren immer noch für die Linkspartei aktiv und berät seine Genossen in der Bildungs- und Sozialpolitik. Für seine Ideen sah er vor zehn Jahren auch eine Zukunftsperspektive: „Über Jugendhilfe in der DDR habe ich gesagt und geschrieben, was zu sagen war. Das Meinige habe ich getan. Es wird langweilig, sich zu wiederholen. Außerdem interessiert sich kein Schwein mehr dafür. Die Sache ist gelaufen. Einer anderen, vorsichtig ins Auge zu fassenden Möglichkeit, nämlich der konstruktiven Einbeziehung von Teilen meiner weiterentwickelten Denkansätze in die heutige Diskussion über Sozialpädagogik, steht der Zeitgeist entgegen. Vielleicht wird es irgendwann geschehen; wer weiß; zumal ich den krisenhaften Zustand der Sozialpädagogik in dieser Bundesrepublik heute bedenke, der sie bald nach jedem Strohhalm wird greifen lassen.“12
Dokumente
Sächsische Verfolgtenverbände und Aufarbeitungsinitiativen: Offener Brief gegen Verharmlosung repressiver Erziehungsmethoden in der DDR vom 26. März 2012
Stellungnahme des Rektors der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie des „Rauhen Hauses" in Hamburg zum Offenen Brief an das Kuratorium und den Rektor der Hochschule
Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau
Medienberichte
Der Spiegel: Personalien: Eberhard Mannschatz. Der Spiegel (14/2012) vom 2. April 2012.
Peter Grimm: Verdrängte Geschichte. Nah dran, mdr vom 26. April 2012.
Lydia Rosenfelder: Stalins Vermächtnis im Herzen. F.A.Z. vom 21. April 2012.
Renate Oschlies: Geister der Vergangenheit. Berliner Zeitung vom 5. Mai 2012.
Alexandra Zykunov: Fragwürdiger Umgang. Welt am Sonntag vom 6. Mai 2012.
Alexandra Zykunov: DDR-Pädagogik in einem Lehrbuch propagiert. Die Welt Hamburg vom 7. Mai 2012.
Christian Wendt: "Reisevorbereitung". Torgauer Zeitung vom 12. Mai 2012.
Elisabeth Katalin Grabow: „Gleichmacherei auf niedrigstem Niveau“. Konferenz zu Kommunismus und Pädagogik. Budapester Zeitung vom 19. Mai 2012.
Martin Lutz und Uwe Müller: Rauhes Haus lehrt Ansichten des SED-Oberpädagogen. Die Welt vom 11. Juni 2012.
idea: Kauder wendet sich an Bischof Ulrich. Diakonie-Hochschule in der Kritik. idea.de vom 11. Juni 2012.
epd: Bischof räumt im Streit über Evangelische Hochschule Fehler ein. Domradio vom 11. Juni 2012.
Frank Pergande: Lehrbuchweisheiten der Kollektiverziehung. F.A.Z. vom 12. Juni 2012.
Frank Vollmer: DDR-Nostalgie in FH-Lehrbuch. Rheinische Post vom 12. Juni 2012.
Gernot Knödler: Diskussionsstoff aus der DDR. taz vom 12. Juni 2012.
Gernot Knödler: Gefundenes Fressen. Kommentar, taz vom 12. Juni 2012.
Leserkommentare. taz vom 13. Juni 2012.
Lydia Rosenfelder: DDR-Heimerziehung: Lassen Sie uns darüber reden. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 17. Juni 2012.
Christian Wendt: Fehler eingeräumt. Torgauer Zeitung vom 23. Juni 2012.
Kurzbericht der Hochschulleitung über den Besuch der Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau mit epd-Meldung vom 27. Juni 2012.
Andreas Debski: Der „letzte Mohikaner der DDR-Jugendhilfe“ bringt ehemalige Heimkinder und Bürgerrechtler in Rage. Märkische Allgemeine vom 4. Juli 2012.
Renate Oschlies: Gewalt in der DDR. Die Kinder von Torgau. Berliner Zeitung vom 5. Juli 2012.
Renate Oschlies: Gewalt in der DDR. Die Kinder von Torgau - mit Kommentaren. Frankfurter Rundschau vom 5. Juli 2012.
Kommentierte Fotogalerie zum Artikel von Renate Oschlies. Berliner Zeitung vom 5. Juli 2012.
Andreas Förster: Torgau. Ein faschistischer Fleck. Berliner Zeitung vom 5. Juli 2012.
Nachtrag:
Der SED/Die Linke-"Pädagoge" Eberhard Mannschatz war zudem Mitglied der nationalsozialistischen Partei gewesen - mit der NSDAP-Mitglieds-Nr. 9 990 556.
Quelle: Olaf Kappelt: Braunbuch DDR. Nazis in der DDR, Berlin (West) 1981, S. 292.
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Fußnoten
1 Timm Kunstreich: Grundkurs soziale Arbeit , Bd. 2. Blicke auf die Jahre 1955, 1970 und 1995, sowie ein Rückblick auf die soziale Arbeit in der DDR (von Eberhard Mannschatz), Hamburg 2001, S. 230.
2 Ebd.
3 Vgl.: http://www.jugendopposition.de/index.php?id=76
4 Kunstreich, Grundkurs, S. 243.
5 Ebd.
6 Birgit Bütow, Susanne Maurer, Karl August Chassé, Soziale Arbeit zwischen Aufbau und Abbau, Heidelberg 2006.
7 Widersprüche Heft 37, 1990, zit. nach: http://www.widersprueche-zeitschrift.de/article1121.html
8 Brief des Abteilungsleiters Jugendhilfe an den Rat des Bezirks Potsdam, Abt. Jugendhilfe, vom 10. 03. 1953, Quelle: BLHA Rep. 401 RdB Pdm Nr. 2074.
9 Mitteilung des Sektors Jugendhilfe vom 19. März 1960 an Staatssekretär Lorenz die Schaffung von 2.300 zusätzlichen Jugendwerkhof-Plätzen im Raum Cottbus betreffend. In: BArch DR 2/5850.
10 Ebd.
11 Nah dran, MDR, Sendung vom 26. April 2012.
12 Eberhard Mannschatz,“In eigener Sache. Autobiographische Skizzen aus meinem Berufsleben in der Jugendhilfe”, 2002, zit. nach: http://www.trafoberlin.de/3-89626-380-3.htm


